Interview Rassismus im Amateurfußball: "Es hilft nur eine klare politische Haltung"

Buchautor Robert Claus beschäftigt sich mit Rassismus im Fußball. Im Interview erklärt er, warum es vor allem in unteren Ligen immer wieder zu Vorfällen kommt und wie sich unbeteiligte Zuschauer in schwierigen Situationen verhalten sollten. Teil eins unserer Themenwoche.

Daniel George
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von Daniel George, MDR SACHSEN-ANHALT

Kein Platz für Rassismus
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Inwieweit ist Rassismus im Amateurfußball noch immer ein Problem? Wie hat es sich seit den 1990er Jahren entwickelt?

Robert Claus: Genaue Zahlen über rassistische Vorfälle in der bundesweiten Verteilung über die verschiedenen Ligen und Jahrzehnte gibt es leider nicht. Der DFB beziehungsweise seine Landesverbände haben vor wenigen Jahren das Feld "besondere Vorkommnisse" in die Spielberichtsbögen aufgenommen. Dort sollen Schiedsrichter Vorfälle von Gewalt und Diskriminierung eintragen. Seither liegt die Quote bei unter 0,5 Prozent aller Spiele, die betroffen sind. Das System funktioniert jedoch nur, wenn der Schiedsrichter den Eintrag auch macht und für das Thema sensibilisiert ist.

Und letztlich werden Sie im Fußball alles finden: Von Vereinen, die sich seit Jahren dem Thema Migration öffnen und eine moderne Vielfalt leben bis hin zu Vereinen, die stark rechtsoffen sind – und alles dazwischen. Letztlich hängt dies zentral von der Frage ab, in welcher Region und welchen Milieus der jeweilige Verein verwurzelt ist.

Auf Fußballplätzen herrscht oft ein rauer Umgangston, man spricht auch von einer Beschimpfungskultur. Wo fängt Rassismus an?

Fußball hat verschiedenste soziale Funktionen. Er kann für Integration, soziales Miteinander und Wertevermittlung stehen. Zugleich ist er aber ein System der Konkurrenz, das wie kaum ein anderer Sport ein klares "Wir gegen die Anderen" bedient und sowohl mit emotionaler Aufladung als auch direkter physischer Auseinandersetzung verbindet.

Robert Claus
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Viele Menschen, die ab und an ein Stadion besuchen, werden es kennen: An kaum einem anderen Ort ist es so leicht, den Gegner in einer Weise zu beschimpfen, die man andernorts nicht an den Tag legt.

Autor Robert Claus über die Beschimpfungskultur im Fußball

Rassismus beginnt letztlich dort, wo Gegner oder Schiedsrichter beschimpft werden, um ihre Herkunft, Hautfarbe, kulturelle oder religiöse Identität abzuwerten. Dabei muss man festhalten: Rassismus ist ein Machtsystem, er richtet sich also immer gegen abgewertete Minderheiten, nicht gegen die weiße Mehrheitsgesellschaft.

Wie sollten sich unbeteiligte Zuschauer verhalten, wenn andere Zuschauer mit rassistischen Beleidigungen auffällig werden?

Bei rassistischen Vorfällen gibt es im Grunde immer drei beteiligte Akteure: Täter, Betroffene und Zeugen. Grundsätzlich geht es darum, gegen Täter zu intervenieren, gegen Taten vorzugehen. Zweitens dürfen Betroffene nicht vergessen werden, sondern müssen unterstützt werden. Man kann sie fragen, was sie brauchen. Beides können Zeugen tun: Gegen Täter einschreiten – wenn es die Situation zulässt – und Betroffene unterstützen.

Sollte man nicht gegen die Täter einschreiten können, weil sie zum Beispiel mehr und gewalttätig sind, dann kann immer Öffentlichkeit geschaffen werden, in dem man Umstehende aufmerksam macht. Täter wollen derlei kritische Öffentlichkeit nicht.

Zur Person

Robert Claus wurde 1983 in Rostock geboren. Er arbeitet bei der "Kompetenzgruppe Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit" in Hannover. Seit 2006 ist Claus als freiberuflicher Autor und Moderator tätig. Seine Veröffentlichung beschäftigen sich vor allem mit Themen wie Diskriminierung, Antisemitismus oder Gewalt im Fußball.

