Wunderschöner Himmel über dem ERDGAS Sportpark in Halle.
Bildrechte: Jörn Rettig/MDR

Nach Wiegand-Kritik Wofür steht der HFC?

Als Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand dem Halleschen FC Mutlosigkeit vorwarf, ging es nur vordergründig um die missglückte Stürmersuche in der Winterpause. Vielmehr ist die Kritik Teil einer Grundsatzdebatte, die gerade von Fans, Sponsoren und Verantwortlichen geführt wird. Es geht um die Frage, wofür der HFC eigentlich steht. Ein Blick in verschiedene Bereiche zeigt, wie schwierig die Frage zu beantworten ist.

von Oliver Leiste, MDR SACHSEN-ANHALT

Wunderschöner Himmel über dem ERDGAS Sportpark in Halle.
Bildrechte: Jörn Rettig/MDR

Mutlos, ohne Selbstvertrauen und ohne positive Ausrichtung - mit kernigen Aussagen hat Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand den Halleschen FC kritisiert. HFC-Präsident Michael Schädlich reagierte auf der Homepage des Vereins und sprach von Populismus, einem Vergleich von Äpfeln und Birnen und von Wünschen, die nicht immer mit der Realität vereinbar seien. Später meldete sich der HFC Fankurvenrat, Sprachrohr etlicher Fanklubs im HFC-Stadion, zu Wort.

In dem offenen Brief wurden unter anderem die fehlende Unterstützung der Mannschaft durch die Zuschauer und zu kritische Berichterstattung der Medien moniert. Alle Beteiligten haben indes eines gemeinsam: sie wollen, dass der HFC in die 2. Bundesliga aufsteigt. Doch über den Weg dahin gibt es verschiedene Ansichten. Zumal die Bedingungen momentan nur bedingt zweitligareif sind. Schaut man auf verschiedene Ebenen, wird deutlich, was der Anlass für die aktuellen Diskussionen ist. Denn es ist nicht klar, wofür der Verein eigentlich steht.

Benennung der Ziele

Der HFC tut sich seit jeher schwer, seine Ziele offensiv zu benennen. Der Verein hat sich zum Aufstieg bekannt, will diesen aber in den kommenden Jahren und nicht zwangsläufig 2017 angehen. Obwohl es genügend Beispiele gibt, die zeigen, dass man einen Aufstieg nicht erzwingen kann, lässt sich die Formulierung im Umfeld des HFC nur schwer verkaufen. Hinzu kommen regelmäßige Äußerungen der Vereinsverantwortlichen, in denen betont wird, dass Geld für neue Stürmer oder das Trainingslager nicht vorhanden sei.

Bernd Wiegand ist davon genervt. Im MDR-Gespräch sagte er: "Man liest ständig in den Medien, dass beim HFC sehr viel gejammert wird. Man liest aber nicht, dass konsequent sportlicher Erfolg angestrebt wird. Das ist sehr bedauerlich." Der Oberbürgermeister glaubt, die Aussagen würden auch der Mannschaft Kraft nehmen. Einer Ansicht, der Michael Schädlich widerspricht. Seiner Meinung handelt es sich einfach um eine realistische Darstellung der Möglichkeiten. Zumal der HFC mit seiner Bescheidenheit in den vergangenen Jahren oft gut gefahren ist.

Infrastruktur

Zum Erreichen sportlicher Ziele gehört eine gute Vorbereitung. Die war beim HFC in den Wintermonaten allerdings kaum möglich. Der einzige Trainingsplatz am Stadion war wochenlang gesperrt. Eine Rasenheizung hat er nicht. Der ursprünglich geplante Kunstrasenplatz daneben wurde in mittlerweile sechs Jahren nie ernsthaft angegangen. Das Stadion am Böllberger Weg, die nahegelegenste Ausweichstätte, wurde vor einiger Zeit aufgegeben. So musste die Mannschaft kreuz und quer durch die Stadt fahren, um irgendwo trainieren zu können. Trainer, Sportdirektor oder Präsident haben recht, wenn sie genau das beklagen. Abhilfe schaffen könnte hier in erster Linie die Stadt als Eigentümerin des Stadiongeländes und der Brachfläche daneben.

