Magdeburger Fans 1090
Hunderte Fans begleiteten den FCM nach Bordeaux. Die Freude über die Wiedervereinigung wurde dabei nicht immer so friedfertig geäußert, wie bei diesem Spiel einige Monate zuvor. Bildrechte: imago images / Rust

Uefa-Cup 1990 Zwischen Ekstase und Rassismus: Erinnerungen an die Reise der FCM-Fans nach Bordeaux

Überall in Deutschland wurde zuletzt an den Mauerfall erinnert. Auch den 1. FC Magdeburg hat die Wendezeit vor 30 Jahren geprägt. Der Club erlebte wilde Zeiten. In einer vierteiligen Serie blickt MDR SACHSEN-ANHALT auf die Wendezeit beim FCM und ihre Auswirkungen bis heute. Im zweiten Teil geht es um die Reise zum Uefa-Cup-Auswärtsspiel nach Bordeaux im Herbst 1990. Diese war geprägt von gelöster Stimmung. Aber auch vom alltäglichen Rassismus der damaligen Zeit.

Oliver Leiste
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

von Oliver Leiste, MDR SACHSEN-ANHALT

Magdeburger Fans 1090
Hunderte Fans begleiteten den FCM nach Bordeaux. Die Freude über die Wiedervereinigung wurde dabei nicht immer so friedfertig geäußert, wie bei diesem Spiel einige Monate zuvor. Bildrechte: imago images / Rust

Endlich mit dem Club durch Europa fahren – diesen Gedanken hatten viele, als dem 1. FC Magdeburg im Oktober 1990 Girondins Bordeaux im Uefa-Cup zugelost wurde. Der Mauerfall war da gerade ein Jahr her, die Wiedervereinigung erst wenige Tage. Den großen Europapokalschlachten vergangener Zeiten konnten nur die wenigsten Magdeburger Anhänger beiwohnen. Ausnahmen waren Spiele in Opole oder Ostrava. Doch nun hinderte die FCM-Fans niemand mehr, ihrem Team nach Frankreich zu folgen.

Das Hinspiel hatte der FCM zuhause mit 0:1 verloren, die Chancen auf ein Weiterkommen waren eher gering. Trotzdem machten sich etwa 500 Fans auf den Weg zum Rückspiel, das am 6. November 1990 ausgetragen wurde. Die meisten von ihnen fuhren mit den sechs Bussen, die der Verein organisiert hatte. Die Preise waren mit etwa 300 Mark inklusive der Karte vergleichsweise günstig. Es wurde eine abenteuerliche Reise. Doch die Rückschau erzählt auch viel über die Probleme der jener Zeit, Gewalt und Rassismus, die damals im Fußball Alltag waren.

Karl Dall gibt einen aus

Karl Dall, 1990
Karl Dall, 1990. Bildrechte: imago images / teutopress

Für viele Fans war der Ausflug nach Bordeaux der erste Besuch im "Westen" überhaupt. Etwa für Holger Brandl aus Staßfurt. Der war erst kurz vor dem Spiel von seinem Job "an der Trasse" in der Sowjetunion zurückgekehrt. Während der Fahrt kam er aus dem Staunen nicht heraus. "Da war alles bunter und verführerischer", erinnert er sich. 

Großes Gelächter erntete er, als sich der Schnaps, den er an einem belgischen Rastplatz gekauft hatte, als alkoholfreie Brause entpuppte. Beim Zwischenstopp in Paris, wo einer der Busse über Nacht eine Pause einlegte, lernte Brandl bei einer abendlichen Bootstour Karl Dall kennen. "Der hat mich und meinen Kumpel dann auf ein paar Bier eingeladen", freut er sich noch heute über das Treffen. 

Drei Tage im Bus

Weit weniger komfortabel reiste Ralf Dobberitz, der heutige Fanbeauftragte des 1. FC Magdeburg. Denn er saß in einem der Busse, der die Strecke nach Südfrankreich ohne Übernachtungspause bewältigte. "Insgesamt drei Tage im Bus, und zwischendurch nur ein paar Stunden im Stadion – da waren wir ganz schön versifft".

Mit an Bord waren dem Vernehmen nach auch Reichskriegsflaggen. Einige der Neu-Bundesbürger dachten, "wir sind jetzt auch Deutsche und wollen das ausleben", erzählt Dobberitz. Allerdings auf eine Art und Weise, die heutzutage unter vielen Fußballfans nicht mehr für große Begeisterung sorgen würde.

Polizei befreit geklaute Kuscheltiere

Von der Tour sind Ralf Dobberitz vor allem zwei Begebenheiten in Erinnerung geblieben. Zum einen ein denkwürdiger Stopp auf einem Rastplatz, bei dem einige Mitreisende ein paar Kuscheltiere stahlen. "In der Folge wurde der Bus von einem Großaufgebot der Polizei gestoppt und wir mussten die Tiere wieder herausrücken. In der Zeitung wurde am kommenden Tag von schweren Ausschreitungen berichtet. Das war sicherlich etwas übertrieben." Dem Bus wurde die Weiterfahrt durch Belgien untersagt, ein riesiger Umweg war die Folge.

Riesiges Polizeiaufgebot

Zum anderen hat Dobberitz auch die große Anzahl von Polizisten am Stadion noch genau vor Augen. "Die standen da mit einem Riesenaufgebot und ihren Gewehren. So etwas kannten wir von zuhause nicht." Doch der Einsatz kam nicht von ungefähr. Eine Woche zuvor hatten sich deutsche Hooligans beim Länderspiel in Luxemburg eine heftige Auseinandersetzung mit der Polizei geliefert. 

