Manager Ralph Kühne (Hallescher FC Halle)
Bildrechte: IMAGO

Kühne-Abschied vom HFC Dem Anstand folgt Abstand

Im letzten Jahr von Ralph Kühne geriet der Hallesche FC in Schieflage. Der alte Vorstand, bestehend aus Kühne, Michael Schädlich und Jörg Sitte zerbrach daran. Im zweiten Teil der Betrachtungen zu Kühnes Abschied erzählt er, wie sehr ihn die Entwicklung noch immer beschäftigt. Dem Verein brachten die letzten Monate viele Veränderungen und wichtige Lehren.

von Oliver Leiste, MDR SACHSEN-ANHALT

Manager Ralph Kühne (Hallescher FC Halle)
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Sven Köhler sitzt in einem Chemnitzer Café und erinnert sich, gemeinsam mit dem Autoren dieses Textes, an seine Zeit beim Halleschen FC. Es geht um Erfolge und Schwierigkeiten. Vor allem aber geht es um Manager Ralph Kühne. Um die Zusammenarbeit und die Freundschaft zwischen beiden. Als das Gespräch auf die jüngste Finanzkrise beim HFC kommt, trifft Köhler eine bemerkenswerte Aussage: "Es hat mich überrascht, dass diese Probleme aufgetreten sind. Weil der Ralph beim Finanziellen immer sehr akkurat war – teilweise, aus meiner Trainersicht, sogar zu sehr." Bedeutet: Mitunter kamen Verpflichtungen nicht zustande, weil zwischen den Vorstellungen des Spielers und dem HFC-Angebot eine Differenz von 50 Euro pro Monat lag.

So wie Sven Köhler ging es vielen. Der HFC war über Jahre der Inbegriff von wirtschaftlicher Solidität und schaffte es trotzdem immer, seine sportlichen Ziele zu erreichen. Doch Anfang des Jahres 2017 wurde die Öffentlichkeit von einer enormen Deckungslücke überrascht. Gut 1,4 Millionen fehlten plötzlich. Wenn man etwas hinter die Kulissen schaut, erkennt man jedoch: Diese Lücke kam weder plötzlich, noch überraschend. Viel mehr entwickelte sie sich über einen Zeitraum von zwei Jahren.

Sponsoren erhöhen den Druck

Blick zurück ins Jahr 2015: Nach einem schwachen Saisonstart ist das Kapitel Köhler beim HFC beendet. Stefan Böger übernimmt die Mannschaft und führt sie bis zur Winterpause ins obere Tabellendrittel. In Halle wachsen die Träume, im vierten Drittligajahr den nächsten Schritt nach vorne machen zu können. Doch aus Hoffnung wird schnell eine enorme Erwartungshaltung. Der Druck von Sponsoren, aber auch von Fans und Medien, sich allmählich Richtung 2. Bundesliga zu entwickeln, steigt. Und weil die Stimmung nach dem 50. Vereinsgeburtstag – und dem komplett verkorksten Spiel gegen den 1. FC Magdeburg – am Boden ist, verlässt das Vorstandsteam aus Michael Schädlich, Jörg Sitte und Ralph Kühne seine bisherige, auf Sicherheit bedachte Linie. Nur bekommt die Öffentlichkeit zunächst nichts davon mit.

Erstes Indiz für die veränderten Ansprüche war der Lizenzantrag für die 2. Bundesliga im Winter 2016. Ein Jahr zuvor hatte der HFC bei einer ähnlichen Tabellenkonstellation darauf noch verzichtet. Kurz darauf gibt der Verein bekannt, dass Böger vom Trainer zum Sportdirektor aufsteigen wird. Die Professionalisierung der ersten Mannschaft sollte so vorangetrieben werden. Auch hinter den Kulissen tat sich einiges, erinnert sich Ralph Kühne: "Weil uns vorgeworfen wurde, wir wären zufrieden mit dem Erreichten, haben wir überlegt, wie wir die wirtschaftliche Situation verbessern können. In Halle waren wir bei den Sponsoren irgendwo an Grenzen gestoßen. Deshalb wollten wir versuchen, überregionale Sponsoren zu gewinnen." Dafür mussten jedoch zunächst Strukturen geschaffen werden. Also begannen die Verantwortlichen, den Einsatz von LED-Werbebanden vorzubereiten. Zudem wurden neue Mitarbeiter für die Vermarktung eingestellt.

Weniger statt mehr

Der Plan ging nicht auf. Im Gegenteil. Der HFC konnte nicht nur keine überregionalen Sponsoren gewinnen. Er verlor aufgrund der veränderten Anstrengungen auch den Kontakt zu einigen regionalen Partnern. Die zogen sich daraufhin zurück. Die Folge: Statt zu steigen, gingen die Einnahmen des Vereins zurück. Sinkende Zuschauerzahlen verstärkten diesen Effekt noch, waren aber wohl nicht hauptursächlich für die Finanzkrise. Obwohl nur schwer abzuschätzen war, wie viel die neue Strategie bringen würde, waren vergleichsweise ambitionierte Zahlen im Etat festgeschrieben. Im Herbst 2016 kam dann erstmals das böse Erwachen. Kühne erklärt es so: "Die tatsächlichen Sponsoreneinnahmen kann man erst im August überblicken. Die Mannschaft planst du aber im Frühjahr."