Nachwuchs

Obwohl der Hallesche FC Nachwuchsmannschaften in allen Altersklassen betreibt, ist er längst kein Ausbildungsverein. Max Barnofsky ist das einzige Eigengewächs, das in jüngerer Vergangenheit den Sprung zu den Profis geschafft hat. Die meisten Talente, die mal einige Zeit bei den Profis mittrainieren, wechseln zu einem niedrigklassigeren Verein. Nachwuchsleiter Daniel Meyer verließ im Sommer den Verein in Richtung Köln. Bei seinem Wechsel spielte auch die fehlende Perspektive in Halle eine Rolle. Einen neuen Nachwuchsleiter hat der HFC seitdem nicht verpflichtet, Sportdirektor Stefan Böger hat die Stelle kommissarisch inne. Keine HFC-Nachwuchsmannschaft spielt derzeit in der Juniorenbundesliga, die zweite Mannschaft wurde vor zwei Jahren aufgelöst. Unter den Trainern der Jugendmannschaften finden sich einige ehemalige Spieler der 1. Mannschaft. Einen Fußball-Lehrerschein hat keiner von ihnen.

Seit dem Hochwasser 2013 steht am Nachwuchszentrum am Sandanger ein Container-Provisorium. Der geplante Neubau im Stadtteil Silberhöhe kommt nicht voran. Eigentlich sollte das Zentrum 2018 eröffnen. Hier ist auch die Stadt gefragt. Vom Ziel, das Nachwuchsleistungszentrum mit einem DFB-Zertifikat schmücken zu können, ist der HFC jedenfalls sehr weit entfernt. Das ist nicht nur ein Nachteil im Falle eines möglichen Aufstiegs, sondern wirkt sich auch auf das Verhältnis zu den Zuschauern aus. Denn ein Verein, in dem regelmäßig Jungs aus der eigenen Stadt den Sprung in die erste Mannschaft schaffen, wird auch im Umfeld ganz anders wahrgenommen.

Der HFC hat momentan eher einen Ruf als Veredler. Junge Spieler anderer Klubs wie Akaki Gogia, Marcel Franke oder Fabian Bredlow können den Verein regelmäßig als Sprungbrett nutzen. Doch für sie ist Halle nur eine Durchgangsstation. Nach zwei Jahren sind sie wieder weg und der HFC kassiert nicht mal eine Ablösesumme. Stattdessen muss er den enttäuschten Fans wieder und wieder erklären, warum ihre Lieblinge den Verein verlassen haben. Eine Bindung zur Mannschaft entsteht so nicht.

Sichtbarkeit in der Stadt

Der beste Fußballklub ist gemeinhin eines der wichtigsten Aushängeschilder der Stadt. In Magdeburg ist der FCM omnipräsent. In Leipzig kommt man kaum an RB vorbei, doch selbst den 1. FC Lok nimmt man ohne größere Anstrengungen wahr. In Jena sorgt der FC Carl Zeiss mit provokativen Plakaten immer wieder für Aufsehen, teilweise sogar vor der Haustür des Rivalen Rot-Weiß Erfurt. In Halle und dem Umland muss man dagegen regelrecht suchen, wenn man den HFC finden will.

Einen Fanshop im direkten Stadtzentrum oder am Bahnhof gibt es nicht. Großflächige Plakate an markanten Punkten der Stadt lassen nur die Saale Bulls aufhängen. Selbst an Spieltagen fällt der HFC kaum auf, und wenn, dann vor allem, weil wegen einer größeren Schar Gästefans stundenlang etliche Straßen gesperrt sind. Bei normalen Spielen sieht man als Autofahrer die HFC-Fans erst, wenn man das Stadion schon fast erreicht hat.

Finanzen, Sponsoren und Marketingstrategie

Der Hallesche FC arbeitet wirtschaftlich absolut seriös. Präsident Schädlich und seine Mitstreiter achten streng darauf, nur das auszugeben, was tatsächlich eingenommen wurde. Schaut man auf die anderen Drittligisten, ist das längst keine Selbstverständlichkeit. Und betrachtet man das Vorgehen in Chemnitz oder Rostock, sieht man sogar klare Wettbewerbsnachteile für den HFC. Trotzdem schafft es Halle Jahr für Jahr, sich mit diesen Vereinen zu messen. Ein Fakt, den man ansich gar nicht genug wertschätzen kann.

