Europa, die ganze Welt Warum der FCM in japanischen Lehrbüchern zu finden ist

Überall in Deutschland wurde zuletzt an den Mauerfall erinnert. Auch den 1. FC Magdeburg hat die Wendezeit vor 30 Jahren geprägt. Der Club erlebte wilde Zeiten. In einer vierteiligen Serie blickt MDR SACHSEN-ANHALT auf die Wendezeit beim FCM und ihre Auswirkungen bis heute. Im vierten Teil geht es um die Strahlkraft des Clubs, die mittlerweile bis nach Japan reicht.

Oliver Leiste
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

von Oliver Leiste, MDR SACHSEN-ANHALT

FCM-Fans in Japan
Der Fanclub "Blauer Vegatta" repräsentiert den 1. FC Magdeburg in Japan. Bildrechte: MDR/ Reik Jagno

Es sind Zeilen, die nach jedem Tor des 1. FC Magdeburg zu hören sind: "Wir folgen dir durch Deutschland, Europa, die ganze Welt!", tönt es, wenn die Blau-Weißen getroffen haben, von den Rängen. Die Worte drücken Anspruch und Sehnsucht gleichermaßen aus. Anspruch, weil die Fans sich selbst für die "Größten der Welt" halten. Und Sehnsucht, weil der Club schon seit der Wende nicht mehr auf europäischer Bühne zu erleben war. Trotzdem träumen die Fans unablässig davon, ihrem Club bald wieder bei internationalen Spielen zujubeln zu können.

Doch für kaum jemanden sind die Liedzeilen so zutreffend, wie für Reik Jagno. Der 33-Jährige, der aus dem Magdeburger Umland kommt, hat den Großteil der vergangenen Jahre in Japan verbracht. Seiner Liebe zum FCM tat diese Entfernung keinen Abbruch. Auch im fernen Osten verfolgte er die Spiele – und hat inzwischen einige Japaner vom Club überzeugt, erzählt er im Interview.

MDR SACHSEN-ANHALT: Reik, die Liebe zum 1. FC Magdeburg hast du mit nach Japan genommen. Wie äußert sich das?

Reik Jagno: Wenn man in eine neue Stadt kommt, ist es oft so, dass jeder, den man kennenlernt, auch Fan von einem Fußballverein – in der Regel aus der Bundesliga – ist. Deswegen habe ich in Göttingen, wo ich studiert habe, meinen Verein auch ein bisschen beworben und auch angefangen, Freunde mit ins Stadion zu nehmen. Als ich dann nach Japan gekommen bin, habe ich mir ein Spiel dort angesehen. Um zu schauen, wie der Fußball in Japan aussieht. So bin ich dann bei Vegalta Sendai, dem örtlichen Team gelandet.

Japaner sind eigentlich ziemlich verschlossen und man kann sich nur schwer mit ihnen anfreunden. Beim Fußball sind sie anders – offener und freundlicher. So habe ich dort Freunde kennengelernt, die zu jedem Spiel von Vegalta Sendai gefahren sind. Nach meiner Rückkehr nach Deutschland sind wir in Kontakt geblieben, vor allem wegen des Erdbebens 2011. Irgendwann haben meine Freunde dann auch angefangen, sich über den FCM zu informieren.   

FCM-Fans in Japan
Bei einem längeren Aufenthalt in Japan hat sich Reik Jagno (Mitte, vorn) mit Fans von Vegalta Sendai angefreundet. Bildrechte: MDR/ Reik Jagno

Aus dem Interesse wurde bald mehr und ihr habt den Fanclub Blauer Vegatta gegründet. Wie kam es dazu und was bedeutet der Name?

Das Blau steht für Magdeburg. Vegatta ist das Maskottchen von Vegalta Sendai, was auch ziemlich gut zum FCM passt. Denn es ist das einzige nichtangepasste Maskottchen in Japan. Er ist so ein Typ, der nur Fotos mit Frauen und Kindern macht, die Männer aber komplett ignoriert. 