Wenn du investierst, dauert es manchmal etwas, bis du den Ertrag siehst.

Ralph Kühne

Zwar sei die Mannschaft unter Rico Schmitt nicht exorbitant teurer als frühere Mannschaften gewesen. Aber im Nachhinein auf ausbleibende Einnahmen zu reagieren, ist eben schwierig, wenn die Verträge mit Spielern unterschrieben sind. Im ersten Jahr konnte der HFC das noch durch zwei Runden im DFB-Pokal und ein Testspiel gegen Borussia Dortmund kompensieren. Im zweiten Jahr fehlten diese Sondereinnahmen. Doch warum gingen die Verantwortlichen nicht schon vorher einen anderen Weg? "Wenn du investierst, dauert es manchmal etwas, bis du den Ertrag siehst", sagt Ralph Kühne. "Wir haben geglaubt, dass wir es im zweiten Jahr hinbekommen."

Der große Knall

Der Hallesche FC bekam es nicht hin. Erster Leidtragender war Vizepräsident Jörg Sitte, der zugleich als Marketingleiter beim Verein angestellt war. In dieser Position war er auch hauptverantwortlich für die Sponsorenakquise. Kurz vor Weihnachten 2017, wenige Tage bevor sich sein Vertrag verlängert hätte, schmiss ihn Präsident Michael Schädlich raus. In dem Moment zerbrach die jahrelange Freundschaft zwischen den beiden. Einige Monate später steht Schädlich zu der Entscheidung: "Die Ergebnisse im Marketingbereich passten nicht. Deshalb kam es dort zu einer Neuausrichtung." Die finanziellen Probleme schwebten da längst über dem Club.

Wie die drei Mitglieder des alten Vorstandes sich im Nachhinein äußerten, sagt viel über ihre Rolle in der HFC-Führung und auch etwas über die Charaktere aus. Schädlich analysiert kühl: "Ich wollte Jörg sicher nicht weh tun. Aber eine Freundschaft kann nicht über dem HFC stehen." Sitte sah sich öffentlich als Sündenbock gebrandmarkt und beklagte, er hätte in seinem Bereich völlig unrealistische Erwartungen erfüllen müssen. "Natürlich sind mir einzelne Fehler unterlaufen", gibt er zu. Doch die Hauptverantwortung sieht er bei Schädlich, den er scharf kritisiert: "Ich finde es halt nur unverständlich, dass die Person, welche ständig über alle Vorgänge im und rund um den Verein vollumfänglich informiert war und alle getroffenen Entscheidungen auch mit vorgab, weiterhin an ihrer Position festhält." Ralph Kühne befand sich emotional irgendwo zwischen den beiden. Doch auch nach einer der größten Krisen in seiner Amtszeit ist die Loyalität des Managers unerschütterlich: "Jörg hat das nicht alleine verbockt. Wir als Vorstand haben das gemeinsam zu verantworten." Worte, die der frühere Vizepräsident seinem langjährigen Weggefährten hoch anrechnet.

Präsidium HFC Jörg Sitte, Ralph Kühne und Präsident Dr.Michael Schädlich.
Jörg Sitte, Ralph Kühne und Michael Schädlich (v.l.) bildeten jahrelang den Vorstand beim HFC. Bildrechte: IMAGO

"Keine Soap-Geschichten"

Doch weil der Groll auf Schädlich überwog, gab Sitte Ende Februar überraschend sein Vorstandsamt auf. Dieser Schritt ermöglichte es Jens Rauschenbach, Jürgen Fox und Lucas Flöther, in den Vorstand aufgenommen zu werden. Im Nachhinein war dieser Schritt, Stand heute, für den HFC Gold wert. Verschiedene kommunale Unternehmen erhöhten ihre Leistungen und schlossen so die Lücke. Die Neubesetzung des Vorstands sah für viele nach einer feindlichen Übernahme durch die Stadt aus. Schnell machten Gerüchte von wilden Streitereien auf den Sitzungen des Gremiums die Runde.

Soap-Geschichten gibt es beim Halleschen FC nicht.

Michael Schädlich

Schlägereien habe es aber noch nicht gegeben, erklärte Jens Rauschenbach grinsend vor einigen Tagen im MDR-Podcast "Der Badkurvenversteher". Sein Verhältnis zu Präsident Schädlich beschreibt er als sehr gut: "Wir arbeiten sehr eng zusammen und stimmen uns zu allen Marketingthemen ab. Es gibt keinen Grund, da etwas reinzuinterpretieren." Auch Schädlich will sich nicht über die neue Konstellation beklagen. "Hier kommen Erfahrung und ein neuer Blick von außen zusammen." Klar gebe es Auseinandersetzungen, aber die würden den Verein am Ende voranbringen. "Soap-Geschichten gibt es beim Halleschen FC jedenfalls nicht", so der Präsident. Ob sie sich im Dezember auf der Mitgliederversammlung erneut um Vorstandsposten bewerben, lassen beide offen. Ralph Kühne ficht das nicht mehr an. Zuletzt hat er noch Sportdirektor Ralf Heskamp und den neuen Vorstand eingearbeitet. Nun hat er seinen Dienst beim Club getan.

