Integration Flüchtlinge im Salzwedeler Fußball: Eine Geschichte über Herausforderungen

Kulturelle Unterschiede und Sprachbarrieren – die Integration von Flüchtlingen in Sachsen-Anhalts Fußballmannschaften ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Ein Beispiel aus der Altmark beweist das. Es erzählt vom Scheitern und Neuanfang – und davon, welche Chancen es gibt.

Daniel George
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

von Daniel George, MDR SACHSEN-ANHALT

In einer Halle klatschen Fußballer mit Schiedsrichtern ab.
Das Team des SV Jeetze Salzwedel spielt in der Futsal-Regionalliga des Nordostdeutschen Fußballverbandes (NOFV). Bildrechte: MDR/Edgar Krug

Ein Beispiel für erfolgreiche Integration? Das ist für Holger Neumann ganz nah: "Bei uns im Betrieb hat ein Flüchtling gerade seine Ausbildung angefangen", sagt der Gründer eines Heizungs- und Energiegewinnungs-Unternehmens, während er an seinem Schreibtisch sitzt. "Der junge Mann kam über den Fußball zu uns. Es gibt also auch Positivbeispiele."

Aber auch negative. Das schwingt in seiner Aussage mit. Denn ein Integrationsprojekt beim SV Eintracht Salzwedel ist im vergangenen Jahr gescheitert. Die Geschichte des dortigen Flüchtlingsteams verdeutlicht, wie kompliziert die Integration von Flüchtlingen im Amateurfußball doch sein kann. Neumann ist Abteilungsleiter bei dem Klub. "Es gab einfach immer wieder Kommunikationsprobleme", sagt er im Blick zurück. Und: "Wenn du nicht die nötigen Leute hast, die sich darum kümmern, dann ist so ein Projekt einfach zum Scheitern verurteilt."

"Wir hätten einen Dolmetscher gebraucht"

2015 fing alles an, mit der Flüchtlings-Welle. Damals "kamen immer mehr Flüchtlinge auf uns zu und wollten Fußball spielen", erinnert sich Neumann. "Sie haben einfach eine Beschäftigung gesucht." Eintracht Salzwedel nahm die etwa 20 Männer auf und ließ sie als dritte Herrenmannschaft und reines Flüchtlingsteam im Spielbetrieb antreten. Der Altmarkkreis half mit Bussen aus, die die Spieler zu den Partien und zum Training brachten. Der Fußballverband Sachsen-Anhalt (FSA) und der Landessportbund (LSB) unterstützten das Projekt in seiner Anfangszeit mit Regenjacken und Bällen.

Es war schon schwierig für die Mannschaft. Insbesondere in den ländlichen Regionen schlug der Mannschaft nicht unbedingt eine Welle der Euphorie entgegen, was wahrscheinlich auch den politischen Rahmenbedingungen geschuldet war und ist.

Holger Neumann, Abteilungsleiter SV Eintracht Salzwedel

Zwei Saisons lang kickte die Truppe in der Kreisklasse, wurde 2018 sogar Meister, nahm das Aufstiegsrecht allerdings nicht wahr. Der Trainer hörte auf. "Die Kommunikationsprobleme waren zu groß", sagt Neumann. "Er wollte den Jungs ein paar Systeme vermitteln, aber es war schwierig, das rüberzubringen. Wir hätten eigentlich einen Dolmetscher gebraucht." Denn die wenigsten Spieler des Teams sprachen Deutsch.

Mohammad Sepehr Sadat, der bereits 2012 aus Afghanistan nach Deutschland geflüchtet war, übernahm das Training. Er sprach Deutsch, half den Spielern auch abseits des Platzes. "Das hat am Anfang auch hervorragend funktioniert", sagt Neumann. Aber: "Dann kamen einige neue Spieler hinzu und es gab Konflikte innerhalb der Mannschaft zwischen den einzelnen Nationalitäten." Die Meinungsverschiedenheiten seien am Ende mitentscheidend für die Auflösung gewesen, sagt Neumann.

Rassistische Beleidigungen auf den Dörfern

Eintracht Salzwedel sammelte Erfahrungen auf den Fußballplätzen. Neumann muss festhalten: "Es war schon schwierig für die Mannschaft. Insbesondere in den ländlichen Regionen schlug der Mannschaft nicht unbedingt eine Welle der Euphorie entgegen, was wahrscheinlich auch den politischen Rahmenbedingungen geschuldet war und ist." Es sei zu diversen rassistischen Vorfällen gekommen, so hätten es ihm die Spieler berichtet. Beleidigungen – von anderen Spielern, von Zuschauern. Die Schiedsrichter hätten weggehört.

