Wie Fans den Club verändern Magdeburger Mädels: Die starken Frauen vom FCM

In den vergangenen Jahren haben immer mehr Frauen den Weg zum 1. FC Magdeburg gefunden. Ganz selbstverständlich begleiten sie den Club überall hin. Doch die Frauen unterstützen nicht nur ihren Fußballverein, sie verändern ihn auch in kleinen Schritten. MDR SACHSEN-ANHALT hat einige von ihnen beim FCM-Heimspiel gegen Fürth getroffen.

Oliver Leiste
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

von Oliver Leiste, MDR SACHSEN-ANHALT

Magdeburger Mädels
Michelle Peglow und Anna Grundig begleiten den 1. FC Magdeburg überall hin. Bildrechte: MDR/ Oliver Leiste

Es ist wohl eines der bekanntesten Fanlieder im Heinz-Krügel-Stadion und eines, das gerne mit besonderer Inbrunst vorgetragen wird: "Wir sind alle Magdeburger Jungs". Es beschwört den Zusammenhalt zwischen den Spielern auf dem Platz und den Zuschauern. Den männlichen vor allem. Doch in den vergangenen Jahren haben sich unter Jungs beim FCM auch immer mehr Frauen und Mädchen gemischt. Die Magdeburger Mädels, wenn man so will.

Gut ein Fünftel der Stadionbesucher bei FCM-Heimspielen in dieser Saison ist weiblich. Auch am Samstag bei der Partie gegen Fürth waren Hunderte von ihnen wieder da. Ganz selbstverständlich treffen sie sich mit ihren Freund*innen am Stadion, trinken Bier und fachsimpeln über die anstehenden 90 Minuten. Ein Problem damit scheint niemand zu haben. Auch bei den Männern nicht.

"Was willst du denn hier?"

Das war längst nicht immer so, erinnert sich Kerstin Deich. Die 52-Jährige geht seit über 40 Jahren zum Club. Als Achtjährige wurde sie von ihrem Vater mitgenommen. Vier Jahre später erlebte sie ihr erstes Auswärtsspiel. 1979 war das, beim FDGB-Pokalfinale in Berlin, wo der FCM den BFC Dynamo schlug.

Anschließend machte sich die jugendliche Kerstin immer öfter selbst auf den Weg. "Das war schon ein Einbruch in eine Männerdomäne und nicht von allen gerne gesehen", sagt sie rückblickend. "Ich war mal bei einem Spiel im Germer-Stadion. Ich bin sehr klein und habe versucht, etwas zu sehen. Da wurde ich zur Seite geschubst und es hieß, was willst du denn hier?" Das hat sich mittlerweile geändert. "Zum Glück", sagt Kerstin Deich.

Magdeburger Mädels
Kerstin Deich geht seit mehr als 40 Jahren zum FCM. Bildrechte: MDR/ Oliver Leiste

Veränderungen im neuen Jahrtausend

Besonders auffällig sei die Veränderung Anfang der 2000er gewesen, berichtet sie. In den Jahren davor hatte Deich Kinder bekommen und musste eine Zeit lang auf Stadionbesuche verzichten. Auch, weil sich ihr Mann auch nicht für Fußball interessierte. Doch ihr Sohn übernahm die Leidenschaft der Mutter.

"Als er alt genug war, konnte ich dann mit ihm offiziell wieder zu den Spielen fahren. Ohne schlechtes Gewissen für meinen Mann."  Und als Kerstin Deich zum FCM zurückkehrte, "waren da auf einmal viel mehr Frauen". Dadurch habe sich auch die ganze Atmosphäre verändert, erinnert sie sich.

Sie sind Magdeburger Mädels

Magdeburger Mädels
Die alten Stadien des 1. FC Magdburg konnten Melanie nicht begeistern. Doch seit 2006 die neue Arena eröffnet wurde, ist sie dort zu Hause. Auch auswärts begleitet sie den Club oft. Sollten die Magdeburger in die 3. Liga absteigen, hofft sie, "dass wir uns die blaue-weiße Tradition und den Zusammenhalt bewahren". Bildrechte: MDR/ Oliver Leiste
Magdeburger Mädels
Die alten Stadien des 1. FC Magdburg konnten Melanie nicht begeistern. Doch seit 2006 die neue Arena eröffnet wurde, ist sie dort zu Hause. Auch auswärts begleitet sie den Club oft. Sollten die Magdeburger in die 3. Liga absteigen, hofft sie, "dass wir uns die blaue-weiße Tradition und den Zusammenhalt bewahren". Bildrechte: MDR/ Oliver Leiste
Magdeburger Mädels
Die beiden Freundinnen Michelle (l.) und Anna sitzen im Heinz-Krügel-Stadion in unterschiedlichen Blöcken. Auswärts sind sie oft zusammen unterwgs. Dort müssen sich manchmal dumme Sprüche der Jungs anhören, was die beiden Schülerinnen nervt. Michelle: "Sie sollten akzeptieren, dass auch Frauen gern zum Fußball fahren." Bildrechte: MDR/ Oliver Leiste
Magdeburger Mädels
Trixi geht seit zehn Jahren zum FCM. Sie steht im Block U – neben Kindern, Frauen und Freunden. "Das ist wie eine kleine Familie", sagt sie. Ein Umfeld, dass man im Stimmungsblock des Magdeburger Stadions nicht unbedingt erwarten würde.

