"Block U" FCM-Ultras boykottieren Derby gegen HFC

Vor drei Jahren stürzte FCM-Fan Hannes nach einer Auseinandersetzung mit Anhängern des Halleschen FC aus einem Zug und starb. Nun wollen die Ultras des 1. FC Magdeburg das Heimspiel gegen den HFC boykottieren. Was dahinter steckt:

Daniel George
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von Daniel George, MDR SACHSEN-ANHALT

Choreografie im Fanblock des 1. FC Magdeburg für den verstorbenen Fan Hannes
Die Choreografie der FCM-Ultras für den verstorbenen FCM-Fan Hannes Bildrechte: imago images/Christian Schroedter

Das Gedenken an Hannes sollte so groß wie möglich sein. Das Banner mit seinem Konterfei zog sich am Samstagnachmittag die komplette Nordtribüne hinauf. Minutenlang überdeckte die Choreografie für den verstorbenen FCM-Fan zu Beginn des Heimspiels gegen Hansa Rostock den gesamten "Block U". So erinnerten die Ultras des 1. FC Magdeburg an einen von ihnen. Hannes war nach einer Auseinandersetzung mit Anhängern des Halleschen FC im Oktober 2016 aus einem Zug gestürzt und wenige Tage später seinen Verletzungen erlegen. Unklar ist bis heute, was damals in dem Zug wirklich passiert ist.

Einen Tag nach dem Gedenken an ihn beim Ost-Duell gegen Hansa Rostock, drei Jahre nach der Tragödie erreichten deren Folgen nun eine neue Dimension: Die Ultras des 1. FC Magdeburg erklärten ihren Boykott des Heimspiels gegen den Halleschen FC in zwei Wochen. "Block U" werde die Partie sowie künftige Duelle mit Halle "nicht organisiert besuchen", hieß es in einer Mitteilung. Denn: "Durch unser Fernbleiben erhoffen wir uns, dass dieses und zukünftige Spiele an Bedeutung verlieren und weitab der Normalität stattfinden."

Eltern kämpfen für Aufklärung

Zwei Heimspiele gegen Halle hat es seit dem Tod von Hannes für den FCM gegeben. Beide Male besuchten die Ultras die Partie. Ihr Boykott bezog sich bislang nur auf Auswärtspartien beim HFC. Doch: "Wir haben auch uns und unser Verhalten im letzten Heimspiel gegen Halle selbstkritisch reflektiert und mit Erschrecken festgestellt, dass wir durch unser organisiertes Auftreten im Stadion leider immens mit dazu beigetragen haben, dass wieder Normalität eingekehrt ist", erklärt "Block U" jetzt. "Dass in den Medien von einem Derby, gar von einem Fußballfest geschrieben wird, welches es in unseren Augen überhaupt nicht mehr ist."

Die FCM-Ultras sehen die Schuld dafür, dass die Umstände des Todes von Hannes aus ihrer Sicht bis heute nicht lückenlos aufgeklärt sind, bei der aktiven Fanszene des HFC. Mitglieder der HFC-Ultragruppierung "Saalefront" hätten sich gegenseitig gedeckt. Die Ermittlungen in dem Fall wurden allerdings nach einem halben Jahr eingestellt. Eine groß angelegte und von Hannes Eltern initiierte Petition für eine Wiederaufnahme der Ermittlungen war erst im Frühjahr dieses Jahres gescheitert.  

Wir haben auch uns und unser Verhalten im letzten Heimspiel gegen Halle selbstkritisch reflektiert und mit Erschrecken festgestellt, dass wir durch unser organisiertes Auftreten im Stadion leider immens mit dazu beigetragen haben, dass wieder Normalität eingekehrt ist. Dass in den Medien von einem Derby, gar von einem Fußballfest geschrieben wird, welches es in unseren Augen überhaupt nicht mehr ist.

