Petition zur Wiederaufnahme der Ermittlungen Eltern des toten FCM-Fans: "Das sind wir Hannes schuldig"

Ihr Sohn Hannes stürzte im Oktober 2016 nach einem Aufeinandertreffen mit HFC-Fans aus einem Zug und starb. Die Ermittlungen wurden ein halbes Jahr später eingestellt. Seitdem kämpfen Silke und Horst Schindler für eine Wiederaufnahme – denn für sie gibt es zahlreiche Ungereimtheiten. Mit einer Petition wenden sich die Eltern nun auch an die Politik. Ein Interview.

Horst und Silk Schindler und Wilheml Töller (v.l.n.R.)
Horst und Silke Schindler sitzen mit Wilhelm Töller (v.l.n.r.) im früheren Zimmer von Hannes. Heute hängen dort Erinnerungen. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Auf der Couch liegen Teile seines alten Trabants. An den Wänden hängen Trikots und Schals des 1. FC Magdeburg. Die Wand ziert ein großes Foto von ihm. Denn hier, im zweiten Stock seine Elternhauses in Barleben, hat Hannes gewohnt.

Jetzt sitzen hier seine Eltern und ihnen bleibt nur die Erinnerung an ihren Sohn. Silke und Horst Schindler sind verzweifelt. Mehr als zwei Jahre ist es inzwischen her. Und doch "beschäftigt uns das, was damals passiert ist, noch jeden Tag", sagt Silke Schindler mit Tränen in den Augen. Im Oktober 2016 stürzte Hannes nach einem Aufeinandertreffen mit HFC-Fans aus einem Zug. Der Fan des 1. FC Magdeburg erlag kurz darauf seinen Verletzungen. Die Ermittlungen wurden ein halbes Jahr später eingestellt.

Seitdem kämpfen die Eltern mit Unterstützung der FCM-Fangemeinde, allen voran Wilhelm Töller, für eine Wiederaufnahme der Ermittlungen. Sie haben Widerspruch eingelegt, Gedenkmärsche und Demonstrationen organisiert – und jetzt starten sie den nächsten Versuch. Mit einer Online-Petition will die Familie eine lückenlose Aufklärung des Falles erreichen.

Frau Schindler, Herr Schindler, Ihr Sohn Hannes ist im Oktober 2016 verstorben. Wie hat sich Ihr Leben seitdem verändert?

Horst Schindler: Alles hat sich verändert. Wir haben Freunde verloren, unsere Arbeit verloren.

Silke Schindler: Ich kann einfach nicht mehr arbeiten. Im Moment jedenfalls noch nicht. Ich kann keine Menschenmassen ertragen. An manchen Tagen würde ich am liebsten den ganzen Tag im Bett bleiben, verstecke mich zu Hause. Das ganze Leben ist aus der Bahn geraten. Man kann sich an nichts mehr erfreuen, jedes Tun fällt einem schwer.

Was wollen Sie mit der Petition erreichen?

Wilhelm Töller: Das ist eine der letzten Optionen, um die Missstände im Verfahren um den Tode von Hannes aufzuklären. Die Politik muss dabei jetzt in die Verantwortung genommen werden. Wir fordern eine unabhängige Staatsanwaltschaft für eine Wiederaufnahme des Verfahrens. Die Eltern von Hannes müssen endlich zur Ruhe kommen – und das geht nur, wenn der Fall restlos aufgeklärt wird.

Silke Schindler: Wir möchten einfach nur Gerechtigkeit, dass das, was die getan haben, bestraft wird. Das bringt uns unser Kind nicht wieder, aber wir sind das unserem Hannes schuldig.

Haben Sie in den vergangenen Jahren daran gedacht, sich mit den Ermittlungsergebnissen zufrieden zu geben?

Horst Schindler: Daran gedacht vielleicht schon, aber das können wir einfach nicht. Dafür gibt es zu viele Ungereimtheiten. Meine Frau wurde schon von Polizeibeamten im Ruhestand angeschrieben, die sich schämen für die Arbeit ihrer Kollegen. Hannes hatte zum Beispiel gar kein FCM-T-Shirt an, wie behauptet wurde. Meine Frau hat ein Foto von ihm aus einer Gaststätte, kurz bevor er in den Zug gestiegen ist. Da hatte er keine Fankleidung an.

