Interview Rassismus im Amateurfußball: "Solche Beleidigungen sind wieder präsent"

Helge Tiede ist Koordinator beim Projekt für Menschlichkeit und Toleranz im Sport. Im Interview erklärt er, wie die politische Entwicklung im Land auch das Miteinander auf den Fußballplätzen beeinflusst und was die größte Herausforderung bei der Integration von Flüchtlingen in die Teams ist.

Daniel George
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von Daniel George, MDR SACHSEN-ANHALT

Sportplatz des 1. FC Ostelbien Dornburg e.V. ein Verein in der Kreisliga im Jerichower Land.
Ein Klub voller Neonazis: Auf dem Fußballplatz des FC Ostelbien Dornburg machte sich Helge Tiede vor einigen Jahren mehrfach ein Bild von der Situation. Der Fall war bislang eine der großen Herausforderungen während seiner Zeit beim MuT-Projekt. Bildrechte: imago/Christian Schroedter

Gleich der erste Satz liest sich erschreckend – und bringt das Problem doch auf den Punkt: "Der Sport in seinen vielfältigen Erscheinungsformen wird in den letzten Jahren vermehrt zum Schauplatz extremistischer Tendenzen in Form von Rassismus, Gewalt und Diskriminierung", steht zum Beweggrund des MuT-Projektes auf der Internetseite des Fußballverbandes Sachsen-Anhalt (FSA) geschrieben. "Deshalb machen wir das", sagt Helge Tiede, der Landeskoordinator für das Projekt Menschlichkeit und Toleranz im Sport. "Wir wollen die Demokratie stärken."

Auch im Amateurfußball Sachsen-Anhalts. Seit 2011 gibt es das MuT-Projekt im Landesssportbund (LSB) Sachsen-Anhalt bereits. Seit sechs Jahren wird es in Zusammenarbeit mit dem FSA auch im Fußball umgesetzt. Im Interview spricht Helge Tiede über rassistische Vorfälle im Fußball, den Fall von Blau-Weiß Grana und die Integration von Flüchtlingen:

Herr Tiede, wie sieht die Arbeit des MuT-Projektes konkret aus?

Tiede: Wir schreiten dann ein, wenn es problematische Fälle gibt. Zum Beispiel bei einfachen Delikten wie Platzverweisen oder bei Rudelbildungen auf dem Fußballplatz, aber auch bei Körperverletzungen, rassistischen oder antisemitischen Vorfällen. Immer dann, wenn wir in Absprache mit allen Beteiligten der Meinung sind, eingreifen zu müssen, um unsere Demokratie zu stärken. Die Maßnahmen reichen dann von Spielbeobachtungen über regelmäßige Treffen oder Weiterbildungen.

Der Fall des FC Ostelbien Dornburg: Ein Fußballklub voller Neonazis

Ein Fall beschäftigte Helge Tiede während seiner Zeit beim MuT-Projekt besonders: Der FC Ostelbien Dornburg wurde 2011 von rechten Hooligans gegründet. Er sorgte in der Kreisliga im Jerichower Land für ein Klima der Angst. Es kam zu Bedrohungen, rassistischen Äußerungen und brutalen Fouls. 59 von 65 Schiedsrichtern weigerten sich, Spiele des Vereins zu pfeiffen. Tiede machte sich mehrfach vor Ort ein Bild. Denn: "Das Gefahrenpotenzial konnten wir dort nicht abschätzen. Da kannst du ja keinen Ehrenamtlichen hinschicken. Da muss ich die Leute auch schützen."

Der Fußballverband Sachsen-Anhalt (FSA) schloss den Verein 2015 aus. Die Spieler um den verurteilten Rechtsextremisten Dennis Wesemann verteilten sich auf andere Klubs. Mehrere schlossen sich der DSG Eintracht Gladau an. "Das wird weiterhin beobachtet", sagt Tiede. "Aber es gab in den vergangenen Jahren keine außergewöhnlichen Vorkommnisse."

Vereinslogo an einer Holzhuette auf dem Sportplatz des 1. FC Ostelbien Dornburg e.V. ein Verein in der Kreisliga im Jerichower Land.
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Wie viele Fälle gibt es pro Jahr?

In den vergangenen Jahren hatten wir sportartübergreifend immer etwa 100 Fälle pro Jahr, etwa zwei Drittel davon aus dem Fußball. Wir müssen uns aber auch bewusst sein, dass die Dunkelziffer recht hoch ist. Das Vertrauen in unser Projekt ist in den vergangenen Jahren aber gestiegen, genau wie die Sensibilität der Menschen in den Vereinen.

Ist Rassismus in Sachsen-Anhalts Amateurfußball ein Problem?

