Altmark Corona-Krise auf dem Dorf: Das Karussell steht still

Daniel George
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Corona verändert den Alltag. Besonders in größeren Städten, wo sich vieles anders anfühlt als sonst. Doch wie ist das auf dem Land? Ein Besuch in Cobbel, wo Spargelbauern und Schausteller um ihre Existenz bangen.

Zwei Männer stehen vor einem Karussell.
Rummelplatz in Cobbel: Dennis Lehmann (l.) und René Wiesemann auf ihrem Karussell mit Feldblick. Bildrechte: MDR/Daniel George

Sonnenschein bei 16 Grad und der Städter strahlt. Tolles Frühlingswetter an einem Samstagnachmittag Ende März – so schön, oder? "Klar, ohne Corona würden wir das auch sagen. Dann würde der Spargel schnell wachsen und wir könnten das Ostergeschäft nächste Woche schon mitnehmen", erzählt Jens Ruhnke.

Doch er schaut mit bangem Blick aus dem Bürofenster, den Spargelhof seiner Familie in Cobbel, einem 250-Einwohner-Dorf in der Altmark, im Blick. "Im Prinzip müssten wir zurzeit heulen, wenn wir die Sonne sehen", sagt der 52-Jährige. "Wir können nur hoffen, dass es wieder kälter wird und der Spargel nicht so schnell wächst." Denn: "Jeder kühle Tag verschiebt die Ernte nach hinten." Und Zeit ist das, was der Landwirt gerade braucht.

Denn die Zeit ist gerade hart. Corona bestimmt den Alltag der Menschen in Sachsen-Anhalt. Besonders in größeren Städten wie Magdeburg, Dessau und Halle, wo sonst viele Menschen aufeinandertreffen und sich dieser Tage vieles anders anfühlt als gewohnt. Doch wie ist das auf dem Land? Dort, wo sich immer alles anders anfühlt als in der Stadt.

Spargelstechen: "Viele stellen sich das zu leicht vor"

Ein Besuch in Cobbel. Fünf Straßen gibt es hier und einen Dorfplatz. Zwei Bänke aus Holz stehen dort und ein Mülleimer aus Metall. Zu sehen ist im Zentrum des Örtchens nahe Tangerhütte niemand. Das mag an den Kontaktsperren wegen des Coronavirus liegen – oder daran, dass das hier immer so ist.

Die Situation ist gerade für jeden untragbar. Keiner sagt, was gehauen und gestochen ist. Aber wie auch? So eine Situation gab es noch nie. Da können wir den Politikern nichtmal einen Vorwurf machen.

Jens Ruhnke, Spargelbauer aus Cobbel

Auf Höhe des Ortseingangsschildes begrüßt der Spargelhof der Familie Ruhnke die Besucher im Dorf. "Nach der Wende haben wir uns selbstständig gemacht, seitdem läuft unser Betrieb", sagt Klaus-Dieter Ruhnke. Im Mai wird er 81 Jahre alt – doch solch eine ungewisse Situation wie gerade jetzt hat er noch nie erlebt. Der Rentner unterstützt, wo er kann. Klar, es ist sein Lebenswerk, aber: "Die Geschäfte führen meine zwei Söhne."

Und da fährt sein Sohn Ralf auch schon auf dem Traktor davon. Es gibt Arbeit. "So wie gerade jeden Tag", sagt sein Bruder Jens, der gerade im Büro organisiert. "Wir kommen hier gar nicht mehr weg." Sein Telefon klingelt. Eine Frau aus Berlin ruft an. Sie will bei der Spargelernte helfen. "Immer wieder melden sich Leute bei uns. Das ist wirklich aller Ehren wert", sagt Jens Ruhnke, aber: "Am Ende weiß ich, dass von zehnen, die anfangen, am Ende vielleicht einer übrig bleibt. Viele stellen sich das Spargelstechen zu leicht vor." Doch es ist ein Knochenjob.

