Manipulationsverdacht bei Germania Halberstadt "Auch in Deutschland werden Spiele abgesprochen"

Ein Sportvermarkter aus Asien soll versucht haben, Partien in der Regionalliga Nordost zu manipulieren. Benjamin Best ist Experte für das Thema Wettbetrug und Spielmanipulation. Der Journalist erklärt, wie kriminelle Organisationen vorgehen und warum der Kampf gegen die Betrüger so schwer ist.

Daniel George
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von Daniel George, MDR SACHSEN-ANHALT

Eine Frau betrachtet an einem Computer eine Internetseite für Online-Wetten.
Mit Wettbetrug im Sport werden Milliarden umgesetzt. Bildrechte: dpa

Der Regionalliga Nordost droht ein Manipulationsskandal: Ein Sportvermarkter aus Asien soll versucht haben, Spiele zu manipulieren. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Im Fokus stehen Germania Halberstadt und Sportdirektor Andreas Petersen – aber auch der Chemnitzer FC. Laut den Verantwortlichen beim Nordostdeutschen Fußball-Verband (NOFV) gibt es aber keine Hinweise auf manipulierte Spiele.

Benjamin Best gilt als Experte für das Thema Wettbetrug und Spielmanipulation im Sport. In seiner preisgekrönten Arbeit liefert der 42 Jahre alte Journalist, Filmregisseur und Buchautor unter anderem für die ARD, den WDR oder den Deutschlandfunk tiefe Einblicke in die dunkle Seite des Fußballs.

Herr Best, Sie recherchieren seit über zehn Jahren zum Thema Wettbetrug und Spielmanipulation. Wie bewerten Sie den aktuellen Fall in der Regionalliga Nordost?

Best: Losgelöst von diesem Fall kam es im internationalen Fußball schon häufiger vor, dass Investoren, auch aus Asien, eigentlich nur eins im Sinn haben: nämlich Profite zu erreichen und zwar illegale, indem Fußballspiele manipuliert werden. Und auch wir in Deutschland leben nicht auf der Insel der Glückseligen. Auch hierzulande kann so etwas passieren.

Wie laufen solche Manipulationen ab?

Es kann sein, dass von den vermeintlichen Investoren offen angesprochen wird, dass manipuliert werden soll. Es kann aber auch sein, dass die Investoren gleich noch Spielerberater im Gepäck haben und dann Spieler einschleusen, die Teil des kriminellen Netzwerks sind. Es kann auch sein, dass Trainer oder Vereinsfunktionäre involviert sind, die auf der Gehaltsliste der Investoren stehen.

Im Fall von Germania Halberstadt soll Sportdirektor Andreas Petersen zwei gegnerische Spieler telefonisch aufgefordert haben, "die Füße hochzulegen". Ist so ein Vorgehen generell üblich?

Vorstellbar ist vieles. Erst einmal bewegen wir uns dort ja auf dem Feld der Spielmanipulation. Das hat mit Wettbetrug erst einmal nichts zu tun. Es sei denn, der Investor hat auch damals schon Druck ausgeübt. Aber natürlich ist es, gerade im unterklassigen Fußball so, dass Funktionäre Spiele absprechen. In diesem Fall wurden zwei ehemalige Spieler von Andreas Petersen angesprochen, man kennt sich also jahrelang, hat früher zusammengearbeitet. Und dass Spieler angesprochen werden, gerade wenn es um Auf- oder Abstiege geht, kann ich mir sehr wohl vorstellen. So etwas findet im deutschen Fußball statt.

Benjamin Best
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Da reden wir locker von sechs- bis siebenstelligen Summen, die allein als Einzelwette pro Spiel gesetzt werden. Ich selber habe in Singapur erlebt, wie auf deutsche A-Jugendspiele gewettet wird.

Benjamin Best, Experte für Wettbetrug im Sport

Warum sind die Regional- und Oberliga besonders gefährdet für Spielmanipulationen?

Gerade in diesen unteren Ligen fehlt oft das Geld. In Halberstadt oder sonst wo in der Republik gibt es keinen Verein, der großartige Nachforschungen über potenzielle Investoren anstellt. Was ist das eigentlich für eine Organisation? Gibt es sie in China wirklich oder ist es vielleicht nur eine Briefkastenfirma? Solche Fragen werden oft nicht beantwortet. Die Klubs brauchen einfach Geld, um überleben zu können, um mit neuen Spielern höhere Ziele anzugreifen. Da ist jeder froh, wenn er einen Geldgeber findet. Zumal die Möglichkeiten kleinerer Vereine, Nachforschungen anzustellen, ja auch begrenzt sind.

Ist es nicht erschreckend, wie leicht der Kontakt zwischen vermeintlichen Investoren und den Klubs offensichtlich herzustellen ist?

Definitiv. Die Investoren gehen aber auch raffiniert vor. Die wissen ganz genau, wie sie so ein Sponsoring schmackhaft machen. Da wird zum Beispiel damit angefixt, dass man mal ein Jugendturnier organisiert. Das kostet ja vergleichsweise nicht viel. Dann denken sich die Vereine, dass das ein seriöser Partner ist und schon geht die Zusammenarbeit los.

In einem Ihrer Filme nutzen Serben, Türken und Italiener den Wettbetrug für Geldwäsche. Welche Rolle spielen kriminelle Organisationen aus Asien?

Da muss man unterscheiden. Auf der einen Seite steht der europäische Wettmarkt. Dort gibt es eine Deckelung nach oben, dass heißt, man kann nicht endlos setzen und auch nicht endlos gewinnen. Das kann zwar umgangen werden, indem man sogenannte "Runner" losschickt, also viele Mitglieder von kriminellen Banden, die dann ausschwärmen und kleinere Beträge setzen. Wenn zehn Leute in Berlin oder Hamburg jeweils mit 1.000 Euro in zehn Wettbüros gehen, dann hat man auch 10.000 Euro platziert. Aber die großen Wettsyndikate setzen auf dem asiatischen Wettmarkt.