Erklärung von "Block U" zum Boykott

"Die Staatsanwaltschaft Magdeburg ist zu dem Schluss gekommen, dass kein hinreichender Tatverdacht gegen bestimmbare Personen besteht. Es kann nicht ausgeschlossen werden und liegt sogar ganz nah, dass Hannes diesen Zug verlassen hat und aus diesem Zug gesprungen oder gefallen ist ohne Einwirkung Dritter. Möglicherweise aus Angst vor Repressalien, die da durch die Fußballfans drohten, aber eben aufgrund freiwilliger, autonomer Motive", erklärte Klaus Tewes, Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Naumburg, im Zuge der Petition. Zudem stehe "den Eltern der Rechtsweg offen. Es bedarf gar keiner Online-Petition".

Bruder von Hannes sieht Versagen der Politik

Der 1. FC Magdeburg veröffentlichte in seinem offiziellen Spieltagsheft am Sonnabend einen Brief von Christoph Schindler, dem Bruder des verstorbenen Hannes. Darin bezog sich dieser auch auf den Terror-Angriff in Halle. "Vor wenigen Tagen schockierte die Nachricht vom Tod zweier Menschen in Halle", schrieb Schindler. Weiter hieß es: "Auch dieses Mal gibt es Mütter, die die Welt nicht mehr verstehen. Es gibt Väter, die sich fragen: warum? Es gibt Freunde, die genauso fühlen, wie wir damals. Das ganze Umfeld wurde durch diese grausame Tat aus der Bahn geworfen."

Bei einem Terror-Angriff auf die Synagoge in Halle waren vor anderthalb Wochen zwei Passanten getötet wurden. Einer von ihnen war Anhänger des Halleschen FC. Vor dem Heimspiel gegen Hansa Rostock hatte es in der Magdeburger MDCC-Arena eine Schweigeminute für die Opfer gegeben. "Wieder mussten Menschen sterben, weil Einzelne blind vor Hass sind. Wieder mussten Menschen sterben, weil die Dummheit größer als die Vernunft ist. Wieder ist es ein so sinnloser Tod wie bei Hannes", schrieb Christoph Schindler.

Schweigeminute für die Terroropfer von Halle und dem verstorbenen FCM Fan Hannes vor dem Spiel
Vor dem Spiel des FCM gegen Hansa Rostock gab es am vergangenen Sonnabend eine Schweigeminute für die Opfer von Halle. Bildrechte: imago images/Christian Schroedter

Doch eine Sache sei anders als damals: "Menschen, die vor drei Jahren nicht mehr als wenige warme Worte für uns übrighatten, sind sofort zur Stelle. Menschen, die Entscheidungen für Land und Bund treffen, befinden sich mitten im Geschehen. Hochrangige Politiker bieten ihre Hilfe an. Das ist auch gut so! Doch vor drei Jahren waren sie nicht zu sehen. Ansonsten wären die Ermittlungen eventuell anders verlaufen. Ansonsten müssten wir vielleicht nicht mehr für die Aufklärung kämpfen. Ansonsten könnten wir endlich zur Ruhe kommen." Familie Schindler sieht im Fall Hannes auch ein Versagen der Politik – und fühlt sich von ihr allein gelassen.

Der Brief von Christoph Schindler schließt mit den Worten: "Nein zu Hass und Gewalt! In den Farben getrennt, in der Sache vereint." Und er fordert: "Wir dürfen nicht zulassen, dass sich rechtes Gedankengut verbreitet. Wir dürfen nicht zulassen, dass Menschen aufgrund von Farbe, Glaube, Herkunft, sozialer Klasse anders behandelt werden als andere. Weder im Stadion, noch irgendwo anders."

