Björn Ganser
Björn Ganser ist Scout beim HFC. Sein großes Ziel vor jedem Spiel: Überraschungen ausschließen. Bildrechte: imago images / Eckehard Schulz

Selbstversuch als Scout Gegneranalyse beim HFC: Das wichtigste Spiel ist immer das übernächste

Mit enormem Aufwand analysiert Chefscout Björn Ganser die kommenden Gegner des HFC. Das große Ziel: Überraschungen durch den Gegner ausschließen. Vor dem Spiel gegen Großaspach hat ihn MDR-SACHSEN-ANHALT-Redakteur Oliver Leiste zwei Wochen lang begleitet.

Oliver Leiste
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von Oliver Leiste, MDR SACHSEN-ANHALT

Björn Ganser
Björn Ganser ist Scout beim HFC. Sein großes Ziel vor jedem Spiel: Überraschungen ausschließen. Bildrechte: imago images / Eckehard Schulz

Beim Blick auf die Aufstellung vor dem HFC-Spiel gegen Großaspach wurde die Miene von Björn Ganser ernst. "Eigentlich kannst du alles, was du bis jetzt notiert hast, löschen", sagte der HFC-Chefscout zu mir. "Die spielen ganz anders als bisher in der Liga." "Na toll", dachte ich. So hatte ich mir meinen Selbstversuch als Scout nicht unbedingt vorgestellt. Zwei Wochen lang hatte ich Ganser begleitet, Spiele von Großaspach angeschaut und mich mehrfach mit ihm unterhalten. Ziel war es, zu verstehen, wie sich der HFC auf seine kommenden Aufgaben vorbereitet. Und zu schauen, wie viel von der ganzen Vorbereitung dann tatsächlich im Spiel zu sehen ist.

Für Trainer und Spieler ist immer die kommende Partie die wichtigste. Dabei versucht Björn Ganser natürlich, seinen Teil zum Erfolg beitragen. Etwa, in dem er am Spieltag auf der Tribüne Platz nimmt und Hinweise gibt, wie das Trainerteam taktisch umstellen könnte. Doch während die Vorbereitung auf einen Gegner noch läuft, denkt der 29-Jährige oft schon an den nächsten Kontrahenten. Oder den übernächsten. Denn neben der Beobachtung potenzieller Neuzugänge und der Koordination einiger Regionalscouts ist die Gegneranalyse seine Hauptaufgabe als HFC-Chefscout. Deswegen fährt er viel herum. Und schaut auch an den Tagen, an denen der HFC nicht spielt, täglich mindestens ein Drittligaspiel – mal im Fernsehen, wenn es sich anbietet, aber auch im Stadion.

Alle zwei Wochen nach Rostock

Unsere gemeinsame Vorbereitung auf Großaspach beginnt zwei Wochen vor dem HFC-Heimspiel gegen die Schwaben. Um 9 Uhr sammelt mich Ganser am Hauptbahnhof in Halle ein. Es geht nach Rostock – so wie meistens in dieser Saison, berichtet der Scout. Denn Hansa spielt gegen fast alle Gegner zwei Wochen vor dem HFC. 

Wir nutzen die Fahrt, um erste Eindrücke von Großaspach abzugleichen. Was wissen wir, welche Spieler kennen wir? Zudem erzählt mir Ganser, woher er seine Informationen bezieht, worauf er im Spiel achtet und wie die weiteren Arbeitsschritte bis zum Spiel aussehen. Dazu später mehr. Natürlich bleibt auch Zeit, die eigenen Spielerkarrieren auszuwerten. Beide verliefen semi-erfolgreich. Ganser, der es immerhin bis in die Verbandsliga schaffte, hat seine nach einer hartnäckigen Knieverletzung beendet. Ich bin immer noch am Ball. Irgendwie.

Es geht eher darum, die Siegwahrscheinlichkeit zu erhöhen, indem wir den Gegner gut kennen und er uns nicht überraschen kann.

Björn Ganser, HFC-Chefscout

Stärken, Schwächen, Kleinigkeiten

In Rostock angekommen, verfolgt Ganser schon das Aufwärmen mit Interesse: "Da kann man ein paar Dinge ableiten – etwa wie ernst einzelne Spieler die Erwärmung nehmen oder mit welcher Spannung die Teams ins Spiel gehen werden." Während des Spiels macht sich der 29-Jährige dann pausenlos Notizen. Zu den Stärken und Schwächen einzelner Spieler, zu verschiedenen Spielsituationen oder zu Kleinigkeiten die ihm auffallen. Ich bin beim Versuch, auf alles gleichzeitig zu achten, etwas überfordert.

