Fairplay im Nachwuchsfußball Wie ein Fußballverein aus Magdeburg die Eltern seiner Talente erzieht

Eltern, die mit Schiedsrichtern diskutieren, Kindern taktische Anweisungen geben oder sich gegenseitig beleidigen – vielerorts gehört das zum Alltag des Jugendfußballs. Der SV Arminia Magdeburg hat deshalb Regeln aufgestellt.

Daniel George
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von Daniel George, MDR SACHSEN-ANHALT

Karte mit der Aufschrift Fair bleiben, liebe Eltern
Auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) setzt sich für Fairplay unter Eltern ein. Bildrechte: imago/blickwinkel

Ab und an mal eine Anfeuerung, ein kurzes Raunen oder Applaus, doch sonst bleibt es still abseits des Spielfeldes. Auf dem Rasen spielen die D-Junioren des SV Arminia Magdeburg um das Weiterkommen im Landespokal gegen den Halleschen FC – und die umherstehenden Eltern halten sich auffallend und angenehm zurück. Das Lauteste an diesem verregnetem Freitagabend im November sind noch die Züge, die am Jahnsportplatz vorbeirauschen.

Und das hat einen Grund: "Wir haben in der Vergangenheit gesehen, dass es nicht immer optimal ist, wie sich Eltern draußen am Platz verhalten", sagt Gordon Bode, einer der Trainer des Teams und Abteilungsleiter beim SV Arminia. "Aber wir müssen und wollen den Kindern ja Fairplay vermitteln. Also haben wir Regeln für die Eltern aufgestellt." 

Ruhig bleiben? Manchen Eltern fällt das schwer

Ein Verein erzieht die Eltern seiner Nachwuchsspieler – klingt ungewöhnlich, ist bei den Arminen aus Magdeburg aber so. Zumindest bei den D-Junioren, perspektivisch jedoch in allen Teams des Vereins. Denn der Umgangston auf den Plätzen ist auch im Jugendfußball oft ein rauer. Und wenn die Erwachsenen übermotiviert sind, spiegelt sich das oft beim Nachwuchs. "Es war bei uns und auch anderen Vereinen öfter so, dass Schiedsrichterentscheidungen diskutiert wurden, dass Eltern versucht haben, Einfluss auf das Spiel zu nehmen, ihrem Kind taktische Anweisungen zu geben oder sogar mit Eltern der gegnerischen Mannschaft aneinander geraten sind", erzählt Gordon Bode. "Das ist uns negativ aufgefallen und das wollten wir nicht mehr."  

Gordon Bode
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Die Reaktionen waren durchweg positiv. Auch, wenn das für manche Väter oder Mütter schwierig ist, weil sie es jahrelang so gemacht haben, wie wir es nicht mehr wollen.

Gordon Bode, Abteilungsleiter beim SV Arminia Magdeburg

Seit der vergangenen Saison gibt es bei den D-Junioren des SV Arminia deshalb Regeln auch für die Eltern und nicht nur für die Kinder und das Trainerteam. Bei vielen Familien hängen diese Regeln nun am Kühlschrank, sind immer präsent. "Die Reaktionen waren durchweg positiv", sagt Gordon Bode. "Auch, wenn das für manche Väter oder Mütter schwierig ist, weil sie es jahrelang so gemacht haben, wie wir es nicht mehr wollen." 

Nun müssen sie sich jedoch an acht Regeln halten: 

Regel 1: Belohnung

Gratulieren Sie Ihrem Kind für seine tolle Leistung! Vermeiden Sie aber materielle Belohnungen. Diese entsprechen nicht dem Grundgedanken des Mannschaftssports auf Juniorenstufe.

Regel 2: Ratschläge

Geben Sie Ihrem Kind während des Spiels keine fußballerischen Ratschläge. Diese erteilt ihm der Trainer oder Betreuer.

