Remis gegen Chemnitz Was beim FCM hoffen lässt – und was Angst macht

Nur drei Punkte ist der 1. FC Magdeburg noch vom ersten Abstiegsplatz entfernt. Auch gegen Chemnitz ist dem Team die Verunsicherung anzumerken. Die Leichtigkeit fehlt. Wieder gelingt kein Sieg. Doch trotz allem Frust gibt es Hoffnung.

Daniel George
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von Daniel George, MDR SACHSEN-ANHALT

1.FC Magdeburg - Chemnitzer FC, v.l. Tobias Mueller Magdeburg, 5 bedankt sich bei den Fans
FCM-Abwehrspieler Tobias Müller zeigt es an: Daumen hoch für die Fans. Bildrechte: imago images/Jan Huebner

Weit vor dem Anpfiff offenbarten die Fans des 1. FC Magdeburg am Samstagnachmittag, dass sie sich entschieden haben: "Wille, Kampfgeist, Biss – das ist unsere Mentalität", so stand es auf einem riesigen Banner vor der kompletten Nordtribüne geschrieben. Keine Pfiffe für die Mannschaft, wenn sie denn kämpft. Stattdessen vollste Unterstützung im Abstiegskampf – und das mehr als 90 Minuten lang.

Denn bereits während der Erwärmung feuerte "Block U" die FCM-Kicker stimmgewaltig an, auch der brachiale Wechselgesang mit der gegenüberliegenden Tribüne war schon zu hören. "So etwas habe ich noch nicht erlebt", sagte Claus-Dieter Wollitz, der Cheftrainer des 1. FC Magdeburg, nach der Partie. "Dass die Fans der Mannschaft schon eine halbe Stunde vor Spielbeginn so ein Gefühl geben, ist nicht selbstverständlich. Davor habe ich allergrößten Respekt."

Und dennoch reichte es für Wollitz wieder nicht zum ersten Sieg als Trainer des FCM. Gegen die Chemnitzer stand am Ende ein 1:1-Unentschieden auf der Anzeigetafel. Ein Remis, das in dieser prekären Situation – und vor allem nach dem desaströsen Auftritt der Vorwoche gegen Meppen (0:2) – zumindest als kleiner Schritt nach vorn bezeichnet werden durfte. Doch: "Es ist einfach bitter, dass wir unsere Fans nicht belohnen konnten für ihre sensationelle Unterstützung", sagte FCM-Angreifer Sören Bertram. "Das tut echt weh."

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Sport im Osten Sa 15.02.2020 16:00Uhr 15:13 min

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FCM-Profi Bertram: "Einfach den Hintern aufreißen"

Doch bei aller Enttäuschung über den verpassten Sieg: Es gab Aspekte des Spiels, die Hoffnung machen. Denn im Gegensatz zur Vorwoche stimmte die Einstellung der Profis wieder. Sie gingen engagiert in die Zweikämpfe, steckten auch nach dem Rückstand in der 41. Spielminute nicht auf. So gelang eine Viertelstunde vor Schluss durch ein Elfmetertor von Jürgen Gjasula noch der Ausgleich. Der FCM kämpfte, spielte auf Sieg. "Das ist aber auch das Mindeste, das wir machen konnten, und das haben wir gemacht: Leidenschaft gezeigt", stellte Linksverteidiger Timo Perthel klar.

Nur drei Punkte trennen den FCM noch vom ersten Abstiegsplatz. Ist bei allen Spielern angekommen, wie ernst die Lage ist? Die Aussagen nach und das Auftreten während der Partie gegen Chemnitz lassen das zumindest hoffen. So sagte Torschütze Gjasula beispielsweise: "Wir sind uns dessen bewusst, um wie viel es hier geht. Es geht hier auch um Arbeitsplätze." Ein Abstieg in die Regionalliga würde den Klub schließlich auch infrastrukturell weit zurückwerfen – und wirtschaftliche Konsequenzen haben.

Deshalb sagte Sören Bertram auch: "So blöd es klingt, aber: Jeder Punkt zählt." Im Kampf um den Klassenerhalt. Um nichts Anderes geht es derzeit. Das wurde gegen Chemnitz erneut deutlich. "Natürlich hatten wir uns mehr vorgenommen, natürlich ist uns das Unentschieden zu wenig. Klar, die Verunsicherung wird größer. Aber wir müssen uns jetzt einfach den Hintern aufreißen, so, wie wir es heute gemacht haben, und uns die Erfolgserlebnisse hart erarbeiten."

