Zurück zur Achse Wie Schnorrenberg den HFC zum Klassenerhalt führte

Oliver Leiste
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Der HFC hat am Mittwoch nach einer äußerst wechselhaften Saison den Klassenerhalt gesichert. Die Analyse zeigt, warum der Club im Winter abgestürzt ist – und wie er gerade noch die Kurve bekam.

Florian Schnorrenberg, Neuer Trainer des HFC
Mit dem dritten Trainer der Saison gelang es dem HFC, den drohenden Abstieg zu verhindern. Bildrechte: imago images/VIADATA

Erst Aufstiegsträume, dann ein dramatischer Absturz: Immerhin, nach dem Unentschieden gegen Kaiserslautern hat der Hallesche FC zumindest den Klassenerhalt in der 3. Liga gesichert. Doch bei vielen bleibt die Frage, wie eine Mannschaft, die im ersten Drittel der Saison so dominierte, so einbrechen konnte? Und was der neue Trainer, Florian Schnorrenberg, anders gemacht hat als seine Vorgänger, um den HFC vor dem Abstieg zu bewahren?

Stabile Achse als Grundlage für Erfolg

Um zu verstehen, was in dieser Saison passiert ist, lohnt es sich etwas weiter zurückzublicken. Zunächst ins Frühjahr 2018. Damals war Ralf Heskamp gerade als neuer Sportdirektor vorgestellt worden. Torsten Ziegner sollte wenig später das Amt des Cheftrainers übernehmen. Einer der ersten Sätze, die Heskamp damals sagte war: "Wir wollen eine Achse an Spielern finden, die unserer neuen Mannschaft Stabilität gibt."

Was das bedeutete sahen die Fans dann einige Monate später. Die Innenverteidigung bildeten fast die ganze Saison Toni Lindenhahn, Moritz Heyer und Niklas Landgraf. Davor sorgten Jan Washausen, Baxter Bahn oder wahlweise Björn Jopek für Sicherheit. Und vorne imponierte der eigentlich als Innenverteidiger verpflichtete Sebastian Mai. Diese Achse war es, die die erfolgreichen Phasen in Ziegners erster Saison prägte und die den HFC schließlich auf Platz 4 führte.

Halle – Kaiserslautern 4 min
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Sport im Osten Mi 01.07.2020 22:10Uhr 03:30 min

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Kaum Gründe zu Wechseln

Großes Manko waren die wenigen erzielten Tore. Darauf reagierte der Verein und verpflichtete Torjäger Terrence Boyd. Der erfüllte die Erwartungen an ihn auf Anhieb mit Bravour. Sebastian Mai rückte dafür auf seine angestammte Position im Abwehrzentrum. Es dauerte nicht lange, bis der HFC seine neue Achse fand. Mehrere Wechsel in der Startelf gab es zu Saisonbeginn nur rund um die englische Woche.

In den Folgewochen änderte sich das Gesicht des Teams kaum (siehe Grafik). Weil die Mannschaft defensiv sehr stabil stand und vorne jede Menge Tore erzielte, gab es für Torsten Ziegner kaum Gründe zu wechseln. Auffällig war in dieser Phase, dass mit Washausen und Lindenhahn zwei Stützen der Vorsaison kaum noch eine Rolle spielten.

Verletzungen bringen HFC ins Straucheln

Das Bild änderte sich im November. Nachdem 3:3 gegen Meppen, als sich die HFC-Spieler zu sehr am eigenen Spiel berauschten, folgten zwei Niederlagen gegen Magdeburg und 1860 München. Dort begann der Absturz, der schließlich bis in die Abstiegsränge führte und mit Ziegner und Ismail Atalan zwei Trainer den Job kostete. Ziegner sagte vor einigen Wochen dem Kicker, dass in dieser Phase mit Patrick Göbel, Björn Jopek, Sebastian Mai und Bentley Baxter Bahn wichtige Achsenspieler gefehlt hätten. Die anderen Spieler hätten diese Ausfälle nur bedingt kompensieren können.

Nun, das Fehlen der Spieler hat sicher zur Negativentwicklung beigetragen, allein dafür verantwortlich ist es nicht. Jopek und Göbel absolvierten bis Weihnachten fast alle Spiele, auch wenn sie schon einige Zeit angeschlagen waren. Erst danach fielen sie aus. Mai fehlte im Oktober und Anfang November – also bevor der HFC richtig abstürzte. Bahn verpasste gerade mal zwei Spiele verletzungsbedingt.

Ziegners Vertrauensverlust führt zu Negativstrudel

Es deutet inzwischen einiges daraufhin, dass Ziegner zu jener Zeit von seinem Weg einer stabilen Achse und Kontinuität abrückte – und die Mannschaft auch deshalb in den Negativstrudel geriet. Das Ziel war klar: Der Trainer und sein Team wollten mit aller Macht den Kontakt zu den Aufstiegsplätzen halten. Die Fans träumten vom Aufstieg, manche Medien forderten ihn offen. Und der ehrgeizige Ziegner wollte diese Erwartungen erfüllen. Wer könnte es ihm verdenken.

