Zwischen Traumjob und Erfolgsdruck Wie Lucas Reich aus Magdeburg als eSport-Spieler seinen Lebensunterhalt verdient

Lucas Reich aus Magdeburg hat das geschafft, wovon unzählige Kinder träumen: Er spielt ein Computerspiel – und lebt davon. Eine Geschichte über die Skepsis seiner Eltern und den harten Konkurrenzkampf im eSport-Geschäft.

Daniel George
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

von Daniel George, MDR SACHSEN-ANHALT

Lucas Reich, eSport-Spieler aus Magdeburg
Spaß bei der Arbeit: Lucas Reich während eines Turniers in Kanada. Bildrechte: MDR/Adam Lakomy/ESL

Wie seine Eltern reagiert haben? Lucas Reich erinnert sich noch genau daran: "Bist du bescheuert?" Das hätten sie ihn gefragt. Zuvor hatte er ihnen erklärt, seinen Lebensunterhalt künftig mit dem Computerspielen verdienen zu wollen. "Meine Mutter hat mich belächelt", erinnert er sich. Und: "Mein Vater hat es gar nicht verstanden. Er ist von der alten Schule, er konnte das gar nicht glauben." Aber: "Ich stand hinter meiner Entscheidung. Ich wollte das unbedingt machen."

Vor etwas mehr als einem Jahr war das. Mittlerweile kann der 23 Jahre alte Magdeburger schmunzeln, wenn er diese Anekdote erzählt – weil er es geschafft hat, weil er professionell eSport betreibt und seine Eltern ihn nun dabei unterstützen: "Sie fragen mich jetzt schon immer, bei welchem Event ich wo auf der Welt als nächstes spiele."

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Viele Menschen in einer ausgeleuchteten Halle.
Bildrechte: imago/Bildbyran
Viele Menschen in einer ausgeleuchteten Halle.
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Viele Menschen in einer ausgeleuchteten Halle.
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Im März fand im polnischen Kattowitz die elfte Saison der (Intel Extreme Masters) E-Sport Turniere statt.
Bildrechte: Electronic Sports League/Helena Kristiansson
Im März fand im polnischen Kattowitz die elfte Saison der (Intel Extreme Masters) E-Sport Turniere statt.
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Im März fand im polnischen Kattowitz die elfte Saison der (Intel Extreme Masters) E-Sport Turniere statt.
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Texttafel: "Mehr Erklärgrafiken und -videos auf Instagram @mdrklaert"
Mehr Erklärgrafiken und -videos auf Instagram @mdrklaert Bildrechte: MDR/Max Schörm
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Wie viel Geld verdient ein eSport-Spieler?

Schweden, Kanada, Frankreich – nur drei von zahlreichen Ländern, in denen Lucas Reich bereits gespielt hat. Denn in dem Ego-Shooter "Tom Clancy's Rainbow Six: Siege" gehört der Magdeburger zu den besten Spielern Europas. "Hungry", wie er sich in der eSport-Welt nennt, sitzt hauptberuflich vor dem Bildschirm. "Ich bin quasi wie ein Fußballspieler – nur, dass ich online spiele und eben ein anderes Spiel", erklärt Reich. Das heißt: Auch er wird von einem Klub bezahlt. Der 23-Jährige steht aktuell bei der Organisation PENTA Sports unter Vertrag.

Was er als eSport-Spieler pro Monat verdient? Ins Detail gehen will Reich nicht. Doch er verrät: "Ich verdiene mehr, als wenn ich eine Ausbildung gemacht hätte." Einen Ausbildungsplatz im IT-Bereich hatte er vor einem Jahr bereits sicher. Doch dann kam das Angebot von PENTA Sports. Er sagte zu, denn: "Das war eine einmalige Chance. Ich wollte diese Erfahrung einfach mitnehmen."

Die ganz großen Gehälter werden zwar in anderen Spielen, wie dem wohl bekanntesten Ego-Shooter "Counter Strike", gezahlt. "Da verdienen die Besten der Szene sogar 20.000 bis 50.000 Euro im Monat", erzählt Lucas Reich. Bei der Weltmeisterschaft in Fortnite gewann in diesem Jahr der 16 Jahre alte Sieger drei Millionen Dollar Preisgeld. Von solchen Summen ist Reich noch weit entfernt, aber auch bei "Tom Clancy's Rainbow Six: Siege" würden die besten Spieler "zwischen 2.000 und 5.000 Euro" monatlich verdienen. Diejenigen also, die einen Profivertrag besitzen – das sind die wenigsten der Millionen Spieler weltweit. Doch er zählt dazu.