Wie ein Flüchtling in Salzwedel unter falschem Namen kickte

Auch, wenn das Flüchtlingsteam des SV Eintracht Salzwedel nicht mehr besteht, verfolgt Holger Neumann den Werdegang der ehemaligen Vereinsmitglieder weiterhin. So wie den von Ebrima Jobé zum Beispiel – oder Jawo Bolly, wie sich der Flüchtling aus Gambia beim SVE vorstellte. Weil er auf Schleuser hörte, änderte er Namen und Alter, um bleiben zu können, so berichtet es Radio Bremen TV. In Salzwedel spielte er für die erste Mannschaft, ehe er zum FC Oberneuland wechselte. Die ganze Geschichte:

Neumann selbst war in den seltensten Fällen dabei. "Irgendwann hatte ich schon die Idee, jedes Spiel filmen zu lassen, so wie wir es bei unserer ersten Mannschaft in der Landesklasse phasenweise machen", sagt er. "Es waren ja immer nur Informationen Dritter, schwer nachzuvollziehen. Die einen haben es so geschildert, die anderen so." Am Ende sei auch hier Kommunikation der Schlüssel: "Wenn du dich gegenseitig nicht verstehst, dann wird in so einem emotionalen Sport wie Fußball auch schnell etwas missverstanden. Das hat sich meiner Einschätzung nach oft hochgeschaukelt."

Ein Paradebeispiel für Integration

Die ehemalige Flüchtlingsmannschaft des SV Eintracht Salzwedel hat inzwischen eine neue Heimat gefunden: Beim SV Jeetze Salzwedel spielen die Afghanen nun Futsal. Hallenfußball also. Und das erfolgreich: Nur einen Monat nach der Gründung stieg das Team in die Regionalliga auf. Trainer der Mannschaft: Mohammad Sepehr Sadat.

Der 23-Jährige kam vor sieben Jahren mit seiner Schwester nach Deutschland – und ist ein prima Beispiel für gelungene Integration. Sadat lernte die Sprache schnell, durch "den Fußball und Freunde", wie er sagt. Denn: "Im Flüchtlingsheim wird nur in der eigenen Sprache gesprochen, da lernst du nicht Deutsch." Sadat absolviert mittlerweile eine Ausbildung zum Physiotherapeuten, arbeitet zurzeit zudem als Praktikant im Krankenhaus Salzwedel. Das Futsal-Team des SV Jeetze trainiert er in seiner Freizeit – und spielt selbst noch mit.

Mohammad Sadat Flüchtling aus Afghanistan, Fußballer aus Salzwedel
Bildrechte: MDR/Sadat

Im Flüchtlingsheim wird nur in der eigenen Sprache gesprochen, da lernst du nicht Deutsch. Fußball hat mir geholfen, hier anzukommen.

Mohammad Sepehr Sadat aus Afghanistan

In seiner Heimat kickte Sadat sogar zweimal für die Jugendnationalmannschaft. Dann brach er sich das Sprunggelenk. Seine Karriere im Auswahlteam war beendet. 2015 machte er seine Trainerausbildung. "Fußball gehört einfach zu meinem Leben", sagt er. Und: "Fußball hat mir geholfen, hier anzukommen."

"Du bist als Pädagoge gefragt"

Genau wie Edgar Krug ihm geholfen hat. Der 61-Jährige engagiert sich seit Jahren im Salzwedeler Fußball – und setzt sich für Integration ein. Mit Mohammad Sepehr Sadat verbindet ihn eine enge Freundschaft. "Ich konnte damals, als ich hergekommen bin, kein Deutsch, hatte keine Freunde, kannte niemanden", sagt Sadat. "Eddi kam regelmäßig zu uns in die Gemeinschaftsunterkunft." Und er gründete beim BSV Salzwedel bereits damals eine Flüchtlingsmannschaft. Nun kamen Sadat und Krug gemeinsam auf die Idee, ein Futsal-Team zu gründen.

14 Spieler kicken beim SV Jeetze Salzwedel, alle stammen aus Afghanistan. Krug ist Betreuer des Teams. Für ihn geht es dabei um mehr als Fußball: "Wir haben eine sehr junge Mannschaft. Wir helfen den Jungs, erwachsen zu werden. Wir vermitteln ihnen auch Werte. Wir bringen ihnen bei, dass Frauen bei uns einen hohen Stellenwert haben, den gleichen wie Männer. Wir zeigen ihnen, dass das Gemeinwohl hier wichtig ist und was es bedeutet, in einer freiheitlichen Demokratie zu leben. Wir bringen sie auf den Weg, ein Teil der Gesellschaft zu sein."

Krug nennt ein kleines, alltägliches Beispiel: "Wir regen an, keine Schimpfwörter zu benutzen. Weder auf Deutsch, noch auf ihrer Muttersprache. Und wir gehen mit gutem Beispiel voran." Der 61-Jährige weiß, welche Herausforderungen die Integration von Flüchtlingen mit sich bringt. "Sie müssen sich mal die Narben angucken, die viele der Jungs vom Krieg haben. Sie haben einiges erlebt." Und sie stammen aus einer anderen Kultur. "Sie haben ganz andere Emotionen, gehen viel schneller hoch." Krug spricht offen darüber mit ihnen, sagt, dass das nicht geht. Sadat übersetzt. Und: "Wir sehen, dass sie Fortschritte machen."