1. FC Magdeburg - Chemnitzer FC , Im Bild: Magdeburger Fans
Die FCM-Fans standen gegen Chemnitz hinter ihrer Mannschaft. Bildrechte: imago images/Picture Point

FCM-Trainer Wollitz: "Auch für mich enttäuschend"

Nur durch Siege kommt das Selbsvertrauen zurück. Da sind sie sich einig beim FCM. Denn abgesehen davon haben sie schon viel probiert. In dieser Woche gab es einen gemeinsamen Grillabend im Stadion, organisiert von Zeugwart Heiko Horner. Das Team arbeitet am Teamgeist.

Doch wie will Trainer Wollitz seinen Spielern das Selbstbewusstsein, die Leichtigkeit zurückgeben? "Wir werden das intern analysieren und dann dementsprechend reagieren, was die Trainingsinhalte und was die Aufstellung betrifft", sagte Wollitz danach gefragt. Konkreter wurde der Trainer nicht. Er versprach allerdings: "Wir werden Lösungen finden."

Angst macht den Anhängern besonders die teils erschreckende Harmlosigkeit des FCM im Angriff. Magdeburg erspielte sich auch gegen Chemnitz kaum Torchancen – und vergab die wenigen Möglichkeiten kläglich. "Meine Mannschaften haben sich in jedem Fußballspiel, das ich begleiten durfte, sehr viele Torchancen erspielt, offensiv immer mit das Beste geboten, was man bieten kann und viel Leidenschaft", sagte Wollitz. "Leidenschaft habe ich heute gesehen. Wille auch. Aber diese Kreativität, diese Struktur sich Torchancen zu erspielen, das ist bei uns einfach zu wenig. Da haben wir viel zu verbessern und zu korrigieren. Dafür bin ich verantwortlich und dafür werde ich Sachen verändern."

Was nach zwei Punkten aus vier Partien unter seiner Regie auch dringend notwendig erscheint. Diese Bilanz "ist auch für mich persönlich enttäuschend", sagte Wollitz. Und: "Ich gehe da sehr selbstkritisch mit um."

 1.FC Magdeburg - Chemnitzer FC, v.l. Magdeburg um Christian Beck Magdeburg, 11
Auch FCM-Kapitän Christian Beck blieb offensiv einmal mehr blass. Bildrechte: imago images/Jan Huebner

Mehr Gelassenheit, Ruhe und Überzeugung benötige seine Mannschaft, erklärte der Cheftrainer – und übte dann noch Kritik an den Unparteiischen: Dem Führungstreffer der Chemnitzer wäre eine Abseitsposition vorausgegangen. "Wir haben das vor dem Gegentor auch nicht gut verteidigt, da müssen wir selbstkritisch sein", sagte Wollitz. "Aber er steht einen halben Meter im Abseits, das ist mir einfach zu viel." Außerdem seien dem FCM zwei Elfmeter nach Foulspiel an Sören Bertram und später an Anthony Roczen verwährt geblieben.

Punkte, über die diskutiert werden kann, werden muss, sicher. Nur fraglich ist, ob die Opferrolle, ob das Lamentieren bei Schiedsrichterentscheidungen vor allem auf dem Platz, wie es gegen Chemnitz immer wieder zu sehen war, dem FCM aktuell weiterhilft. Oder ob gerade wirklich nur Wille, Kampfgeist, Biss und harte Arbeit zählen. Die Fans jedenfalls haben sich da längst entschieden.

Daniel George
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung.

Im April 2017 zog es ihn zurück in seine Heimatstadt, in der er seitdem in der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet – als Sport-, Social-Media- und Politik-Redakteur, immer auf der Suche nach guten Geschichten, immer im Austausch mit unseren Nutzern.

Quelle: MDR/dg

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 15. Februar 2020 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Februar 2020, 09:59 Uhr

7 Kommentare

MDR-Team vor 6 Wochen

Anmerkung MDR SACHSEN-ANHALT:

Wo steht denn bitteschön, dass das der Ausgleichstreffer war? In dem Artikel, den Sie hier kommentieren, jedenfalls nicht.

Schenkendorf vor 6 Wochen

Das Abseitstor war für den MDR so "schön", daß es gleich für den Volltreffer der Woche nominiert wurde. Es war übrigens nicht der Ausgleichstreffer, sondern die Führung für Chemnitz, liebe MDR Redaktion.

Flo vor 7 Wochen

Mit den Fehlentscheidungen der Schiedsrichter bin ich aber bei Wollitz. Verwunderlich ist, daß es im zweiten Spiel nacheinander(andere Spiele von denen hab ich nicht gesehen) solche Fehler pro Chemnitz gibt. RWG

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