Regel 3: Motivation

Unterstützen Sie Ihr Kind mit lauten "Hopp" oder "Bravo" Rufen und Applaus. Vielleicht müssen Sie es auch einmal trösten. Vermeiden Sie aber lange Diskussionen oder gar "Spielanalysen" mit ihrem Kind. Sprechen Sie nur positive Erlebnisse des Spiels/Turniers an.

Regel 4: Distanz

Achten Sie darauf, dass Sie hinter der jeweiligen Abschrankung stehen. Nur so kann sich der Trainer/Betreuer optisch von ihnen absetzen und ist für Ihr Kind gut vom Spielfeld aus erkennbar.

Regel 5: Fairness

Seien Sie auch im Bereich Fairness ein Vorbild und unterlassen Sie Diskussionen oder gar Beschimpfungen gegenüber allen Beteiligten. Achten Sie bitte sorgfältig auf ihre Wortwahl. Kraftausdrücke sind generell zu unterlassen. Sollten Sie selber provoziert werden, entfernen Sie sich oder wechseln Sie einfach die Spielfeldseite. Bedenken Sie, dass im Mannschaftssport immer sehr viel Emotion steckt und nicht jedes Wort ernst genommen werden kann. Verabschieden Sie nach dem Spiel alle Spieler und den Schiedsrichter mit Applaus. Zeigen Sie Größe auch, wenn nicht alles für Ihr Team gelaufen ist.

Regel 6: Kritik

Kritisieren Sie Ihr Kind niemals nach einem Spiel. Sprechen Sie positive Erlebnisse des Spiels/Turniers an. Die Freude am Fußball soll immer erhalten bleiben. Sollten Sie einmal ein Spiel verpassen, fragen Sie Ihr Kind beim Heimkommen nicht "Hast du ein Tor gemacht?". Fragen Sie besser "Hast du beim Fußball Spaß gehabt?". Dies ist für das Kind viel wichtiger als selber ein Tor geschossen zu haben.

Regel 7: Material

Lassen Sie Ihr Kind seine Tasche selber packen und tragen. Er/sie nimmt am Spiel/Turnier teil. Lassen Sie Ihr Kind auch die Fußballschuhe selber reinigen. Es ist nicht schlimm, wenn sie nicht perfekt geputzt sind. Das Kind soll auch nach dem Spiel seine Tasche selber tragen.

Regel 8: Probleme/Meinungsverschiedenheiten

Bei Problemen/Meinungsverschiedenheiten suchen Sie das Gespräch mit dem Trainer.

Gordon Bode sagt: "Wir reden immer wieder mit den Elternteilen und schaffen dafür Verständnis. Im besten Fall reglementieren sich die Eltern dann auch gegenseitig und weisen sich auf mögliche Verfehlungen hin. Sicher ist das eine Herausforderung, aber wir sind auf einem guten Weg." Ein Vorteil: Auf dem Jahnsportplatz stehen die Eltern nicht direkt am Spielfeldrand, sondern einige Meter entfernt auf einer Anhöhe. "Diese Distanz zum Geschehen auf dem Rasen ist wichtig", sagt Bode. "Deshalb achten wir darauf und weisen auch unsere Gäste daraufhin." 

"Wir Eltern erziehen uns auch gegenseitig"

Marko Jakob ist das Beobachten aus sicherer Entfernung bereits gewohnt. Sein Sohn Timo spielt bei den D-Junioren des SV Arminia. Und: "Er findet das auch gut, dass es Regeln für die Eltern gibt", sagt der Vater mit einem Lächeln im Gesicht. "Ich finde die Regeln auch sehr gut, weil es schon Eltern gibt, die sehr angespannt, sehr aufgeregt sind. Und wenn es dann auf dem Platz zum Beispiel zu einem Foulspiel gegen das eigene Kind kommt, springt das oft auf die Ränge über. Da ist es wichtig, dass die Eltern ruhig bleiben und den Kindern auch Fairplay vorleben." 