Drei Tage vor dem Spiel in Bordeaux war der Berliner Fußballfan Mike Polley bei Ausschreitungen am Leipziger Hauptbahnhof erschossen worden. Schlägereien gehörten in den Wendejahren insbesondere in den Stadien Ostdeutschlands sowie an den Bahnhöfen zum Alltag. Auch, weil die Volkspolizei von niemandem mehr ernst genommen wurde. "Damals herrschte das Prinzip jeder gegen jeden", erzählt Dobberitz. Die französischen Behörden fürchteten deshalb offenbar ähnliche Gewaltexzesse in Bordeaux.

"Von Glasgow bis Athen" – Befürchtete Ausschreitungen bleiben aus

Ihre Sorge war in dem Fall jedoch weitgehend unbegründet. Obwohl der FCM mehr oder weniger chancenlos war und erneut 0:1 verlor, unterstützten die Fans ihr Team friedlich. Dabei waren auch die Zeilen "Von Hamburg bis nach Liverpool, von Glasgow bis Athen …" zu hören – eines der ältesten Fanlieder des 1. FC Magdeburg.

Die meisten FCM-Fans dürften zu DDR-Zeiten jedoch wohl nicht ernsthaft daran geglaubt haben, diese Städte tatsächlich mal besuchen zu können. Dieser Traum ging in Bordeaux – beim bislang letzten Europapokalspiel des 1. FC Magdeburg – ein Stück weit in Erfüllung.

Rassismus und übertriebener Nationalstolz

Weit weniger schön war die Bananenaktion der Blau-Weißen. Denn während Böller und ähnliches an den scharfen Kontrollen vor dem Stadion hängen blieben, durften die Früchte mit ins Stadion. Einige FCM-Fans warfen sie in Richtung eines farbigen Spielers. Heute kann Ralf Dobberitz über die Aktion nur den Kopf schütteln: "Das war ziemlich idiotisch", sagt er. Damals war er sich der rassistischen Bedeutung des Ganzen – wie viele andere auch – nicht bewusst. Viele fanden den Bananenwurf lustig. 

Ralf Dobberitz im Traditionsraum des FCM.
Ralf Dobberitz steht im FCM-Traditionsraum vor dem Trikot von Girondins Bordeaux. Es erinnert an das letzte Uefa-Cup-Spiel des FCM. Bildrechte: MDR/ Oliver Leiste

Rassismus war damals ein alltägliches Problem – genau wie der übertrieben zur Schau gestellte Nationalstolz, erinnert sich Dobberitz. Seinen Ursprung hatte beides noch in der DDR. Als Provokation gegen die Staatsmacht waren rechtsextreme Symbole und Elemente beliebt. Nach dem Mauerfall gab es einen spürbaren Rechtsruck in der Fanszene, so Dobberitz, der eben auch auf dieser Fahrt zu beobachten war.

Engagement gegen Gewalt und Rassismus

Diese Erfahrungen, aus der Zeit, aber auch von der Bordeaux-Reise, treiben Dobberitz heute bei seiner Arbeit als Fanbeauftragter des 1. FC Magdeburg an. Leugnen will er die Erlebnisse nicht. "Ich habe heute mit jugendlichen Fans zu tun, mit deren Eltern ich selbst früher gefahren bin. Da wäre es Quatsch so zu tun, als hätte es bestimmte Dinge nicht gegeben. Die Zeiten waren damals so",sagt er. 

Aber der 54-Jährige ist überzeugt, dass man es besser machen kann als er und seine Mitstreiter vor 30 Jahren. "Saufen, feiern, Party machen – so lange es friedlich bleibt, ist das alles ok", sagt er. Gewalt lehnt er jedoch ab, genau wie Rassismus und rechtsextremes Gedankengut. Stattdessen versucht er Werte wie Menschlichkeit und gegenseitige Empathie zu vermitteln. Der Austausch mit verschiedensten Fangruppen und der Polizei gehört deshalb zu seinen Hauptaufgaben.

Oliver Leiste
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Oliver Leiste arbeitet seit Anfang 2015 bei MDR SACHSEN-ANHALT - mit dem Schwerpunkt Sport. Dabei begleitet er den Halleschen FC, den 1. FC Magdeburg und den SC Magdeburg durch alle Höhen und Tiefen. Zudem ist er immer auf der Suche nach spannenden Geschichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts. Während seines Anglistikstudiums in Leipzig und auch danach war er für die Mitteldeutsche Zeitung in Halle und Radio Mephisto 97,6 am Ball. Als gebürtiger Bernburger hat er in Sachsen-Anhalt schon vieles gesehen und noch lange nicht genug davon.

Quelle: MDR/olei

Zuletzt aktualisiert: 20. November 2019, 09:49 Uhr

2 Kommentare

MDR-Team vor 2 Wochen

Ein Blick auf unsere Startseite genügt, um das Lügen zu strafen. Es gibt genug andere Themen. Aber die genannten Themen sind selbstverständlich auch wichtig und dürfen nicht außen vor bleiben.

Renaldo Renaldini vor 2 Wochen

Rassismus, Antisemitismus, Holocaust von was anderem kann der MDR nicht mehr berichten.

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