Wie schwer ist es, professioneller eSport-Spieler zu werden?

Vor zwei Jahren verdiente Lucas Reich mit eSport noch 75 Euro im Monat. Nur eine Aufwandsentschädigung. Mehr gab es bei seinem ersten Team nicht. Eigentlich wollte er damals Fachinformatik bei der Bundeswehr studieren. Doch nach seinem Wehrdienst hätte er sich dafür neun Jahre lang verpflichten müssen. "Ich wusste, dass das nicht geht, wenn ich im eSport groß rauskommen will."

"Hungry" – warum nennt sich Lucas Reiche so?

In der eSport-Welt trägt Lucas Reich den Spitznamen "Hungry". Doch woher stammt der? "Ich hatte in dem Moment, in dem ich mir den Namen überlegt habe, die Melodie zu dem Song 'Hungry Eyes' im Kopf", erzählt der 23-Jährige. Und: "Dann habe ich einfach nur Hungry genommen, weil das besser klingt. Seitdem fragen mich immer alle, ob ich hungrig bin."

Zunächst spielte der 23-Jährige den wohl bekanntesten Ego-Shooter "Counter Strike". Doch früh erkannte er, dass seine Chancen, in diesem Spiel ganz nach oben zu kommen, gering waren. "Die Szene war einfach zu vernetzt, fast schon in sich geschlossen. Es gab super viele Spieler", sagt er. "Da bist du als Neuling nur ganz schwer reingekommen." Also konzentrierte sich Lucas Reich auf "Tom Clancy's Rainbow Six: Siege". Ein Spiel, das erst 2015 veröffentlicht wurde. "Alle sind von Null gestartet, niemand kannte es, aber es hat mir gleich gefallen, weil es sehr strategisch ist", so Reich. "Ich habe versucht, mir dort dann einen Namen zu machen."

Mit Erfolg. Fans erkennen ihn bei Turnieren, fragen nach Selfies und Autogrammen. "Als ich zum ersten Mal danach gefragt wurde, war das echt ein komisches Gefühl", erinnert er sich. "Das konnte ich kaum glauben – aber es war auch echt cool."

Doch Lucas Reich weiß, dass die Konkurrenz groß ist. "Es kommen immer wieder neue Talente dazu. Für viele ist die Aussicht, von eSports leben zu können, sehr reizvoll. Das ist für viele ein Traumberuf", sagt der 23-Jährige. Aber: "Es ist auch stressig. Der Druck ist dadurch sehr groß. Du musst immer abliefern. Du darfst nicht ausfallen, du darfst nicht krank sein oder dir zum Beispiel den Arm brechen. Sonst hast du ganz schnell deinen Job verloren und wirst ersetzt – außer, du bist wirklich richtig, richtig gut." Eine Studie hat erst kürzlich ergeben, dass eSport-Spieler genau so viel Druck wie Fußballprofis erleben.

Wie und wie oft trainiert ein eSport-Spieler?

Um immer besser zu werden, trainiert Lucas Reich mit seinem Team zweimal täglich jeweils drei bis vier Stunden. Auch, wenn er mal keine Lust auf das Spielen hat. Hinzu kommt eine Stunde Vor- und Nachbereitung der Trainingseinheiten. Vor großen Turnieren treffen sich alle Teammitglieder und ihre Trainer zu sogenannten "Boot-Camps". Trainingslager also, bei denen konzentriert geübt und korrigiert wird – und zwar offline, nicht wie sonst üblich online. "Da lernst du die Leute besser kennen, kannst schneller Dinge erklären", sagt Reich, dessen Mannschaftskollegen unter anderem aus Frankreich und Ungarn stammen. Im Team wird Englisch gesprochen.

