Interview Olympia-Siegerin Julia Lier: Wie es nach dem Karriereende weitergeht

Julia Lier ist eine Sportlerin, die alles erreicht hat: Ruder-Weltmeisterin und olympisches Gold. Nun hat sie überraschend ihr Karriere-Aus verkündet. Ein Interview über die Gründe und den weiteren Weg.

Olympiasiegerin Julia Lier präsentiert ihre Goldmedaille auf der Hubbrücke in Magdeburg.
2016 hat Julia Lier eine Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Rio gewonnen. Bildrechte: MDR/Olga Patlan

MDR SACHSEN-ANHALT: Julia Lier, noch vor wenigen Wochen wurden Sie verabschiedet fürs Team Tokio 2020 auf der großen Gala des Landessportbundes in Magdeburg. Jetzt kommt die Nachricht, dass Sie aufhören. Was ist passiert?

Julia Lier: Die Veranstaltung in Magdeburg fand ich wunderschön, aber ich hatte da schon ein nicht so optimistisches Gefühl, was die Zukunft angeht. Und dann habe ich mich über die Weihnachtsfeiertage mit meiner Familie und meinem Partner unterhalten und für mich den Entschluss gefasst.

Das ist Julia Lier

Julia Lier ist eine Ruderin aus Halle. Mit dem Rudern begann sie 2002 in der Merseburger Rudergesellschaft. Ihren ersten internationalen Erfolg feierte sie bei den Junioren-Weltmeisterschaften 2008, wo sie Gold im Doppelzweier gewann. Zu ihren größten Erfolgen zählt die Olympische Goldmedaille, die sie im Doppelvierer 2016 in Rio holte. Außerdem gewann sie die Weltmeisterschaft 2014 in Amsterdam im Doppelzweier sowie weitere Wettkämpfe.

Im November 2018 gab es nach einem Stützpunkttraining erste körperliche Probleme nach einer Überbelastung. Seit dem Sommer 2019 kämpft sie mit einer Rippenverletzung.

Was ist das für ein Gefühl?

Ich bin eigentlich sehr erleichtert. Weil ich schon in der Verletzungszeit immer darüber nachgedacht habe. Es war so ein schleichendes Ding. Und jetzt habe ich mich einfach damit auseinandergesetzt – vor allem über Weihnachten und Silvester. Und ich freue mich einfach, dass es jetzt raus ist, dass ich nicht mehr rumflunkern muss und alle Bescheid wissen.

Wenn Ihr Boot sprechen könnte, was würde es Ihnen sagen?

Ich glaube mein Boot wundert sich, warum es gerade einstaubt und nicht in der Weltgeschichte unterwegs ist. Eigentlich wären jetzt die ganzen Überfahrten in Trainingslager in wärmeren Regionen angesagt. Aber ich denke, mein Boot wird schon noch weitergenutzt werden, entweder von anderen Sportlern oder von mir im Sommer.

Gibt es so etwas wie "Ihr Boot"?

Es ist Vereinseigentum, von daher kommt's dem Verein zu Gute und Nachwuchsathleten haben Anspruch darauf, wenn sie Perspektiven vorweisen können.

Mit einem Augenzwinkern gefragt: Gibt es in dem Boot irgendeine Delle, von der nur Sie wissen?

(Lacht) Ja, es gibt schon so zwei kleine Macken. Das passiert natürlich ganz schnell mal, dass man irgendwo mal aneckt und dann gibt's eine Schramme. Aber ich bin eigentlich gut mit meinem Boot umgegangen, große Löcher sind da nicht zu finden.

Mareike Adams und Julia Lier (von vorne) im Doppelzweier
Julia Lier (hinten) und ihre Partnerin Mareike Adams bei der Europameisterschaft 2016 in Brandenburg an der Havel. Bildrechte: IMAGO

Jetzt gucken wir mal nach vorn. Die Physiotherapeutin-Ausbildung hatten Sie abgeschlossen. Ist es von Vorteil, dass Sie Ruderin sind?

Ruderin Julia Lier
Julia Lier während des Interviews am Freitagmorgen. Bildrechte: MDR/Fabian Brenner

Es hat mir natürlich Vorteile verschafft, in dem ich einfach meinen Körper gut einschätzen kann und weiß, welche Muskeln welche Bewegungen machen, weil ich selber es selbst schon gespürt habe, ich ein gutes Körpergefühl schon von vornherein vorgegeben habe. Und das kann ich natürlich den Patienten auch möglichst gut beschreiben und weitergeben.

Und ich möchte mich jetzt auch weiterbilden. Ich habe Dank des Berufsförderungsdienstes der Bundeswehr die Heilpraktiker-Ausbildung begonnen. Ich möchte einfach mehr über den Körper erfahren und die Zusammenhänge besser verstehen, wie zum Beispiel Erkrankungen entstehen und was die Psyche für Auswirkungen hat.

Wie ist es denn jetzt: Von der Leistungssportlerin mit einem straffen Zeitplan zur Schulbank?

Es holt mich eigentlich extrem runter. Ich bin jetzt wie ein Student, das hatte ich so noch nicht – dieses normale Leben in Anführungsstrichen. Mein Alltag war sehr durchstrukturiert. Und ich hatte weniger Zeit für die Schule. Und da danke ich auch nochmal der Berufsbildenden Schule in Halle, die mich mit meiner Physio-Ausbildung unterstützt hat. Denn es war nicht so einfach, das Lernen im Trainingsalltag unterzubekommen. Und jetzt ist es ganz anders.

Steht jetzt irgendwas im Kühlschrank, was Sie sonst nie essen oder trinken durften?

Da ändert sich eigentlich nichts. Ich möchte meine bewusste Ernährung und Lebensweise beibehalten, weil ich finde, dass mir das gut tut. Und ich möchte auch ein Beispiel sein und andere motivieren.

Und wenn die Schule abgeschlossen ist, kommt auch die Familienplanung?

Ich freue mich jetzt einfach, dass ich mehr Zeit mit meiner Familie habe und noch mehr Zeit mit meinem Partner. Wir renovieren auch ein Haus und da wird viel neue Arbeit auf mich zukommen – und neue Erfahrungen. Und Familienplanung: Kann ich mir auch vorstellen.

Das Interview führte Stephan Michme.

Quelle: MDR/pat

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 10. Januar 2020 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Januar 2020, 14:31 Uhr

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