Bennet Wiegert
Bennet Wiegert beschäftigt sich fast pausenlos mit dem SCM. Bildrechte: IMAGO

SCM-Trainer privat Wiegert: "Familie leidet manchmal unter meinem Ehrgeiz"

SCM-Trainer Bennet Wiegert ist durch und durch Magdeburger. Er brennt Tag und Nacht für seinen Verein. Für seine Familie ist das nicht immer leicht, erzählt er im zweiten Teil des großen MDR-SACHSEN-ANHALT-Interviews. Außerdem geht es um den großen Schatten seines Vater Ingolf, mit dem Bennet Wiegert lange zu kämpfen hatte, und um das Verhältnis zum 1. FC Magdeburg. Das Gespräch führte Oliver Leiste.

Bennet Wiegert
Bennet Wiegert beschäftigt sich fast pausenlos mit dem SCM. Bildrechte: IMAGO

Wie haben Sie sich in zweieinhalb Jahren als Cheftrainer beim SCM verändert?

Mir macht die Arbeit jeden Tag viel Spaß. Ich habe mich dadurch aber nicht unbedingt zum Positiven verändert. Wenn ich harte Arbeit predige, muss ich sie auch vorleben. Manchmal blicke ich mit einem weinenden Auge auf meine Familie, und weiß, was da hinten runter fällt. Ich sehe, was meine Frau neben ihrem Job leisten muss und wie wenig meine Familie von mir hat. Sie müssen auch mit meinem nicht immer gesunden Ehrgeiz umgehen und mich ertragen, wenn Dinge nicht so laufen, wie ich sie mir vorstelle. Mein Ehrgeiz ist nicht kleiner geworden. Da muss ich mich selbst coachen, das in einem Maß zu halten, der weiterhin Erfolg verspricht, das andere aber nicht hinten runter fallen lässt. Es ist ein Balanceakt zwischen Arbeit und Familie. Dies geht aber Familienvätern in anderen Jobs bestimmt ähnlich.

Wie können Sie sich selbst eine gewisse Lockerheit beibringen oder wer kann Ihnen dabei helfen?

Das muss mir keiner beibringen. Ich muss natürlich reflektieren, was ich mache. Wichtig ist, dass ich nicht schauspielere. Meine große Stärke vor der Mannschaft ist, dass ich authentisch, ehrlich und transparent bin. Wir haben uns sehr entwickelt, was Kritikfähigkeit angeht. Anfangs haben manche Spieler Kritik sofort als Angriffe auf sich verstanden. Ihnen war nicht klar, dass es um eine Weiterentwicklung geht.

Natürlich bin ich derjenige, der Druck machen muss. Klar muss man dann auch schauen, das in Maßen zu halten. Ich sag eigentlich immer “weiter, weiter, weiter”. Aber es gibt dann andere im Verein, deren Aufgabe es auch mal ist zu sagen, “ihr macht das gut”. Mir kommt das Wort “gut” nicht so oft von den Lippen, weil ich oft denke, es geht noch besser.

Was sagt ihr Co-Trainer Yves Grafenhorst, wenn Sie wieder etwas übermotiviert an der Seitenlinie rumtoben?

Seine Rolle ist eine andere als meine. Ich habe Yves aus bestimmten Gründen für diesen Job ausgewählt. Weil er überragende Fähigkeiten hat und konträr zu mir agieren kann. Ich bin der emotionalere Typ. Das wird sich auch nicht ändern.  Yves ist dafür da, mir dann wieder eine andere Sicht zu geben. Nach Niederlagen oder nach Siegen, wenn ich sehr emotional bin, hilft er mir bestimmte Dinge zu relativieren. Ich glaube, dass wir uns da sehr gut ergänzen.

Und wie beruhigt er Sie, wenn Sie mit den Offiziellen oder den Schiedsrichtern aneinandergeraten?

Er sagt da gar nicht viel. Das sieht manchmal so aus, als wäre es unkalkuliert. Aber alles was da abläuft, würde nie bestimmte Grenzen überschreiten. Ich bin da sehr kontrolliert. Ich bin weit weg von einer Tätlichkeit oder einer Beleidigung. Ich habe mir mal vorgenommen, nie respektlos zu sein. Auch wenn es manchmal nicht so aussieht: Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu jedem Schiedsrichter. Die haben einen schwierigen Job und ich möchte diese Entscheidungen nicht treffen müssen. Aber ich habe einen zu großen Gerechtigkeitssinn. Wenn ich meine Mannschaft benachteiligt fühle, werde ich aufbrausend.

