Erfahrungen Rassismus im Amateurfußball: Eigentlich kein Problem mehr, aber ...

Isaac Bimenyimana aus Burundi spielt bereits seine zehnte Saison in Sachsen-Anhalts Amateurligen – und musste früh Rassismus erleben. Der Hobbyfotograf Mark Busse aus dem Harz hat erst kürzlich einen Vorfall beobachtet. Er sieht ein immer respektloseres Miteinander. Zwei Akteure des Amateurfußballs schildern ihre Erfahrungen. Teil 2 unserer Themenwoche.

Daniel George
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von Daniel George, MDR SACHSEN-ANHALT

Fußballspieler des Vereins Preussen Magdeburg
Ein Team: Isaac Bimenyimana im Kreise seiner Mitspieler beim M.S.C. Preussen Magdeburg Bildrechte: MDR/Sven Sonnenburg

Ist Rassismus auf Sachsen-Anhalts Amateurfußballplätzen ein Problem? Diese Frage steht im Fokus unserer Themenwoche – und ist schwer zu beantworten. Denn hunderte Partien finden Woche für Woche in Fußball-Sachsen-Anhalt statt. Und der mediale Schwerpunkt liegt auf den großen Klubs.

Antworten können also vor allem diejenigen liefern, die an jedem Wochenende in den unteren Ligen unterwegs sind. MDR SACHSEN-ANHALT hat zwei Akteure des Amateurfußballs zu ihren Erfahrungen befragt:

Die Sicht eines Spielers: "Auf den Dörfern war es nicht so einfach"

Isaac Bimenyimana war gerade 13 Jahre alt, als er nach Deutschland kam. In den Fußball hatte sich der Junge aus dem afrikanischen Burundi da längst verliebt. "In meiner Heimat habe ich immer auf der Straße gespielt", sagt Bimenyimana mit Blick zurück. "Das war unbeschwert, das hat immer richtig Spaß gemacht." 

Mittlerweile ist er 26 Jahre alt. Bimenyimana bestreitet seine zehnte Saison auf Sachsen-Anhalts Amateurplätzen. Und Spaß hat er auch hier immer gehabt, hat er auch heute noch. Doch unbeschwert war es für ihn nicht immer.

Angefangen hat der Abwehrspieler beim M.S.C. Preussen Magdeburg in der Verbandsliga. Später kickte er für Fortuna Magdeburg und den Oscherslebener SC, mittlerweile schnürt er wieder für Preussen, nun in der Landesliga, die Schuhe. Er ist kein Unbekannter mehr in Sachsen-Anhalts Fußball-Szene.

"In letzter Zeit gab es keine Probleme. Ich fühle mich sicher. Ich habe keine Angst, wenn ich zum Spiel fahre", sagt Bimenyimana. Aber: "Ich muss auch zugeben, dass es zu Beginn meiner Spiele im Herrenbereich rassistische Beleidigungen gegen mich gab. Ich habe da leider meine Erfahrungen gemacht." Für einen Moment herrscht Stille. "Vor allem auf den Dörfern", sagt er dann, "waren die Spiele manchmal nicht so einfach."

Die Region spielt eine Rolle, glaubt Bimenyimana. In größeren Städten habe es nie Probleme aufgrund seiner Herkunft und Hautfarbe gegeben. Und auch in den höheren Ligen des Amateurfußballs nicht, ab der Landesliga, sagt er. Der Respekt vor den Schiedsrichtern und den Gegenspielern sei auf diesem Niveau gegeben, die Spieler könnten alle kicken. "In den unteren Ligen kann ich mir schon eher vorstellen, dass das immer noch weiter verbreitet ist", sagt er. Denn: "Da gibt es Leute, die nur zum Fußball gehen, um andere zu beleidigen."

Isaac Bimenyimana
In den vergangenen Jahren, sagt Isaac Bimenyimana, hier kürzlich in einem Landesliga-Spiel im Einsatz, hatte er keine Probleme mit Rassismus im Fußball mehr. Bildrechte: MDR/Sven Sonnenberg

Das hatte nicht immer alles mit Hass zu tun. Sie haben bei mir einfach Schwächen gesucht, um mich aus der Fassung zu bringen – und das haben sie dann eben über diese [rassistische, Anm. d. Red.] Schiene versucht.

Isaac Bimenyimana über rassistische Beleidigungen in früheren Partien

Wie er auf solche Beleidigungen früher reagiert hat? "Bei Zuschauern gar nicht, die wären dann nur noch wütender geworden. Ich bin einfach ich geblieben und habe versucht, mit guten Aktionen auf dem Platz zu zeigen, dass ich selbstbewusst genug bin, um das wegzustecken", sagt Bimenyimana. Gegenspieler hätten bei solchen Vorfällen meist sogar positiv reagiert, die Zuschauern zurecht gewiesen. "Das waren meistens klasse Reaktionen."

Doch ab und an hätten ihn auch Spieler des anderen Teams aufgrund seiner Herkunft oder Hautfarbe beleidigt. Das war die Seltenheit, aber es kam vor. Der 26-Jährige ordnet das jedoch so ein: "Das hatte nicht immer alles mit Hass zu tun. Sie haben bei mir einfach Schwächen gesucht, um mich aus der Fassung zu bringen – und das haben sie dann eben über diese Schiene versucht. Das war einfach eine Methode, um mich zu stoppen." Nur ließ sich Isaac Bimenyimana nicht stoppen. "Solche Versuche", sagt er, "haben mich nur noch mehr angespornt."  