Jens und Klaus-Dieter Ruhnke vom Spargelhof Ruhnke in Cobbel
Sorgen sich um ihre Ernte: Jens und Klaus-Dieter Ruhnke (r.) vom Spargelhof in Cobbel an der Sortiermaschine. Bildrechte: MDR/Daniel George

Warum die polnischen Saisonarbeiter so wichtig sind

Spargelstechen, das ist in Cobbel ein Job für polnische Gastarbeiter. "Einige von ihnen machen das bei uns seit 20 Jahren, kommen immer wieder", sagt Klaus-Dieter Ruhnke. Nur: Die Regierung hat ausländischen Erntehelfern die Einreise im Zuge der Maßnahmen für die Eindämmung des Coronavirus untersagt. Nun suchen Landwirte deutschlandweit nach Alternativen.

Doch das sei kompliziert, sagt Jens Ruhnke. Denn Kurzarbeiter, die beim Spargelstechen helfen, "dürfen nur einen gewissen Teil zu ihrem eigentlichen Lohn dazuverdienen. Sie sind dann vielleicht sechs, sieben Tage im Monat bei uns. Das reicht auf Dauer nicht." Zumal solche Aushilfskräfte wohl vom Hof verschwunden sein werden, sollten die Maßnahmen gelockert werden. Dann kehren sie wieder in Vollzeit in ihren Hauptjob zurück.

Spargel zum Selberstechen? "Keine Option!"

Erdbeeren gibt es bereits jeden Sommer zum Selberpflücken. Warum wird das jetzt nicht auch mit Spargel so gemacht? "Für uns ist das keine Option, das anzubieten", sagt Jens Ruhnke. Denn: "Spargel muss jeden Tag gestochen werden, damit er frisch ist. Außerdem darfst du nicht in die Wurzeln reinstechen, sonst werden die Pflanzen beschädigt. Und Spargel ist eine Dauerkultur, die soll sechs, sieben, acht Jahre halten. Wer das nicht fachmännisch macht, der richtet mehr Schaden an als Nutzen."

Spargelfelder bei Cobbel
Die Spargelfelder bei Cobbel – Familie Ruhnke hofft, die Ernte noch hinauszögern zu können. Bildrechte: MDR/Daniel George

20 Kilogramm Spargel, so viel müsse ein Spargelstecher leisten, damit sich die Mindestlohnzahlung im Vergleich zum Ertrag lohne, erklären die Ruhnkes. Ein ungelernter Helfer würde das kaum schaffen. Aber "die Polen, die wisen was sie tun, die wollen hier einfach nur arbeiten", erzählt Jens Ruhnke. Und sie werden pro Kilo bezahlt. "Da schaffen sie auch 30 Kilo in der Stunde. Sie sind einfach viel leistungsfähiger."

Landwirtschaft drohen hohe Verluste

25 polnische Saisonarbeiter arbeiteten in den vergangenen Jahren auf den 25 Hektar großen Spargelfeldern der Familie. Vier deutsche Erntehelfer sind in der Corona-Krise bislang dabei geblieben. Zu wenig, viel zu wenig. Noch bleibt etwas Zeit. Doch sollten die Arbeitskräfte in den kommenden Wochen fehlen, der Spargel nicht geerntet werden können, würde dem Landwirtschaftsbetrieb 50 Prozent des Gewinns verloren gehen. Das wäre wohl ein niedriger sechsstelliger Betrag – und nach herben Einbußen aufgrund der vergangenen so trockenen Jahre der nächste Rückschlag.

"Die Situation ist gerade untragbar, für jeden. Wenn wir heute etwas entscheiden, kann morgen schon wieder alles ganz anders kommen. Keiner sagt, was gehauen und gestochen ist. Aber wie auch? So eine Situation gab es noch nie. Da können wir den Politikern nichtmal einen Vorwurf machen", sagt Jens Ruhnke. "Ich hoffe einfach Tag und Nacht, dass die Polen wieder kommen dürfen. Sie sind die einzigen, die uns auf Dauer wirklich helfen können."