FCM-Fans in Japan
"Blauer Vegatta" ist ein offizieller FCM-Fanclub in Japan. Bildrechte: MDR/ Reik Jagno

Eigentlich wollten wir nur eine Fanfreundschaft organisieren. Das führte dann irgendwann dazu, dass ich, während ich die FCM-Spiele in Deutschland schaute, Kommentare zu den Partien aus Japan bekam. Die Leute dort haben also den Ticker gelesen, oder sich die MDR-Übertragungen angeschaut. Nachdem ich wieder in Japan war, haben wir dann gemeinsam die Spiele geschaut. Vor allem in der Aufstiegssaison 2014/15 – um drei Uhr morgens. Aber das hat sich ja gelohnt. 

Was sind die Ziele des Fanclubs?

Der Fanclub hat mehrere Mitglieder in Deutschland, die zu jedem Spiel fahren. Da hätten wir sowieso irgendwann einen Fanclub gegründet. Die Mitglieder in Japan schauen zusammen die Spiele und diskutieren darüber. Da kommen regelmäßig 10 bis 15 Personen. Uns geht es vor allem um die Freundschaft zwischen dem FCM und dem Verein in Japan. Wenn der Club Interesse hätte, könnten wir da sicher etwas organisieren. Es gab da auch Gespräche. Aber durch die rasante sportliche Entwicklung der letzten Jahre hat sich das bisher nicht ergeben.

Insofern ist die Freundschaft aber eher einseitig?

Das stimmt, aber die Freundschaft muss ja auch nicht von allen getragen werden. Wir bringen unsere Freunde ins Heinz-Krügel-Stadion. Und es geht mir einfach auch darum, den FCM zu bewerben.

Durchaus mit Erfolg. Denn der FCM ist sogar in japanischen Lehrbüchern zu finden…

Genau. Mein Professor hat in seinem Deutsch-Lehrbuch den FCM anstelle eines Bundesligisten abgebildet, wo es um das Thema Fußball geht. Und so lernen viele den Club an der Universität kennen. 

Wo siehst du die Unterschiede zwischen deutschen Fanclubs und den japanischen?

Wir sind Freunde und haben keine festen Strukturen. Das merkt man zum Beispiel am Fehlen einer Satzung. Uns geht es nur darum, Spaß zu haben. Aber weil wir den Club international vertreten wollen, haben wir uns als offizieller Fanclub angemeldet. 

Wann wird denn der 1. FC Magdeburg mal wieder international zu erleben sein?

Ich hoffe bald. Halle hatte vor ein paar Jahren im Trainingslager mal ein Freundschaftsspiel gegen Hiroshima. Das ärgert mich bis heute, weil der FCM damals auch in der Türkei war, aber nicht gegen eine japanische Mannschaft gespielt hat. Ein Spiel gegen Vegalta Sendai wäre deshalb ein Traum. 

Erstmal muss der FCM zurück in die 2. Bundesliga. Aber als ich damals den Treuering (eine Art lebenslange Dauerkarte – d.Red.)gekauft habe, habe ich gefragt, ob der auch für internationale Spiele gilt. Da haben mich alle groß angeschaut, schließlich war der FCM damals in der vierten Liga. Ich habe die Hoffnung aber noch nicht aufgegeben, auch mal ein internationales Pflichtspiel des 1. FC Magdeburg zu sehen.

Oliver Leiste
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Oliver Leiste arbeitet seit Anfang 2015 bei MDR SACHSEN-ANHALT - mit dem Schwerpunkt Sport. Dabei begleitet er den Halleschen FC, den 1. FC Magdeburg und den SC Magdeburg durch alle Höhen und Tiefen. Zudem ist er immer auf der Suche nach spannenden Geschichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts. Während seines Anglistikstudiums in Leipzig und auch danach war er für die Mitteldeutsche Zeitung in Halle und Radio Mephisto 97,6 am Ball. Als gebürtiger Bernburger hat er in Sachsen-Anhalt schon vieles gesehen und noch lange nicht genug davon.

Quelle: MDR/olei

Zuletzt aktualisiert: 21. November 2019, 16:55 Uhr

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