Neues vom Krügel-Platz | Folge 50 FCM-Fanprojekt: Scharfe Kritik an Polizeieinsatz in Bochum

Der Polizeieinsatz vor dem Spiel des 1. FC Magdeburg in Bochum sorgt seit Tagen für Diskussion. Im Podcast schildert Jens Janeck vom Fanprojekt Magdeburg seine Eindrücke. Journalist Clemens Boissereé schätzt die Arbeit der Polizei in Nordrhein-Westfalen ein. Auch die Bundespolizei NRW war für den Podcast angefragt, lehnte eine Teilnahme aber ab.

Oliver Leiste
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

von Oliver Leiste, MDR SACHSEN-ANHALT

Der Ausflug nach Bochum wird viele FCM-Fans noch länger beschäftigen. 700 von Ihnen kamen mit dem Sonderzug und wurden über Stunden am Bochumer Hauptbahnhof festgehalten. Auch Jens Janeck vom Magdeburger Fanprojekt war dabei und das Geschehene noch immer nicht so recht fassen.

"Völliger Mangel an Kommunikation" – ab Minute 4:00

 "In zehn Jahren beim Fanprojekt und in 30 Jahren als Fußballfan habe ich sowas noch nicht erlebt", sagt Janeck. "Nicht in der Härte, nicht in der Absurdität und nicht in der Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit und vor allem in der Unverhältnismäßigkeit der ganzen Aktionen. Auch im völligen Mangel der Kommunikation der Polizei. Das sind alles Attribute, die die Polizei gerne für sich reklamiert. Das ist ein Nachmittag, der allen Fans noch in den Gliedern steckt."

Aus Janecks Sicht gab es keinen Anlass für diesen Einsatz. Anschließend erklärt, was der Sinn solcher Fan-Sonderzüge ist. Nach seiner Einschätzung waren selbst szenekundige Polizeibeamte, die ebenfalls in Bochum waren, erschüttert von der Einsatzführung der Bundespolizei.

Jens Janeck
Jens Janeck arbeitet beim Fanprojekt Magdeburg. Bildrechte: Jens Janeck

Die Polizei wollte sich im Podcast nicht zu Wort melden. Sie erklärte schriftlich auf Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT und Rheinischer Post: "Trotz Kommunikation durch die szenekundigen Beamten, Bahnsteigdurchsagen (Lautsprecher) über das Kommunikationssystem der Bahn, versuchte Megafondurchsagen, änderte sich das Verhalten der betroffenen Personen erst später, so dass ab diesem Zeitpunkt ein Abtasten nach Pyrotechnik zügig durchgeführt werden konnte."

Für Jens Janeck eine "unfassbare Aussage". Derartige Kommunikation hätte es nicht gegeben.

"Wieder NRW, immer NRW" – ab Minute 14:00

Die Polizei in Nordrhein-Westfalen fällt immer wieder durch Einsätze auf, "die zumindest sehr unglücklich ablaufen", schätzt Clemens Boissereé von der Rheinischen Post ein. Das hat aber auch politische Gründe, glaubt er.

Clemens Boisseree
Clemens Boisseree von der Rheinischen Post. Bildrechte: Clemens Boisseree

"Herr Reul, unser Innenminister, hat immer wieder die Maßnahme Null-Toleranz angekündigt. Und auch immer wieder betont, dass diese Strategie auch für Fußballfans und Fußballspiele gelten würde. Allerdings ist unser Innenminister nicht dafür zuständig, was die Bundespolizei an einem Hauptbahnhof macht. Dass muss man dann schon trennen, wenn man das in Verbindung bringen möchte. Dennoch merke ich als Beobachter eine härtere Gangart gegenüber Fußballfans. Der Leitspruch dabei ist immer: "Ein Fußballstadion darf kein rechtsfreier Raum sein." Aus meiner privaten Sicht ist es fragwürdig, ob die Verschärfung des Tons und der Einsatzstrategie zielführend ist."

Boissereé glaubt nicht daran, dass diese Einsätze gerechtfertigt sind, Janeck berichtet sogar davon, dass in Bochum ein rechtsfreier Raum durch die Polizei geschaffen worden sei, weil Bürgerrechte außer Kraft gesetzt worden.

