Magdeburger Fanchoreografie: 'Sobald du nach uns rufst - wir stehen bereit'
Der "Block U" eröffnete das Ost-Duell mit einer großen Choreografie. Bildrechte: IMAGO/Contrast

Parlamentarische Beobachterin bei FCM gegen Dynamo Mit neongelber Weste in den Ultra-Block

Erstmals wurde beim Hochsicherheitsspiel zwischen dem 1. FC Magdeburg und Dynamo Dresden eine Landtagsabgeordnete als Beobachterin eingesetzt. Eine Geschichte über das zerrüttete Verhältnis zwischen Fans und Polizei und eine Politikerin dazwischen.

von Daniel George, MDR SACHSEN-ANHALT

Magdeburger Fanchoreografie: 'Sobald du nach uns rufst - wir stehen bereit'
Der "Block U" eröffnete das Ost-Duell mit einer großen Choreografie. Bildrechte: IMAGO/Contrast

Nur noch knapp zwanzig Minuten bleiben bis zum Anpfiff und eine Magdeburger Schnauze verzweifelt. "Sajen se mal, nur ne janz kurze Fraje, ick weeß nich weiter", sagt der Mann mittleren Alters und zeigt auf seine Eintrittskarte. "Wenn ick hier in den Einjang jehe, komm ick denn drinnen rüber in meenen Block oder muss ick woanders rin?" 

Die Dame mit der neongelben Warnweste begutachtet das Ticket und hebt kurz ihren Blick, ehe sie antwortet: "Ich glaube schon, aber schauen Sie mal, da drüben am Zaun hängt eine Übersicht mit den Blöcken und Eingängen. Da gucken wir mal." Und dann gucken sie, finden eine Antwort und verabschieden sich. "Ick danke Ihnen", sagt der zufriedene Fan des FCM. "Sehr gerne, viel Spaß beim Spiel", entgegnet die Helferin.

Was die Magdeburger Schnauze nicht weiß: Diese Frau ist gar keine Ordnerin beim Heimspiel des 1. FC Magdeburg gegen Dynamo Dresden. Sie ist Politikerin und sitzt für die Linke im Landtag von Sachsen-Anhalt. Auf Einladung der Fanhilfe Magdeburg bewegt sie sich an diesem Samstagmittag als parlamentarische Beobachterin im Rahmen des Zweitligaspiels rund um und in der MDCC-Arena. Ihre Rolle ist ein Novum im deutschen Fußball, oder? "Das habe ich auch gehört, lässt sich aber wohl nicht komplett nachvollziehen", sagt sie. "Ist mir aber auch egal. Ich versuche einfach, mir das bestmögliche Bild zu machen."

Das Desaster 2016 ist noch präsent

Es gibt keine Stellenbeschreibung für das, was Kristin Heiß beim Aufeinandertreffen zwei der lebendigsten Fanszenen Deutschlands tut. "Es weiß keiner so richtig, wie ich mich verhalten soll", gibt die 35-Jährige auf dem Weg in den Gästebereich zu. Aber sie lebt in Magdeburg, sie war schon das ein oder andere Mal im Stadion, sie hat früher selbst Fußball gespielt. Sie ist jugendpolitische Sprecherin und die Ultrakultur ist auch eine Jugendkultur. Deshalb macht sie das hier. "Ich habe vorher erstmal mit allen telefoniert: Die Polizei rief mich an, die Fanprojekte riefen mich an, ich habe auch selber mit dem FCM nochmal Kontakt aufgenommen. Die waren alle ganz nett und zugänglich. Es hat aber keiner gesagt: Mach mal das, mach mal dies. Das ist so ein Learning-by-doing-Ding." Sie will alle einmal im Blick haben. Auch wenn ihr klar ist, dass sie nicht überall sein kann: die Fans aus Magdeburg, die Fans aus Dresden, die Sicherheitskräfte, die Polizei.

Kristin Heiss
Bildrechte: MDR/Daniel George

Wenn es für neutrale Personen wie mich No-Go-Areas im Stadion geben würde, wäre das ein großes Problem.

Kristin Heiß, parlamentarische Beobachterin

Startpunkt Gästebereich. Einlass der Dynamo-Fans. Hier hatte es beim letzten Aufeinandertreffen 2016 massive Probleme gegeben: Tumulte, zahlreiche Verletzungen, Hausverbote. 700 Fans aus Dresden wurden nicht ins Stadion gelassen. Es war das Spiel, in dem sich Dynamo den Aufstieg in die zweite Bundesliga sicherte. Historisch. Emotional. Muss man dabei gewesen sein. "Viele Fans fühlten sich um dieses Erlebnis gebracht, das steckt bei einigen noch tief drin", erzählt ein Vertreter der Schwarz-Gelben Hilfe, der Fanhilfe aus Dresden, als er zwei Stunden vor dem Spiel mit Kollegen der Fanhilfe Magdeburg und Beobachterin Heiß auf dem kleinen Nebenplatz hinter der MDCC-Arena steht. Von dort gelangen die Gästefans zum Stadion. Doch schon zu diesem Zeitpunkt – der harte Kern der Dynamo-Ultras ist bereits problemlos ins Stadion gekommen – kann er schmunzelnd sagen: "Das Sicherheitskonzept der Fans geht auf."   

