Jubel bei Bennet Wiegert und Yves Grafenhorst, Mads Christiansen, Piotr Chrapkowski
Bennet Wiegert (r.) und sein Team blicken auf eine erfolgreiche Saison zurück. Bildrechte: imago/Eibner

Handball-Bundesliga Wiegert: "Wir haben den SC Magdeburg als Marke etabliert"

Der SCM hat die Saison als Dritter beendet. Es ist beste Ligaplatzierung seit 2005. Womöglich startet die Mannschaft im kommenden Jahr gar in der Champions League – eine Wildcard der EHF vorausgesetzt. Die Entscheidung darüber fällt Ende Juni. Ein kleiner Makel bleibt aber, findet SCM-Trainer Bennet Wiegert: der verpasste Pokalsieg. Im Interview analysiert er die Entwicklung seines Teams und erklärt, warum er sich schon auf nächste Saison freut. Die Fragen stellte Oliver Leiste.

Jubel bei Bennet Wiegert und Yves Grafenhorst, Mads Christiansen, Piotr Chrapkowski
Bennet Wiegert (r.) und sein Team blicken auf eine erfolgreiche Saison zurück. Bildrechte: imago/Eibner

Bennet Wiegert, wie fällt Ihr Saisonfazit aus?

Eigentlich ist es dafür noch zu früh. Für so etwas sollte man ein paar Tage Abstand haben und die Dinge noch mal genauer analysieren. Klar ist, dass uns auch in diesem Jahr die Krönung in Form eines Titels fehlt. Trotzdem haben wir eine richtig starke Saison gespielt, sind Dritter geworden und haben uns in vielen Bereichen verbessert.

Als ich die Mannschaft 2015 übernommen habe, sind wir Achter geworden, haben aber den Pokal gewonnen. Ich bin mir manchmal nicht sicher, was mir lieber ist, denn so ein Pokalsieg steht in den Geschichtsbüchern. Aber die Liga ist auf jeden Fall ehrlicher. Wenn man da oben steht, hat man die gesamte Saison über gut gearbeitet. Im Pokal kann man auch mal Glück haben.

Nach 51 Punkten 2017 und 50 Punkten im Vorjahr stehen diesmal 54 Punkte zu Buche. Die Verbesserung fällt hier also relativ klein aus. Ist da für den SCM eine Grenze erreicht?

Bennet Wiegert
Bennet Wiegert Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT

Bei der Frage muss ich etwas schmunzeln, wenn man bedenkt, dass wir zuletzt 2003 mehr Punkte (55 – d.Red.) geholt haben und jahrelang zwischen 35 und 40 Punkten gelandet sind. Wenn man sieht, wo wir herkommen, ist das ein Riesenschritt. Und wenn wir in den kommenden Jahren regelmäßig in diesem Punktebereich landen, können wir wahrscheinlich sehr zufrieden sein.

Es sagt viel über die Qualität der Handball-Bundesliga, dass momentan ein, zwei Niederlagen mehr oder weniger über die Platzierung und damit über die gesamte Saison entscheiden.

Nichtsdestotrotz hätten wir in dieser Saison mehr Punkte holen können. Und auch im nächsten Jahr werden wir wieder versuchen, noch erfolgreicher zu sein und den Abstand nach oben weiter zu verkürzen.

Lassen wir die Tabelle mal außen vor. Wo hat sich die Mannschaft verbessert?

In den vergangenen Jahren sind wir immer erst in der zweiten Halbserie ins Rollen gekommen. Im Sommer haben wir viel darüber gesprochen und uns sehr konzentriert auf den Start vorbereitet. Der ist perfekt gelungen – bei einem Auftaktprogramm, das vor der Saison sehr ambitioniert aussah.

In der Summe waren wir konstanter und sind gerade auswärts spürbar dominanter aufgetreten. Lange hieß es, der SC Magdeburg kann nur zu Hause gewinnen. Das hat sich grundsätzlich geändert. Mittlerweile gehören wir zu den besten Auswärtsmannschaften und schaffen da auch deutlich Siege.

Am meisten freue ich mich aber darüber, dass wir es geschafft haben, den SCM und unsere Spielweise als Marke zu etablieren. Über große Teile der Saison haben wir die Menschen mit unserem Tempohandball begeistert und deutschlandweit für Gesprächsstoff gesorgt.

