Der Erstplatzierte Florian Wellbrock (l) aus Deutschland und der Drittplatzierte Rob Muffels aus Deutschland halten ihre Medaillen.
Florian Wellbrock (l.) ist derzeit Deutschlands Vorzeigeschwimmer. Bildrechte: dpa

Medaillenregen in Südkorea Schwimmexperte: "Wellbrock auf einer Stufe mit Biedermann"

Nach tristen Jahren erleben die deutschen Schwimmer in Südkorea einen ungeahnten Medaillenregen. Bei den Freiwasserwettbewerben gab es fünf Mal Edelmetall. Vier Mal waren Athleten aus Magdeburg daran beteiligt. Auch für die Wettkämpfe im Becken in der kommenden Woche sind die Medaillenhoffnungen groß. MDR-SACHSEN-ANHALT-Schwimmexperte Michael Brandt ordnet die Erfolge im Interview ein. Zudem erklärt er, wie der Chancen für die Olympischen Spiele in Tokio sieht.

Oliver Leiste
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

von Oliver Leiste, MDR SACHSEN-ANHALT

Der Erstplatzierte Florian Wellbrock (l) aus Deutschland und der Drittplatzierte Rob Muffels aus Deutschland halten ihre Medaillen.
Florian Wellbrock (l.) ist derzeit Deutschlands Vorzeigeschwimmer. Bildrechte: dpa

Michael Brandt, fünf Mal Edelmetall bei der Freiwasser-WM in Südkorea, vier Mal davon mit Magdeburger Beteiligung. Diese Ausbeute war nicht unbedingt zu erwarten, oder?

Michael Brandt: Nein, in der Form nicht. Dass jeder Schwimmer von Bernd Berkhahn, der seit Februar Bundestrainer ist, mit einer Medaille aus dem Freiwasser klettert, ist eine Riesengeschichte. Das auch für uns langjährige Beobachter unglaublich.

Berkhahn ist 2012 mit den Nachwuchsschwimmern Rob Muffels und Finnia Wunram aus Elmshorn nach Magdeburg gewechselt – wegen der guten Bedingungen hier am Olympiastützpunkt. Beide hatten auch schon Erfolge bei Nachwuchsmeisterschaften. Doch diese Entwicklung war nicht absehbar. Mit seinem Ehrgeiz und seinen 14-Stunden-Arbeitstagen hat Berkhahn hier in Magdeburg einige aus ihrem Rhythmus gerissen. Und sich dann auch gute Bedingungen erkämpft. Außerdem hat Bernd Berkhahn ein Höhenkammerkonzept entwickelt und das dann immer weiter verfeinert.

In den vergangenen Jahren holte Deutschland nur wenige Medaillen bei internationalen Schwimmwettkämpfen. Wie lässt sich denn dieser Wandel erklären?

Bundestrainer Henning Lambertz, der im Dezember – offiziell aus privaten Gründen – zurückgetreten ist, hat im DSV eine Arbeit geleistet, über die im Nachhinein viel geredet wurde. Nun hat er nachgekartet  und der neuen Führung Konzeptlosigkeit vorgeworfen, obwohl er in den vergangenen Jahren keine Medaillen gewonnen hat.

Er hatte einen sehr zentralistisch orientierten Stil angeordnet. Das heißt, die Trainer mussten mit ihren Sportlern maximale Kraftkonzepte durchsetzen – ohne Rücksicht auf Verluste. Dadurch blieb das Individuelle auf der Strecke.

Bei der WM in Budapest vor zwei Jahren gewann Berkhahns Schützling Franziska Hentke die einzige deutsche Medaille. Danach ist erstmal nichts passiert. Aber ich denke, es hängt damit zusammen, dass er nun mit Hannes Vitense die Verantwortung trägt und mehr individuelle Freiheiten zulässt. Und die Erfolge von Hentke und auch Florian Wellbrock in den vergangenen Jahren in Magdeburg haben die Magdeburger Trainingsgruppe zusammengeschweißt.

Welche Widerstände mussten Bernd Berkhahn und sein Team überwinden, um diese Erfolge zu ermöglichen und Bundestrainer zu werden?

Über Jahre wurde hier sehr gründlich gearbeitet. Dabei haben Berkhahn und sein Team auch auf private Sponsoren zurückgegriffen und waren erfolgreich. Dass Lambertz zurückgetreten ist, hatte sicher nicht nur private Gründe – ohne da ins Detail gehen zu wollen. Da gab es schon vorher entsprechende Stimmungen. Und spätestens als im vergangenen Jahr die DSV-Präsidentin zurücktrat, fehlte ihm der Rückhalt.