Vorstände des HFC v.r. Jürgen Fox (Vorstandschef der Saalesparkasse) , Sanierungsexperte Jens Rauschenbach
Jens Rauschenbach (m.) und Jürgen Fox (r.) sind neu im HFC-Vorstand. Bildrechte: imago/VIADATA

Was von Kühne beim HFC bleibt

Als Kühne zum HFC kam, war der Club ein quasi bankrotter Oberligist. Viele Jahre, zwei Aufstiege und sechs Landespokalsiege später ist der Verein ein etablierter Drittligist. Und ein wirtschaftlich gesunder dazu, so beteuern es die Verantwortlichen. Aus den vergangenen zwei, drei Jahren können Kühnes Nachfolger einiges lernen. Zum einen steht die Erkenntnis, dass der HFC nicht auf überregionale Großsponsoren warten muss. Für Firmen dieser Kategorie ist Halle nur ein Ort im Einzugsgebiet von Leipzig. Entsprechend werden die Werbegelder verteilt.

Die Behauptung, dass wir uns in der 3. Liga eingerichtet haben, ist Schwachsinn.

Ralph Kühne

Des weiteren musste der HFC lernen, dass ein Aufstieg nicht einfach passiert, nur weil alle Welt davon redet. Auch deshalb will Kühne ein letztes Mal mit einem alten Vorwurf aufräumen. "Uns wurde angelastet, wir wären nicht ambitioniert genug. Nach so vielen Jahren können wir einschätzen, was möglich ist und was nicht. Aber Realitätssinn heißt nicht, dass wir nicht ambitioniert sind, das große Ziel zu schaffen. Die Behauptung, dass wir uns in der 3. Liga eingerichtet haben, ist Schwachsinn." Dieser Realitätssinn muss für den HFC wieder zentrales Element aller Planungen werden.

Abstand vom Fußball

Umgekehrt ist der bisherige Manager dankbar die Entwicklung, die ihm der Verein ermöglicht hat: "Ohne die Zeit beim HFC hätte ich mich auch persönlich nicht so entwickelt. Ich habe kein kaufmännisches Studium oder ähnliches absolviert. Aber dank meiner unternehmerischen Tätigkeit und der Entwicklung beim HFC bin ich in der Lage, ein mittelgroßes Unternehmen zu führen." Künftig soll der Fokus dann auch wieder stärker auf der eigenen Firma liegen. Doch obwohl Kühne nun wohl vergleichsweise viel Freizeit haben wird, will er vom Fußball erstmal Abstand gewinnen. "Es gibt keinen anderen Verein", sagt er. "Ich will das alles erstmal abschließen und verarbeiten. Es ist nicht ausgeschlossen, dass ich mich irgendwann wieder im Fußball engagiere. Momentan ist das aber kein Thema."

Als Fan und Beobachter will Ralph Kühne dem Halleschen FC gewogen bleiben. Im Stadion wird er dann regelmäßig seine alten Weggefährten wieder treffen. Sven Köhler, klar. Aber vor allem Jörg Sitte und Michael Schädlich. Und er hofft, dass seine beiden langjährigen Begleiter ihren Streit eines Tages beilegen können: "Dass das so kaputt gegangen ist, macht mich betroffen. Dass uns die Einigkeit abhanden gekommen ist, ist sehr schade. Ich hoffe, dass wir das irgendwann bei einem Bier aus der Welt schaffen können." Ihm ist klar, dass es noch lange dauern kann, bis es soweit ist. Vielleicht ist Ralph Kühne die Akkuratheit bei den Zahlen zwischenzeitlich kurz abhanden gekommen. Seine Loyalität zu seinen Mitstreitern und dem Halleschen FC wird er niemals verlieren.

Über den Autor Oliver Leiste arbeitet seit Anfang 2015 bei MDR SACHSEN-ANHALT – mit dem Schwerpunkt Sport. Dabei begleitet er den Halleschen FC, den 1. FC Magdeburg und den SC Magdeburg durch alle Höhen und Tiefen. Während seines Anglistikstudiums in Leipzig und auch danach war er für die Mitteldeutsche Zeitung in Halle und Radio Mephisto 97,6 am Ball. Als gebürtiger Bernburger hat er in Sachsen-Anhalt schon vieles gesehen – und noch lange nicht genug davon.

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Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 16. Mai 2018 | 07:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Mai 2018, 15:51 Uhr

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1 Kommentar

23.05.2018 19:15 Katerspeedy 1

Zuerst möchte ich mal den Autor danken für diesen schönen Bericht. Schön natürlich nicht im Sinn des HFC. Und ich bleibe dabei ( Habe ich schon nach dem ersten Teil geschrieben. ) Danke Ralph Kühne !!