Vor einem Jahr saßen wir zusammen und eines der Ziele, das Sie damals formulierten, lautete, dass Sie die Belastung im Team anders verteilen wollen. Nun war es in dieser Saison aber doch wieder so, dass überwiegend die gleichen Spieler gespielt haben. Woran lag das?

Ignacio Plaza oder Lukas Mertens sind nach schweren Verletzungen zurückgekommen und sollten sich deshalb erst wieder reinfinden. Ihre Rolle hatte ich mit beiden klar besprochen. Genauso war es bei Carlos Molina, der leider erst sehr spät in eine Verfassung kam, wo er uns hätte helfen können. Zum Schluss war er leider wieder verletzt. Und auch Mads Christiansen hatte in dieser Saison lange mit Ellenbogenproblemen zu kämpfen.

Ich möchte solche Dinge nicht permanent in der Öffentlichkeit thematisieren, aber das hat unsere Möglichkeiten zu rotieren natürlich eingeschränkt.

Gerade im Fall von Lukas Mertens war von Fans und Medien aber immer wieder Unverständnis über seine geringe Spielzeit zu hören …

Das habe ich nicht verstanden und das hat mich teilweise auch geärgert. Da wurde von außen sehr viel Unruhe hereingetragen. Das Risiko eines erneuten Kreuzbandrisses ist in den ersten Monaten nach der Rückkehr besonders hoch. Das wollten wir verhindern und Lukas hat das auch vollkommen akzeptiert. Bei anderen Entscheidungen bin ich durchaus bereit, darüber zu diskutieren. Hier sind wir uns sicher, alles richtig gemacht zu haben.

Zumal diese Diskussion extrem unfair gegenüber Matthias Musche ist. Der hat eine sensationelle Runde gespielt. Das wird in der Diskussion oft vergessen. Es gab keinen Grund, ihn draußen zu lassen.

Auffällig war: Als Albin Lagergren in der Hinrunde ausfiel, geriet das SCM-Spiel ins Stocken. Auch im Pokalfinale schied er früh verletzt aus. Anschließend zog Kiel an dem Tag davon. War die Mannschaft zu abhängig von ihm?

Ich war überrascht, welche Bedeutung Albin schon im ersten Jahr für uns hatte. Damit hatte ich eigentlich erst im zweiten Jahr gerechnet. Umso mehr ärgert mich das Gezerre, das im Hintergrund um ihn stattfand. (Anm. d.Red.: Der SCM wollte frühzeitig mit Lagergren verlängern. Spätestens seit dem Sommer 2018 buhlten aber auch die Rhein-Neckar Löwen um den Schweden. Im Frühjahr wurde der Wechsel nach Mannheim zur Saison 2020/21 dann offiziell bestätigt.)

Klar ist: Ein Ausfall von Albin in Topform wäre für jede Bundesligamannschaft ein herber Verlust. Wir sind leider in der Breite nicht so stark besetzt wie Kiel oder Flensburg, als dass wir so einen Ausfall ohne Weiteres kompensieren könnten. Umso mehr freue ich mich, dass wir ihn noch ein Jahr bei uns haben.

Im ersten Halbjahr wurde das SCM-Spiel sehr von Lagergren bestimmt, in der Rückrunde dann wieder eher wie früher von Michael Damgaard. Wie lässt sich das erklären?

Ich habe es etwas anders gesehen, weiß aber worauf Sie hinaus wollen. Beide Spieler stehen für einen unterschiedlichen Spielstil. Wenn wir variabel und erfolgreich sein wollen, brauchen wir beide. Albins Tempo genauso wie die wuchtigen, einfachen Tore von Mika.

Robert Weber wird den Verein verlassen. Das war früh klar, nun hat sich sein geplanter Wechsel aber zerschlagen. Gab es Überlegungen ihn wieder, womöglich auch in anderer Position, beim SCM einzubeziehen?

Nein. Privat finde ich das sehr schade für ihn. Sportlich haben wir unsere Planungen auf der Position aber schon abgeschlossen, nachdem er unser Angebot im Herbst abgelehnt hat. Und einen dritten Rechtsaußen können und wollen wir uns nicht leisten.

