Dritte Liga "Aber Herr Bugar!" – über den DFB und seinen Fußballzirkus

Daniel George
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Der Deutsche Fußball-Bund will die Drittligasaison unbedingt fortsetzen – und macht Druck auf die Vereine. Warum sich der Verband mit seinem Handeln nur noch mehr entfremdet. Ein Kommentar.

Logo der 3. Liga auf einer Mauer mit Riss
Die dritte Liga ist zerstritten, die Zukunft ungewiss. Bildrechte: Collage: DFB / Colourbox.de / MDR

Etwas mehr als ein Jahr ist es her, dass Reinhard Grindel mehr oder weniger freiwillig Fußballgeschichte schrieb. Die Deutsche Welle wollte mit dem damaligen Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) über kritische Themen sprechen. Doch Grindel brach das Gespräch ab, weil ihm die Fragen missfielen. Der Versuch des Interviewers, ihn mit den Worten "Herr Grindel! Aber Herr Grindel!" zurückzuholen, bleibt unvergessen.

Nun kann niemand Erwin Bugar unterstellen, sich nicht gestellt zu haben. Nur das, was er verkündete, stand symbolisch für die Entfremdung des größten nationalen Sportverbandes der Welt. Und so drängte es einen, dem Überbringer der Botschaft zu sagen: "Herr Bugar! Aber Herr Bugar! Nun warten sie doch, bevor es zu spät ist!"

Wobei: Es ist längst zu spät.

Erwin Bugar, DFB-Vizepräsident 1 min
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MDR aktuell 21:45 Uhr Fr 08.05.2020 21:45Uhr 00:57 min

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"Rechtliche Konsequenzen" für die Klubs?

"Die dritte Liga wird auf jeden Fall spielen", erklärte Bugar, Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und Präsident des Nordostdeutschen Fußballverbands (NOFV), am Freitag im Video-Interview mit Sport im Osten. Und dann sagte der hauptberufliche Rechtsanwalt noch, "dass vielleicht – wenn jemand von den Vereinen nicht spielen will – das mit rechtlichen Konsequenzen geahndet werden könnte."

Ende April stimmten die Klubs der dritten Liga über eine Saisonfortsetzung ab. Zehn Vereine sprachen sich dafür aus, acht waren dagegen, zwei enthielten sich. Für den DFB war das in seinem entkoppelten Kosmos offenbar eine eindeutige Handlungsempfehlung, alles für eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs zu tun.

Oder waren es doch die mehreren Millionen Euro, die dem Verband durch einen Abbruch der Saison verloren gehen würden? Der DFB macht jedenfalls Druck. Nun auch durch die Statements von Erwin Bugar, der aus dem Bundesland stammt, aus dem bislang der größte Widerstand kam. Fußball ist Politik.

Sachsen

FCM-Geschäftsführer Kallnik im Interview 22 min
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Sa 09.05.2020 15:51Uhr 21:58 min

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Lungenschäden? Offenbar halb so wild

Dass fast die Hälfte aller 20 Vereine sich seit Wochen für einen Abbruch aussprechen? Spielt offensichtlich keine Rolle. Bei einem der Klubs, dem 1. FC Magdeburg, sitzt Erwin Bugar übrigens im Ehrenrat. Das bietet Gesprächsstoff.

Dass Spieler sich Sorgen wegen erhöhter Ansteckungsgefahr und womöglich bleibender Lungenschäden nach einer Coronavirus-Infektion machen? Dass Sportmediziner vor einem hohen Verletzungsrisiko warnen? Offenbar halb so wild.

Dass es berechtigte Zweifel an der Umsetzbarkeit des Hygienekonzepts in der dritten Liga gibt? Offenbar zu vernachlässigen. "Ob das nun eins zu eins übertragbar ist, das ist erstmal dahingestellt", so Bugar zum Unterschied zur ersten und zweiten Bundesliga.

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) sitzt während der Landtagssitzung mit einer Gesichtsmaske auf der Regierungsbank. 54 min
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MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir Fr 08.05.2020 13:14Uhr 53:35 min

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Manche Vereine spielen alles oder nichts

Verständlich, dass Vereine wie Rostock oder 1860 München noch berechtigt auf einen Zweitliga-Aufstieg hoffen und deshalb unbedingt weiterspielen wollen. Auch wenn der sportliche Wert fragwürdig ist.

Doch diese Idee mutet wie alles oder nichts an: Erhebliche Summen investieren und auf Zuschauereinnahmen verzichten, um die Saison fortzusetzen und vielleicht in den TV-Geld-Heiland namens zweite Bundesliga aufzusteigen – oder krachend zu scheitern und auf die Gnade des DFB im schlimmsten Fall, dem Insolvenzfall hoffen.

