Bei Herzinfarkt und Schlaganfall Studie bescheinigt einigen Regionen von Sachsen-Anhalt schlechte Notfall-Versorgung

Manuel Mohr
Bildrechte: BR/Philipp Kimmelzwinger

Nicht alle Krankenhäuser in Sachsen-Anhalt verfügen über zertifizierte Herz- und Schlaganfall-Einheiten. In einer kürzlich erschienenen Studie schneidet deshalb vor allem die Altmark schlecht ab. Die Kliniken dort sehen sich dennoch gut gerüstet und setzen auf Alternativen.

Rettungswagen mit Blaulicht unterwegs
Bei Herz- oder Schlaganfall ist eine möglichst schnelle Behandlung überlebenswichtig. Bildrechte: MDR/Annette Schneider Solis

Bei einem medizinischen Notfall wie Herzinfarkt oder Schlaganfall kann jede Minute über Leben und Tod entscheiden. Je schneller die medizinische Versorgung beginnt, umso höher sind die Überlebenschancen. Für Betroffene sind im Notfall deshalb drei Zeiträume entscheidend:

  1. Zeit, bis der Notarzt da ist (Eintreffzeit).
  2. Zeit, die für die medizinische Versorgung vor Ort benötigt wird (Verweilzeit).
  3. Zeit für die Fahrt in das nächstgelegene Krankenhaus, das für den jeweiligen Notfall ausreichend qualifiziert ist (Transportzeit).

Forscher des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung (BBSR) haben sich in einer neuen Studie genauer mit der Transportzeit beschäftigt. Im Fokus ihrer Untersuchung standen sechs Notfall-Szenarien, bei denen neben der medizinischen Versorgungsqualität auch die schnelle Erreichbarkeit eines Krankenhauses eine große Rolle spielt. Zu den untersuchten Notfällen gehören:

  • Herzinfarkt,
  • Schlaganfall,
  • Unfalltrauma,
  • Geburt,
  • Versorgung von Frühgeborenen/Risikoschwangerschaften und die
  • Versorgung erkrankter Kinder.

Bei vier der sechs Szenarien sind die vom BBSR errechneten Transportzeiten landesweit – mit kleinen Ausnahmen – zufriedenstellend. Herzinfarkt und Schlaganfall zählen nicht dazu. Hier war das Ergebnis der Analyse, dass die Fahrzeiten zum nächsten geeigneten Krankenhaus in einigen Regionen – vor allem aber in der Altmark – deutlich zu lang sind. Aus medizinischer Sicht ist das sehr bedenklich.

Von Notruf bis Krankenhaus in 60 Minuten

Denn das "therapiefreie Intervall" – also die Zeit zwischen Notrufeingang und Einliefern des Patienten in ein geeignetes Krankenhaus – sollte so kurz wie möglich sein und 60 Minuten nicht überschreiten. Diese Empfehlung haben die an der notfallmedizinischen Versorgung beteiligten Fachgesellschaften, Institutionen und Organisationen 2016 in einem Eckpunktepapier festgehalten.

Die BBSR-Forscher haben diese 60 Minuten ebenfalls als Richtgröße gewählt. Abzüglich einer durchschnittlichen Anfahrtszeit (10 Minuten) und Verweilzeit (20 Minuten) blieben den Rettungskräften noch 30 Minuten, um Patienten mit Verdacht auf Herzinfarkt oder Schlaganfall in eine geeignete Klinik zu transportieren. In der Altmark sind die ermittelten Transportzeiten teilweise doppelt so hoch:

Fahrzeiten bei Herzinfarkten und Schlaganfällen

Deutschlandkarte mit den Standorten aller zertifizierten Herznotfall-Ambulanzen. Je länger aus einer Region die Fahrtzeit zu einer der Ambulanzen ist, umso röter gefärbt ist die Region.
Bildrechte: BBSR Bonn 2020
Deutschlandkarte mit den Standorten aller zertifizierten Herznotfall-Ambulanzen. Je länger aus einer Region die Fahrtzeit zu einer der Ambulanzen ist, umso röter gefärbt ist die Region.
Bildrechte: BBSR Bonn 2020
Deutschlandkarte mit den Standorten aller zertifizierten Schlaganfall-Notfallambulanzen. Je länger aus einer Region die Fahrtzeit zu einer der Ambulanzen ist, umso röter gefärbt ist die Region.
Bildrechte: BBSR Bonn 2020
Alle (2) Bilder anzeigen

Altmark hat keine zertifizierten Notfallambulanzen

Das BBSR nutzte für die Erreichbarkeitsanalyse ein eigens entwickeltes Straßennetzmodell, in dem verschiedene Straßentypen und dazugehörige Fahrtgeschwindigkeiten hinterlegt sind. Für deutschlandweit über 200.000 Standorte konnte daraus der jeweils schnellste Weg zum nächstgelegenen Krankenhaus mit entsprechender Qualifizierung ermittelt werden.