Dafür aber einen dritten Kreisläufer …

Das stimmt und darauf freue ich mich sehr. Viele Bundesligisten spielen mittlerweile mit drei Kreisläufern. Für mich als Trainer wird es das erste Mal sein, dass ich diese Möglichkeit habe und bin selbst gespannt, was das für uns bedeutet. Zumal wir auf der Position nicht irgendwelche Spieler haben werden. Mit Erik Schmidt und Moritz Preuss kommen gestandene Nationalspieler.

Zudem bleibt Zeljko Musa. Wie soll die Rollenverteilung zwischen den Dreien aussehen?

Schmidt sehe ich erstmal in der Abwehr, Preuss eher im Angriff. Musa ist für beide Positionen geplant. Aber wenn sie dann einmal hier sind, kann sich das auch alles schnell ändern.

Im Rückraum oder auf den Außen kann man relativ flexibel auf einen Ausfall reagieren. Am Kreis geht das nicht. Deshalb geht es mit dem dritten Kreisläufer auch darum, das Risiko eines Ausfalls zu minimieren.

Überhaupt verändert sich der Kader sehr stark. Fünf Spieler gehen, sechs Neue kommen. Was bedeutet das für das SCM-Spiel?

Eine gewisse Fluktuation gehört immer dazu. Wir wollen flexibler spielen und auch die Möglichkeit haben, auf Ausfälle besser reagieren zu können. Außerdem wollen wir unser Spiel weiterentwickeln. Dazu passen diese Spieler gut. Im Gegensatz zu den Vorjahren haben wir auch bewusst einige Spieler aus Deutschland verpflichtet, die die Bundesliga und zum Teil auch den SCM schon gut kennen. Das wird die Eingewöhnung hoffentlich erleichtern.

Robert Weber 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Abgesehen von Robert Weber bleibt die Stammbesetzung jedoch an Bord. Ist das ein Vor- oder ein Nachteil für die Zugänge?

Vor allem ist es ein Vorteil für den SC Magdeburg, mit einer eingespielten Mannschaft in die Saison zu gehen. Böse Zungen könnten sagen, wir tauschen nur die Bank. Aber das stimmt nicht. Wir holen diese Spieler, weil wir glauben, dass sie uns besser machen können.

Und natürlich wollen wir uns auch breiter aufstellen. Denn momentan bereiten mir die Ausfälle von Leistungsträgern durchaus schlaflose Nächte. Vielleicht kommen wir mal dahin, dass das nicht mehr so ist. Weil ich weiß, dass ich jeden annähernd gleichwertig ersetzen kann.

SC-Magdeburg-Trainer Bennet Wiegert
Bennet Wiegert träumt von der Meisterschaft. Zum Ziel erklären möchte er sie nicht. Bildrechte: imago images / wolf-sportfoto

Mit Musche und Tim Hornke hat der SC Magdeburg in der kommenden Spielzeit die beiden besten Werfer der aktuellen Bundesligasaison unter Vertrag. Auch die weiteren Neuzugänge versprechen sehr viel Qualität. Zudem war der SCM 2018/19 die einzige Mannschaft, die gegen Kiel und Flensburg in der Liga gewinnen konnte. Folgt jetzt der Angriff auf die Deutsche Meisterschaft?

Musche und Hornke werfen in ihrer aktuellen Mannschaft beide Siebenmeter. So sind etliche Treffer bei ihnen dazugekommen. Bei uns kann nur einer von beiden der erste Schütze sein. Der andere hat dann vielleicht ein paar Tore weniger.

Grundsätzlich sind uns noch ein paar Teams voraus – im finanziellen Bereich, aber auch in der Qualität des Kaders. Deswegen werden wir nicht den Gewinn der Meisterschaft als Ziel ausrufen. Was nicht bedeutet, dass wir nicht Meister werden wollen. Wenn sich die Chance bietet, werden wir versuchen, sie zu nutzen.

Oliver Leiste
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Oliver Leiste arbeitet seit Anfang 2015 bei MDR SACHSEN-ANHALT – mit dem Schwerpunkt Sport. Dabei begleitet er den Halleschen FC, den 1. FC Magdeburg und den SC Magdeburg durch alle Höhen und Tiefen. Während seines Anglistikstudiums in Leipzig und auch danach war er für die Mitteldeutsche Zeitung in Halle und Radio Mephisto 97,6 am Ball. Als gebürtiger Bernburger hat er in Sachsen-Anhalt schon vieles gesehen und noch lange nicht genug davon.

Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 09. Juni 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Juni 2019, 14:39 Uhr

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