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Magdeburger Mädels
Diana geht seit gut zwei Jahren zum FCM. Vorher war sie oft verhindert, weil sie selbst als Fußballerin aktiv war. Trotz ihres vergleichsweise kurzen Fanlebens ist sie bei den Blau-Weißen bestens vernetzt und wurde inzwischen zur Präsidentin des Fanclubs "Sektion Twitter" gewählt. Bildrechte: MDR/ Oliver Leiste
Magdeburger Mädels
In über 40 Jahren beim 1. FC Magdeburg hat Kerstin viel erlebt. Sie kann sich noch gut an Zeiten erinnern, als Frauen beim Fußball nicht gern gesehen waren. "Das hat sich zum Glück geändert", sagt sie und freut sich, dass heute viele Frauen ins Stadion kommen. Bildrechte: MDR/ Oliver Leiste
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Offenbach verändert alles

Dieser Trend verstärkte sich mit der Neueröffnung des Magdeburger Stadions im Jahr 2006. So sagt Melanie Viohl: "Ich war schon als Kind fußballinteressiert. Ich war mal zu dunklen FCM-Zeiten im Grube-Stadion. Und auch einmal im Germer-Stadion. Aber das hat mir beides nicht zugesagt. Doch nachdem ich das erste Mal hier im Stadion war, war ich dann fast immer hier."

Doch weil der 1. FC Magdeburg in den Folgejahren chronisch erfolglos war, blieben die Zuschauer zunehmend weg. Auch die Frauen. Das änderte sich erst mit dem Drittligaaufstieg 2015. "Offenbach war das schönste was ich je erlebt habe", sagt Kerstin Deich, ohne eine Sekunde zu zögern.

Und während sich der Club wandelte, von Erfolg zu Erfolg eilte und sich schließlich den Traum von der 2. Bundesliga erfüllte, kamen auch die Frauen in einem nie gekannten Ausmaß zum 1. FC Magdeburg. Ende 2014 waren knapp sieben Prozent der damals 1.700 Vereinsmitglieder weiblich. Mittlerweile hat der Club über 9.000 Mitglieder, mehr als 15 Prozent davon sind Frauen. Bei den offiziellen Fanclubs ist gar ein Viertel der Mitglieder weiblich.

Erste Kollektion für die Frauen

Und mit den Frauen kamen auch neue Bedürfnisse. Die nach eigenen Fanartikeln zum Beispiel. Einer der ersten, der das erkannte, war Julian Holstein. Unter dem Label "blocksupport Magdeburg" produziert er Klamotten, die sich in der Fanszene großer Beliebtheit erfreuen. 2016 gab er dann einen Schal mit dem Schriftzug "Magdeburger Mädels" in Auftrag. "Den habe ich in winziger Stückzahl produzieren lassen", sagt er heute.

Magdeburger Mädels
Sachen mit der Aufschrift "Magdeburger Mädels" sind bei den FCM-Frauen sehr beliebt.  Bildrechte: MDR/ Oliver Leiste

Die Reaktionen: "Durchweg positiv". Die Frauen rissen ihm den Schal förmlich aus den Händen. Holstein bestellte zügig nach. Später folgten T-Shirts, Anstecker und Turnbeutel. Alle mit dem bewährten Schriftzug, den bis heute viele Frauen beim FCM stolz präsentieren.

Was dabei auffällt: Die Sachen für die Damen sind durchweg in den Vereinsfarben blau und weiß gehalten. Rosa oder ähnlich vermeintlich weibliche Farbkombinationen, die von anderen Vereinen gerne angeboten werden, sucht man vergebens. Ein Umstand, der gut ankommt, hat Holstein beobachtet.

"Auswärts ist man asozial"

Immer öfter sind die Trägerinnen dieser Kleidungsstücke auch bei Auswärtsspielen zu beobachten. Fast alle Frauen, die MDR SACHSEN-ANHALT am Samstag für ein Gespräch zur Verfügung standen, unterstützen den FCM auch in der Fremde. "Dort ist der Zusammenhalt einfach noch viel größer als bei Heimspielen", weiß Melanie Viohl.

"Auswärts ist man asozial", ergänzt die 16-jährige Michelle Peglow lachend und fasst damit ein Lebensmotto zusammen, das Woche für Woche in ganz Deutschland von tausenden, meist jugendlicheren, Fußballfans – Männern und Frauen –gelebt wird.