Neben dem eSport-Training betreibt Lucas Reich noch Kraftsport. Das hilft ihm, während des Spielens konzentriert zu bleiben. "Ich bekomme dadurch einen klaren Kopf und kann im Spiel ruhiger bleiben, besser mit Stresssituationen umgehen", sagt er. "Du musst ja sehr schnell reagieren. Wenn du nur eine Millisekunde zu lange nachdenkst, kannst du schon verlieren."

Lucas Reich, eSport-Spieler aus Magdeburg
Bildrechte: MDR/Adam Lakomy/ESL

Der Druck ist sehr groß. Du musst immer abliefern. Du darfst nicht ausfallen, du darfst nicht krank sein oder dir zum Beispiel den Arm brechen. Sonst hast du ganz schnell deinen Job verloren und wirst ersetzt – außer, du bist wirklich richtig, richtig gut.

Lucas Reiche, eSport-Spieler aus Magdeburg

Deshalb ist sich Lucas Reich auch bewusst, dass "ich das nicht ewig machen kann", denn: "Die Reaktionszeit lässt mit dem Alter nach. Man sagt, ab 25, 26 Jahren geht das schon los." Er gehört bereits jetzt zu den älteren Spielern. Bis Anfang, Mitte 30 will Reiche aber in jedem Fall noch spielen, wenn er gut genug bleibt. "Ich will das so lange machen, wie ich die Möglichkeit habe", sagt er, denn: "Ich lerne viele neue Leute kennen, sehe viele verschiedene Orte auf der Welt." Es ist sein Traumjob.

Doch Ego-Shootern eilt ein fragwürdiger Ruf voraus. Denn bei dieser Art des Computerspiels bewegt sich der Spieler aus der Egoperspektive heraus und bekämpft seine Gegner mit Schusswaffen. Besteht ein Zusammenhang zwischen virtueller und realer Gewalt? Machen solche Spiele aggressiv? Solche Fragen stellen sich besorgte Mütter und Väter von Gamern. Doch der 23-Jährige sagt: "Ich weiß, dass diese Vorurteile bestehen, aber mich macht das nicht aggressiv oder dergleichen. Mir macht das Spielen einfach nur unheimlichen Spaß." Und seine Eltern unterstützen ihn dabei.

Was ist die ESL Meisterschaft?

Die Electronic Sports League fungiert als Veranstalter verschiedener nationaler sowie internationaler eSport-Turniere und -Ligen in über 50 Spielen. Bei der ESL Meisterschaft handelt es sich um die höchste Klasse im deutschsprachigen Raum. Es gibt sie bereits seit 17 Jahren. Die Finalspiele der Wintermeisterschaft in den Videospielen "Counter-Strike: Global Offensive" und "League of Legends" werden am 14. und 15. Dezember in Magdeburg ausgetragen und an hunderttausende Fans im Internet ausgestrahlt. Die Teams werden vor Ort um ein Preisgeld von insgesamt mehr als 67.000 Euro spielen. Lucas Reich wird übrigens nur als Zuschauer dabei sein. Denn sein Spiel steht nicht auf dem Programm. Aber: "Ich finde es toll, das die ESL Meisterschaft in Magdeburg stattfindet", sagt er.

Blick in die Veranstaltungshalle mit Fans
So frenetisch wie hier in diesem Jahr in New York geht es bei ESL-Veranstaltungen mitunter zu. Bildrechte: imago images / Chris Emil Janßen
Daniel George
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung.

Vom Internet und den neuen Möglichkeiten darin ist er fasziniert. Deshalb zog es ihn im April 2017 zurück in seine Heimatstadt, in der er seitdem in der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet – als Sport-, Social-Media- und Politik-Redakteur, immer auf der Suche nach guten Geschichten, immer im Austausch mit unseren Nutzern.

Quelle: MDR/dg

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 13. Dezember 2019 | 12:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Dezember 2019, 18:40 Uhr

2 Kommentare

Altlehrer vor 17 Wochen

Zum einen werden die ( menschlichen ) Gegner nicht mit Schusswaffen bekämpft, sondern getötet. Gekämpft wird beim Fussball oder Boxen. Zum anderen ist nicht der Ruf fragwürdig, sondern die Tötungssimulation!

jackblack vor 16 Wochen

Da haben wir wieder ein schönes Vorbild für unsere Jugend. besser als Handwerksmeister.

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