Kommentar FCM gegen HFC: Warum dieses Spiel kein Derby mehr ist

Der 1. FC Magdeburg empfängt den Halleschen FC – und kaum jemand geht hin. So ähnlich wird es am Sonnabend im Magdeburger Stadion sein. Die überzogene Rivalität der Vergangenheit hat sich verabschiedet. Und das ist auch gut so, schreibt unser Autor.

Daniel George
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

von Daniel George, MDR SACHSEN-ANHALT

Block U Fanblock Nordtribüne
Die Nordtribüne des Magdeburger Stadions wird am Samstagnachmitag leer bleiben. Bildrechte: imago images / Christian Schroedter

Ein Derby, das sei "ein sportliches Spiel von besonderem Interesse", sagt der Duden. "Besonders zwischen Mannschaften aus der gleichen Region." Doch stellt dir vor, es ist Derby – und keiner geht hin. So ähnlich wird es am Samstagnachmittag in der MDCC-Arena sein. Der 1. FC Magdeburg empfängt den Halleschen FC – und die aktive Fanszene des FCM verzichtet auf das Heimspiel. Zahlreiche Fan-Klubs beteiligen sich an dem Boykott. Eine nüchterne Stimmung wird herrschen im Magdeburger Fußball-Stadion. Ganz anders als sonst: ruhiger, sachlicher, emotionsloser.

Die Rivalität der Vergangenheit ist passé. Selbst kleine Frotzeleien werden überstrahlt von einer großen Tragödie: dem Tod von FCM-Fan Hannes Schindler, der vor drei Jahren nach einer Auseinandersetzung mit HFC-Anhängern aus einem Zug stürzte und starb. Seitdem ist das Spiel zwischen dem 1. FC Magdeburg und dem Halleschen FC ein Duell, das kaum jemand mehr will.

Zurück zur Normalität? Normal war dieses Spiel nie

Besonderes sportliches Interesse? Ist nicht festzustellen vor dem Drittliga-Spiel am Sonnabend. Der Tabellenführer spielt gegen den Tabellenelften. Halle kämpft um den Zweitliga-Aufstieg, Magdeburg nach dem Zweitliga-Abstieg gegen den erneuten Absturz in die Abstiegsregion. Bei den einen herrscht Euphorie, bei den anderen Ernüchterung. Gegensätzlicher könnte die sportliche Entwicklung der vergangenen Monate kaum sein. Allein per Definition kann dieses Spiel also kein Derby mehr sein.

Klar: Die Vereine stammen noch immer aus derselben Region. Nur: Das war zu DDR-Zeiten auch schon so – und damals interessierte sich niemand besonders für dieses Duell. Partien gegen den BFC Dynamo waren für den HFC-Anhang brisanter. Die FCM-Fans freuten sich mehr auf Duelle mit Dynamo Dresden. Halle gegen Magdeburg wurde erst nach der Wende wirklich interessant. Gleichrangige Bezirkshauptstädte waren beide bis dahin gewesen. Plötzlich trug Magdeburg den Titel der Landeshauptstadt. Die Hallenser traf das schwer. Die Rivalität entbrannte auch zwischen den Fußball-Klubs.

Jetzt fordern manche: Drei Jahre nach dem Tod von Hannes Schindler muss dieses Spiel zur Normalität zurückkehren. Endlich wieder ein normales Derby werden, in dem es um Fußball geht. Was dabei oft vergessen wird: Normal war dieses Spiel seit dem Entstehen der Rivalität nie. Es ging nie nur um Fußball. Hundertschaften der Polizei waren im Einsatz. Hass flammte auf in den Augen vieler Fans beider Lager beim Blick zum Gegner. Solche Bilder prägten das Aufeinandertreffen zu oft. Und nein: Hass ist kein übertriebenes Wort. So war es einfach jahrelang. Und was hat diese Rivalität denn bitte Positives hervorgebracht? Mir fällt nichts ein.

FCM gegen HFC: Im besten Fall ein Spiel um drei Punkte

Tragisch, dass erst ein Todesfall für das Ende dieser überzogenen Rivalität sorgte. Doch aus Sicht der FCM-Ultras ist es nur konsequent, dass Spiel nun endgültig zu boykottieren. Die Umstände des Todes von Hannes Schindler sind für sie noch immer ungeklärt. Mitglieder der aktiven HFC-Fanszene hätten sich gegenseitig gedeckt, so glauben sie – und so deutete es auch die Generalstaatsanwaltschaft zuletzt an. Gegen solch eine Fanszene wollen sie nicht mehr antreten. Die Ultras wollen aber auch keinen Hass schüren. Sie wollen dieses Spiel durch ihr Fernbleiben schlicht in der Bedeutungslosigkeit versenken.