Derweil fotografiert Ganser einzelne Momente und malt taktische Skizzen in sein Notizbuch. "Bei der Gegneranalyse haben wir grundsätzlich fünf Kriterien festgelegt, auf die wir achten. Spielaufbau, das Anlaufen des Gegners, Umschaltverhalten nach Ballgewinn und Ballverlust, Standards und Besonderheiten" beschreibt Ganser.

Björn Ganser im Ostseestadion
Im Ostseestadion ist Ganser in dieser Saison oft zu Gast – um die nächsten HFC-Gegner zu analysieren. Bildrechte: MDR/ O. Leiste

Einwürfe als Standards

Eine solche Besonderheit bei Großaspach sind die Einwürfe auf Höhe des Sechzehners. Diese werden immer von Kapitän Julian Leist durchgeführt, eigentlich ein Innenverteidiger. Die anderen, ebenfalls großgewachsenen Verteidiger, rücken derweil in den Strafraum. "Das ist fast wie eine Standardsituation", erklärt Ganser. "Also müssen wir es auch wie einen Standard verteidigen." 

Eine Woche später, beim Großaspach-Spiel gegen Viktoria Köln, sind ähnliche Situationen zu beobachten. Vor dem Fernseher bin ich zunächst auf mich allein gestellt. Verblüfft stelle ich fest, dass ich tatsächlich Muster wiedererkenne. Und im Gegensatz zu der Partie in Rostock auch Ideen im Kopf habe, wie ich auf bestimmte Situationen reagieren würde.

Unter anderem bei den Einwürfen: Weil Köln schnelle Spieler an der Mittellinie platziert, ergeben sich Konterchancen. Ist das auch eine Variante für den HFC? Wir diskutieren einige Tage vor dem HFC-Spiel darüber. Ich bin für das Kölner System, weil ich glaube, dass die Hallenser mit Julian Guttau oder Felix Drinkuth Spieler haben, die solche Umschaltmomente für ein Tor nutzen könnten. Ganser gibt zu bedenken, dass es zur Absicherung wichtig sei, mehr Spieler als der Gegner im Strafraum zu haben. "Muss der Trainer entscheiden", sagt er schließlich. 

"Müssen verschiedene Varianten vorbereiten"

Gegen Hansa begann Aspach mit einem 4-3-3-System. Nach der Halbzeit stellten sie auf 4-4-2 um und gewannen das Spiel. Gegen Köln begann die SGS dagegen im 4-4-2 und wechselte später auf ein 4-2-3-1. "Wir müssen also Lösungen für verschiedene Varianten vorbereiten", lautet Gansers Erkenntnis. Überhaupt ergeben sich aus der Gegneranalyse nur selten absolute Weisheiten. "Es geht eher darum, die Siegwahrscheinlichkeit zu erhöhen, indem wir den Gegner gut kennen und er uns nicht überraschen kann."

Neben dem Gegnerstudium im Stadion sichtet Ganser auch Videos der Großaspacher. Dabei helfen ihm verschiedene Programme, mit denen er unter anderem Szenen einzelner Spieler oder Standardsituationen filtern kann. Ein Scout, der für den HFC den Südwesten abdeckt, hat zudem das Spiel gegen Köln und den Auftritt der Aspacher im Landespokal vor Ort verfolgt. Das sollte sich später als entscheidender Vorteil entpuppen, denn im Landespokal testete Großaspach ein neues System, das auch gegen den HFC zur Anwendung kam. 

All diese Erkenntnissen verarbeitet Björn Ganser und bereitet ein Video mit den wichtigsten Sequenzen vor. Darüber diskutiert er mit dem Trainterteam. "Das dauert manchmal nur 20 Minuten, manchmal aber auch zwei Stunden", berichtet Trainer Torsten Ziegner. Die Mannschaft bekommt von all dem nur einen Bruchteil mit. Gerade mal zehn bis 15 Minuten ist das Video für die Spieler am Ende lang. "Wir wollen sie da nicht überfrachten", lautet die Erklärung von Björn Ganser.