Ziegner verlor jedoch, so scheint es, die Geduld, als er das große Ziel in Gefahr sah. Zuerst versuchte er es mit einer Taktikänderung hin zu einer defensiveren Spielweise. Der Erfolg gab ihm mit Siegen gegen Jena und Duisburg zunächst recht, doch in den Folgewochen erging sich der HFC zunehmend in offensiver Harmlosigkeit. Auch die Zahl der Spielerwechsel in der Startelf stieg in dieser Phase signifikant an.

Insbesondere im Zentrum gab es viele Veränderungen, was nicht dazu beitrug, dass der HFC seine verloren gegangene Stabilität zurück erlangte. Mit dem Satz "Wir sind derzeit nicht in der Lage, Spiele zu gewinnen" brach Ziegner kurz vor Weihnachten den Stab über sein Team. Auch die Forderung nach zwei bis vier Neuzugängen zeigte, dass der Trainer das Vertrauen in Teile seiner Mannschaft verloren hatte.

Torwarttrainer Unger: "Mehr Lockerheit hätte uns gut getan"

Marian Unger ist das einzige Mitglied des Trainerteams, das die komplette Saison überstanden hat. Mit einigen Wochen Abstand zu Ziegners Beurlaubung sagte er im Podcast Badkurvenversteher: "Vielleicht musst du so einen Höhenflug mehr genießen. Wir haben uns aufgerieben in unserem Anspruchsdenken, dass das Normalität und Realität ist, was wir abgeliefert haben. Rückblickend muss man sagen, dass wir vielleicht einen Tick über unserem Level waren."

Gefehlt hat aus Ungers Sicht die Ruhe, auch mal zwei schlechte Spiele als normal zu betrachten. "Wir sind nun mal nicht Ingolstadt oder Duisburg, die das eher müssen als der Hallesche FC. Ein bisschen mehr Lockerheit hätte uns gut getan."

Brechstange bringt keine Wende

Die Zeit nach Weihnachten war geprägt vom Versuch, mit aller Macht die Wende zu erzwingen. Als Paradebeispiel dient das Spiel gegen Köln Ende Januar. Hier bot Ziegner alles auf, was an Offensivspielern verfügbar war. Doch weil sich der HFC gnadenlos auskontern ließ, verlor er das Spiel mit 3:4.

Auch die drei Winterverpflichtungen – Anthony Syhre, Janek Sternberg und Marcel Hilßner – entpuppten sich nur bedingt als Verstärkungen. Sportdirektor Heskamp sagt selbstkritisch: "Mit offensiv ausgerichteten Spielertypen wollten wir versuchen, oben dran zu bleiben. Wenn wir geahnt hätten, dass wir tatsächlich in den Abstiegskampf rutschen, hätten wir uns vielleicht nach defensiveren Kämpfertypen umgesehen."

Verhoben beim Griff nach den Sternen

Ziegner wechselte wild hin und her und versuchte vieles, doch nichts brachte Erfolg. Weil es dem Trainer nicht gelang, wieder einer vernünftige Balance im HFC-Spiel zu etablieren, kassierte sein Team eine Klatsche nach der anderen. Dabei kann man dem Team bis heute nicht absprechen, dass es nicht wollte. Und auch von etwaigen Zerwürfnissen, über die zwischenzeitlich spekuliert wurde, kann keine Rede sein. 

Die Mannschaft stand bis zum Schluss fest zu ihrem Trainer. Der Besuch einer Vorstandsrunde, als zahlreiche Spieler einen früheren Rauswurf Ziegners verhinderten, dient dafür ebenso als Beleg wie der Einsatz im Spiel gegen Unterhaching. Es war Ziegners letzte Partie und die Spieler kämpften sichtbar für den Verbleib des Trainers. Ohne Erfolg. Am Ende hat sich Torsten Ziegner beim Versuch, nach den Sternen zu greifen, verhoben. Und in seinem Ehrgeiz wohl Fehler gemacht, die er später nicht mehr korrigieren konnte.

Zurück zur Achse: Was Florian Schnorrenberg geändert hat

Sein Nachfolger wurde Ismail Atalan. Über das fünf Spiele andauernde Intermezzo Worte zu verlieren, lohnt kaum. Die Frage, was mit ihm möglich gewesen wäre, wenn Corona nicht dazwischen gekommen wäre, lässt sich nicht mehr beantworten. Offensichtlich waren jedoch auch in diesem Fall ziemlich wild erscheinende Wechsel in der Startelf. 

Dagegen gelang dem dritten Trainer der Saison, Florian Schnorrenberg, überraschend schnell der Umschwung. Was mutmaßlich auch daran lag, dass er sich auf die Stärken des HFC in der Vergangenheit besann. So spielte die Kompaktheit in seinen Überlegungen eine entscheidende Rolle. Deswegen wählte er ein 4-4-2 als Spielsystem. Zudem legte er sich mit seinem Amtsantritt auf eine Achse fest, die den Halleschen FC zum Klassenerhalt führen sollte.

