Ein Verein für alle Warum der HFC den Frauenfußball stärkt

Oliver Leiste
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Nach dem Beinahe-Aus 2016 ist die Frauenabteilung des HFC wieder auf dem Vormarsch. Die Nachwuchskickerinnen gehören trotz vieler Widerstände zu den besten im Land. Und der Verein hat große Pläne mit seinen Frauen.

HFC-Mädchen beim Training
Beim Halleschen FC haben mittlerweile auch Mädchenmannschaften ihren festen Platz. Bildrechte: MDR/ Oliver Leiste

England gegen Deutschland im vollen Wembley-Stadion: klingt völlig normal, war vor wenigen Wochen aber etwas ziemlich besonderes. Schließlich standen sich in der englischen Fußballkathedrale nicht die Männerteams, sondern die Frauennationalmannschaften gegenüber. In einem Freundschaftsspiel wohlgemerkt. Und trotzdem pilgerten fast 80.000 Fans zum Spiel. Das zeigt, im Frauenfußball passiert etwas. Das Interesse der breiten Öffentlichkeit steigt, wenn auch langsam.

Das ist auch in Deutschland zu beobachten. Dort wollen sich Damen vom 1. FFC Frankfurt, immerhin Rekordmeister der Bundesliga, im kommenden Sommer der Frankfurter Eintracht anschließen. Von der Fusion mit dem Männerbundesligisten erhoffen sich alle Beteiligten mehr Aufmerksamkeit – für die Frauen, aber natürlich auch für den Gesamtverein.

HFC-Vorstand Kühr: "Wollen weiblichen Bereich stärken"

Und auch beim Halleschen FC setzen sie vermehrt auf die Frauen. Weil der Verein möglichst viele Menschen in Halle ansprechen und neue Mitglieder gewinnen will. Der Unterschied zu Frankfurt ist, dass die Frauenabteilung hier schon deutlich länger zum Verein gehört. "Wir haben in den vergangenen Monaten zweifellos versucht, auch den weiblichen Bereich stärker in den Verein einzubinden und ihm mehr Aufmerksamkeit zu erteilen", berichtet Vorstandsmitglied Oliver Kühr. Ein spürbarer Unterschied zu den Jahren davor, in denen die Frauenabteilung ein Schattendasein fristete.

2016 drohte das Ende

Denn in der Ära Schädlich war die erste Frauenmannschaft zwar einigermaßen erfolgreich – aber irgendwie auch sich selbst überlassen. Die erste Mannschaft spielte lange in der Regionalliga (3. Liga – d. Red.) und gewann regelmäßig den Landespokal. Doch nach einer katastrophalen Hinrunde kam im Frühjahr 2016 das Aus während der Saison.

Mehrere Spielerinnen hatten den Club aus beruflichen Gründen verlassen. Zudem wurde die damalige Kapitänin Anika Steckbauer schwanger und stand fortan nicht mehr zur Verfügung. "Zum einen war der Leistungsfußball mit erheblichem finanziellen Aufwand verbunden", erzählte sie im Podcast "Badkurvenversteher". "Aber es kamen auch nicht mehr so viele nach. Wir hatten zu meiner Zeit ein paar starke Jahrgänge. Das hat nachgelassen. Und viele hatten dann nicht mehr den Ehrgeiz, nach Halle zu kommen", bedauert Steckbauer. So entschied sich der HFC die erste Frauenmannschaft zurückzuziehen und fortan mit dem Reserveteam in der Landesliga weiterzuspielen. Weil die Nachwuchsarbeit eher unstrukturiert organisiert war, schien die Abteilung am Ende zu sein.