"Ich bin hier, um neutral zu sein"

Das Verhältnis zwischen Fans und Polizei ist zerrüttet. Zuweilen kommt ihre Kommunikation wie ein einziges Missverständnis daher. Trotzdem haben sie sich gemeinsam an einen Tisch gesetzt vor diesem Hochsicherheitsspiel. Auch Verantwortliche beider Vereine waren dabei. Dynamos Fanvertreter beklagen jetzt jedoch, dass der für den Einsatz zuständige Polizeiführer bei der letzten Beratung gefehlt hätte. Das könne nicht sein, man brauche einen Ansprechpartner, ein Gesicht vor Augen, heißt es von Fanseite.

Es sei lange kommuniziert worden, dass der Polizeiführer an diesem Termin aufgrund einer wichtigen polizeiinternen Abstimmung mit Blick auf das Spiel verhindert war, sagt Polizeisprecher Frank Küssner stattdessen. Auch er hat im Vorfeld den Kontakt zu Kristin Heiß gesucht, sie treffen sich vor dem Spiel kurz zum Gedankenaustausch. Mehrere Hundertschaften aus vier Bundesländern sind vor Ort – Wasserwerfer und Polizeihubschrauber inklusive. Küssner sagt: "Für uns ist das nichts ungewohntes, aber es geht bei den Einsatzkräften an die Substanz. Vielleicht beweisen uns die Fans heute ja, dass wir das polizeiliche Aufgebot künftig reduzieren können."  

Kristin Heiß spürt schnell, dass beide Parteien, ob bewusst oder unbewusst, versuchen, sie ein bisschen auf ihre Seite zu ziehen. Aber: "Ich bin hier, um neutral zu sein", sagt sie. Das gilt in einem Fußballstadion sonst nur für Journalisten und die Unparteiischen.

Kristin Heiss
Kristin Heiß im Gespräch mit Polizeisprecher Frank Küssner (l.). Auch das Medieninteresse an ihrer Arbeit war enorm. Bildrechte: MDR/Daniel George

"Muss das denn sein?"

Strammen Schrittes marschiert die Beobachterin einmal zum Gästeparkplatz und wieder zurück zum Einlassbereich. Die Polizisten halten sich unbehelmt im Hintergrund. Auch die Wasserwerfer parken nicht in Sichtweite. Beide Fanhilfen loben diese Maßnahmen der Deeskalation und das Fehlen der "sonst leider üblichen Drohkulisse". Die meisten Gästefans sind sehr frühzeitig mit dem Auto angereist, haben sich an die von Fanprojekten und Polizei empfohlenen Routen gehalten. Für die Zugfahrer gab es auf Ansinnen des FCM sogar Shuttlebusse. Zuletzt mussten Anhänger der Gäste mit Polizeibegleitung vom Bahnhof zum Stadion laufen. Diesmal zielt auch diese Maßnahme auf Deeskalation. 

Kristin Heiß sagt am Gäste-Einlass: "Alles sehr ruhig hier." Nur drei Sachen fallen ihr negativ auf. Erstens: "Die Gästefans müssen über ein kleines Geländer steigen, um zum Einlass zu kommen. Das ist nicht optimal." Zweitens: "Hier liegen die leeren Flaschen einfach so auf dem Rasen, vor dem Heimbereich standen Einkaufswagen, wo sie entsorgt werden können. Das ist besser." Und drittens: "Da haben gerade zwei Männer mitten auf den Rasen gepinkelt. Muss das denn sein?"    

Dynamofans im Gästeblock ; 1. FC Magdeburg - SG Dynamo Dresden
Der Gäste-Block in der MDCC-Arena: 2.300 Dynamo-Fans waren dabei. Bildrechte: IMAGO/Dennis Hetzschold

Mitten in den Ultra-Blöcken

Ihre Weste ist bewusst gewählt. Und sie ist mit dem Schriftzug "Parlamentarische Beobachterin" selbstgemacht. "Schnell am Tag vor dem Spiel, mit der Hilfe meines Mannes", verrät Heiß, die in ihrem Neongelb auffällt. Die Fanhilfen hätten ihr deshalb auch geraten, lieber keine Weste zu tragen. Aber: "So bin ich klar zu erkennen. Die paar dummen Sprüche, die es so gibt, sind im Rahmen. Ich fühle mich mit der Weste gut", sagt Heiß, ehe sie den Gästeblock wenige Minuten vor dem Anpfiff betritt. 

Ganz allein im Fan-Heiligtum, nur in Begleitung eines Journalisten – bei Ultras ist das nicht die beliebteste Kombination. Und nicht die ungefährlichste. Doch wie selbstverständlich quetscht sich Heiß an den 2.300 Gästefans vorbei bis ganz nach oben unters Dach. Da habe sie schließlich den besten Überblick. Also hoch, Treppen steigen. "Wenn es für neutrale Personen wie mich No-Go-Areas im Stadion geben würde, wäre das ein großes Problem", sagt sie. Doch unter den Dynamo-Fans bleibt alles entspannt. "Es kommt immer darauf an, wie du den Leuten entgegentrittst", sagt sie. "Wenn du freundlich bist und auch mal einen lockeren Spruch machst, dann passt das schon." 