Seriös wirtschaftende Vereine wie der 1. FC Magdeburg oder der Hallesche FC werden gestraft. Denn setzen sie die Saison fort, steigen sie vielleicht nicht nur ab, sondern verlieren auch noch hunderttausende Euro. Sie werden ins Risiko gezwungen. Konkrete Hilfskonzepte des DFB sind für diesen Fall nicht in Sicht.

Die Suche nach dem Geistermeister

Die dritte Liga gilt schon lange als Pleiteliga. Hätten der Deutsche Fußball-Bund und die Deutsche Fußball-Liga, die für die erste und zweite Bundesliga zuständig ist, in der Vergangenheit die gleiche Solidarität wie nun beim Drängen auf eine Fortsetzung der Saison an den Tag gelegt, wäre das wohl anders.

In meinem Fußball-Bekanntenkreis freut sich niemand auf den Neustart der Saison. Die Ligen suchen ihre Geistermeister. Im Stadion darf kein Zuschauer sein. Vor dem Fernseher fühlt sich alles anders an. So richtig Lust auf Fußball hat gerade kaum jemand. Doch auch das ist egal. Der Zirkus muss weitergehen. So will es der DFB.

Daniel George
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Über den Autor Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung.

Vom Internet und den neuen Möglichkeiten darin ist er fasziniert. Deshalb zog es ihn im April 2017 zurück in seine Heimatstadt, in der er seitdem in der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet – als Sport-, Social-Media- und Politik-Redakteur, immer auf der Suche nach guten Geschichten, immer im Austausch mit unseren Nutzern.

Quelle: MDR/dg

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 09. Mai 2020 | 19:00 Uhr

13 Kommentare

Banne vor 19 Wochen

Das gespaltene Verhältnis zwischen Fans und dfb wird mit solchen Aussagen,wie von Herrn Bugar und das ganze Verhalten des DFB noch größer werden!!Was"Fan aus Bayern" sagt,ist genau so !Deshalb sollten die Fans aller Vereine denen da oben die Stirn zeigen!!Der Satz der zur Wende schon aktuell war_Wir sind das Volk-sollten wir in Anlehnung zur derzeitigen Situation in "Wir sind die Fans"jetzt verwenden! Wir sollten der Politik und dem DFB Zeigen Ohne uns geht gar nichts !!!

FAN aus Bayern vor 19 Wochen

Ein sehr guter Kommentar, der wirklich sehr zurückhaltend geschrieben ist. Herr Bugar baut eine Drohkulisse auf. Hier sollte dem ganzen Treiben Einhalt geboten werde. Die Verantwortlichen beim 1. FCM sollten die Person Bugar aus dem Verein und dem Ehrenrat entfernen. Und zwar sofort. Im übrigen ist laut DFB.de der Herr Bugar für den Bereich Sportmedizin zuständig und schickt die Spieler wissentlich in eine gesundheitliche Gefahr. An alle Vereine in Ost, West, Nord und Süd. Wacht endlich auf und wehrt euch gegen die Funktionäre die euch in den Ruin (nicht nur in den finanziellen) treiben wollen. Und wir als Fussballfans sollten mit Ablehnung und Protesten (in der derzeitigen Situation mit den gebotenen Vorkehrungen) reagieren. Leider sehen das zuviele noch anders. Aber was nicht ist kann ja noch werden.

Norbert B. vor 19 Wochen

Teil2:
... Jetzt werden die Tests aus dem "Solidartopf" bezahlt (und nicht nur die Tests der Drittligisten, nein auch die Tests in der Frauenbundesliga sollen davon bezahlt werden) und das Geld soll in Raten nach absolvierten Spielen ausgezahlt werden! Und um das Drohszenario noch ein bissel zu verstärken, wird schon mal mit rechtlichen Konsequenzen wie Punktabzüge oder eine Spielwertung gegen den nicht spielwilligen Club gedoht. Natürlich ist das "...erstmal nur ins Auge gefaßt". Ja nee, is klar! Daß der ein oder andere Verein nicht "...nicht spielen will.." sondern nicht spielen kann, weil es die lokale Politik untersagt bzw. er das von der DFL abgekupferte "Hygienekonzept" nicht umsetzen kann ohne sehenden Auges direkt in die Insolvenz zu steuern, wird geflissentlich unterschlagen.
Ich kann momentan gar nicht so viel k... wie mich dieser Verband anwiedert!"


Leider war für das gesamte Zitat in einem Post nicht genügend Platz. Ich hoffe der MDR läßt es trotzdem durchgehen.

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