Großer Aufwand, wenig Förderung Wie Sachsen-Anhalts Sportstars um Olympia kämpfen

Wenn Topathleten bei Olympia um Medaillen kämpfen, haben sie bereits einige Hürden überwunden. Denn sie müssen sich zu Hause nicht nur mit der Konkurrenz, sondern auch mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten auseinandersetzen.

Holger Pakendorf, Leiter des Sportressorts von MDR SACHSEN-ANHALT
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

von Holger Pakendorf, MDR SACHSEN-ANHALT

Collage mit den Sportlern Maximilian Planer, Julia Lier und Florian Wellbrück.
Die Sportler Maximilian Planer, Julia Lier und Florian Wellbrück (Collage) Bildrechte: IMAGO/MDR

Lohnt sich Leistungssport noch?

Die Freude ist groß, wenn Athleten wie die Ruderer Julia Lier und Max Planer oder der Schwimmer Florian Wellbrock bei Olympischen Spielen, Welt- oder Europameisterschaften Medaillen gewinnen. Erfolg braucht jedoch viel mehr als nur das eine gute Rennen. Vor dem Edelmetall kommen harte Trainingsarbeit und Schmerzen. Die Disziplin der Sportler ist ebenfalls gefragt.

Und ohne Hilfe kann niemand triumphieren. Denn neben dem eigenen Engagement der Athleten sorgt ein Team von Trainern und Ärzten bis hin zu Physiotherapeuten, die eigene Familie, DOSB, Sporthilfe, Sponsoren und Vereine dafür, den Weg zur Medaille zu ebnen.

Damit eine Medaille überhaupt in Reichweite kommt, sind beispielsweise in olympischen Sportarten wie Rudern oder Schwimmen große Trainingsumfänge zu absolvieren. Parallel zum Training läuft meistens die Schule, die Ausbildung oder das Studium. Zwölf-Stunden-Tage sind keine Seltenheit, mehr als 70 Stunden pro Woche fast Normalität. Doch finanziell lohnt sich der Aufwand – selbst für Topathleten – oft nicht.

Sportler bekommen nicht mal Mindestlohn

Die Deutsche Sporthochschule Köln (DSHS) hat im Auftrag der Deutschen Sporthilfe eine Umfrage unter Leistungssportlern durchgeführt, was Sporthilfe-geförderte Athleten alles leisten müssen und was sie dafür bekommen. Demnach verdient ein Spitzenathlet in einer olympischen Sportart in Deutschland im Schnitt 7,41 Euro pro Stunde.

Der aktuelle gesetzliche Mindestlohn in Deutschland liegt bei 9,19 Euro pro Stunde. Laut der Studie verzichten die Athleten im Alter zwischen im Alter von 18 bis 30 auf ein Bruttoeinkommen von insgesamt 57.990 Euro. Darin ist die fehlende Altersvorsorge noch gar nicht enthalten.

Sportförderung in Sachsen-Anhalt Der Olympiastützpunkt Sachsen-Anhalt betreut aktuell 120 Spitzensportlerinnen und Spitzensportler. 38 von ihnen erhalten 2019 eine Individualförderung. Aktuell stellt das Land für die Individualförderung jährlich 170.000 Euro bereit. Daneben leistet das Land auch Unterstützung für studierende Athletinnen und Athleten. Zehn Sportstipendien in einer Höhe von 300 Euro monatlich stehen bereit.

Daneben finanziert das Land Sachsen-Anhalt den Trainerpool jährlich mit ca. 3,1 Millionen Euro. Für Internate und Mensen stehen 2,54 Millionen Euro bereit. In das Projekt Talentfindung und Talentförderung im Landessportbund fließen ca. 95.000 Euro. Für pädagogisches Leistungssportpersonal werden 400.000 Euro und die hauptamtlichen Stützpunktleiter ca. 214.000 Euro aufgewendet. Die Landessportschule wird im Jahr 2019 mit rund 1,6 Millionen Euro unterstützt.

Seit 2017 bis zum 31. März 2019 haben Sachsen-Anhalter bei Welt- und Europameisterschaften in den olympischen Winter- und Sommerdisziplinen insgesamt 44 Medaillen gewonnen.