Schwieriger Neubeginn für die HFC-Frauen

Es kam anders. Der damalige Präsident Michael Schädlich wollte die Abteilung erhalten. So begannen einige engagierte Helfer mit dem Neuaufbau. Darunter war Jörg Rackwitz, der mittlerweile die Frauen-Abteilung beim HFC leitet. Trotz der präsidialen Unterstützung seien die Frauen und Mädchen beim Halleschen FC sehr lange stiefmütterlich behandelt worden, erzählt er heute: "Wir waren eine ganze Zeit lang beim HFC überhaupt nicht auf dem Schirm. Auch weil es dem HFC selbst nicht gut ging. Wir zwar da und wurden geduldet. Aber alles andere war unter aller Sau."

Neuer Vorstand bringt sichtbare Veränderungen

Erst mit den Veränderungen im Vorstand Anfang 2018 änderte sich das und inzwischen gibt es mit Oliver Kühr sogar ein verantwortliches Vorstandsmitglied für die Frauenabteilung. Und sichtbare Erfolge. Mittlerweile sind mehr als 100 Mädchen und Frauen beim Halleschen FC aktiv. Bei den F-Juniorinnen könnten locker zwei oder drei Teams gemeldet werden. Dafür gibt es im Moment jedoch keine Kapazität. Erstmals seit einigen Jahren gibt es sogar wieder eine zweite Frauenmannschaft.

Um die insgesamt acht Teams kümmern sich 13 Trainer – und eine Trainerin. Die Mannschaften wurden mit neuen Trikotsätzen und modernen Trainingsmaterialien ausgestattet. Auch stehen ihnen jetzt Busse für die Auswärtsspiele zur Verfügung. Die erste Frauenmannschaft soll perspektivisch in die Verbandsliga aufsteigen.

Ein Team für alle Alterstufen

Eine Entwicklung für die Jörg Rackwitz sehr dankbar ist. Er selbst kam durch seine Tochter erstmals mit Frauenfußball in Kontakt. "Früher konnte ich Frauen beim Fußball nichts abgewinnen. Aber meine Tochter Elea wollte unbedingt spielen. Und sie hat nicht locker gelassen, bis ich sie mit zum Training genommen habe", erzählt er schmunzelnd. Damals war er Trainer bei Blau-Weiß Dölau. Mädchenmannschaften gab es dort nicht.

HFC-Mädchen beim Training
Jörg Rackwitz leitet die Frauen- und Mädchenabteilung beim HFC. Bildrechte: MDR/ Oliver Leiste

So machte sich Rackwitz auf die Suche – und wurde schließlich beim HFC fündig. Kinderteams gab es jedoch auch hier nicht. "Teilweise sollten Mädchen zwischen vier und 14 Jahren zusammen trainieren", erinnert sich der 47-Jährige. Nach dem Ende der ersten Frauenmannschaft bestand der Nachwuchs teilweise nur noch aus sechs Mädchen. Umso mehr freut sich Jörg Rackwitz, dass es inzwischen anders ist.

Väter werden beim HFC aktiv

Schritt für Schritt wurden Mannschaften in den verschiedenen Altersklassen aufgebaut. Vieles ist dem Engagement der Eltern zu verdanken, weiß Rackwitz. Mehrmals in der Woche fahren sie ihre Töchter zum Training und zu den Spielen nach Halle. Dabei beträgt die Fahrtzeit aus Eisleben, Helbra oder Querfurt teilweise eine Stunde pro Strecke.

Und weil kaum jemand Mädchenteams trainieren möchte, werden die Väter selbst aktiv. "Bei uns ist es wie beim Dorfverein. Irgendein Kind hat einen Papa, der sich dann bereit erklärt, eine Trainingsgruppe zu übernehmen. Dann versuchen wir ihn so gut wie möglich auszubilden. Bis jetzt haben wir, kurioserweise, mit dieser Methode sehr viel Erfolg gehabt", erzählt Rackwitz.