Es gibt über 3.000 Spiele pro Wochenende – und ich würde sagen: In den überwiegenden Fällen nicht. Aber vom Rechtsruck in der Gesellschaft ist auch der Fußball nicht ausgenommen. Das Hauptproblem ist: Vieles, was du vor fünf Jahren so noch nicht sagen konntest, ist wieder sagbar geworden. Solche Beleidigungen aufgrund der Hautfarbe oder der Religion sind wieder präsent. Die Menschen meinen, sie könnten solche Parolen einfach raushauen. Und das hat auch mit der politischen Entwicklung in unserem Land zu tun.

Helge Tiede MuT-Projekt LSB Projektkoordinator
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Das Hauptproblem ist: Vieles, was du vor fünf Jahren so noch nicht sagen konntest, ist wieder sagbar geworden. Beleidigungen aufgrund der Hautfarbe oder der Religion sind wieder präsent.

MuT-Projektkoordinator Helge Tiede

Zuletzt sorgte der Fall von Blau-Weiß Grana deutschlandweit für Diskussionen. Ein Flüchtling aus Gambia soll mehrfach bewusst gefoult haben. Gegen ihn entsponn sich eine Hetzjagd. Wie bewerten Sie das Geschehen?

Ich war bei den letzten Spielen von Grana vor Ort. Das ist eine sehr komplexe Geschichte. Fakt ist: Der Vorwurf, dass der Spieler schon mehreren Gegenspielern zuvor die Beine gebrochen haben soll, ist nicht haltbar. Dieser Artikel aus dem Naumburger Tageblatt, in dem das behauptet wurde, ist fast deckungsgleich mit einem Brief des Vaters des verletzten Spielers. Das ist allerdings nirgendwo in den Spielberichten belegt. Der Auslöser für die Diskussion ist natürlich bedauerlich. Aber bei der Situation, in der sich sein Gegenspieler schwer verletzt hat, handelte es sich um einen Pressschlag. Auch, wenn manche Menschen das nicht wahrhaben wollen.

In der vergangenen Woche kam es zu einem "Führungsspielertreff" mit Vertretern der Vereine aus der Kreisliga Staffel zwei im Burgenland. Dort wurde über den Fall diskutiert. Mit welchem Ergebnis?

Es ging um den Dialog. Natürlich wurde emotional diskutiert, das geht bei so einer emotionalen Geschichte gar nicht anders. Aber ich habe das Gefühl, dass sich langsam alle wieder an Lösungen orientieren. Wir wollten da auch normalisierend wirken. Es stellte sich heraus, dass viele einfach nur irgendwo davon gelesen oder gehört hatten, dass der Spieler so brutal sein soll. Da war viel Hetze, da waren viele Vorverurteilungen im Spiel. Von Grana kam ein guter Vorschlag: Vor jedem Spiel wollen sie der anderen Mannschaft die Chance geben, den Spieler kennenzulernen. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Blau-Weiß Grana ist ein Beispiel für die Integration von Flüchtlingen in Fußballteams. Was sind dabei die größten Herausforderungen?

Aus meiner Erfahrung sind das die Sprachbarrieren, die bestehen. Der Fußball macht das Miteinander erlebbar und kann Barrieren abbauen. In 95 Prozent der Fälle funktioniert das auch super. Aber es gibt eben auch andere Vorfälle zu verzeichnen. Da muss man aber unterscheiden: Das Problem, rassistische oder antisemitische Beleidigungen gehen meistens von Zuschauern aus. Und auf die kannst du nur schwer Zugriff bekommen. Änderst du wirklich etwas in den Köpfen dieser Menschen, wenn du sie in diesem einen Moment zurechtweist oder ausschließt? Das bezweifle ich zumindest.

Begleitende Maßnahmen über einen längeren Zeitraum sind da wichtiger. Aber wer soll das leisten können? Dafür benötigt es die Mittel. Aber die Mittel für das Bundesprogramm "Demokratie leben" gegen Extremismus wurden zum Beispiel gekürzt. Also wage ich die Prognose: Solche begleitenden Maßnahmen wird es eher immer weniger geben, obwohl sie dringend notwendig wären.

Daniel George
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Über den Autor Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung.

Vom Internet und den neuen Möglichkeiten darin ist er fasziniert. Deshalb zog es ihn im April 2017 zurück in seine Heimatstadt, in der er seitdem in der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet – als Sport-, Social-Media- und Politik-Redakteur, immer auf der Suche nach guten Geschichten, immer im Austausch mit unseren Nutzern.

Quelle: MDR/dg

Zuletzt aktualisiert: 23. Oktober 2019, 19:26 Uhr

2 Kommentare

faultier vor 3 Wochen

Die tausenden von Amateurfusballern geht das Thema wohl am Arm vorbei ist wohl eher ein Thema für Extrmismusforscher ,Integrationsbeauftragten und Medien ,sieht man eindeutig an den vielen Kommentaren hier.

faultier vor 3 Wochen

Das Thema nervt tut mir leid die Debatte ist künstlich .

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