Warum ist das so?

Weil man dort weitaus höhere Summen setzen kann. Wer Spiele im großen Stil manipulieren möchte, tut das deshalb in Asien. Dort kann es Verbindungen von zum Beispiel chinesischen Investoren zu Verbrecherorganisationen geben. Die Triaden können involviert sein. Diese Organisationen sind wie Pyramiden aufgebaut. Und weiter unten gibt es dann eben die Leute, die nach Europa kommen und hier Vereine ansprechen. Das ist ein großer Kreislauf. In einer globalisierten Welt gehören da eben auch deutsche Ligen dazu, die nicht so in der Öffentlichkeit stehen, aber womit man auf dem asiatischen Wettmarkt hohe Summen generieren kann. Da reden wir locker von sechs- bis siebenstelligen Summen, die allein als Einzelwette pro Spiel gesetzt werden. Ich selber habe in Singapur erlebt, wie auf deutsche A-Jugendspiele gewettet wird.

In dem aktuellen Fall aus der Regionalliga Nordost ermittelt nun die Staatsanwaltschaft. Wie erfolgsversprechend sind Ermittlungen gegen Wettbetrug?

Die Art der Ermittlung ist wahnsinnig aufwendig. Du hast eine deutsch-chinesische Firma und einen Tatort in Deutschland. Zum Glück gibt es seit 2017 einen neuen Straftatbestand: Wett- und Spielmanipulation. Trotzdem ist es schwierig, wenn grenzübergreifend ermittelt werden muss. Es gibt keine Schwerpunktstaatsanwaltschaft, keine Generalstaatsanwaltschaft dafür in Deutschland. Ich weiß nicht, inwiefern die Staatsanwaltschaft Magdeburg in China nachfragen wird. Das ist sehr aufwendig und bindet viele Ermittler. Und man muss auch ehrlich sein: Die Bekämpfung von Wett- und Spielmanipulation steht bei deutschen Behörden nicht an erster Stelle. Die haben ganz andere Sorgen: Terrorismus, Einbrüche, Cybercrime.

Welche Rolle spielen Verbände wie der Deutsche Fußball-Bund (DFB) oder in diesem Fall der Nordostdeutsche Fußballverband (NOFV)?

Fußballverbände sind in der Vergangenheit nicht durch große Transparenz aufgefallen – auch, was die Aufklärung in diesem Bereich angeht. Diese Themen sind für Verbände sehr unangenehm, weil sie an den Grundwerten rütteln, nämlich an der Integrität. Wenn sich jetzt in diesem Fall herausstellen sollte, dass noch mehr Klubs involviert waren, hat der Verband ein riesiges Problem. Wie wollen sie da noch für Glaubwürdigkeit stehen? Die große Frage ist jetzt: Wie wird aufgeklärt? Fußballverbände haben da allerdings keine Möglichkeit, Ermittlungsarbeit anzustellen. Da steht immer Aussage gegen Aussage.

Das klingt, als wäre der Kampf gegen Wettbetrug und Spielmanipulation ziemlich aussichtslos.

Wir müssen nur mal Folgendes sehen: Bwin ist Hauptsponsor der dritten Liga. Der DFB hat gerade erst den Vertrag ausgeweitet in Bezug auf den DFB-Pokal und die Nationalmannschaft. Tipico ist Partner der deutschen Fußballliga. Das alles ist schon ein großer Widerspruch. Denn auf der einen Seite gibt es ein Verbot, dass Spieler nicht wetten dürfen. Auf der anderen Seite nimmt man gerne das Geld von Wettanbietern. Das hat ausschließlich monetäre Gründe. Es zeigt aber auch, worum es im Fußball heutzutage geht. Das Motto "11 Freunde müsst ihr sein" ist nur noch etwas für Fußballromantiker. Die nackte Wahrheit ist: Es geht nur noch um die Kohle – und zwar von der Bundesliga bis in die Oberliga.

Daniel George
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung als Sportredakteur und berichtete hauptsächlich über die besten Fußballklubs Sachsen-Anhalts: den 1. FC Magdeburg und den Halleschen FC.

Vom Internet und den neuen Möglichkeiten darin ist er fasziniert. Deshalb zog es ihn im April 2017 zurück in seine Heimatstadt, in der er seitdem in der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet – als Sport-, Social-Media- und Politik-Redakteur, immer auf der Suche nach guten Geschichten, immer im Austausch mit unseren Nutzern.

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Quelle: MDR/dg

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 12. Februar 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Februar 2019, 19:12 Uhr

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10 Kommentare

15.02.2019 10:55 Sr.Raul 10

"Auch in D werden... " Hm, 19.5.2001, HH oder aktuell Anwendung VAR. Muss da mal drüber nachdenken.

14.02.2019 18:01 E. Gal 9

Und schon wieder gibt es „Experten“ zu dem Thema. Nur wenn ein sportlicher Leiter eines Vereins, Spieler des gegnerischen Vereins vor der Partie anruft, dann ist das eine irreguläre Beeinflussung, und grob unsportlich allemal!!! Dafür braucht es keine „Experten“ ! Und um so etwas zu verhindern, sollte der NOFV mal Regeln erlassen, sofern er denn überhaupt ein Interesse daran hat...

14.02.2019 12:54 Leser 8

@4. Diese Meinung kann ich teilen. Bis auf IM. Warum braucht der Verein die Chinesen? Irgendwie riecht es faul.

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