Vielleicht wird sich das mit dem Alter etwas verändern. Andererseits haben sich Nicolaj Jacobsen (Rhein-Neckar Löwen – d.Red.) oder Alfred Gislason (Kiel – d.Red.) über die Jahre auch nicht wirklich beruhigt. (lacht)

Yves Grafenhorst (SC Magdeburg)
Yves Grafenhorst ist die rechte Hand von Bennet Wiegert. Bildrechte: IMAGO

Wie soll die Entwicklung von Bennet Wiegert weitergehen?

Ich möchte immer besser werden. Und ich möchte nie mit 60 oder 70 im Schaukelstuhl sitzen und sagen, ich weiß alles. Auch dann möchte ich gerne das Gefühl haben, mich noch entwickeln und lernen zu können. Ob das gelingt, weiß ich nicht. Aber diese Haltung macht auch meinen Job aus. Es gibt keinen Stillstand, du bist nie fertig. Wenn es eine Regeländerung gibt, musst du wieder innovativ arbeiten.

Für den SCM habe ich eine Philosophie entwickelt, die ich im Moment für am erfolgversprechendsten halte. Vielleicht sage ich in fünf Jahren, das war Schwachsinn. Vielleicht sage ich aber auch, es war richtig, es war modern. Ich will einfach nicht stillstehen. Ob ich das gut oder schlecht mache, müssen andere bewerten. Aber wenn akzeptiert wird, dass ich alles reinhaue, wäre mir schon viel geholfen. Und das Gefühl habe ich nicht immer.

Es gab mal einen Trainer beim SC Paderborn, René Müller, der behauptete, es stehe Medien oder Fans nicht zu, die Arbeit eines Trainers zu bewerten …

Das ist natürlich Quatsch. Ich stehe mit dem, was ich mache, in der Öffentlichkeit. Da kann man natürlich auch Kritik an mir üben und sagen was man denkt. Ich glaube, dass sehr viele Leute in Magdeburg akzeptieren, was wir machen. Dass Yves und ich beide aus Magdeburg kommen, ist sicher ein wichtiger Identifikationsfaktor. Viele fordern mehr eigenen Nachwuchs in der Mannschaft. Das wollen wir auch. Aber die Spieler müssen unseren Ansprüchen genügen. Dafür sind wir natürlich selbst verantwortlich.

Ich habe also vieles in der eigenen Hand. Und jeder kann dazu seine Meinung haben. Es ist doch aber menschlich, dass ich lieber gelobt als kritisiert werde. Und manchmal wird man für Sachen kritisiert, die einfach nicht korrekt sind. Da hab ich dann auch keine Lust, groß zu diskutieren. Ich werde immer die Mannschaft auf das Feld schicken, die dem SC Magdeburg den bestmöglichen Erfolg verspricht. Und trotzdem bin ich auch nur ein Mensch und auch als Trainer kann man natürlich tausend Fehler machen. Leider wird man dann nie erfahren, wie es ausgegangen wäre, wenn ich etwas anderes probiert hätte. Aber die Fans können sich sicher sein: Es gibt keinen, der mehr diesen Erfolg möchte als ich.

Trainer Bennet Wiegert
Kritik stelle er sich gern, solange sie sachlich sei, sagt Bennet Wiegert. Bildrechte: IMAGO

Und es ist ja eigentlich auch nichts schlechtes, wenn sich Leute in einem hohen Maß mit dem SCM identifizieren und deshalb etwas kritisch sind, oder?

Genau. Ich weiß, dass es Leute gibt, denen die Bratwurst nicht mehr schmeckt, wenn wir verloren haben. Und ich möchte auch Spieler haben, die so ticken. Denen es nicht egal ist, wenn man verliert und die eine enorme Identifikation mit dem Verein zeigen. Vielleicht nicht ganz so extrem wie bei mir, aber auf jeden Fall in die Richtung.

Ihre Identifikation mit dem Verein rührt ja auch daher, dass Ihr Vater Ingolf Wiegert schon beim SCM spielte und Sie beim Verein groß geworden sind. Irgendwann spielten Sie dann auch für die erste Mannschaft. Doch wie lange waren sie “nur” Ingolfs Sohn und ab wann wurden Sie als Bennet wahrgenommen?

Ingolf Wiegert präsentiert mit seinem Sohn Bennet Wiegert seine goldene Olympiamedaille.
Bennet (r.) stand lange im Schatten von Vater Ingolf Wiegert. Bildrechte: IMAGO

Für manche bin ich bestimmt immer noch Ingolfs Sohn. Aber mein zwischenzeitlicher Weggang vom SCM – ich war drei Jahre in Wilhelmshaven und ein Jahr in Gummersbach – hat mir enorm gut getan. Wenn dort mein Vater zu Besuch kam, hieß es: “Sie sind ja der Vater von Bennet Wiegert.” Das kannten wir beide so nicht. In der Zeit habe ich mich zu einer anderen Persönlichkeit entwickelt und bin aus seinem Schatten getreten. Seit dem ich jetzt Trainer des SC Magdeburg bin, passiert das immer öfter. Hinzu kommt, dass seine Generation heute nicht mehr so präsent ist, wie vor einigen Jahren.