Seit dem Drittligaaufstieg hat der HFC seinen Etat in kleinen Schritten gesteigert. Für die kommende Saison sind 6,5 Millionen Euro eingeplant, davon sollen 4,4 Millionen in die erste Mannschaft und den Spielbetrieb fließen. Etwas weniger, als in der aktuellen Saison sagt der Verein, doch mit entsprechenden Pokalerfogen könnte die Summe noch spürbar anwachsen.

Von Sponsorenseite sind laut Michael Schädlich dagegen keine Zahlungen zu erwarten, die spürbar über das bisherige Maß hinausgehen. "Das habe ich gerade wieder gemerkt, als wir für die Lizenzierung viele Gespräche geführt haben." Doch vielleicht schränkt sich der HFC bei der Suche auch zu sehr ein? Ein Blick auf die Sponsorenliste zeigt, es sind vor allem Unternehmen aus Halle, die den Klub unterstützen. Überregionale Sponsoren sucht man fast vergebens.

Das ist auch eine Folge des fehlenden Marketingkonzepts, ist sich Oberbürgermeister Wiegand sicher: "Ich könnte Ihnen zahlreiche Sponsoren nennen, die auf der Grundlage eines professionellen Marketingkonzeptes Gelder bereitstellen würden", sagte er dem MDR. Zudem würden sich dann möglicherweise auch die bisherigen Sponsoren stärker engagieren. Sie alle vermissen ein klares Bekenntnis zum Ziel: Aufstieg in die 2. Bundesliga, sagt Wiegand.

Von mindestens 20 Großsponsoren ist auf Nachfrage die Rede. Wiegand deutet auch an, dass eine Aufstockung des Etats schon im Winter möglich gewesen wäre. Doch die Initiative hätte vom HFC kommen müssen.

Und vielleicht fehlt den Sponsoren auch eine klare Identität des Vereins. Der 1. FC Magdeburg hat seine Rolle als Arbeiterverein in einem Leitbild festgeschrieben und erinnert permanent an die goldenen Zeiten in den Siebzigern. RB Leipzig steht natürlich vor allem für einen Getränkekonzern. Der Verein schafft es aber auch, das Lebensgefühl in Leipzig aufzunehmen und sich als Teil einer pulsierenden und dynamisch wachsenden Metropole zu inszenieren. Selbst die Saale Bulls betonen bei jeder Gelegenheit ihre Besonderheit als einzige Eishockeymannschaft Sachsen-Anhalts.

Dem HFC fehlt ein solcher Bezug dagegen. "Chemie" wird zwar im Stadion gerufen, einen Verbindung zu den großen Unternehmen im Süden von Halle gibt es aber nicht mehr. Die Kampagne "Nur zusammen" war ein richtiger Ansatz um alle hinter dem HFC zu vereinen, doch momentan wird auch dieser Slogan kaum noch gelebt, sondern maximal plakativ zur Schau gestellt. Mit drei neuen Mitarbeitern im Marketing will der HFC dieses Problem in naher Zukunft angehen.

Zuschauer, Stimmung und Traditionspflege

5.500 Zuschauer kamen zum Heimspiel gegen Großaspach. Der Besucherschnitt beim HFC ist von 7.300 im Vorjahr auf etwa 6.400 gefallen. Mit dieser Zahl hatte der Verein auch etwa kalkuliert. Durch zwei DFB-Pokalrunden, das Geburtstagsspiel gegen Dortmund und die beiden anstehenden Spiele gegen den FCM dürften sich die Ticketeinnahmen dann trotzdem etwa auf dem Niveau des Vorjahres bewegen. Euphorie sieht dennoch anders aus. Zu selten lässt sich das kritische Publikum in Halle begeistern.

Dabei spielte die Mannschaft eine starke Hinrunde und blieb zu Hause ein Dreivierteljahr lang unbesiegt. Doch so richtig will der Funke vom Rasen auf die Ränge nicht überspringen. Das mag natürlich an der Attraktion Bundesliga in Leipzig und den vielen MDR-Übertragungen liegen, wie der Verein behauptet. Aber selbst Michael Schädlich gibt zu: "Wir müssen auch attraktiver werden." Ein neuer Stürmer hätte eine gewisse Euphorie auslösen können, ein Ersatztorwart kann das in der Regel nicht.

Fabian Franke (HFC) zuerst am Ball
Viele Sitze bleiben beim HFC derzeit leer. Bildrechte: IMAGO

Vor anderthalb Jahren startete der HFC eine Mitgliederaktion, mit dem Ziel, im Jubiläumsjahr 2016 gut 2.000 Mitglieder zu haben. Aktuell sind es gut 1.500, von der Kampagne hört man schon länger nichts mehr.