Und genau darin liegt auch der Grund für das schlechte Abschneiden der Altmark. Die Forscher berücksichtigten bei der Fahrzeit-Analyse zu Herz- und Schlaganfällen nur die Krankenhäuser, die über zertifizierte Notfallambulanzen verfügen. Bei Herzanfall-Notfällen sind das die zertifizierten "Chest Pain Units" (CPU), also "Brustschmerz-Einheiten", die für die Versorgung von Patienten mit akuten Brustschmerzen zuständig sind. Bei Schlaganfällen (engl. "Stroke") werden sogenannte "Stroke Units" (SU) zertifiziert.

Um dem Qualitätsaspekt Rechnung zu tragen, betrachten wir nur Einrichtungen, die bestimmten Mindestanforderungen genügen, die also zum Beispiel zertifiziert sind. Das heißt nicht, dass Einrichtungen ohne Zertifikat zwangsläufig schlechtere Qualität bieten. Eine Zertifizierung fördert aber die stetige Einhaltung medizinischer Standards.

Thomas Pütz, Gregor Lackmann (BBSR) Erreichbarkeit von Akutkrankenhäusern für ausgewählte Indikationen

Im Altmarkkreis Salzwedel und dem Landkreis Stendal verfügt aktuell kein Krankenhaus über eine solche Zertifizierung. Sie wurden deshalb nicht in die Berechnungen der BBSR-Forscher einbezogen, sondern nur die Kliniken, die offiziell zertifiziert waren.

Zertifizierung soll Versorgungsqualität sichern

Eine Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) sagte MDR SACHSEN-ANHALT, dass eine Zertifizierung für CPUs sicherstellen würde, dass das Krankenhaus bei der Behandlung von Herzanfall-Notfällen über wichtige Qualifikationen verfügt. Diese Kriterien würden extern von unabhängigen Gutachtern geprüft und in regelmäßigen Abständen erneuert, um eine gleichbleibende Qualität sicherzustellen. Ähnlich äußerte sich ein Sprecher der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG).

Die Vorgaben für eine Zertifizierung sind allerdings an strukturelle, personelle und damit letztendlich auch finanzielle Voraussetzungen geknüpft. Bei der CPU-Zertifizierung sind das beispielsweise:

  • Integration in eine Notaufnahmeeinheit mit ständiger Verfügbarkeit von definierten Kapazitäten, Leitung durch Kardiologen
  • Liegekapazität: Mindestens 4 Überwachungsplätze
  • Verfügbarkeit: Rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr
  • Herzkatheterlabor: Innerhalb der Einrichtung jederzeit verfügbar
  • Reanimations-/ Notfallkonzept: Enge Verzahnung mit Reanimations- und Notfallkonzept des Hauses
  • Die vollständige Kriterien-Liste können Sie hier nachlesen.

Nachteile für Patienten bei einer nicht zertifizierten CPU können sich nach DGK-Angaben unter anderem daraus ergeben, dass Untersuchungen zu spät oder gar nicht durchgeführt werden, weil medizinisches Personal nicht verfügbar, nicht ausreichend spezialisiert oder das Krankenhaus nicht mit allen notwendigen Gerätschaften ausgestattet ist.

Gardelegen und Salzwedel sehen sich dank Telemedizin gut gerüstet

Zu den Studienergebnissen des BBSR äußerte sich das zuständige Sozialministerium auf Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT nur knapp. Eine Zertifizierung sei demnach eine Maßnahme, die durch die Krankenhäuser freiwillig erfolge. Eine Aussage über die Qualität sei nicht an Zertifizierungen gebunden. Die Krankenhäuser in der Altmark seien in der Lage, entsprechende Notfälle zu behandeln.