Silke Schindler: Wir wollen das nicht ruhen lassen! Da sollte sich jeder mal in unsere Lage versetzen. Es wurde nicht nur ein Fanschal geklaut. Hannes ist ums Leben gekommen. Die haben uns unser Kind genommen. Die haben unser Leben versaut. Die müssen bestraft werden.

Wilhelm Töller: Sicherlich sind manche der Meinung, dass man die Sache jetzt mal ruhen lassen sollte. Aber das ist einzig und allein die Entscheidung von Silke und Horst.

Manche HFC-Fans, manche Hallenser fühlen sich im Fall von Hannes allerdings, als stünden sie unter Generalverdacht.

Silke Schindler: Wir versuchen, nicht alle Hallenser über einen Kamm zu scheren, auch wenn das für uns gar nicht so einfach ist.

Horst Schindler: Wir wissen ja, dass es dort 80 Mann gibt, die immer wieder auffallen.

Was machen die ungeklärten Umstände des Todes von Hannes mit Ihnen?

Wilhelm Töller: Die Beiden geben sich nach außen immer stärker als sie sind. Aber natürlich hat man Momente, wo man verzweifelt ist, wo man entmutigt ist.

Silke Schindler: Wir versuchen jeden Tag in den Tag zu finden, aber das klappt nicht immer. Ich war eigentlich auch immer lebenslustig, ein verrücktes Huhn so wie Hannes. Aber jetzt erwische ich mich dabei, wenn ich zum Beispiel laut Musik anmache, dass ich das Gefühl habe, dass ich Hannes verrate. Es sind kleine Dinge, die einen immer wieder aus der Bahn werfen.

Horst Schindler: Wir wollen keine Rache, wir wollen keine Gewalt. Wir wollen einfach nur eine faire Aufklärung.

Welche Rolle hat die Fangemeinde des FCM seit dem Tod von Hannes für Sie gespielt?

Silke Schindler: Hannes war fußballverrückt. Der FCM war sein Leben. Wir waren jetzt auch schon ein paar Mal im Stadion. Ich habe früher nicht einmal verstanden, wie man sich so über ein Tor freuen kann. Aber wenn 20.000 Menschen zusammen singen, zusammen ihre Mannschaft anfeuern, ist das schon Wahnsinn. Das steckt an.

Horst Schindler: Eine sehr große. Wir haben uns vorher nicht wirklich für Fußball oder für den FCM interessiert. Jetzt verfolgen wir das schon. Wenn die Fangemeinde des FCM nicht hinter uns stehen würde, hätten wir gar keine Chance.

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Hannes FCM + Video
Bildrechte: MDR/Max Schörm

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 13. Januar 2019 | 17:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Januar 2019, 19:37 Uhr

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37 Kommentare

17.01.2019 19:55 Klartext 37

Wie kommt man in Halle immer darauf, dass seine Freunde geschwiegen haben??? Sie haben ausgesagt!!
Ihnen wurde im Zug das Telefon weg genommen!!!
Das wurde auch ausgesagt!!
Also lasst dieses Märchen!!
Holt Endlich die Täter raus!!

Die Wahrheit kommt an das Licht!!!

15.01.2019 12:47 61 36

@33)

Man kann nicht einfach so aus dem Zug springen, der Lokführer muss den Zug freigeben, tut er es nicht lassen sich die Türen nicht öffnen....

Hier wird immer nur geschrieben das Hannes seine Freunde schweigen, was ist mit den Hallenser die im Zug saßen und gemeinsam schweigen!!!!

15.01.2019 01:38 Ossi-Friese 35

@13: Zitat: "egal ob er ein Shirt anhatte, seine Kumpels hatten das und jede Person aus jeder Szene in Deutschland weiß, dass man sich nicht als Mietglied einer Ultragruppen in einen Zug voller Menschen des verhassten Gegners setzt."

Ich nehme an: Sie fahren nur im eigenen PKW zu (Heim)Spielen...?! Indirekt geben Sie also dem DFB Schuld mit seiner Spielansetzung, so dass ein FCM-Fan gezwungenen wurde in "Euren Zug" zusteigen.
P.S.: In MD werden keine Ultras gemietet!