Ein paar Minuten später, der FCM liegt bereits mit 0:1 zurück, passt das dann nicht mehr. Heiß versucht, auf der anderen Seite des Stadions in den "Block U" zu gelangen. Doch der Zutritt wird ihr von einem einzelnen Fan zunächst verwehrt. Erst nachdem sich ein anderer Ultra für sie einsetzt, darf die Beobachterin passieren und sich auch auf der Nordtribüne frei bewegen. Auch dort keine Auffälligkeiten. Während des Spiels, Heiß hat mittlerweile auf der Pressetribüne Platz genommen, werden im "Block U" mehrere Dynamo-Banner angezündet. Der Dresdner Vorsänger nutzt zur Einstimmung kurz darauf eine Trillerpfeife. Beide Aktionen Geplänkel, das sich noch im Rahmen bewege, schätzen Fanvertreter später ein. Ein bisschen Rebellion müsse eben doch sein.  

Dresdener Fahnen Trophäen brennen im Magdeburger Fanblock während des Spiels / Bengalo bengalisches Feuer Pyrotechnik / 2.Bundesliga Herren DFL / Saison 2018/2019 / 06.10.2018 / 1.FC Magdeburg FCM vs. SG Dynamo Dresden SGD
Im "Block U" wurden Dynamo-Banner angezündet. Bildrechte: IMAGO/Contrast

Der Wunsch nach Normalität

Ultras und Polizei haben sich, so hat es den Anschein, aufeinander zubewegt – zumindest für diese eine Partie. Das Engagement aller Seiten und der Fokus der Öffentlichkeit hat diesmal für ein friedliches Ost-Duell gesorgt. Auch die Präsenz der parlamentarischen Beobachterin war wichtig, sagen beide Fanhilfen. Sie wollten so wohl auch Druck auf die Polizei aufbauen, setzten sich und ihre Fanszenen so aber auch selbigem aus. Beide Lager wollten keine Fehler machen, denn eine neutrale Beobachterin schaute zu. Der Plan hat funktioniert. Für den Moment. Was davon bleibt, ist ungewiss – ob es in Zukunft erneut eine parlamentarische Beobachterin geben wird, ebenfalls. "Die Initiative müsste wieder von den Fanhilfen kommen", sagt Kristin Heiß.

Die Magdeburger Fanhilfe erklärt nach dem 2:2 jedenfalls: "Wir haben selten trotz aller Rivalität einen solch entspannten Spieltag erlebt. Wir sind auf einem guten Weg und wünschen uns, dass das Normalität wird." Auch die Abreise der Gästefans verläuft reibungslos. 

Das Spiel ist mittlerweile eine halbe Stunde alt und das Stadion leert sich. Der Fußball-Tag von Kristin Heiß endet am Haupteingang. Und zwar so, wie er begonnen hat. "So wie es heute von allen Seiten gelaufen ist, hat man es sich gewünscht", bilanziert sie gerade, da kommt ganz aufgeregt ein junger Mann, angezogen von ihrer neongelben Weste, daher: "Sagen Sie, wo kann ich denn hier diese Getränkekarte entwerten lassen? Da vorne an dem Stand haben sie mir gesagt, ich solle die Ordner hier fragen, da geht das nicht. Wo geht das denn dann? Wissen sie das?"    

Daniel George
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung als Sportredakteur und berichtete hauptsächlich über die besten Fußballklubs Sachsen-Anhalts: den 1. FC Magdeburg und den Halleschen FC.

Vom Internet und den neuen Möglichkeiten darin ist er fasziniert. Deshalb zog es ihn im April 2017 zurück in seine Heimatstadt, in der er seitdem in der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet – als Sport- und Social-Media-Redakteur, immer auf der Suche nach guten Geschichten, immer im Austausch mit unseren Nutzern.

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Quelle: MDR/dg

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 06. Oktober 2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Oktober 2018, 18:06 Uhr

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8 Kommentare

08.10.2018 01:07 Torsten Pabst 8

Komisch, von dem Angriff auf den Parkplatz der Gästefans wurde nichts berichtet! Dabei wurde mindestens eine Polizistin verletzt, auch ein Krankenwagen fuhr vor!
Wenn das nun wieder die Dresdener gewesen wären, das Gesülze kennen wir, scheiß zweierlei Maß immer!

08.10.2018 20:20 Olli 7

Magdeburger Schnauze ??? Das war wohl er ein Berliner oder Brandenburger.

07.10.2018 18:44 Gittan 6

Ich habe noch nie einen Magdeburger in solch sprachlichem Wirrwarr daherreden hören, wie Sie es hier schlecht erfunden haben. Diese gequälte Originalität ist peinlich. Schade, sonst ein lesenswerter Beitrag.