Zwischen Euphorie und Existenzangst Lehren aus Achterbahnfahrt beim HFC: Harte Arbeit wird nicht immer gleich belohnt

Oliver Leiste
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Aufstiegstraum, Talfahrt, Corona: Die wilde HFC-Saison hat nicht nur die Nerven der Fans strapaziert. Auch im Umfeld des Teams schwankten die Mitarbeiter zwischen Euphorie und Existenzangst. So wie bei Chefscout Björn Ganser, der in seiner zweiten Saison beim Club erstmals mit negativen Erfahrungen umgehen musste.

Björn Ganser, HFC
Beim Sieg gegen Mannheim erlebte HFC-Chefscout Björn Ganser (vorn)seine persönliche Sternstunde. Bildrechte: imago images/VIADATA

Familiär und auch beruflich, so schien es im vergangenen Sommer, hatte Björn Ganser in Halle sein absolutes Glück gefunden. Vor knapp einem Jahr kam sein Sohn Leandro zur Welt. Ende Juni war das. Nur wenige Tage später war der Chefscout des Halleschen FC schon wieder unterwegs. Das Trainingslager der Rot-Weißen in Bad Blankenburg wollte er sich nicht entgehen lassen. "Wenn ich Spaß bei der Arbeit habe, arbeite ich gerne sieben Tage die Woche", sagte er einst im Podcast "Badkurvenversteher". Konkret heißt das, Spiele schauen, Spieler sichten, analysieren – und dem Verein mit vielen kleinen Detailbeobachtungen helfen, besser zu werden. 

Ganser hatte immer von einem Job im Profifußball geträumt. Als Spieler war in der Verbandsliga Schluss. Als Trainer schaffte er es immerhin in Junioren-Bundesliga. Doch erst mit der Stelle beim HFC, die er im April 2018 antrat, ging sein Traum tatsächlich in Erfüllung. Und sein erstes Jahr bei einem Proficlub verlief sensationell. Der HFC verpasste als Tabellenvierter nur knapp den Aufstieg in die 2. Bundesliga.

Wir haben in der Krise alle noch härter gearbeitet als vorher, um endlich wieder positive Ergebnisse zu erzielen. Aber manchmal wird man für harte Arbeit eben nicht sofort belohnt. Das war schon eine schmerzhafte Erkenntnis.

Björn Ganser, HFC-Chefscout

Abhängig vom Erfolg anderer

Ein Jahr später würde jetzt eigentlich wieder die Vorbereitung auf die nächste Saison laufen. Stattdessen wurde alte Spielzeit coronabedingt erst vor einigen Tagen beendet. Und Gansers Blick auf den Fußball hat sich in den vergangenen Monaten spürbar verändert. "Bis November ging es ja eigentlich nur kontinuierlich aufwärts", sagt er heute. Bald musste er jedoch erkennen, dass so etwas im Fußball eben kein Dauerzustand ist. 

Ganser hat gelernt, wie sehr er von erfolgreichen Entwicklungen auf dem Platz abhängig ist, die er selbst nur bedingt beeinflussen kann. Was nicht nur an der Pandemie lag. Sondern auch daran, dass der HFC nach einer wilden Achterbahnfahrt gerade so die Klasse gehalten hat. Ein Szenario, das im Sommer 2019 noch undenkbar schien.

Pendelei nach Rostock und Köln

Denn zu Saisonbeginn sah es danach aus, als sollte der Weg des HFC weiter steil nach oben gehen. Die Rot-Weißen begeisterten mit Offensivfußball und standen im Herbst an der Tabellenspitze der 3. Liga. Für die Gegnerbeobachtung  nahm Ganser jede Woche hunderte Kilometer auf sich. Die allermeisten Mannschaften spielten stets gegen Hansa Rostock und Viktoria Köln, bevor sie auf den HFC trafen. Deshalb war auch Ganser so oft in diesen beiden Stadien, dass er den Weg dorthin schon fast mit verbundenen Augen fahren konnte. Der Erfolg aller Beteiligten sprach für sich. Im Oktober verlängerte neben dem Trainerteam und Sportdirektor Heskamp auch Ganser seiner Vertrag – bis 2022.