Das bekräftigen auch die Betreiber der betroffenen Krankenhäuser. Zur Salus Altmark Holding gGmbH gehören die Krankenhäuser in Gardelegen und Salzwedel. Franka Petzke, Pressesprecherin der Salus gGmbh, sagte MDR SACHSEN-ANHALT:

Eine Zertifizierung für Chest-Pain-Units und/oder Stroke-Units ist gebunden an strukturelle und personelle Voraussetzungen, die ein Krankenhaus an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr vorhalten muss. Für Krankenhäuser der Grund- und Regelversorgung in ländlichen Regionen wie der Altmark sind diese Zertifizierungsbedingungen besonders schwer einzuhalten. Da unser primäres Ziel in der qualitativ hochwertigen Versorgung der Bevölkerung besteht, haben wir nach alternativen Diagnostik- und Behandlungsmöglichkeiten bei diesen Krankheitsbildern gesucht, die mit den Zertifizierungsanforderungen vergleichbar sind.

Franka Petzke Pressesprecherin der Salus gGmbh
Kran neben Krankenhaus
Bei der Schlaganfallversorung kooperiert das Krankenhaus Gardelegen mit der Charité in Berlin. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

Eine der Alternativen: Bei der Schlaganfallversorgung gibt es seit dem Jahr 2018 eine Kooperation mit der Charité Universitätsmedizin Berlin. Patienten mit Verdacht auf Schlaganfall werden in der Notaufnahme Gardelegen unmittelbar ärztlich versorgt, gleichzeitig erfolgt eine telemedizinische Beratung mit Ärzten der Charité. Das bedeutet, dass mittels Telekommunikation die Ärzte in Berlin ihren Kolleginnen und Kollegen in Gardelegen – seit 2020 auch in Salzwedel – beratend zur Seite stehen.

Stendal arbeitet an der Zertifizierung

Außenansicht Johanniter Krankenhaus Stendal.
Im Krankenhaus Stendal soll es künftig auch zertifizierte Notfallteams geben. Bildrechte: MDR/MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE

Dr. Thomas Krössin – Geschäftsführer der Johanniter GmbH, Bereich Akutkrankenhäuser – weist in Bezug auf das Krankenhaus in Stendal darauf hin, dass erst "nach Fertigstellung der baulichen Gesamtkonzeption die Grundlage geschaffen werde, die Zertifizierungskriterien erfüllen zu können". Die Umwandlung der nicht-zertifizierten CPU in eine zertifizierte CPU soll deshalb im kommenden Jahr vollzogen werden. Für Schlaganfall-Patienten nutzt die Klinik die telemetrische Diagnostik mit der Stroke-Unit der Universität Magdeburg. Somit sei es möglich, Patienten mit Schlaganfall zeitgerecht zu diagnostizieren und eine leitliniengerechte Therapie zu veranlassen.

Grundsätzlich sehe man im Krankenhaus Stendal in der Zertifizierung nur Vor- und keine Nachteile, da diese dazu beitrage, Institutionen auf dem neuesten Entwicklungsstand zu halten und letztlich dazu führe, dass neue Innovationen rasch in den Klinikalltag implementiert werden können. Man verfolge uneingeschränkt den Zertifizierungsprozess für die Chest Pain Unit und für eine Stroke Unit, sobald die baulichen Gegebenheiten dies zuließen.

Quelle: MDR/mm

3 Kommentare

Rotti vor 4 Wochen

Da hat Frau Grimm Benne wieder einmal Scherben hinterlassen!
Und der SPD Landrat von Stendal kümmert sich lieber, so wie der MDR berichtet, um Badestellen. Findet den Fehler!

elias vor 5 Wochen

Die Prä-Hospitalzeit beim STEMI beträgt 90 min. Diese wird in der Altmark problemlos erreicht. Mit der Schlaganfallversorgung in GA werden auch bei dieser Indikation die vorheschlagenen Zeiten erreicht. Sind tatsächliche Transportzeiten aus der Leitstellendokumentation benutzt worden oder Berechnungen Weg/Zeit? 60 min beziehen sich auf Schlaganfallversorgung.
Oberflächliche Recherche. Tendenziöser Beitrag.

SZ Rentner vor 5 Wochen

Nun sieht man was dabei herauskommt wenn man ein Gesundheitssystem kaputt spart. Mit der Gesundheit sollten keine Geschäfte gemacht werden.

Mehr aus Sachsen-Anhalt