Eindrücke aus Cobbel Vom Spargelfeld zum Rummelplatz

Ein Besuch in Cobbel bei Tangerhütte in der Altmark
Willkommen in Cobbel! Ein Dorf im Südosten der Altmark, wenige Autominuten von Tangerhütte entfernt. Bildrechte: MDR/Daniel George
Ein Besuch in Cobbel bei Tangerhütte in der Altmark
Willkommen in Cobbel! Ein Dorf im Südosten der Altmark, wenige Autominuten von Tangerhütte entfernt. Bildrechte: MDR/Daniel George
Cobbel, Altmark, Tangerhütte
Direkt am Ortseingang befindet sich der Spargelhof der Familie Ruhnke. Bildrechte: MDR/Daniel George
Ein Besuch in Cobbel bei Tangerhütte in der Altmark
Auf den Feldern muss bald Tag für Tag der Spargel geerntet werden. Doch die Saisonarbeiter aus Polen dürfen nicht einreisen. Bildrechte: MDR/Daniel George
Ein Besuch in Cobbel bei Tangerhütte in der Altmark
Sohn Jens und Vater Klaus-Dieter Ruhnke sorgen sich deshalb um die Ernte. Bildrechte: MDR/Daniel George
Ein Besuch in Cobbel bei Tangerhütte in der Altmark
Corona bestimmt auch den Alltag im Dorf. Das Gemeinschaftshaus ist geschlossen. Bildrechte: MDR/Daniel George
Ein Besuch in Cobbel bei Tangerhütte in der Altmark
Natürlich wegen Corona, wie einem Aushang zu entnehmen ist. Bildrechte: MDR/Daniel George
Ein Besuch in Cobbel bei Tangerhütte in der Altmark
Auf dem Dorfplatz herrscht Leere. Bildrechte: MDR/Daniel George
Ein Besuch in Cobbel bei Tangerhütte in der Altmark
Und am anderen Ende des Dorfes sitzt ein Schausteller-Betrieb fest. Bildrechte: MDR/Daniel George
Ein Besuch in Cobbel bei Tangerhütte in der Altmark
Alle Feste wurden abgesagt. Einnahmen fehlen. Bildrechte: MDR/Daniel George
Ein Besuch in Cobbel bei Tangerhütte in der Altmark
Auch das traditionelle Osterfeuer auf dem Grundstück findet in diesem Jahr nicht statt – obwohl das Feuerholz seit Wochen bereitliegt.

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Ein Besuch in Cobbel bei Tangerhütte in der Altmark
Sohn Jens und Vater Klaus-Dieter Ruhnke sorgen sich deshalb um die Ernte. Bildrechte: MDR/Daniel George

Schausteller: "Jetzt sitzen wir hier fest"

Doch kurzfristig ist die Solidarität groß. Eine Fußballmannschaft war am Vormittag bereits auf den Feldern im Einsatz, auch Schüler haben ihre Bereitschaft signalisiert. Seit zwei Tagen hilft auch Dennis Lehmann auf dem Spargelhof Ruhnke. "Damit halte ich mich ein bisschen über Wasser." Er wohnt in Cobbel, am anderen Ende des Dorfes, auf Höhe des Ortsausgangsschildes, neben Wurfbuden, Greifmaschinen und einem großen Kettenkarussell.

Eigentlich befindet sich hier das Winterquartier des Schaustellers René Wiesemann, für den Lehmann arbeitet. Doch der Winter ist längst vorbei. "In der zweiten Märzwoche wollten wir wieder rausfahren", erzählt Chef Wiesemann. "Aber daraus wird ja jetzt erstmal nichts", ergänzt Mitarbeiter Lehmann.

Wenn sich das nicht allzu lang hinzieht, bis Pfingsten, also Ende Mai vielleicht, dann könnten wir noch mit einem blauen Auge davon kommen.