Neben der Mitgliedschaft ist auch die Traditionspflege ein wichtiger Bindungsfaktor für Fans. Doch auch hier gibt es deutlichen Nachholebedarf in Halle. Im Erdgas Sportpark wird an zwei Wänden an die alten Zeiten erinnert. Zu sehen bekommen diese aber nur VIP-Gäste und Journalisten. Ehemalige HFC-Spieler sieht man kaum bei den Heimspielen, von Bernd Bransch und Klaus Urbanczyk mal abgesehen. Immer wieder sorgt der bisweilen rüde Umgang mit langjährigen Stützen wie Norbert Ciornei oder Jens Adler für Kopfschütteln im Umfeld.

Das auch anders geht, zeigt der ungeliebte Konkurrent im Norden Sachsen-Anhalts. Zu jeder sich bietenden Gelegenheit werden die Europapokalhelden von 1974 oder Joachim Streich eingeladen und präsentiert. Vor dem Magdeburger Stadion steht eine Statue von Meistertrainer Heinz Krügel, errichtet von den Spenden der Fans. Ein solches Gemeinschaftsgefühl sucht man beim HFC derzeit vergebens.

Perspektive

Nüchtern betrachtet ist beim HFC momentan nur die 1. Mannschaft in der Nähe der 2. Bundesliga. Das allein ist schon ein riesiger Erfolg für den Verein. Natürlich hat Bernd Wiegand recht, wenn er betont, dass sportlicher Erfolg nie früh genug kommen könne. Strukturen im Umfeld kann man immer nachentwickeln. Dennoch tut der HFC gut daran, die Entwicklung außerhalb des Platzes voranzutreiben, einen Aufstieg kann man schließlich nicht mit absoluter Sicherheit planen. Dabei sind aber deutlich mehr Dynamik und Kreativität als bisher von Nöten sowie eine bessere, positivere Kommunikation beim Erreichen von Zwischenzielen. Auch ein Tick mehr Risikofreude sollte erlaubt sein, um das große Ziel zu erreichen, damit auch die Fans, die Sponsoren und selbst Bernd Wiergand spüren, was Michael Schädlich meint, wenn er sagt: "Keiner wünscht sich den Aufstieg so sehr wie ich!"

Das Thema im Programm: MDR Sport im Osten | 04.03.2017 | 16:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Dezember 2018, 15:40 Uhr

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11 Kommentare

11.12.2018 23:23 Werner 11

Es reicht langsam- also mal deutlich:
Schmeisst den Wiegand aus dem Rathaus und aus unserer Stadt ...
Vielleicht hat man ja in MD Verwendung für so einen Scheisskerl.

09.03.2017 12:11 Zisu 10

Ein sachlicher Bericht. Die Situation am Ausbildungzentrum wird jedoch beschönigend abgetan, mit dem Hinweis man hätte sich auf das Veredeln verlegt. Trainer, die Unterstützung vom Verein fordern, fehlende Hallenzeiten, abgewirtschaftete Trainingsanlagen, in den Wintermonaten überlaufender Kunstrasenplatz, ganz zu schweigen von alten Trikots, die man noch lange nach dem Wechsel des Sponsoren getragen hat: das ist Realität. Wer merkt, daß er vielleicht sportlich etwas höher spielen kann und möchte, will eigentlich weg.

08.03.2017 18:53 Hallunke 9

Was soll das denn?
Ich könnte kotzen, mit diesen vergleichen!
Halle wird immer im Schatten von Leipzig sein, aber das ist vielleicht auch gewollt seitens der Politik.
Und was im oberen Teil dieses Landes passiert, interessiert den HFC- Fan bzw. den Hallenser überhaupt nicht.
Diese Prestigestadt hat alle Welt auf ihrer Seite und der Club wird da hin gebracht wo er hin soll.
Medien haben daran großen Anteil, auch unsere Regionalzeitung!
Wenn jemand Verbesserungen vorschlagen möchte soll er sich doch im Verein engaieren, Mitglied werden mitarbeiten.
Unser OB könnte ja den umgekehrten Weg als sein Kollege aus der Stadt aus dem Norden gehen. Vom Bürgermeister zum Vorsitzenden. Dazu muss er aber Mitglied sein.