Wir als ehemaliges DDR-Gebiet sind einfach nicht daran gewöhnt, dass Menschen mit einer anderen Hautfarbe oder anderer Herkunft hier leben. Im Westen war das ganz anders, da gab es viel früher Gastarbeiter zum Beispiel aus der Türkei oder Italien. Aber hier tut sich gerade meine, die ältere Generation noch schwer damit.

Edgar Krug, Betreuer beim SV Jeetze Salzwedel

Doch es stellt sich die Frage: Wirkt das Miteinander in einer Mannschaft, die ausschließlich aus Flüchtlingen einer Nation besteht, tatsächlich integrativ? Krug sagt: "Die Jungs, die bei uns zum Training kommen, gehen nicht auf die Straße, sie machen keinen Mist, sondern sind beim Training. Es muss sich einfach jemand um sie kümmern, darum, dass alle gleich behandelt werden."

Ein anspruchsvolle Aufgabe. "Du brauchst Menschenkenntnis, bist auch als Pädagoge gefragt, musst bei Konflikten vermitteln, musst Rücksicht auf religiöse und traditionelle Rituale nehmen", sagt Krug. Während der Fastenzeit zum Beispiel wird das Training ausgesetzt oder zumindest nicht so hart trainiert. "Wir reden offen darüber. Kommunikation ist das Wichtigste." Und die funktioniert beim SV Jeetze Salzwedel offenbar.

Futsal-Team des SV Jeetze Salzwedel
Das Futsal-Team des SV Jeetze Salzwedel (grüne Trikots) nach einem Testspiel gegen Acosta Braunschweig: Mohammad Sepehr Sadat (Mitte) und Edgar Krug (rechts außen) sind verantwortlich für das Team. Bildrechte: MDR/Krug

Spielabbruch nach Auseinandersetzung

Doch es gibt auch Rückschläge. Ein Landespokalspiel gegen Eintracht Magdeburg musste Mitte August vorzeitig abgebrochen werden. Ein Salzwedeler sah in der zweiten Halbzeit die rote Karte, zuvor hatte es bereits zwei gelb-rote Karten gegeben, eine weitere glatt rote folgte. Laut Altmark-Zeitung soll es zu einem tätlichen Angriff auf das Schiedsrichterkollektiv gekommen sein, später in der Kabine eine Auseinandersetzung zwischen einem Magdeburger und den Salzwedelern.

"Der Schiedsrichter hatte etwas gegen Ausländer und hat mir das auch gesagt", erzählt Mohammad Sepehr Sadat. "Auch zwei Spieler von Magdeburg haben uns die ganze Zeit beleidigt, gesagt, dass wir eh nicht in Deutschland bleiben dürfen." Als dann die aus ihrer Sicht unberechtigten Karten gezückt wurden, eskalierte die Situation. "Das war dann unser Verschulden. Da sind die Sicherungen bei einigen durchgebrannt", sagt Edgar Krug. Der SV Jeetze wurde vom Sportgericht zu einer Geldtsrafe verurteilt.

Die Absurdität des Ausländerhasses

Rassismus im Amateurfußball – was für Erfahrungen hat Mohammad Sepehr Sadat damit gesammelt? "Zum Glück nicht so viele", sagt der 23-Jährige. "Früher in meiner Klasse waren einige, die jetzt rechtsradikal sind. Das war irgendwie mein Glück", sagt er. Sein Glück? "Ja", sagt Sadat, denn: "Mit mir hatten sie nie ein Problem. Wir haben uns immer gut verstanden und verstehen uns auch heute noch." So nach dem Motto: Ausländer wollen wir hier nicht, aber du bist okay. Ein Beispiel, das die ganze Sinnlosigkeit und Absurdität des Rechtsradikalismus und des Ausländerhasses offenbart – und dass die These von Edgar Krug stützt, der sagt: "Wenn die Menschen miteinander reden und sich kennenlernen, bauen sich Ängste oder Vorurteile meist ganz schnell ab."

Rassistische Beleidigungen gegen ihn habe es wenn, dann nicht in Salzwedel, sondern auf den Dörfern gegeben, so Sadat. Und fast immer gingen diese von Zuschauern aus. Krug kann das nachvollziehen. "Wir als ehemaliges DDR-Gebiet sind einfach nicht daran gewöhnt, dass Menschen mit einer anderen Hautfarbe oder anderer Herkunft hier leben. Im Westen war das ganz anders, da gab es viel früher Gastarbeiter zum Beispiel aus der Türkei oder Italien", sagt der 61-Jährige. "Aber hier tut sich gerade meine, die ältere Generation noch schwer damit." Deshalb sagt er: "Wir müssen einfach daran arbeiten – und das geht nur gemeinsam."

Daniel George
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung.

Vom Internet und den neuen Möglichkeiten darin ist er fasziniert. Deshalb zog es ihn im April 2017 zurück in seine Heimatstadt, in der er seitdem in der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet – als Sport-, Social-Media- und Politik-Redakteur, immer auf der Suche nach guten Geschichten, immer im Austausch mit unseren Nutzern.

Quelle: MDR/dg

Zuletzt aktualisiert: 25. Oktober 2019, 15:43 Uhr

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