Bernd Berkhahn, 2015
Bundestrainer Bernd Berkhahn Bildrechte: dpa

Dass Bernd Berkhahn dann das Vertrauen bekam, hängt auch damit zusammen, dass dem DSV das Geld fehlt, um einen elitär bezahlten Trainer von außen zu holen. In seiner Magdeburger Trainingsgruppe herrscht ein ungewöhnlicher Zusammenhalt. Trotzdem zieht auch Berkhahn ein hammerhartes Programm durch, das nicht jeder Schwimmer übersteht.

Kommende Woche geht es weiter mit den Becken-Wettbewerben. Dort will Florian Wellbrock nach seiner Goldmedaille im Freiwasser weitere Medaillen sammeln. Er ist momentan der Star der deutschen Schwimmszene. Kann man ihn schon mit Legenden wie Michael Groß oder Paul Biedermann vergleichen?

Man muss da vorsichtig sein, Florian ist erst 21. Aber ich würde sagen: ja. Wenn sich jemand mit 17 für eine WM qualifiziert, mit 19 ein WM-Finale erreicht, und im vergangenen Jahr deutsche Rekorde über 800 und 1.500 Meter verbessert, dann ist das mit Sicherheit eine Riesengeschichte.

Er ist vor vier Jahren hier nach Magdeburg gekommen und nutzt die guten Bedingungen. Aber er hat auch Voraussetzungen, die es so nicht mal alle zehn Jahre gibt. Für seine Größe ist er sehr leicht und hat nur wenig Muskelmasse – dadurch erreicht eine ideale Hebelwirkung. Zudem soll er ein erstaunliches Regenerationsvermögen haben und große Belastungen gut wegstecken.

Vor der WM war er in fünf Freiwasserrennen über zehn Kilometer ungeschlagen und hat den deutschen Rekord über 800 Meter erneut verbessert. Das ist schon außergewöhnlich. Spannend wird es, zu beobachten, wie er und seine Trainingsgruppe bis zu den Olympischen Spielen mit der dadurch gestiegenen Erwartungshaltung umgehen.

Ist denn bei den Becken-Wettbewerben nächste Woche eine ähnliche Medaillenflut der Deutschen zu erwarten wie im Freiwasser?

Die beiden Rennen von Florian Wellbrock werden Highlight-Rennen. Insbesondere, wenn er mit der Top-Form der vergangenen Wochen antritt. Und in Magdeburg haben sie mittlerweile genug Erfahrung, dass das funktionieren sollte. Dann gibt es noch Franziska Hentke über 200 Meter Schmetterling. Und auch Sarah Köhler, die Freundin von Wellbrock. Man darf wirklich gespannt sein, auch wenn man die Euphorie nach den Erfolgen im Freiwasser vielleicht etwas bremsen muss.

In einem Jahr finden die Olympischen Spiele in Tokio statt. Zuletzt blieb das DSV-Team bei den Spielen in London und Rio ohne Medaille. Wie stehen die Chancen, dass es nächstes Jahr wieder Medaillen gibt?

Ich habe Bernd Berkhahn diese Frage auch gestellt. Er spricht von einer Medaille, die er in Tokio holen will. Sein Konzept, dass er nun beim DSV umsetzen will, ist aber auch schon auf 2024 ausgelegt. Mit Norbert Warnatzsch hat er den Trainer im Team, der 2008 Britta Steffen bei ihren Olympiasiegen in Peking betreute. Also es scheitert mit Sicherheit nicht an der Motivation.

Zum ersten Mal seit Paul Biedermann 2009 schwimmen die Deutschen aus der Magdeburger Gruppe konstant und souverän ganz vorn mit in der Weltspitze. Kommen diese Erfolge auf natürlichem Weg zustande?

Berkhahn sagt, es war ein harter Weg, mit Training und dem neuen Konzept auf diese Leistungsstufe zu kommen. Denn vorher waren das ja alles nur Talente. Die Sportler werden alle sehr häufig kontrolliert. Als Franziska Hentke 2014 erstmals eine Welt-Jahresbestzeit geschwommen ist, wurde sie innerhalb von fünf Tagen drei Mal kontrolliert.

Sind die Deutschen aufgrund der eher laxen Dopingkontrollen in manchen Ländern dann nicht phasenweise sogar benachteiligt?

In dem Umfang wird im Ausland oft nicht kontrolliert. Deswegen sagt Bernd Berkhahn: "Wir haben bewiesen, dass wir mit unserem System und den deutschen Kontrollen konkurrenzfähig sind." Das ist auch für die Sportler wichtig zu wissen, dass sie nicht chancenlos ins Wasser steigen gegen Athleten, bei denen weniger kontrolliert wird.

Über den Experten Michael Brandt arbeitet seit vielen Jahren als Sportreporter für MDR SACHSEN-ANHALT. Dabei begleitet er auch die Schwimmer des Olympiastützpunktes Magdeburg regelmäßig bei ihren Einheiten in der Elbeschwimmhalle, im Trainingslager und bei den Wettkämpfen.  

Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 19. Juli 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Juli 2019, 18:51 Uhr

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