Vor dem Spiel haben die Mannschaften Aufstellung genommen.
In Halle gibt es viel Verständnis für das Vorgehen der FCM-Fans Bildrechte: imago images/VIADATA

"Wir sind keine Mörder" Wie HFC-Fans auf den Boykott der FCM-Fans reagieren

Viele Fans des 1. FC Magdeburg wollen das Spiel gegen Halle am Sonnabend boykottieren. Grund ist der nach wie vor ungeklärte Tod von FCM-Fan Hannes. Der Fall lässt auch die HFC-Fans ratlos und traurig zurück. Zugleich stören sich die Rot-Weißen jedoch an den Vorwürfen aus Magdeburg.

Oliver Leiste
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

von Oliver Leiste, MDR SACHSEN-ANHALT

Vor dem Spiel haben die Mannschaften Aufstellung genommen.
In Halle gibt es viel Verständnis für das Vorgehen der FCM-Fans Bildrechte: imago images/VIADATA

Normalerweise sind die Rufe der HFC-Fans vor einem Auswärtsspiel in Magdeburg unüberhörbar. Mit einer klaren Botschaft wurde die Mannschaft in der Vergangenheit auf die anstehende Aufgabe eingestimmt und die Antipathie zum FCM lautstark bekundet. Am Sonnabend, nach dem 3:3 gegen Meppen, blieben derartige Rufe aus. Es ist nur ein Vorzeichen auf das Sachsen-Anhalt-Derby, das sich am Wochenende erheblich von den Duellen vergangener Jahre unterscheiden wird.

FCM-Fans rufen zu Boykott auf

Der Grund dafür liegt auf der Hand. Vor drei Jahren stürzte FCM-Fan Hannes Schindler aus einem Zug, in dem er zuvor auf HFC-Anhänger getroffen war. Wenige Tage später starb er an den Folgen des Sturzes. Bis heute ist nicht vollständig aufgeklärt, was damals tatsächlich geschah.

Die Ultras des FCM haben nun angekündigt, auf die lautstarke Unterstützung ihrer Mannschaft zu verzichten. Viele wollen das Spiel boykottieren. Dem Aufruf von "Block U" haben sich bislang gut 50 Fanklubs angeschlossen. Es ist also davon auszugehen, dass einige tausend Fans am Sonnabend nicht in die MDCC-Arena kommen, obwohl sie normalerweise immer da sind.

Schwere Vorwürfe, die Kreise ziehen

Beim Boykottaufruf schwingt zugleich der Vorwurf mit, dass von hallescher Seite zumindest die Aufklärung des Falls verhindert wurde. Andere behaupten ganz unverhohlen, die HFC-Anhänger, die damals im Zug waren, seien Schuld am Tod von Hannes. Ob es wirklich so war, konnte nicht ermittelt werden. Klar ist, dass einige Mitglieder der Ultragruppe "Saalefront" sich damals im Zug befanden. Eine Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT, ihre Sicht auf die Dinge darzulegen, blieb bislang unbeantwortet.

Block U Fanblock Nordtribüne
Im Magdeburger Stadion bleiben am Wochenende wahrscheinlich viele Plätze leer. Bildrechte: imago images / Christian Schroedter

Dennoch lassen die Vorwürfe auch die HFC-Fans nicht kalt. Vor allem, weil sie weit über die Grenzen Sachsen-Anhalts hinaus Kreise ziehen. So berichtet der HFC-Anhänger Michael Bendix, der seit vielen Jahren in Bayern lebt, von einem Vorfall, der ihn tief getroffen hat. "Es war bei einem Amateurspiel in Rheinland-Pfalz. Als ich dort mit meinem HFC-Trikot ankam, rief jemand 'Mörder' in meine Richtung", berichtet der Exil-Hallenser erschüttert. "Das war so ein Erweckungsmoment für mich. Denn niemand möchte sich als Mörder beschimpfen lassen."

Seitdem hat Bendix viele Gespräche geführt – mit Vorstandsmitgliedern des Vereins, sowie mit anderen HFC-Fans. Er versucht sich zu engagieren, damit sich die Fans aus Magdeburg und Halle irgendwann wieder versöhnen können. Der Terroranschlag am 9. Oktober, bei dem zwei Menschen getötet wurden, hat dieses Bestreben noch einmal verstärkt. Doch wo fängt man bei einem solch schwierigen Thema an? Bendix hat noch keine richtige Antwort auf diese Frage gefunden.

"Hängt wie ein Schleier über uns"

So wie ihm geht es Vielen. Für das Vorgehen und den Schmerz der Magdeburger gibt es in Halle viel Verständnis. Auch, weil die hallesche Fanszene nach dem Anschlag vor knapp drei Wochen selbst um einen der ihren trauert. Dass die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft kein richtiges Ergebnis gebracht haben, nervt sie genauso wie die FCM-Fans.