Interview mit Steffen Planer 16 min
Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT heute

Do 25.04.2019 13:22Uhr 16:04 min

https://www.mdr.de/sachsen-anhalt/sport/video-295388.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Leben für den Sport

Maximilian Planer vom Bernburger Ruderclub ist schon lange Leistungssportler. Er begann seine Sportlerlaufbahn als Fußballer, war Verteidiger. 2001 probierte es der Bernburger mit dem Rudern – und fand Spaß daran. Er wurde Landesmeister und deutscher Meister. Bereits 2008 triumphierte er mit dem Achter bei den Juniorenweltmeisterschaften. 2017 und 2018 siegte er bei den Europa- und Weltmeisterschaften im Deutschlandachter, dem Prestigeboot des Deutschen Ruderverbandes.

Eine Erfolgsgeschichte, für die er immer wieder sein Journalistik-Studium unterbricht, damit genug Zeit zum Training bleibt. Schließlich will er bei Olympia oder Weltmeisterschaften dabei sein. Ohne die intensive Unterstützung seiner Eltern würde er wohl nicht zu den Vorzeigeruderern aus Sachsen-Anhalt zählen.

Der Junge ist von Freitag bis Sonntag an jedem Wochenende in vollem Training. Da ist so ein Gang in ein Brauhaus oder eine Disko bis in die frühen Morgenstunden einfach nicht drin.

Steffen Planer, Vater von Achterweltmeister Maximilian Planer

In jeder deutschen Medaille stecken 25 Prozent Familie

Nach der Studie der DSHS Köln hat ein von der Sporthilfe geförderter Sportler in Deutschland im Mittel jährliche Bruttoeinnahmen von 18.680 Euro. Das sind 1.560 Euro pro Monat. Gefördert werden die Athleten mithilfe verschiedener Bundes- und Landesprogramme sowie über die Sporthilfe. Welcher Förderbetrag maximal möglich ist, ist nirgendwo erfasst. Hinzu kommt die Unterstützung von Angehörigen und Sponsoren. Laut der Studie kommen 25 Prozent aus privaten Quellen, sprich von Eltern, Verwandten oder Bekannten.

Natürlich haben die Sportler auch Ausgaben. Sie betragen im Durchschnitt 16.500 Euro im Jahr. Von denen entfallen 5.160 Euro auf die Ausübung des Sports, die aus eigener Tasche zu zahlen sind, da sie weder von Verbänden noch Vereinen übernommen werden. Der restliche Anteil sind Lebenshaltungskosten. Zum Sparen oder zur Altersvorsorge bleibt dabei wenig bis gar kein Spielraum.

Sportförderung in Großbritannien

In Großbritannien werden andere Wege der Sportförderung gegangen. Dort spielt das Athlete Personal Awards Programm (APA) eine zentrale Rolle. Es ist eine Art Athletendirektförderung. Damit soll für die Sportler eine ausreichende finanzielle Grundlage geschaffen werden, um im Hochleistungssport bzw. Nachwuchsleistungssport sorgenfrei aktiv sein zu können. Im aktuellen Olympiazyklus für die Olympischen Spiele in Tokio erhalten zum Beispiel aktuelle Weltmeister die höchstmögliche Förderung von 28.000 Pfund pro Jahr. Dies entspricht gut 32.000 Euro. Auch Athleten, die nur zur erweiterten Spitze ihrer Sportart gehören, erhalten deutlich mehr Förderung als ihre deutschen Kollegen.

Weitere Förderungen von Vereinen oder Sponsoren sind auch möglich. Bis zu einem Gesamteinkommen von rund 80.000 Euro pro Jahr inklusive der Gelder aus dem APA-Programm wird die Förderung nicht gekürzt.

Das britische System ist das Paradebeispiel schlechthin. Ähnlich wie in Neuseeland oder Italien geht der Ruderer dort in seinem Sport zur Arbeit. Er bekommt ein festes Gehalt, ist für die Rente abgesichert. Das ist ein riesengroßer Unterschied zu Deutschland.

Steffen Planer, Präsident Landesruderverband Sachsen-Anhalt

Weite Wege bis nach Tokio

Olympiasiegerin Julia Lier im Interview 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Do 25.04.2019 13:08Uhr 00:54 min

https://www.mdr.de/sachsen-anhalt/sport/video-295380.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Ruderolympiasiegerin Julia Lier von der Halleschen Rudervereinigung Böllberg/Nelson im SV Halle kennt inzwischen viele Seiten des deutschen Sportsystems. Weltmeisterin im Doppelvierer 2014, dann 2016 der bisherige Höhepunkt ihrer Sportlerlaufbahn: der Olympiasieg in Brasilien, ebenfalls im Doppelvierer. In Anschluss konzentrierte sich Lier zunächst auf ihre Ausbildung zur Physiotherapeutin, die sie im vergangenen Jahr abschließen konnte. Sie legte eine Wettkampfpause ein und sitzt seit Oktober 2018 wieder täglich im Boot.

