Polizei vor dem Magdeburger Fanblock
Das Verhältnis zwischen Ultras und Polizisten ist von Misstrauen geprägt. (Archivbild) Bildrechte: imago/Sven Simon

Einschätzung Polizei-Einsätze bei Fußballspielen: Zeit für Deeskalation

Sind die Großaufgebote der Polizei noch zeitgemäß? Rechtfertigt das Geschehen am Spieltag die immensen Einsatzkosten? Kann im Verhältnis zwischen Ultras und Polizei wieder Normalität einkehren? Eine Einschätzung.

von Daniel George, MDR SACHSEN-ANHALT

Polizei vor dem Magdeburger Fanblock
Das Verhältnis zwischen Ultras und Polizisten ist von Misstrauen geprägt. (Archivbild) Bildrechte: imago/Sven Simon

Ja freilich, es geht doch! Fußballspiele mit erhöhtem Sicherheitsrisiko können friedlich ablaufen. So wie das Ost-Duell zwischen dem 1. FC Magdeburg und Dynamo Dresden am vergangenen Sonnabend. Hubschrauber, Wasserwerfer und mehrere Hundertschaften sicherten das Zweitliga-Spiel ab. Fanprojekte und Vereine sprachen Empfehlungen für die An- und Abreise ihrer Anhänger aus. Und am Ende bilanzierten alle Beteiligten: Selten so einen entspannten Spieltag erlebt – Fußball mit Emotionen, aber ohne Gewalt.  

Da fragt man sich: Warum nicht immer so? Und da stellt man fest: Es ist Zeit für Deeskalation – und zwar von Polizei und Ultras.

Teure Polizei-Einsätze

Das mittlerweile gesetzte Großaufgebot der Polizei bei Fußballspielen stößt in der Gesellschaft zunehmend auf Unverständnis. Anwohner, die dem Fußball nicht verfallen sind, beschweren sich über die Lärmbelästigung, über Straßensperrungen, über kriegsähnliche Vorkehrungen. Das ist in Magdeburg so wie in Halle und anderswo in Deutschland. Und das nimmt teils perfide Züge an: Freude, wenn es friedlich geblieben ist? Mitnichten. Fast schon Enttäuschung. Oft heißt es dann: "Wieder so ein Aufriss, wieder nichts passiert. Und finanziert wird das alles durch unsere Steuergelder."

Tatsächlich rechtfertigt das Geschehen am Spieltag kaum noch die immensen Einsatzkosten. Die liegen bei einer normalen Begegnung für gewöhnlich im niedrigen sechststelligen Bereich. Hochsicherheitsspiele – Ostduelle oder Derbys wie Magdeburg gegen Halle –  kosten noch mehr. Schätzungsweise gab auch Sachsen-Anhalt in den vergangenen Jahren pro Saison einen stattlichen Millionenbetrag für die Einsätze bei Fußballspielen aus – dabei blieben die meisten Partien friedlich. 

Sind die Polizei-Einsätze bei Fußballspielen angemessen?

14% 115 Stimmen   Ja! Gewalt ist ein großes Problem unter Fußballfans
61% 510 Stimmen   Nein! Die Maßnahmen sind überzogen
25% 210 Stimmen   Schwer zu beantworten! Die Polizei sollte jedenfals für den Notfall vorbereitet sein

Stand: 15.10.2018 06:08:33 Uhr 835 Stimmen Die Abstimmungsergebnisse sind nicht repräsentativ.

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Mehr Verletzte durch Tränengas als durch Pyrotechnik

Die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) veröffentlichte am Montag ihren Saisonbericht 2017/2018. Darin stand unter anderem, dass die Zahl der verletzten Personen mit 1.213 fast so hoch wie im Vorjahr (1.226) war. ZIS-Leiterin Heike Schultz sagte: "Jeder Verletzte ist für uns einer zu viel." Was stimmt, ohne Frage. Doch die furchteinflößende Zahl relativiert sich, wenn man bedenkt, dass 1.153 Spiele in den drei höchsten deutschen Ligen mit 21 Millionen Zuschauern betrachtet wurden. Eine enorme Anzahl also. 