Marko Jakob, Vater eines D-Jugendlichen beim SV Arminia Magdeburg
Bildrechte: MDR/Daniel George

Wenn es auf dem Platz zum Beispiel zu einem Foulspiel gegen das eigene Kind kommt, springt das oft auf die Ränge über. Da ist es wichtig, dass die Eltern ruhig bleiben und den Kindern auch Fairplay vorleben.

Marko Jakob, Vater eines D-Jugend-Kickers

Wie schwer es in manchen Situationen ist, ruhig zu bleiben? "Das ist ganz, ganz schwer", gibt Jakob zu. Aber: "Wir Eltern erziehen uns auch gegenseitig. Wir kennen uns über die Jahre und wissen, der eine ist etwas aufgeregter als der andere und weisen denjenigen dann daraufhin. Und auch die Trainer machen einen super Job, sie lassen wirklich Fairness walten und vermitteln diese Werte auch an die Kinder." 

Ein kleines Beispiel: Die D-Jugendlichen des SV Arminia wurden so erzogen, dass sie die Gegner und die versammelten Eltern mit Handschlag begrüßen. "Das sollte eigentlich normal sein, aber viele der Jungs kennen das heutzutage gar nicht mehr", sagt Gordon Bode. Dem Abteilungsleiter liegt der Fairplay-Gedanke am Herzen, denn: "Wir haben als Breitensportverein eine soziale Aufgabe."   

Und deshalb gibt es auch fünf Verhaltensregeln für die Mannschaft und das Trainerteam:

Regel 1: Fairplay

Die Spieler unserer Mannschaft verhalten sich gegenüber Mitspielern, Gegnern, Schiedsrichtern, Begleitern und Zuschauern auf und neben dem Platz jederzeit fair. Wir sind ein Team – gewinnen und verlieren gemeinsam. Wir benutzen keine Schimpfwörter. "Ey", "Alter" und so weiter haben auf und neben dem Sportplatz ebenfalls nichts zu suchen. Wir akzeptieren Entscheidungen kommentarlos und bringen den Schieds- und Linienrichtern Respekt entgegen.

Regel 2: Pünktlichkeit

Die Spieler besuchen das Training regelmäßig und erscheinen pünktlich.

Regel 3: Absagen

Kann man nicht am Training/Spiel/Turnier teilnehmen, meldet man sich rechtzeitig beim Trainer über die App "Easy2Coach" ab.

Regel 4: Ordnung/Verhalten in der Kabine

In der Kabine, egal ob heim oder auswärts, ist Ordnung zu halten. Die Sachen anderer Garderobennutzer sind tabu! Vor Verlassen der Garderobe wird diese aufgeräumt. Abfälle gehören in die Abfallkörbe. In der Kabine herrscht Ruhe. Die Anweisungen des Trainers oder des Platzpersonals müssen befolgt werden. Vor Spielen und Training soll Ruhe für die nötige Konzentration herrschen.

Regel 5: Sonstiges

Trainingsmaterialien tragen ausschließlich die Spieler. Das Spielfeld nach dem Spiel/Training wird ausschließlich gemeinsam verlassen. Alle Trainingsmaterialien werden ordnungsgemäß in den dafür vorgesehenen Raum gebracht und an alter Stelle abgestellt.

Die Spieler grüßen die Trainer, Eltern, Großeltern und auch alle anderen direkt bei den Trainer stehenden/sitzenden Personen mit Handschlag. Alle anderen erwachsenen Personen auf dem Sportplatz werden ebenfalls gegrüßt.

Vor dem Training dürfen wir auf unserem Trainingsplatz schon spielen. Wir werden aber nicht den Ball nur stupide auf das Tor schießen.

Elektronische Geräte haben bei Turnieren/Spielen/Hallenturnieren nichts zu suchen.