Das ist schon ein gutes Gefühl. Denn 20 Jahre lang wurde ich an ihm gemessen. Da gab es auch unschöne Szenen. In anderen Hallen wurde ich damit oft provoziert. Eisenach war für mich ein Spießrutenlauf.

Andererseits hatte es für mich auch Vorteile. Weil ich jemanden hatte, der aus dem Leistungssport kam, als ich noch ein junger Spieler war. Ich sehe es jetzt an unseren Nachwuchsspielern: wenn die Eltern nicht so leistungssportaffin sind, musst du viel mehr beraten. Umgekehrt haben die Jungs vielleicht auch etwas mehr Abstand. Bei uns zu Hause war der Sport immer präsent. Das war Fluch und Segen zugleich.

Auf Ihrem Instagram-Account ist  relativ viel von Ihrer Familie zu sehen. Das ist relativ ungewöhnlich für jemanden, der so in der Öffentlichkeit steht. Warum haben Sie sich für diesen Weg entschieden?

Ich nutze das ja nur sporadisch. Ich bin in der Urlaubszeit recht aktiv. Wenn es mir schlecht geht, poste ich auch nichts. Da will ich mich nicht angreifbar machen, oder irgendwas kommentieren. Ich möchte, dass die Fans die Möglichkeit haben, die Person Bennet Wiegert kennenzulernen und nicht nur den Trainer. Und ich möchte zeigen, dass es noch etwas anderes in meinem Leben gibt als Handball. Auch wenn das manchmal zu kurz kommt. Meine Familie ist für mich das wichtigste, auch wenn ich das selten zeigen kann.

Würden Sie das gerne ändern?

Ja. Meine Kinder nehmen das noch nicht so wahr. Ich hoffe, dass sie mir nicht irgendwann vorwerfen: “Du warst zu selten da, Papa.” Momentan machen wir noch sehr viel zusammen. Das kann sich ändern, wenn sie ältern werden. Deshalb hoffe ich auch, dass ich nicht irgendwann wichtige Phasen mit ihnen verpasse.

Trotzdem lebe ich im Heute. Als ich Trainer der Bundesligamannschaft wurde, meinten viele, es sei vielleicht zu früh. Ich habe mich das auch gefragt. Aber der Zeitpunkt war eben so da. Ich weiß nicht, was in zehn Jahren ist. Aber ich habe auch keine Angst vor der Zukunft. Ich kann arbeiten. Und deswegen werde ich auch immer etwas haben, um meine Familie ernähren zu können. Das ist ein gutes Gefühl.

Nun steht aber erstmal die Sommerpause an. Werden Sie auch richtig Urlaub machen?

Erstmal muss ich noch viel nacharbeiten und Dinge analysieren. Aber wir sind auf jeden Fall zehn Tage auf Mallorca. Für die Kinder ist das perfekt. Da können sie baden, da kommen Urlaubsgefühle auf. Meine Frau muss sich um nichts kümmern. Und ich habe mir fest vorgenommen, dass das Handy tagsüber im Safe bleibt. Maximal abends will ich mal für eine Stunde erreichbar sein, falls es Probleme gibt. Denn für meine Jungs will ich immer da sein.

Letzte Frage: Der 1. FC Magdeburg ist in die 2. Bundesliga aufgestiegen und so erfolgreich wie noch nie seit der Wende. Kann das für den SC Magdeburg ein Problem werden?

Ich mache keinen Hehl aus meiner Herkunft. Ich bin Magdeburger. Mir liegen beide Vereine am Herzen. Schon als Kind bin ich auch oft ins Ernst-Grube-Stadion gerannt und hab deshalb Sympathie für die Blau-Weißen. Deshalb freue ich mich über den Aufstieg.

Ärgern würde mich, falls wir es an den Zuschauerzahlen merken. Ich glaube aber, dass beide Vereine ein unterschiedliches Zuschauerklientel haben und wir uns da nichts wegnehmen. Mir ist Wertschätzung für den SCM sehr wichtig – die äußert sich in Medieninteresse und vor allem im Besuch der Fans.

Die einzige Sorge, die ich habe ist, dass wir nicht mehr an unsere Halle rankommen. Das ist manchmal problematisch, wenn der FCM spielt. Aber auch das wird sich lösen lassen. Ansonsten ist der FCM-Aufstieg eine Riesenwerbung für die Stadt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Im ersten Teil des ging es um die sportliche Saisonbilanz, die Entwicklung der Zugänge von 2017 und die Weiterentwicklung in der kommenden Saison.

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Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 04. Juni 2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Juni 2018, 20:33 Uhr

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