Das Derby, das niemand mehr will

Das Aufeinandertreffen des 1. FC Magdeburg und des Halleschen FC ist ein Derby, das niemand mehr will, hört man aus beiden Fan-Lagern. Die Tragödie um Hannes liegt über dem Duell, das nie wieder so sein wird, wie es einmal war: von Rivalität geprägt. "Müsste es nicht eigentlich so sein, dass wir uns als Fußballfans auf ein Derby freuen sollten? Dass es kribbeln sollte? Dass wir als Fußballfans bis in die Haarspitzen motiviert die Ränge betreten sollten? Doch all diese Aspekte sind völlig abhanden gekommen. Nur zu gerne würden wir heute und auch in Zukunft auf sämtliche Spiele gegen Halle verzichten", schreibt "Block U". Und: "In Konsequenz dessen haben wir uns dazu entschieden Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung für den Verein. Verantwortung für unsere Fanszene. Und damit auch Verantwortung für Hannes Vermächtnis."

Die Nordtribüne, nach den Umbauarbeiten gerade erst wieder von den Ultras bezogen, wird in zwei Wochen also wohl fast gänzlich leer bleiben. Wie viele FCM-Fans sich insgesamt an dem Boykott beteiligen werden, bleibt abzuwarten. Genau wie das Verhalten der aktiven Fanszene des Halleschen FC. Die vergangene Auswärtspartie in Magdeburg hatte die "Saalefront" wieder besucht, nachdem sie im Jahr des Todes von Hannes noch darauf verzichtet hatte.

Der 1. FC Magdeburg erklärte am Montag zu dem Boykott der Ultras: "Es ist eine geschlossene und aufrechte Haltung der aktiven Fanszene, die der Verein in jedem Fall respektiert!"

Daniel George
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung.

Vom Internet und den neuen Möglichkeiten darin ist er fasziniert. Deshalb zog es ihn im April 2017 zurück in seine Heimatstadt, in der er seitdem in der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet – als Sport-, Social-Media- und Politik-Redakteur, immer auf der Suche nach guten Geschichten, immer im Austausch mit unseren Nutzern.

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Quelle: MDR/dg

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 20. Oktober 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Oktober 2019, 10:51 Uhr

27 Kommentare

matze0762 vor 3 Wochen

Wir sind bestimmt selten einer Meinung, aber hier bin ich genau deiner Ansicht und würde gegenüber unseren Ultras, bei einem ähnlichen Verhalten genau so argumentieren. Rot/weiße Grüße aus Halle

Maddias vor 3 Wochen

Zwischen wahren Fußballfans, egal welcher Verein, welche Farbe sie unterstützen, gibt es keine Gewalt! Einfach mal nachdenken. Boykottieren wäre nicht notwendig. Ich will einfach nur Fußball sehen. Mit friedlichen Fans, auch aus Halle, Bier und Bratwurst. Warum ist das so schwierig? Warum kann ich 100m weiter, vor der Getec Arena, bei Handballspielen des SCM mit Fans der Gastmannschaften zusammen friedlich ein Bier trinken? ... Dann bleibt Block U eben weg. Friedlicher, aber lauter als der Gäste- Support wäre auch eine Lösung gewesen. Niemand vergisst dadurch, was passiert ist. Ich stimme z.B. Matze 72 zu. Wir werden trotzdem versuchen unseren FCM stimmungsvoll zum Sieg zu treiben. Wird zwar etwas leiser, etwas durcheinander klingen und auch ein wenig Old School, aber egal. P.S. Im Grubestadion habe ich Spiele erlebt, da flogen mir die Ohren davon, da wusste ich noch garnicht, das es den Begriff „Ultra“ überhaupt gibt. Auf ein spannendes Spiel mit friedlichen Fans, beider Seiten!
BWG

matze72 vor 3 Wochen

An alle FCM Fans! Wollen wir unser Stadion wirklich den HFC überlassen? Ich denke nicht. Die Mannschaft braucht uns und ich denke wir schaffen das auch ohne Block U. Lasst uns unsere Mannschaft zum Sieg treiben kommt alle in unseren Farben und bringt eure Fahnen mit und macht richtig Stimmung auch ohne Block U. Es kann doch nicht sein das wir unsere eigenen Heimspiele boykottieren. Hannes hätte das mit Sicherheit auch nicht gewollt. Also kommt alle und lasst uns die Mannschaft unterstützen.
Mit blau weißen Grüßen.

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