Wie sollten Vereine und Verbände Rassismus im Amateurfußball begegnen? Mit härteren Strafen?

Die Verbände haben ja eine rahmengebende Funktion und stehen kaum selber auf dem Platz. Sie können also netzwerken, Projekte fördern, mit Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit sensibilisieren.

Die Vereine wiederum können sich Leitbilder erarbeiten, in denen sowohl sportliche als auch soziale und gesellschaftliche Aspekte festgehalten werden. Sie können Plakate gegen Rassismus am Sportplatz aufhängen. Und bestenfalls führen sie Workshops mit ihren Teams zur Frage durch, was Fairplay bedeutet und wie man bei diskriminierenden Vorfällen vorgehen will. Das dauert zwei Stunden, schafft aber Handlungssicherheit über die gesamte Saison.

Inwieweit versuchen extreme Gruppen den Fußball Ihrer Meinung nach heutzutage für ihre Zwecke zu instrumentalisieren?

Wahrscheinlich wird Sie die Antwort überraschen, aber das tun sie kaum, eher gar nicht. Denn meines Erachtens funktioniert die Beschreibung als Instrumentalisierung nicht. Sie legt das Bild eines unpolitischen und unschuldigen Fußballs nahe, der gezielt mittels einer hinterhältigen Strategie unterwandert wird. Das Gegenteil ist der Fall: Auch Neonazis sind oft Fußballfans und oft seit Jahrzehnten in ihren Vereinen sowie Fangruppen etabliert. Das Engagement im Fußball ist hier vielmehr ein politisch interpretiertes Hobby, weniger das Ergebnis einer politischen Strategie.

Das macht es aber keineswegs weniger gefährlich, wenn Neonazis im Verein ehrenamtlich aktiv sind. Denn umso anerkannter sind sie oftmals. Und um so stärker und negativer können sie dann politische Diskussionen, zum Beispiel um die Themen Migration in Gesellschaft und Sport, beeinflussen. Letzten Endes spiegeln sich solche gesellschaftspolitischen Debatten ja auch in der Vereinskultur wieder. Gegen extrem rechte Einflüsse hilft also nur eine klare politische Haltung.

Daniel George
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Über den Autor Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung.

Vom Internet und den neuen Möglichkeiten darin ist er fasziniert. Deshalb zog es ihn im April 2017 zurück in seine Heimatstadt, in der er seitdem in der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet – als Sport-, Social-Media- und Politik-Redakteur, immer auf der Suche nach guten Geschichten, immer im Austausch mit unseren Nutzern.

Quelle: MDR/dg

Zuletzt aktualisiert: 22. Oktober 2019, 08:45 Uhr

32 Kommentare

ralf meier vor 3 Wochen

Hallo Sylter, wenn ein Gesetz so gar nicht dem Rechtsempfinden eines Nichtjuristen entspricht, dann sollte sich die Politik fragen, ob dieses Gesetz sinnvoll ist. Wie sollte außerdem eine Mehrheit 'mit der nötigen Vehemenz und dem nötigen Einfluß ' einer Hetze von Minderheiten entgegen treten, wenn der Gesetzgeber ausdrücklich feststellt, das solch eine Hetze gegenüber einer Mehrheit nicht strafwürdig ist ?

aus Elbflorenz vor 3 Wochen

"Dieser Paragraf schützt Minderheiten."
Das ist Ihre Interpretation, mit der Sie auch nicht alleine dastehen. Zwingend ist dies keinesfalls. Jens Meier (MdB) - Berufserfahrung als Staatsanwalt und Richter - sieht dies anders.

"Da die Mehrheitsgesellschaft keine Minderheit ist, fällt sie nicht unter § 130 StGB."
Es gibt in Teilen der BRD keine autochthone Mehrheit mehr.

Udo vor 3 Wochen

Das ist nicht schizophren, sondern ist eine eindeutige Ansage gegen Politik im Stadion.
Keine Politik im Stadion, also auch keine Sprüche gegen eine Partei, denn das ist ja Politik, was verstehen Sie daran nicht?

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