Dafür beorderte er Sebastian Mai zurück in die Abwehr. Atalan hatte ihn im Mittelfeld spielen lassen. Unter Ziegner war Mai auch Abwehrchef – wurde aber bei jedem Rückstand nach vorne geschickt. Zulasten der defensiven Stabilität. Zudem waren auch Washausen und Lindenhahn, die zuvor kaum eine Rolle spielten, direkt gesetzt. Im Podcast Badkurvenversteher erklärte Schnorrenberg: "Washausen ist in unserem Kader der klassische Sechser. Er schließt Lücken und hält die Position. So gibt er uns Stabilität."

Wegen dieser Qualitäten sieht der Trainer auch über einige Stockfehler des Kapitäns im Aufbauspiel hinweg. Als Washausen zunächst gesperrt und dann verletzt ausfiel, versuchte ihn Schnorrenberg möglichst identisch zu ersetzen. Und kam dabei auf Jonas Nietfeld. Auch dieser Schachzug ging auf. Im Angriff setzt der Trainer in fast allen Spielen auf eine Doppelspitze aus Terrence Boyd und Baxter Bahn, auf den Außen wirbeln meist Pascal Sohm und vor allem Julian Guttau.

Eingespieltheit und Erfahrung

Florian Schnorrenberg wechselt nur, wenn es notwendig ist. In der Startelf, wenn er auf Sperren, Verletzungen oder die aktuelle Belastung reagieren muss. Und auch im Spiel tauscht er erst spät. Erfahrung und Eingespieltheit sind die Kriterien auf die er setzt. Im Training liegt der Schwerpunkt auf Regeneration und Standards. Acht Tore nach ruhenden Bällen erzielte der HFC in sieben Spielen unter Schnorrenberg. Eine sensationelle Bilanz.

Zudem hat er den Spielern vermittelt, geduldig zu bleiben. So lassen sie sich auch von Rückständen nicht aus der Ruhe bringen und behalten die Ordnung bei. So gelangen die Comebacks gegen Meppen und Jena. Unter Ziegner war das anders. Geduld und Gelassenheit fehlten dem HFC lange, genau wie stabile Achse. Florian Schnorrenberg hat all das wieder im Team etabliert. Und den Halleschen FC so zum Klassenerhalt geführt.

Oliver Leiste
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Oliver Leiste arbeitet seit Anfang 2015 bei MDR SACHSEN-ANHALT - mit dem Schwerpunkt Sport. Dabei begleitet er den Halleschen FC, den 1. FC Magdeburg und den SC Magdeburg durch alle Höhen und Tiefen. Zudem ist er immer auf der Suche nach spannenden Geschichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts. Während seines Anglistikstudiums in Leipzig und auch danach war er für die Mitteldeutsche Zeitung in Halle und Radio Mephisto 97,6 am Ball. Als gebürtiger Bernburger hat er in Sachsen-Anhalt schon vieles gesehen und noch lange nicht genug davon.

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Quelle: MDR/mm

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 02. Juli 2020 | 05:00 Uhr

4 Kommentare

revolvere vor 5 Wochen

zu ziegner ist von meiner seite nur soviel zu sagen,
dass er ein wenig durchdachtes spielsytem haben muss, wenn er sagt: ihm seien 5 zu 4 spiele lieber wie 1 zu 0 spiele. ganz einfach deshalb, weil man nicht jedes spiel 5 zu 4 spielen und auch nicht jedes spiel so gewinnen kann. es war mir einfach zu simpel, wenn er sagte: ich stelle den mai dahin, und dann machts bumm. denn schon im ersten jahr, ging dies eben nur bedingt auf, wer sich daran erinnert, wird das auch wissen.
gruss

revolvere vor 5 Wochen

naja, ich bin für schnorrenberg ein bisschen eingenommen, weil ich gebürtiger rand-darmstädter und wessi bin. ich war aber schon nach den ersten beiden spielen der überzeugung, dass er es schaffen wird mit dem hfc die klasse zu halten.
beim svd98 ist markus anfang der neue trainer, und glücklicherweise nicht ziegner. warum die sich mit grammozis nicht einigen konnten, ist mir, ehrlich gesagt, unverständlich. ich hatte denen auch mitgeteilt, was der quatsch soll. -
da kann man nix machen.

hettstedt vor 5 Wochen

Danke Schnorri !

Ob es Ziegner gepackt hätte, ist natürlich spekulativ.
Er passte von seiner Art prima zum HFC, und ein Großteil der Leute im Umfeld des Vereins haben sicherlich bedauert, dass er gehen musste...
Seis drum, jetzt ist noch wichtig ihn und Atalan von der Gehaltsliste zu bekommen bzw in anderer Funktion in den Verein einzubinden.

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