Für Anhänger beider Mannschaften, die nicht in den Fankurven stehen, mag das schade sein. Denn die Faszination dieses Duells entstand auch durch Voyeurismus. Die einen Ultras beleidigen die anderen und die antworten wiederum mit einem oft unterhaltsamen Schmähgesang. So geht das hin und her. Und auf den Tribünen wird geschmunzelt. Auch mit der Pyrotechnik ist das ja so ein Ding: "Muss das denn sein?", fragen normale Zuschauer auf den Rängen oft. "Das ist doch gefährlich!", sagen sie manchmal noch – und zücken im nächsten Augenblick ihr Handy für ein Foto dieser doch irgendwie faszinierenden Unanständigkeit. Scheinheilig lautet das Adjektiv.

Der 1. FC Magdeburg gegen den Halleschen FC – im besten Fall wird das irgendwann ein Spiel, in dem es tatsächlich nur um Fußball geht. Mit kleinen Frotzeleien vielleicht, aber nicht mehr. Ein Kampf um drei Punkte. Mehr ist es für die meisten Profis auch nicht. Beim FCM steht mit Marvin Temp ein einziger Magdeburger im Aufgebot, beim Halleschen FC kicken mit Julian Guttau und Toni Lindenhahn zwei gebürtige Hallenser. Für alle anderen Fußballer beider Klubs ist es ein Spiel, vor dem sie in der Vergangenheit geschworen hätten, "110 Prozent" zu geben, weil sie wüssten, "wie viel ein Sieg den Menschen hier" bedeuten würde. Doch zu vielen Menschen würde ein Sieg mittlerweile gar nicht mehr so viel bedeuten, als das solche Sätze noch zeitgemäß wären.

Dieses Spiel ist kein Derby mehr – und das ist auch gut so.

Daniel George
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung.

Vom Internet und den neuen Möglichkeiten darin ist er fasziniert. Deshalb zog es ihn im April 2017 zurück in seine Heimatstadt, in der er seitdem in der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet – als Sport-, Social-Media- und Politik-Redakteur, immer auf der Suche nach guten Geschichten, immer im Austausch mit unseren Nutzern.

Quelle: MDR/dg

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 28. Oktober 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. Oktober 2019, 19:12 Uhr

15 Kommentare

Mara vor 5 Wochen

Solange wie der Fall Hannes nicht aufgeklärt ist, wird es zwischen den FCM und HFC keine Ruhe geben.
Man hat es hier schon erwähnt das ein HFC Anhänger auf eine unbegreifliche Art und Weise um's Leben gekommen ist.Eine Familie wurde das liebste auf der Welt genommen, genauso wie man Familie Schindler das liebste genommen hat.
In Halle weiß man wer der Täter ist, die Familie von Hannes weiß es bis heute nicht.
Hat Familie Schindler nicht auch ein Recht darauf zu wissen, was mit ihrem Sohn passiert ist!!

Was damals wirklich im Zug vorgefallen ist wissen nur die, die im Zug saßen und Schweigen....WARUM ??...

Wer immer noch glaubt Hannes sei aus dem Zug gesprungen, dem rate ich sich in einen Zug zusetzen und zu versuchen während der Fahrt die Tür zu öffnen.


AndreasH. vor 5 Wochen

Aus Sicht meines Vereind (HFC) ist der Tod von Hannes ein ganz trauriges und schlimmes Ereignis. "Kämpfe Hannes" riefen und die schriiben die HFCanhänger, als Hannes im Koma lag. Wer weiß, was wirklich passiert ist? Die Staatsanwaltschaft weiß es nicht. Der FCM mit Anhang genauso wenig, wie der HFC mit seinem Anhang. Und auch wenn es sehr weh tut, dem FCM und dem HFC, ist es nur gut, Urteile zu akzeptieren. Das ist Demokratie und das ist fair, aber ich weiß, in diesem Fall extrem schmerzhaft. Für euch besonders und für uns aber auch. Ich sehe in dieser Tragik eigentlich ein Potential, den sch... Graben zwischen FCM und HFC kleiner zu machen und näher zueinander zu kommen. So wir die meisten von euch sicher fassungslos über den Tod von Kevin seid, so sind wir nach wie vor fassungslos über den Tod von Hannes. Selbst wenn es beim HFC jemand gäbe, der etwas weiß und schweigt, bleibt doch die Trauer und Fassungslosigkeit bei den vielen Anderen des HFC'. Gräben kleiner machen, muss man wolle

Hallala vor 5 Wochen

Kein Derby mehr? Ich sage, mehr Derby als je zuvor. Die Spiele waren bundesweit nie mehr Gesprächsthema. Die Spiele waren nie mehr Thema bei den Fanszenen. Beileidsbekundungen, Boykotte, Racheaktionen, Hass, Morddrohungen, Generalverdacht. Es ist einfach nur nicht mehr das Derby "von früher".

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