Aktuell gehört Lier schon wieder zu den besten Ruderinnen in Deutschland. Bei den deutschen Kleinbootmeisterschaften Mitte April in Köln wurde sie Vierte. Nach Inkrafttreten der Leistungssportreform 2017 ist ihr hauptsächlicher Trainingsort allerdings nicht mehr Halle, sondern Berlin.

14 Bewerberinnen für sieben Plätze

Insgesamt 14 Frauen aus allen Teilen der Bundesrepublik trainieren jede Woche zusammen in der Hauptstadt. Für Lier heißt dies zusätzliche Kosten und Entbehrungen, die es bei ihrem Olympiasieg 2016 im Vorfeld noch nicht gab. Die Pendelei und den zweiten Wohnsitz nimmt sie auf sich – ohne die Sicherheit, bei den Olympischen Spielen 2020 auch dabei zu sein. In der olympischen Skullmannschaft sind für die drei Bootsklassen Einer, Doppelzweier und Doppelvierer lediglich sieben Plätze zu vergeben. Die Hälfte der Berliner Trainingsgruppe wird es also nicht nach Tokio schaffen. Dennoch stellt sie sich der Quälerei.

Wir müssen die finanziellen Kosten stemmen. Wir müssen in Berlin das zweite Standbein haben, eine zweite Wohnung. Wir haben Fahrtkosten. Wenn wir zwischendurch nach Hause wollen, dann pendeln wir halt und das sorgt regelmäßig noch einmal für Stress.

Julia Lier, Ruderolympiasiegerin 2016

Wellbrock fiel durch das Raster

Europa- oder Weltmeister werden und vielleicht irgendwann einmal Olympiasieger: Das ist ein langer, harter Weg. Das weiß auch Florian Wellbrock. Der 21-Jährige begann in Bremen mit dem Schwimmen und musste wie Lier seine Heimat verlassen. Er fand in Magdeburg ein sportliches Zuhause.

transparent

Do 25.04.2019 13:09Uhr 00:14 min

https://www.mdr.de/sachsen-anhalt/sport/video-295386.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Bei ihm gestaltet es sich so, wie es im deutschen Sportsystem gar nicht vorgesehen ist. Er hat keine Jugendeuropameisterschaft mitgemacht im Beckenschwimmen, da war er zu schlecht. Dann bedeutet das eigentlich, er findet sich in dem Kadersystem nicht wieder und wird dann ausgemustert.

Bernd Berkhahn, Schwimmtrainer SC Magdeburg

Eigentlich hätte er aufgrund des vorhandenen Sportsystems im vergangenen Jahr gar nicht Europameister werden können. Zum Glück war eine schlechte Platzierung beim ihm nicht gleich der Schlusspunkt seiner Karriere. Wegen der hervorragenden Bedingungen am Schwimmstandort Magdeburg – dort gibt es mit guten Trainings- und Ausbildungsmöglichkeiten eine effiziente sportliche Infrastruktur – wechselte Florian Wellbrock von der Weser an die Elbe. Er kann inzwischen die Früchte seiner harten Arbeit ernten.

Azubi und Rekordjäger

Im letzten Jahr gewann er bei den Europameisterschaften einen kompletten Medaillensatz. 2019 ist er auf Rekordkurs. Seinen eigenen deutschen Rekord über 800 Meter Freistil unterbot er Mitte April in Stockholm um sagenhafte 2,57 Sekunden. 7:43,03 Minuten ist die neue gültige Bestzeit. Auch er verbringt im Durchschnitt 70 Wochenstunden mit Ausbildung, Sport und Wettkämpfen. Am Vormittag eine Ausbildung zum Immobilienkaufmann und anschließend Training bis zum Dunkelwerden.

Strapazen, die er gern in Kauf nimmt. Nur mit dem sportlichen Stundenlohn möchte er sich lieber nicht beschäftigen. Er hat zugleich das Glück, dass sein Trainer Bernd Berkhahn inzwischen der Schwimmbundestrainer ist. Anders als im Rudern, wo die Athleten aus Sachsen-Anhalt inzwischen nach Dortmund, Berlin oder Hamburg zum Training reisen müssen, hat Wellbrock seine Heimat in Magdeburg gefunden.