Kaum Übergriffe gegen Frauen

Doch sind nicht auch die Männer manchmal asozial? Und fühlen sich die Frauen in den bisweilen engen Gästeblöcken oder auf den Stehtribünen nicht unwohl? Eher nicht, lautet die einhellige Antwort. Fast alle Frauen an diesem Samstag berichten von positiven Erfahrungen. Oft sind sie mit Freunden bei den Spielen und in der Fanschar begegnet man sich überwiegend mit Respekt. Dumme Sprüche und selbst Grabschattacken gibt es natürlich. Doch solche Ausfälle sind zum Glück seltene Ausnahmen.

Hin und wieder kommt es aber doch vor, dass Frauen die Fußballkompetenz abgesprochen wird. So erzählt Michelle Peglow: "Es gibt schon manchmal welche, die sagen, warum geht ihr eigentlich zum Fußball. Ihr versteht eh nichts davon. Und manchmal wird uns auch hinterhergepfiffen." Die 16-Jährige versucht, solche Aussagen zu ignorieren.

Immerhin fährt sie schon seit vier Jahren zum FCM und hat für Auswärtsspiele auch schon mal eine Schulstunde ausfallen lassen. "Ich glaube schon, dass ich da was von verstehe", sagt sie und ergänzt: "Diejenigen müssen einfach akzeptieren, dass auch Frauen zum Fußball gehen. Das ist beim FCM schon eine Liebe."

Neue Hoffnung

Die Liebe zum 1. FC Magdeburg verbindet die Frauen, genau wie die Männer. Und sie alle eint die Sorge um ihren Club, der in der 2. Bundesliga nach wie vor in akuter Abstiegsgefahr steckt. "Wenn wir heute verlieren, werden wir auch direkt absteigen" prophezeit Kerstin Deich vor der Partie gegen Fürth. Viele andere stimmen ihr zu.

Doch der FCM verliert nicht. Er gewinnt. Die Tore von Christian Beck und Felix Lohkemper sorgen für den 2:1-Sieg und senden im Abstiegskampf ein wichtiges Hoffnungszeichen an die Fans. Die Frauen und Männer auf den Tribünen sind nach Spielende gleichermaßen erleichtert. Schließlich war es erst der zweite Heimerfolg der Blau-Weißen in dieser Saison.

Nach Abpfiff holt Topstürmer Christian Beck dann sein Töchterchen Melina auf den Rasen. Er hält sie auch, während er mit seinen Kollegen von der Fankurve bejubelt wird. Und kaum etwas könnte es so schön verdeutlichen wie dieses Bild: Wenn die Magdeburger Jungs etwas zu feiern haben, dann gehören die Magdeburger Mädels ganz selbstverständlich dazu.

Dennis Erdmann und Christian Beck
Magdeburger Jungs und Mädels: Dennis Erdmann (l.), Christian Beck und sein Töchterchen Melina. Bildrechte: imago images/Jan Huebner
Oliver Leiste
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Über den Autor Oliver Leiste arbeitet seit Anfang 2015 bei MDR SACHSEN-ANHALT - mit dem Schwerpunkt Sport. Dabei begleitet er den Halleschen FC, den 1. FC Magdeburg und den SC Magdeburg durch alle Höhen und Tiefen. Während seines Anglistikstudiums in Leipzig und auch danach war er für die Mitteldeutsche Zeitung in Halle und Radio Mephisto 97,6 am Ball. Als gebürtiger Bernburger hat er in Sachsen-Anhalt schon vieles gesehen und noch lange nicht genug davon.

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Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 27. April 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. April 2019, 12:10 Uhr

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2 Kommentare

28.04.2019 17:25 Fußball ist auch Mädelssache 2

Prima, dass Fußball-Begeisterung zunehmend auch von Frauen geteilt wird. Das Sommermärchen 2006 hat es nicht zuletzt auch durch weibliche Fan-Begeisterung gegeben. Da haben Frauen den Fußball positiv verändert. Übrigens nicht nur als Zuschauerin, sondern auch als Schiedsrichterin und Spielerin!
Insgesamt geht das einher mit mehr Gleichberechtigung von Frauen in der Gesellschaft. Wo Ostdeutschland sicherlich eine gewisse Vorreiterinnen-Position gegenüber dem Westen einnimmt.

28.04.2019 11:00 @olliMD 1

„Gut ein Fünftel der Stadionbesucher bei FCM-Heimspielen in dieser Saison ist weiblich. Auch am Samstag bei der Partie gegen Fürth waren Hunderte von ihnen wieder da.“

Ähm, 20% von über 18000 Fans sind nicht Hunderte sondern Tausende.

Anmerkung von MDR SACHSEN-ANHALT:
Unser Autor hat für den konkreten Spieltag gegen Fürth von Hunderten gesprochen, da es sich schwer nachprüfen lässt. Hunderte waren es auf jeden Fall und auch die machen irgendwann Tausende ;).

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