Es folgte der lange Absturz des Halleschen FC. Von der Tabellenspitze ging es Schritt für Schritt in den Keller. "In dieser Zeit habe ich sehr viel über den Fußball gelernt", sagte der Chefscout nach der Beurlaubung von Torsten Ziegner. "Wir haben in der Krise alle noch härter gearbeitet als vorher, um endlich wieder positive Ergebnisse zu erzielen. Aber manchmal wird man für harte Arbeit eben nicht sofort belohnt. Das war schon eine schmerzhafte Erkenntnis."

Neue Spielphilosophie verändert Scouting-Plan

Doch es waren nicht nur solche allgemeinen Weisheiten, die 30-Jährige begreifen musste. Auch für seine eigene Arbeit hielt das Jahr einige Herausforderungen parat. Unter Ziegner hatte Ganser Schritt für Schritt weitere Kompetenzen bekommen. Im Trainerteam und in der Mannschaft genoss er großes Vertrauen, seine Meinung bei der Spielvorbereitung war gefragt.

Ziegners Nachfolger Ismail Atalan und Florian Schnorrenberg setzten – logischerweise – andere Schwerpunkte. Im Training, aber auch bei der Aufgabenverteilung im Trainerteam, zu dem ja Ganser zumindest teilweise gehört. Sich damit zu arrangieren, sich nach dem rasanten Aufstieg zurückzunehmen, fiel ihm anfangs nicht leicht. Es zeigte dem jungen Familienvater, dass Fußball auch abseits des Platzes ein permanenter Lernprozess ist, der von jedem einzelnen ständige Anpassung an neue Gegebenheiten, aber auch Unterordnung erfordert. 

Hinzu kam, dass die ständigen Trainerwechsel auch Auswirkungen auf seine Arbeit als Scout hatten. Denn ein Wechsel der Spielphilosophie bedeutet auch, dass plötzlich andere Spielertypen interessant werden. Ganser nennt ein Beispiel. "Wenn ich mir Verteidiger ansehe, macht es schon einen Unterschied, ob wir in der Regel Dreier- oder Viererkette spielen wollen. Da sind zum Teil andere Fähigkeiten gefragt", erklärt er, ohne ins Detail zu gehen.  

Felix Drinkuth HFC, Björn Ganser Chefscout, HFC und Tom Müller Torwart
Ein neuer Trainer bedeutet auch neue Rollen für die Mitarbeitenden. Das musste Ganser (Mitte) in dieser Saison lernen. Bildrechte: imago images/VIADATA

Abstiegskampf bedeutet Existenzkampf

In der Coronazeit bekam Björn Ganser die Schattenseiten des Fußballs auch im Privatleben zu spüren. Sein Vermieter hatte ihm und seiner Familie angekündigt, dass er die Wohnung wegen Eigenbedarfs bald wieder übernehmen möchte. Normalerweise wäre ein Umzug auch während des Lockdowns nicht wahnsinnig problematisch gewesen. Ganser hatte schnell eine Zusage für eine neue Wohnung. Doch weil der HFC mitten im Abstiegskampf steckte, konnte er sie nicht beziehen. Denn beim Sturz in die Regionalliga wäre auch sein Vertrag abrupt geendet. Dann hätte er Halle verlassen.

Solange das Sportliche nicht geklärt war, war auch der Umzug innerhalb der Saalestadt nicht möglich. Immerhin, der Vermieter hatte Verständnis für die Situation und gab der Familie Aufschub. Es zeigt, was man als Fußballfan oft nicht sieht. Für die Spieler geht es nach Aufstieg, Abstieg oder Vertragsende fast immer irgendwie weiter. Für die Mitarbeitenden im Hintergrund ist das mitnichten so. Bei ihnen steht im Falle des Misserfolgs der Spieler die eigene Existenz auf dem Spiel. Planungssicherheit gibt es in diesem Geschäft nur selten.