Die Sicht eines Fotografen: "Respekt geht immer mehr verloren"

Als Mark Busse das Foto sah, musste er einschreiten. Umgehend wandte sich der 47-Jährige per Facebook an MDR SACHSEN-ANHALT. Seine Bitte: Schaut doch da mal etwas genauer hin! Wohin? Auf das Kabinen-Selfie des Landesligisten Blankenburger FV nach dem Derby-Sieg Anfang Oktober gegen Grün-Weiß Ilsenburg. Denn: "Das, was dort dargestellt wurde", so Busse, "war zu 100 Prozent Rassismus." Und: "Darauf muss man aufmerksam machen, dass so etwas nicht geht."

Mark Busse ist Hobbyfotograf und betreibt mittlerweile seit neun Jahren das Portal "Fußball-Harz" im Internet. "Ich habe schon unzählige Kabinen-Fotos gesehen und selbst geschossen", sagt er, aber: "Da hat noch nie jemand eine Banane bewusst hochgehalten." Die Blankenburger Mannschaft tat jedoch genau das: Sie hielt zwei Bananen in die Kamera. Auf einem Smartphone war zudem die brasilianische Flagge zu sehen. 

Brisant war das deshalb, weil es sich dabei offensichtlich um eine Provokation gegenüber der brasilianischen Spieler des Gegners handelte. In Ilsenburg spielen in dieser Saison sechs Kicker aus Brasilien. Ungewöhnlich für die siebte Liga. Und Grund für überschwänglichen Jubel bei Blankenburg nach dem 4:3-Erfolg.  

Das Foto wurde auf dem Online-Portal "Fupa" veröffentlicht. Auf Facebook hagelte es umgehend Kritik. An gleicher Stelle erklärte der Blankenburger FV (BFV) wenig später in einer Mitteilung: "Wir als Verein distanzieren uns in jeglicher Form von Rassismus. In den vergangenen Jahren hat sich der BFV in der Flüchtlingsthematik sehr engagiert gezeigt und mehreren afrikanischen Fußballern den gesellschaftlichen Einstieg über unseren Sport ermöglicht." 

Auch Mark Busse sagt: "Das haben sie bestimmt im Affekt, im Siegestaumel gemacht. Aber trotzdem geht das nicht. Vor jedem Champions-League-Spiel sehen wir Aktionen gegen Rassismus. Wir müssen uns aber auch in den unteren Ligen dagegen einsetzen und für Toleranz engagieren. Gerade dort ist das ungemein wichtig."

Heiko Busse
Bildrechte: MDR/Busse

Vor jedem Champions-League-Spiel sehen wir Aktionen gegen Rassismus. Wir müssen uns aber auch in den unteren Ligen dagegen einsetzen und für Toleranz engagieren. Gerade dort ist das ungemein wichtig.

Hobbyfotograf Mark Busse über Rassismus im Amateurfußball

Busse sitzt seit neun Jahren an fast jedem Wochenende am Spielfeldrand – und das auch gerne bei mehrere Partien pro Spieltag. Er weiß, was auf den Plätzen im Harz geredet wird. Er kennt den Tonfall und kann ihn einschätzen. Vor fünf Jahren habe es einmal einen Vorfall gegeben, bei dem ein ausländischer Spielertrainer von einem Zuschauer rassistisch beleidigt geworden sei. Aber: "Ansonsten habe ich in den all den Jahren nichts in diese Richtung mitbekommen – und das würde ich hören, wenn es so wäre", so Busse. "In fast jeder Mannschaft spielt ja mittlerweile ein Flüchtling. Das ist im Grunde völlig normal."

Aber eines hat der Hobbyfotograf sehr wohl bemerkt: "Die Beleidigungen haben zugenommen." Eine gefährliche Tendenz, sagt Busse, denn: "Der Respekt geht immer mehr verloren. Und in der heutigen Zeit kann das dann schnell auch in rassistische Äußerungen umschlagen. Das darf nicht sein." Deshalb fordert Busse: "Auf den Plätzen sollte einfach respektvoll miteinander umgegangen werden – ganz egal, welche Herkunft oder Hautfarbe jemand hat." 

Daniel George
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Über den Autor Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung.

Vom Internet und den neuen Möglichkeiten darin ist er fasziniert. Deshalb zog es ihn im April 2017 zurück in seine Heimatstadt, in der er seitdem in der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet – als Sport-, Social-Media- und Politik-Redakteur, immer auf der Suche nach guten Geschichten, immer im Austausch mit unseren Nutzern.

Quelle: MDR/dg

Zuletzt aktualisiert: 22. Oktober 2019, 18:51 Uhr

3 Kommentare

Simone vor 3 Wochen

Ja so ist das auf den kleinen Dörfern: Da herrscht noch soziale Kontrolle und wenn Rassismus dort erst mal salonfähig ist, dann sagt da auch so schnell keiner mehr was dagegen. Erstens muss man ja mit den Leuten weiter zusammenleben.

@Elbflorenz: Mann muss schon sehr wenig Fantasie haben um so zu ignorieren, dass ein gewisser Anteil der "Fans" mehr Spaß an Randale und Hetze hat als am Sport. Diese Leute nennen sich Hooligans und so was fängt eben schon klein auf den Dörfern an.

aus Elbflorenz vor 3 Wochen

Isaac Bimenyimana: "In den unteren Ligen "..... Denn: "Da gibt es Leute, die nur zum Fußball gehen, um andere zu beleidigen."

Woche für Woche zum Training und zu weiter entfernt liegenden Spielstätten und wieder zurückfahren, sich abrackern, schwitzen, und das alles nur für einen Zweck: "um andere zu beleidigen".

MDR-Team vor 3 Wochen

Mit dem Satz waren Zuschauer gemeint.

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