Außerdem verrät die Statistik, dass es weniger Arbeitsstunden für Beamte, weniger Strafverfahren und weniger Fans in den Kategorien B und C – also gewaltbereite und gewaltsuchende Anhänger – gab, wenn auch jeweils nur geringfügig. Im Gegensatz dazu stieg die Zahl der freiheitsentziehenden und freiheitsbeschränkenden Maßnahmen. Erneut wurden mehr Menschen durch Tränengas verletzt als durch Pyrotechnik. 

Heike Schultz sagte: "Gewalt bei Fußballspielen ist weiterhin ein Problem." Eine Feststellung, die kaum jemand bestreiten mag. Nur sollte das Denken darüber hinausgehen, nämlich die Frage beantworten: Wie sieht die Lösung aus? Und da gibt es aktuell nur eine Antwort: Deeskalation. 

Debatte um eine Pyro-Legalisierung sollte wieder aufgenommen werden

Gästeparkplatz und Einlassbereich der MDCC-Arena boten am vergangenen Sonnabend ein beinahe idyllisches Bild. Die Polizisten hielten sich unbehelmt im Hintergrund auf, die Wasserwerfer positionierten sich unauffällig, aber dennoch einsatzbereit, und die Fans fanden ruhig den Weg ins Stadion, ohne Provokationen. Beide Gruppen existierten nebeneinander, ein bisschen war es, als wäre der andere gar nicht da. Dieses Gefühl reichte, um die sonst so angespannte Stimmung zu entspannen. 

Natürlich: Unter den 2.300 Dynamo-Anhängern waren manche, denen man weder im Dunkeln, noch im Hellen alleine begegnen will. Unter den Anhängern des FCM übrigens auch. 50 Anhänger versuchten laut Polizei, auf den Gästeparkplatz zu gelangen, konnten aber durch die Polizeipräsenz zurückgehalten werden. Ja, es gibt weiterhin Hooligans in deutschen Fußballstadien. Gegen Schläger muss auch in Zukunft konsequent vorgegangen werden. Mit strikten Stadionverboten und allen Mitteln des Rechtsstaates. Nur: Ultras unterscheiden sich von Hooligans. 

Wasserwerfer vor FCM-Fans
Fans beklagen oft eine Drohkulisse, zum Beispiel durch Wasserwerfer in unmittelbarer Nähe. Bildrechte: imago/foto2press

Ultrakultur ist Jugendkultur

Ultras geht es vorrangig um Auswärtsfahrten, um die Bewahrung der Vereinstraditionen, um kreative Choreografien und um die Stimmung im Block. Im "Block U" stehen Ärzte und Anwälte neben Krankenschwestern und Hartz-IV-Empfängern. Wer sieht, wie junge Männer in ihrer Freizeit stundenlang an Bannern für Choreografien basteln, ein Verantwortungsgefühl entwickeln, muss den sozialen Wert des Ultra-Seins anerkennen – ohne das Ganze zu romantisieren.

Denn Ultrakultur ist Jugendkultur und Jugendkultur ist Rebellion. Dazu gehört beim Fußball auch Pyrotechnik. Die aber ist verboten. Deshalb organisieren sich Ultras immer präziser, um ihre Pyro-Aktionen trotzdem umsetzen zu können. Hier sind Vereine und vor allem Verbände gefragt, um wie in anderen europäischen Ländern sichere, legale Lösungen zu finden. Profis und selbst so manche Verantwortliche sagen unter der Hand, wie imposant Choreografien mit Pyrotechnik doch seien – und sprechen sich öffentlich dann doch gegen eine Legalisierung aus. Ist das nicht scheinheilig? Die Debatte um eine Legalisierung von Pyrotechnik sollte wieder aufgenommen werden.

Extreme Positionen helfen niemandem

Weil Ultras nicht mit "Bullen" reden, werden Fanprojekte als Vermittler zwischen den aktiven Fanszenen, den Vereinen und den Sicherheitsbehörden immer wichtiger. Auch Fanhilfen vernetzen sich zusehends, betreiben gezielte Öffentlichkeitsarbeit. Sie üben Druck auf die Polizei aus, zum Beispiel beim FCM mit dem Einsetzen einer parlamentarischen Beobachterin für das Heimspiel gegen Dresden. Sie sensibilisieren. Und ihre Arbeit zeigt Wirkung: Gegen Dynamo wurden vom FCM bei den Magdeburger Verkehrsbetrieben (MVB) erstmals Shuttle-Busse für Gästefans bestellt, für die Zukunft soll an einem langfristigen Konzept gearbeitet werden. Darauf hatte die Fanhilfe lange gedrängt. 