Es ist allen untersagt, auf dem gesamten Sportplatzgelände zu spucken. Kaugummis sind bei dem Training/Spiel untersagt.

Trainer dürfen bei den Trainingsübungen nicht sitzen.

Verhaltenskodex für Eltern auch beim 1. FC Magdeburg    

Regeln des Miteinanders gibt es auch beim Nachwuchs des 1. FC Magdeburg, dem Profi-Klub aus der Elbestadt. "Das Thema beschäftigt uns sehr", sagt Sören Osterland, Sportlicher Leiter im Nachwuchsleistungszentrum des Drittligisten. "Die Eltern gehören dazu. Sie vertrauen uns das Wichtigste an, was sie im Leben haben: ihre Kinder. Unsere Trainer und Betreuer sind sich alle bewusst, dass wir eine große Verantwortung haben."

Auch beim FCM wurde schon vor einigen Jahren ein Verhaltenskodex für die Eltern aufgestellt. "Den setzten wir um und daran halten wir uns", sagt Osterland. "Es gibt immer wieder Eltern, die ihre eigenen sportlichen Ambitionen in ihren Kindern spiegeln." Und da können Regeln helfen, für Verständnis zu sorgen. "Du wirst es nie zu einhundert Prozent schaffen, dass alle Eltern das verstehen. Diese Erkentniss ist bei mir gereift. Aber wir können den prozentualen Anteil derer, die es verstehen, erhöhen."

Sören Osterland
Bildrechte: MDR/1. FC Magdeburg

Es gibt immer wieder Eltern, die ihre eigenen sportlichen Ambitionen in ihren Kindern spiegeln.

Sören Osterland, Sportlicher Leiter des Nachwuchsleistungszentrums beim 1. FC Magdeburg

Arminias Abteilungsleiter Gordon Bode glaubt, dass die Herausforderungen bei einem kleineren Verein wie dem seinen sogar noch größer sind, was das Verhalten mancher Eltern angeht. Denn: "Beim FCM werden sich die Eltern eher überlegen, ob sie die Konfrontation suchen, einfach aus Angst, dass das Kind dann einfach nicht mehr in den nächsten Jahrgang mitgenommen wird, dass es rausgeschmissen wird", glaubt Bode. "Das würden wir hier nicht machen. Außerdem ist es in einem Breitensportverein immer schwieriger, die Distanz zu wahren, weil die Eltern auch oft Helfer sind, sich engagieren." Das Maßregeln fällt da manchmal schwer.

Zurück auf dem Jahnsportplatz. Abpfiff im Heimspiel des SV Arminia Magdeburg gegen den Halleschen FC. Die 45 Zuschauern applaudieren – trotz erwartungsgemäß deutlicher 0:6-Niederlage der Gastgeber. "Wir wollen den Kindern beibringen, dass man nicht immer gewinnen muss, auch mal verlieren kann, aber man muss fair verlieren können", sagt Gordon Bode. "Um das zu vermitteln, haben wir die Regeln aufgestellt." Für Kinder und Trainer und Eltern, für alle also – denn nur so ist es fair.    

Daniel George
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung.

Vom Internet und den neuen Möglichkeiten darin ist er fasziniert. Deshalb zog es ihn im April 2017 zurück in seine Heimatstadt, in der er seitdem in der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet – als Sport-, Social-Media- und Politik-Redakteur, immer auf der Suche nach guten Geschichten, immer im Austausch mit unseren Nutzern.

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Quelle: MDR/dg

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 15. November 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. November 2019, 15:56 Uhr

1 Kommentar

Sharis vor 3 Wochen

Insgesamt ganz vernünftige Maßnahmen..aber einen Punkt vetstehe ich überhaupt nicht: warum soll man als Eltern nicht auch sachliche, konstruktive Kritik am Verhalten seines Kindes auf dem Spielfeld üben dürfen, bzw. sogar müssen; etwa nach einem unnötig begangenem Foul ?

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