"Das hängt wie ein Schleier über uns", erzählt einer bei der Eröffnung des Fanhauses am Freitag. "Wir sind keine Mörder und wollen genauso, dass das aufgeklärt wird." Welche Rolle die eigene Ultragruppierung bei dem Vorfall vor drei Jahren spielte, möchte jedoch keiner spekulieren. "Das ist Aufgabe des Staatsanwalts", heißt es dann.

Brutale Rivalität auf beiden Seiten

Anderseits fühlen sich die Rot-Weißen zu Unrecht verunglimpft und stigmatisiert. Schließlich sei die Rivalität von beiden Seiten hart, phasenweise brutal geführt worden. Ein Fan erinnert daran, dass es in den Jahren vor Hannes' Tod auch von FCM-Anhängern immer wieder Angriffe gab, "wo es auch mal hätte schief gehen können", sprich, wo durchaus die Gefahr einer tödlichen Verletzung bestand. "Aber jetzt ist es natürlich sehr leicht, sich ausschließlich als Opfer hinzustellen", hieß es weiter.

Umdenken in Halle

Steffen Kluge, im HFC-Vorstand verantwortlich für die Belange der Fans und Mitglieder, ist sich jedenfalls sicher, dass der Tod von Hannes auch in Halle dauerhaft zum Umdenken geführt hat: "Jahrelang hat sich die Rivalität immer weiter hochgeschaukelt. Doch das ist vorbei. Das Thema beschäftigt hier nach wie vor sehr viele und alle gehen sehr sensibel damit um."

Ein Verzicht auf die Spiele gegen Magdeburg kommt für die meisten HFC-Fans trotzdem nicht in Frage. Sie wollen ihre Mannschaft im Aufstiegskampf unterstützen. "Aber", so hört man es am Fanhaus immer wieder, "vielleicht schaffen wir es, auf Pöbeleien gegen die Magdeburger zu verzichten und konzentrieren uns zu 100 Prozent auf unser Team." So wie es am Sonnabend schon der Fall war.

Oliver Leiste
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Oliver Leiste arbeitet seit Anfang 2015 bei MDR SACHSEN-ANHALT - mit dem Schwerpunkt Sport. Dabei begleitet er den Halleschen FC, den 1. FC Magdeburg und den SC Magdeburg durch alle Höhen und Tiefen. Zudem ist er immer auf der Suche nach spannenden Geschichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts. Während seines Anglistikstudiums in Leipzig und auch danach war er für die Mitteldeutsche Zeitung in Halle und Radio Mephisto 97,6 am Ball. Als gebürtiger Bernburger hat er in Sachsen-Anhalt schon vieles gesehen und noch lange nicht genug davon.

Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 26. Oktober 2019 | 07:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. Oktober 2019, 19:52 Uhr

13 Kommentare

matze72 vor 5 Wochen

An alle FCM Fans! Wollen wir unser Stadion wirklich den HFC überlassen? Ich denke nicht. Die Mannschaft braucht uns und ich denke wir schaffen das auch ohne Block U. Lasst uns unsere Mannschaft zum Sieg treiben kommt alle in unseren Farben und bringt eure Fahnen mit und macht richtig Stimmung auch ohne Block U. Es kann doch nicht sein das wir unsere eigenen Heimspiele boykottieren. Hannes hätte das mit Sicherheit auch nicht gewollt. Also kommt alle und lasst uns die Mannschaft unterstützen.
Mit blau weißen Grüßen.

Chef vor 5 Wochen

Dieses dunkle Kapitel wird noch Jahrzehnte dem HFC anhängen. Es sollte nunmehr eine Selbstreinigung einsetzen und die Mauer des Schweigens gebrochen werden. Solange dies nicht erfolgt, ist dieser HFC für mich gestorben!!!

sportfrei vor 5 Wochen

Irgendwie habe ich das Gefühl, dass u.a. die betroffene Fangruppierung das Ermittlungsergebnis nicht akzeptiert, weil es nicht in ihr vorgefertigtes, recht einfaches Weltbild passt. Bei hinreichendem Tatverdacht können die Ermittlungen jederzeit wieder aufgenommen werden.
Welches Interesse sollte eine Staatsanwaltschaft haben, eventuelle Täter zu decken? Denn genau das wird den Ermittelnden unterstellt.
Ich werde das Spiel nicht besuchen, weil ich ein flaues Gefühl in der Magengegend dabei habe. Ausserdem ist jegliches Derbyfeeling verloren gegangen. Wobei die Spiele gegen Halle von vielen in MD nicht als Derby wahrgenommen werden. Es gibt Schlimmeres.
Ich würde mir für die Zukunft wünschen, dass alle irgendwann mal wieder zur Normalität übergehen können. Und dass dieser sinnlose Tod nicht immer wieder instrumentalisiert wird, um sich als Opfer darzustellen. Das entspricht in keinsterweise der Realität.

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