Was jedoch gefährlich ist: Fanhilfen stellen die Polizei oft als krasses Feindbild dar. Solch extreme Positionen helfen niemandem. Vielmehr führen sie zu noch mehr Misstrauen und noch mehr Abneigung – auf beiden Seiten. Man sollte sich als gebildeter Mensch, und das sind die führenden Köpfe von Ultragruppen oder Fanhilfen, doch auch überzeugend für Fanrechte einsetzen können, ohne jeden Polizisten zu verteufeln.

Magdeburger Fans protestieren gegen Polizeieinsätze im Gästefanbereich: Bullen ausser Rand und Band. Wenn hier einer den Gästen das Leben zur Hölle macht, dann sind wir das!
Im "Block U" wurde schon oft gegen Polizeieinsätze protestiert. Bildrechte: imago/Jan Hübner

Schmaler Grat zwischen Deeskalation und Verantwortungslosigkeit

Was schon helfen würde, wäre ein bisschen mehr Verständnis. Für die Belastung und Verantwortung der Einsatzkräfte auf der einen, für die Kultur und Anliegen der Ultras auf der anderen Seite. Ein einziges friedliches Hochsicherheitsspiel wie das zwischen Magdeburg und Dresden wird bei Weitem nicht ausreichen, um die über die Jahre hinweg verloren gegangene Normalität an Fußball-Spieltagen wiederherzustellen. Doch es kann ein Anfang sein. 

Polizei, Verbände und Vereine werden beweisen müssen, dass sie kontinuierlich in der Lage sind, angemessene Sicherheitskonzepte zu erstellen, ohne "Drohkulisse", wie sie von Ultras immer wieder bemängelt wird. Wobei es ein schmaler Grat ist zwischen Deeskalation und Verantwortungslosigkeit. Denn was, wenn wieder etwas passiert? Platzstürme, körperliche Angriffe auf Gästefans, der Missbrauch von Pyrotechnik als Waffen – hat es alles schon gegeben. Das ist der Grund für die massive Polizeipräsenz und das darf nicht vergessen werden.   

Die Fans werden also beweisen müssen, dass sie sich benehmen können, dass sie Schläger aus ihren Reihen verbannen und dass sie sich nicht mit den Falschen solidarisieren. Ihre Kultur zu wahren und sich doch ein wenig anzupassen, auch das ist ein schmaler Grat. Die Chance auf friedliche Spieltage aber ist real – das hat das Ost-Duell zwischen FCM und Dynamo gezeigt.  

Daniel George
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung als Sportredakteur und berichtete hauptsächlich über die besten Fußballklubs Sachsen-Anhalts: den 1. FC Magdeburg und den Halleschen FC.

Vom Internet und den neuen Möglichkeiten darin ist er fasziniert. Deshalb zog es ihn im April 2017 zurück in seine Heimatstadt, in der er seitdem in der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet – als Sport- und Social-Media-Redakteur, immer auf der Suche nach guten Geschichten, immer im Austausch mit unseren Nutzern.

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Quelle: MDR/dg

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 07. Oktober 2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Oktober 2018, 19:43 Uhr

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22 Kommentare

11.10.2018 15:45 Denkschnecke 22

Meine Frau saß jedenfalls Samstag abend in Halle fest, weil (laut Bahnpersonal) Dynamo-Fans ihren Zug außer Gefecht gesetzt haben.
@15, 18: Der Unterschied zu Demonstrationen ist, dass das Demonstrationsrecht erstens im Grundgesetz verankert ist (das Recht auf Fußballkucken nicht) - und dass kein Anmelder einer Demo damit Geld verdient. Im Gegenteil.

11.10.2018 08:41 RainerWahrheit 21

Sehr friedlich war es... Bei der Aktion der Heimfans, die nach dem Spiel auf dem Gästeparkplatz gelangen wollte, wurden ja lediglich Steine und Flaschen geworfen.

Aber da nur eine Beamtin verletzt wurde und nur ein Polizeiauto demoliert war, ist friedlich gewiss die richtige Bezeichnung

10.10.2018 21:34 1966BB 20

@17, ich wüsste nicht, das ich etwas geschrieben habe, das die Vereine zahlen sollen.