Warten auf das HFC-Nachwuchsleistungszentrum

Doch für zwei Probleme haben sie beim Halleschen FC noch keine Lösung gefunden. Das eine ist der fehlende Platz. Weil die Kapazitäten am Sandanger, wo die männlichen Nachwuchsmannschaften des HFC spielen, nicht ausreichen, müssen die Frauen und Mädchen auf verschiedene andere Sportplätze in der Stadt ausweichen. "Hier hoffen wir mit dem neuen Nachwuchsleistungszentrum auch bessere Strukturen für den weiblichen Bereich zu erhalten", sagt Oliver Kühr.

Das zweite Problem ist ein gravierenderes. Es fehlt an Entwicklungsmöglichkeiten im Leistungsbereich. Das einzige Leistungszentrum für Mädchen in Sachsen-Anhalt ist in Magdeburg angesiedelt. "Für Mädchen aus Halle und dem Süden Sachsen-Anhalts ist das viel zu weit", glaubt Jörg Rackwitz. "Wenn wir talentierte Spielerinnen haben, würden sie wahrscheinlich eher nach Leipzig oder Jena wechseln. Damit sind sie dann für uns und für Sachsen-Anhalt verloren."

HFC-Mädchen beim Training
Weil der Platz am Sandanger nicht ausreicht, trainieren die jüngeren HFC-Mädchen in Halle-Neustadt. Bildrechte: MDR/ Oliver Leiste

HFC-Mädchen spielen gegen Jungs

Auch fehlt es an Gegnerinnen im Land. "Unser Ziel ist es, dass jede unserer Mädchenmannschaften in einer richtigen Liga spielen kann", sagt Rackwitz. Weil es aber kaum andere Teams gibt, starten die jüngeren HFC-Mädchen alle in Jungsligen. Rackwitz sieht es pragmatisch: "Unsere Mädchen können ein oder zwei Jahre älter sein. Sie bekommen viel Spielpraxis und lernen sich körperlich zu behaupten. Weil sie aber nicht ganz so robust sind wie die Jungs, müssen sie öfter spielerische Lösungen finden. Das schult enorm."

Die B-Juniorinnen des HFC weichen derweil nach Sachsen aus und spielen dort in der Landesliga. Nebenher werden in allen Altersklassen auch Landesmeisterschaften für Sachsen-Anhalt ausgespielt. Dort konnten die HFC-Mädchen in der vergangenen Saison mit einer Ausnahme alle Titel gewinnen.

"Insgesamt auf einem guten Weg"

Es gäbe also durchaus Anlass, den Mädchenfußball im Süden Sachsen-Anhalts weiter zu fördern. Doch Bestrebungen des Landesfußballverbands in diese Richtung gibt es offenbar nicht. Das Engagement im Frauenfußball ist in den vergangenen Jahren eher gesunken. Eine Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT zum Thema blieb unbeantwortet. Beim Halleschen FC bleiben sie beim Frauen- und Mädchenfußball also bis auf Weiteres auf sich gestellt.

"Insgesamt denke ich, sind wir hier auf einem guten Weg", sagt Oliver Kühr trotzdem. Und kündigt an, dass die Frauen demnächst im Stadion ein Vorspiel vor der Profimannschaft der Männer bestreiten sollen. Es ist ein weiterer kleiner Schritt, um zu zeigen, dass der HFC ein Verein für alle ist. Für Männer. Und für Frauen sowieso.

Oliver Leiste
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Oliver Leiste arbeitet seit Anfang 2015 bei MDR SACHSEN-ANHALT - mit dem Schwerpunkt Sport. Dabei begleitet er den Halleschen FC, den 1. FC Magdeburg und den SC Magdeburg durch alle Höhen und Tiefen. Zudem ist er immer auf der Suche nach spannenden Geschichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts. Während seines Anglistikstudiums in Leipzig und auch danach war er für die Mitteldeutsche Zeitung in Halle und Radio Mephisto 97,6 am Ball. Als gebürtiger Bernburger hat er in Sachsen-Anhalt schon vieles gesehen und noch lange nicht genug davon.

Quelle: MDR/olei

2 Kommentare

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