Florian Wellbrock
Florian Wellbrock verbringt pro Woche bis zu 30 Stunden im Wasser Bildrechte: IMAGO

Gehen uns bald die Medaillen aus?

Neben dem Geld spielen die Rahmenbedingungen im Spitzensport eine immer stärkere Rolle. Maximilian Planer zum Beispiel verließ Sachsen-Anhalt, um erfolgreich zu sein. Das deutsche Männerriementeam trainiert bereits seit mehr als einem Jahrzehnt zentral in Dortmund. Will man im deutschen Prestigeboot, dem Deutschlandachter, sitzen, ist Dortmund der Trainingsort. Im Bundesstützpunkt Rudern kann man sich täglich mit den besten Athleten messen, die einen Anspruch auf einem Platz im Deutschlandachter anmelden. In diesem Jahr sind es 24 Ruderrecken. Alle kommen zusammen, um sich gemeinsam schneller zu machen.

Interview mit Max Planer 1 min
Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT heute

Do 25.04.2019 13:09Uhr 00:43 min

https://www.mdr.de/sachsen-anhalt/sport/video-295382.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Nur dort konnte Planer seinen späteren Berufswunsch auch mit dem Leistungssport kombinieren. Ein Journalistik-Studium ist in der Nähe zum Trainingszentrum in Dortmund möglich. Seinen Traum, Olympia im Achter zu erleben, kann er sich nur dort erfüllen. 2020 in Tokio wäre für den 28-Jährigen voraussichtlich die letzte Chance dafür. Denn immer wieder rücken im Rudern starke Nachwuchssportler auf und machen den etablierten Athleten Druck. Für ihn ist der Leistungssport genau wie für Julia Lier oder Florian Wellbrock ein lohnenswertes Unterfangen, wenn man auf den Erfolg und nicht auf einen hohen Stundenlohn setzt. Darin sind sich die drei einig.

"Es ist spannend, was der Körper so vollbringen kann und was man erreichen kann", sagt Lier. Das Streben nach Zielen und die Erfüllung von Träumen treiben die drei Spitzenathleten an. Für sie ist der Leistungssport lohnenswert. Sie sind Vorbilder für die Jugend und belastbare Personen im späteren Berufsleben.

Ein Beruf für Idealisten

Auch wenn inzwischen viele Landes- und Bundesförderungen im Sport existieren, so ist der Beruf Leistungssportler in einer olympischen Sportart nach wie vor etwas für Idealisten, die sich am Erfolg und weniger an einer ausreichenden Altersvorsorge orientieren.

Leistungssportler in Deutschland haben es in zahlreichen olympischen Sportarten schwer, während ihrer Laufbahn ein berufliches Standbein aufzubauen und sich finanziell abzusichern, wenn zum Beispiel eine Verletzung alle Olympiaträume zunichte macht. Daher dürfte es künftig immer schwerer werden, Athleten zu finden, die sich für den Mindestlohn quälen, um vielleicht mal mit einer Medaille bei Welt- oder Europameisterschaften bzw. bei Olympischen Spielen glänzen zu können.

Holger Pakendorf, Leiter des Sportressorts von MDR SACHSEN-ANHALT
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Holger Pakendorf arbeitet seit 1999 beim MDR in Magdeburg. Der Diplom-Wirtschaftsjurist und Diplom-Sportjournalist hat als ehemaliger Leistungssportler in Sachsen-Anhalt selbst die Sportentwicklungen miterlebt. Als Videojournalist, Autor, Chef vom Dienst bei verschiedenen Sendungen und aktuell Leiter des Sportressorts von MDR SACHSEN-ANHALT ist er weiterhin hautnah dran, an den Veränderungen in der Sportwelt.

Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 29. April 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. April 2019, 17:21 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

1 Kommentar

29.04.2019 17:45 jackblack 1

Wenn man bedenkt, was Fussballer ERHALTEN dann kann man sich fast wundern, dass diese Sportler überhaupt fleissig trainieren. 20.000 für eine OLYMPIASIEG, das bekommt JEDER Bundesligaprofi ( Liga 1 ) IN DER WOCHE.

Mehr Sport aus Sachsen-Anhalt