Insofern war es für Ganser fast eine Erleichterung als die Saison dann doch fortgesetzt wurde. Wobei auch die Negativserie beim HFC zunächst weiterging und es so aussah, als müsste er seine Zukunft dennoch neu planen. Denn die Mannschaft steuerte schnurstracks auf den Abstieg zu. Nach der Niederlage gegen Zwickau wechselte der HFC erneut den Trainer. Florian Schnorrenberg übernahm das Amt von Ismail Atalan – und schaffte gerade noch die Wende

Florian Schnorrenberg Chef-Trainer, HFC und Daniel Ziebig Co-Trainer, HFC auf der Tribüne
Ihr erstes Spiel als HFC-Trainerteam mussten Florian Schnorrenberg (r.) und Daniel Ziebig auf der Tribüne schauen. Bildrechte: imago images/VIADATA

Cheftrainer für eine Nacht

Doch weil der Trainer nach dem DFB-Hygienekonzept zunächst zwei Corona-Tests nachweisen musste, durfte er sein erstes Spiel gegen Mannheim nur auf der Tribüne verfolgen. So kam Björn Ganser völlig unerwartet zu seiner ganz persönlichen Sternstunde. Gemeinsam mit Torwarttrainer Marian Unger sollte er die Mannschaft an der Seitenlinie betreuen. Interessant dabei: Unger sagt über sich selbst, dass er als Torwart nicht das größte taktische Verständnis hat. Ganser besitzt die DFB-Elite-Jugend-Lizenz als Trainer und hat auch schon Mannschaften trainiert. So war er nach Rücksprache mit Schnorrenberg an jenem Abend der heimliche Chef an der Seitenlinie. 

"Der Trainer hat uns vorher gesagt, dass wir die Chance haben, als Trainerteam mit einem 3,0-Punkteschnitt in die HFC-Geschichte einzugehen. Mehr geht im Fußball nicht", erzählt Ganser rückblickend. Und genauso kam es dann auch. Der Hallesche FC gewann 3:0 und leitete damit den letztlich erfolgreichen Schlussspurt ein. Nach Monaten des Niedergangs war dieser Erfolg für alle Beteiligten eine große Erleichterung

Sebastian Mai (HFC) jubelt mit Marian Unger (Torwart-Trainer, HFC)
Nach dem Sieg gegen Mannheim war die Erleichterung beim HFC groß. Bildrechte: imago images/VIADATA

Eine Saison, viele Lektionen

Björn Ganser musste danach jedoch eine weitere wichtige Lektion lernen. Denn von der Euphorie nach dem Sieg ließ er sich ein wenig zu lange tragen. Nach einem Hinweis wurde ihm klar, dass die Freude über ein gewonnenes Spiel genau einen Abend lang grenzenlos sein kann. Doch schon am nächsten Morgen gilt es weiterzuarbeiten. In der Rolle, die ein jeder tatsächlich hat. Nur so schaffen es eine Mannschaft und ihre Betreuer, Beständigkeit zu erzielen.

Genau das gelang dem HFC in den letzten Saisonwochen wieder. Vom Abstiegsplatz rettete sich der Club über den Strich. Zur großen Freude der Fans und aller im Umfeld. Und zur Erleichterung von Björn Ganser. Der nun endlich weiß, wie seine nähere Zukunft aussieht. Und der mit seinen vielen Lehren aus dieser Saison helfen möchte, dass der Hallesche FC nicht noch einmal solche Sorgen durchstehen muss, wie in dieser sehr speziellen Spielzeit.

Oliver Leiste
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Oliver Leiste arbeitet seit Anfang 2015 bei MDR SACHSEN-ANHALT - mit dem Schwerpunkt Sport. Dabei begleitet er den Halleschen FC, den 1. FC Magdeburg und den SC Magdeburg durch alle Höhen und Tiefen. Zudem ist er immer auf der Suche nach spannenden Geschichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts. Während seines Anglistikstudiums in Leipzig und auch danach war er für die Mitteldeutsche Zeitung in Halle und Radio Mephisto 97,6 am Ball. Als gebürtiger Bernburger hat er in Sachsen-Anhalt schon vieles gesehen und noch lange nicht genug davon.

Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 10. Juni 2020 | 19:00 Uhr

0 Kommentare

Mehr zum Halleschen FC