"Respekt vor der Polizei ist im Keller – ab Minute 23:30

Nach Einschätzung von Jens Janeck hat diesen Auftreten "Folgen ohne Ende". Das Feindbild Polizei sei durch die Decke gegangen, berichtet er. "Der Respekt vor der Polizei ist absolut im Keller. Das sind Schäden, um die sich ein Einsatzleiter nicht schert. So führen dann auch alle Bemühungen von uns, zu differenzieren, ins Nichts."

Lob für die Fanhilfe – ab Minute 27:00

Am Samstag gab es auch einige Kritik an der Berichterstattung einiger Medien in Nordrhein-Westfalen. Daran will sich Clemens Boissereé nicht beteiligen. Viel mehr begrüßt Boissereé die Etablierung von Fanhilfen und ähnlichen Organisationen und lobt explizit die Arbeit der Fanhilfe Magdeburg, die auch zum "Mann der Woche" gekürt wird.

Was kann man tun, um das Verhältnis zu verbessern? – ab Minute 31:30

Jens Janeck wünscht sich Kommunikation, die nicht nur in eine Richtung geht". Auch müssten Kleinigkeiten, wie die Arbeit von szenekundigen Beamten müssen in der Struktur gestärkt werden, sagt er. Und hofft, dass solche Vorfälle ausgewertet werden. Anschließend berichtet er von verschiedenen Versuchen in der Vergangenheit, die Situation zu verbessern.

Boissereé sieht vor allem eine politische Vernatwortung und fordert die Einrichtung unabhängiger Beschwerdestellen.

Was können die dafür Fans tun? – ab Minute 36:00

Auch hier hat Boissereé eine klare Meinung: "Es gibt eine Grenze. Da wo man sich als gegnerischer Fan Jagdszenen ausgesetzt sieht. Da wo mit Pyro nicht nur eine Choreografie untermalt wird, sind Spielunterbrechungen oder Spielabbrüche provoziert werden, kann es für solche Leute in der Mitte einer Szene keine Existenzberechtigung geben. Oder sie dürfen zumindest nicht gedeckt werden. Da muss man selber ein bisschen Fingerspitzengefühl entwickeln. Man kann der Polizei nicht vorwerfen, immer eskalativer vorzugehen und dann ganz ähnlich zu reagieren."

Jens Janeck rät vor allem, auch bei den Polizisten zu differenzieren.

Wo der Podcast zu hören ist

Podcasts FCM und HFC
Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT –Das Radio wie wir | 04. Mai 2019 | 16:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Mai 2019, 13:50 Uhr

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7 Kommentare

11.05.2019 14:40 Purzel 7

Zum Glück müssen ja die Fans in der nächsten Saison nicht nach Bochum reisen. Also werden sie auch nicht schikaniert.

11.05.2019 07:25 abcdef 6

Befremdlich, wie immer weiter Ursache und Wirkung vertauscht wird. Vor und nach der Kontrolle kam es zu Vorfällen durch die Auswärtsfans, das wird weiterhin ausgeblendet.
Gleiches gilt für das Bild der Polizisten: Es gibt seit langem keinen Respekt mehr, also wird er sich eben durch Konsequenz verschafft. Ich bin kein Vertreter der law-and-order Fraktion, aber ein härteres Durchgreifen wird doch immer wieder gefordert. So müssen wir auch mit den Konsequenzen leben.

Fakt ist übrigens auch, dass in der Hinsicht die MDer Fans immer wieder auffallen. Und es kondolieren Dynamo Dresden Fans. Aber die Polizei ist schuld...

10.05.2019 10:20 Schnibbler 5

herr janneck hat in 30 jahren fussball und 10 jahren fanprojekt md sowas noch nicht erlebt? da muß ich nur ziemlich genau 3 jahre zurück rechnen, da gab es mal was mit pauschalem zuschauerausschluß in magdeburg.
zum thema: grundsätzlich ist wirklich sehr häufig der polizeieinsatz in nrw (nicht nur bochum, auch z.b. duisburg) nicht nachvollziehbar und zu hinterfragen. man hat das gefühl der gnadenlosen überforderung und daher reaktion mit härte und reizgas wenn der "menschenfressende" fussballfan aus den neuen bundesländern anreißt. auch wir können ein lied davon singen.
dynamische grüße und euch sonntag in berlin nen angenehmen aufenthalt und ein erfolgreiches spiel

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