Drei Spielabbrüche in einem Jahr Zeichen gegen Gewalt: Halles Schiedsrichter fordern mehr Respekt

2019 wurden in Halle drei Fußballspiele nach Übergriffen auf Schiedsrichter abgebrochen. Nun streiken die Unparteiischen und fordern mehr Respekt. Der Landesverband setzt derweil auf eine bessere Ausbildung der Referees.

Ein Schiedsrichter zeigte eine Karte und wird von einem Spieler angegriffen.
Die Schiedsrichter in Halle boykottieren zwei Spielwochenenden. Bildrechte: MDR/Panthermedia

Nach den Schiedsrichterboykotts in Hessen und Berlin streiken nun auch die Referees in Halle. Der Schiedsrichterausschuss des Fußball-Stadtverbandes informierte am Mittwoch auf seiner Facebookseite darüber, dass für zwei Spieltage im Stadtfußball keine Schiedsrichter angesetzt werden. Betroffen seien demnach die Spiele von der Stadtoberliga abwärts am dritten Adventswochenende sowie am 14. und 15. März 2020. Die Partien werden voraussichtlich ausfallen.

Verbale und körperliche Angriffe auf Schiedsrichter

Der Grund für die Absagen ist ein trauriger. Gleich drei Mal wurden im Jahr 2019 Fußballspiele nach verbalen oder körperlichen Übergriffen gegen Schiedsrichter abgebrochen. Des Weiteren wurden mehrere Platzverweise wegen Schiedsrichter-Beleidigung ausgesprochen. Nach dem jüngsten Vorfall bei der Partie zwischen Roter Stern Halle II und der TSG Wörmlitz-Böllberg II haben die Schiedsrichter die Nase voll und schicken alle Teams der Stadt vorzeitig in die Winterpause. Was genau passiert ist, wird nicht erwähnt.

"Dieser Umgang mit den Schiedsrichter/-innen, egal welchen Alters, ist an einem Punkt angelangt, der für uns als Verantwortliche nicht mehr zu tolerieren ist", schreibt Marcel Theumer, Vorsitzender des  Schiedsrichterausschusses, in der Erklärung des Stadtverbandes. Oft genug würden junge Schiedsrichter ihre Karrieren beenden, weil sie regelmäßig angefeindet werden. Deshalb wünscht er sich, genau wie die Schiedsrichter, einen faireren Umgang von Spielern, Trainern und Fans mit den Unparteiischen.

FSA-Geschäftsführer Reinhardt: "Jeder Vorfall ist einer zu viel"

Christian Reinhardt
FSA-Geschäftsführer Christian Reinhardt Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

An dieser Stelle bekommen die halleschen Referees Unterstützung vom Landesfußballverband Sachsen-Anhalt. Dessen Geschäftsführer Christian Reinhardt sagte im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT: "Wir haben jedes Wochenende 2.000 Spiele im Land und solche Ereignisse sind die absolute Ausnahme. Trotzdem ist natürlich jeder Vorfall einer zu viel. Wir als Fußballverband akzeptieren und tolerieren natürlich keinerlei Androhung von Gewalt gegen unsere Schiedsrichter."

Für die Entscheidung der halleschen Schiedsrichter hat Reinhardt deshalb vollstes Verständnis. Es habe sogar Überlegungen, alle Spiele im Land abzusagen. Letztendlich habe man sich beim Fußballverband aber dagegen entschieden. Deswegen wird der Protest in Halle wohl auch keine weiteren Auswirkungen haben.

Studie bringt überraschendes Ergebnis

Denn Reinhardt widerspricht der Aussage, dass Gewalt gegen Schiedsrichter zugenommen habe. Die Zahl der Vorfälle sei seit Jahren einigermaßen gleich geblieben, erklärt er. "Nur die Wahrnehmung ist heute viel größer als früher", so der Geschäftsführer. Auch die Zahl der Schiedsrichter im Land ist seit einigen Jahren mit 1.500 in etwa konstant.

Vor zwei Jahren fertigte der FSA, gemeinsam mit der Hochschule Harz, eine große Schiedsrichterstudie an. Laut Reinhardt mit durchaus überraschendem Ergebnis: "Die meisten Schiedsrichter hören nicht auf, weil sie gegängelt oder beschimpft werden. Sondern sie hören auf, weil sie sich schlecht vorbereitet fühlen. Sie sagen, die Situation auf dem Platz überfordert sie."

Bessere Ausbildung statt Strafen

Deswegen setzt der FSA statt auf Strafen für Fehlverhalten eher auf bessere Ausbildung der Schiedsrichter. Für Juniorschiedsrichter wurde die Zahl der Ausbildungsstunden erhöht. Statt 20 Stunden sind nun 40 vorgesehen. Dort spielen Konfliktmanagement und praxisnahe Übungen nun eine größere Rolle als zuvor. Zudem wurde ein Mentoringprogramm aufgesetzt, das ältere Schiedsrichter verpflichtet, für jüngere eine Art Patenschaft zu übernehmen. Reinhardt erhofft sich davon auch neue Impulse für die erfahrenen Referees. Bewerbertrainings eines Sponsors sollen schließlich dafür sorgen, dass junge Schiedsrichter nach der Schule in Sachsen-Anhalt bleiben.

Doch das Problem des fehlenden Respekts vor Schiedsrichtern, das auch in Halle angemahnt wird, werden diese Maßnahmen nicht lösen. Das weiß auch Christian Reinhardt: "Manche Spieler oder Zuschauer haben die Perspektive, dass Schiedsrichter nicht dazu gehören. Die lassen dann den Respekt vermissen. Da haben wir noch Nachholbedarf", gibt er zu.

Quelle: dpa,MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 12. Dezember 2019 | 09:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Dezember 2019, 18:48 Uhr

1 Kommentar

sputnil vor 16 Wochen

Respekt vor dem Schiedsrichter? Wird denn nicht jeden Samstag im Fernsehen vor einem Millionenpublikum die Respektlosigkeit vor dem Schiedsrichrer gezeigt? Wenn ein Schiedsrichter eine vermeintliche Fehlentscheidung getroffen hat, dann laufen doch mehrer Spieler auf den SR zu, um wild zu protestieren. Was die Trainer zum Teil an der Seitenlinie veranstalten ist nicht weniger kritikwürdig. Rumpelstilzchen wäre blass vor Neid geworden. Und manche Sportdirektoren stehen dem in Nichts nach. Oft wird auch von Sportreportern gesagt, dass das Emotionen sind die dazugehören. Welche Botschaft wird denn dadurch den Nachwuchsspielern damit vermittelt?
Für mich ist der Schiedsrichterboykott nur eine logische Konsequenz.

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