Felix Drinkuth vom SC Paderborn verstärkt auf Leihbasis den HFC auf den Flügeln. Ralf Heskamp (Sportdirektor, HFC) , Walter Moissejenko (Physiotherapeut) und Scout Björn Ganser als Zaungäste beim Training
Ralf Heskamp (Sportdirektor, HFC) , Walter Moissejenko (Physiotherapeut) und Scout Björn Ganser tauschen sich beim beim HFC-Training aus. Bildrechte: imago images / VIADATA

Trainingsschwerpunkt: Lücken finden

Aus den ganzen Analysen ergeben sich die Schwerpunkte für die Trainingswoche und auch der Match-Plan. "Aber eigentlich ist das kein Hexenwerk", sagt Ziegner. "Wir überlegen uns, wie wir spielen wollen und auf welche Aspekte des Gegners wir gezielt eingehen wollen. Die Übergänge sind aber fließend." Es komme also selten vor, dass einzelne Trainingsinhalte ausschließlich dem nächsten Gegner dienen. 

Aus meiner Sicht lieferte gerade das Aspach-Spiel gegen Köln wertvolle Hinweise für den HFC. Denn dort offenbarten die Schwaben trotz tiefstehender Ketten große Lücken gegen die spielstarken Kölner. In den Trainingseinheiten der Hallenser vor der Partie gegen Großaspach lag dann auch ein Schwerpunkt darauf, in sehr engen Räumen immer wieder Lücken zu finden und den finalen Pass präzise durch die Schnittstelle zu spielen. Das Trainerteam schien meine Erkenntnisse also durchaus zu teilen, auch wenn sich Torsten Ziegner über die tatsächliche Ausrichtung verständlicherweise bedeckt halten wollte.

Gutes Gefühl abrupt zerstört

So kam ich mit dem Gefühl, ziemlich gut vorbereitet zu sein, zum Stadion. Das Gefühl dauerte genau so lange, bis ich die Aufstellung in der Hand hielt, erstmals an diesem Tag auf Björn Ganser traf und er mir offenbarte, dass Großaspach ganz anders spielen würde. Und tatsächlich: Die Gäste begannen mit einem 3-4-3-System. Im Vergleich zur Vorwoche hatte Trainer Oliver Zapel die Mannschaft auf fünf Positionen verändert. Drei der eingesetzten Spieler hatte ich bis dato noch gar nicht gesehen. Puh.

Zwei Mäner stehen vor einer Wand.
Oliver Leiste (l.) hat Björn Ganser zwei Wochen lang begleitet. Bildrechte: MDR/ Luise Kotulla

Mich hätten die Schwaben also trotz des großen Aufwands in der Spielvorbereitung überraschen können. Nicht aber den HFC. Björn Ganser hatte aus dem Landespokalspiel der Aspacher, wo sie die Dreierkette testeten, die richtigen Schlüsse gezogen und beim Blick auf die Aufstellung den Braten gerochen. Bemerkenswert war die Reaktion des Trainerteams auf die Umstellung: es gab keine. Zumindest keine taktische. Torsten Ziegner sagte nach dem Spiel: "Wir haben geglaubt, dass uns Großaspach auch in einer Dreierkette erwartet. Und dass sie deshalb Dreierkette spielen. Deswegen war es wichtig, auf ein paar Details im Spiel gegen den Ball einzugehen. Das haben wir den Jungs mitgegeben." Ansonsten lag der Fokus aber darauf, das eigene Spiel – wohlgemerkt mit einer Viererkette – durchzuziehen. Was dem HFC beim 4:0-Erfolg bravourös gelang.

Natürlich mussten die Spieler gegen die veränderte Formation Lücken finden. Hier machte sich die Vorbereitung durchaus bezahlt. Die berüchtigten Einwürfe kamen dagegen kaum zum Tragen. Insgesamt war es an dem Tag die Stärke der HFC-Spieler, die den Ausschlag für den deutlichen Sieg gab. Das Scouting spielte diesmal nur eine untergeordnete Rolle. Aber zumindest hatte Björn Ganser einmal mehr dafür gesorgt, dass Überraschungen für das Trainer- und Mannschaft ausgeschlossen waren. 

Oliver Leiste
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Oliver Leiste arbeitet seit Anfang 2015 bei MDR SACHSEN-ANHALT - mit dem Schwerpunkt Sport. Dabei begleitet er den Halleschen FC, den 1. FC Magdeburg und den SC Magdeburg durch alle Höhen und Tiefen. Während seines Anglistikstudiums in Leipzig und auch danach war er für die Mitteldeutsche Zeitung in Halle und Radio Mephisto 97,6 am Ball. Als gebürtiger Bernburger hat er in Sachsen-Anhalt schon vieles gesehen und noch lange nicht genug davon.

Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 31. August 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. September 2019, 14:29 Uhr

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