René Wiesemann, Schausteller aus Cobbel

Die Männer reparieren gerade alles, was repariert werden kann. Es ist das Mühen um sinnvollem Zeitvertreib im Angesicht existenzieller Not. "Die finanziellen Reserven sind langsam aufgebraucht. Wir haben das letzte Mal auf dem Weihnachtsmarkt Geld verdient", sagt René Wiesemann. "Wir haben jetzt im Winter viel investiert, viel neu gemacht: das Kinderkarussell, die Wagen lackiert, einen neuen Greifer gekauft. Und jetzt sitzen wir hier fest. Wenn wir gewusst hätten, dass Corona kommt, hätten wir das lieber gelassen."

Einkaufen mit Handschuhen und mulmigem Gefühl

Alle Feste, die bereits fest eingeplant waren, wurden abgesagt – und zwar bis in den Juli hinein. Und selbst, wenn es dann wie gewohnt weitergehen sollte, "müssen die Leute auch erstmal wieder Vertrauen gewinnen", sagt Dennis Lehmann. Also nach dem sozialen Distanzieren wieder soziale Nähe zuzulassen lernen.

Ein Besuch in Cobbel bei Tangerhütte in der Altmark
Der Dorfplatz in Cobbel: zwei Bänke, ein Mülleimer, keine Menschen. Bildrechte: MDR/Daniel George

Die Schausteller aus Cobbel, die aus Brandenburg stammen und sich vor zwei Jahren in der Altmark niedergelassen haben, können die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus nachvollziehen – auch, wenn sie sie hart treffen. "Wenn sich das nicht allzu lang hinzieht, bis Pfingsten, also Ende Mai vielleicht, dann könnten wir noch mit einem blauen Auge davon kommen", sagt René Wiesemann. "Dann liegt ein Großteil der Saison noch vor uns." Dann würden sie mit ihren Wagen, Karussells und Buden wieder durch Sachsen-Anhalt rollen.

Doch die Vorfreude darauf ist noch weit entfernt. Derzeit dominiert ein "mulmiges Gefühl", wie René Wiesemann sagt. "Wenn wir zum Einkaufen nach Tangerhütte fahren zum Beispiel. Ich bin auch ein bisschen krank. Da ziehe ich mir auch Handschuhe an und versuche mich von allem fernzuhalten." In Cobbel verstehen sie, warum das alles gerade so wichtig ist.

"Dann würden sie das Dorf dichtmachen"

Doch was wäre, wenn es in Cobbel einen Corona-Fall geben würde? "Darüber haben wir vorhin erst mit den Nachbarn geredet", erzählt René Wiesemann. "Hier wohnen 80 Prozent ältere Menschen. Ich glaube, dann würden sie das Dorf dichtmachen." Quarantäne also, so wie seit dieser Woche in Jessen und Schweinitz bei Wittenberg. So weit soll es in Cobbel nicht kommen.

Das Dorfgemeinschaftshaus ist gesperrt. Auch die Kindertagesstätte musste schließen. Eine Fahrradfahrerin fährt an diesem Samstagnachmittag durch den Ort. Ein Vater werkelt auf einem Hof mit seinem kleinen Sohn. Sonst steht alles still, nicht nur das Kettenkarussell. "Gut so", findet René Wiesemann. Auch wenn das Osterfeuer, für das auf seinem Grundstück schon Feuerholz gesammelt wurde, dieses Jahr ausfällt. "Wir müssen alle gesund bleiben", sagt der Schausteller. "Das ist gerade das Allerwichtigste."

Das Leben auf dem Dorf ist auch zu Corona-Zeiten ein anderes als das in der Stadt. Hier steht ein weitläufiges Grundstück neben dem anderen, hier wohnen die Menschen nicht Balkon an Balkon, lassen sich Ausgangs- und Kontaktsperren vielleicht etwas leichter ertragen. Hier können die Kinder, weil keine Schule ist, mit dem Moped über die Feldwege heizen. Hier ist sonst vielleicht ein bisschen mehr Gemeinschaft als anderswo, aber die darf ja gerade nicht zusammen sein – und einsam sein ist nirgendwo fein.

Wenn Stadt und Land dasselbe Problem haben

Zurück zu Jens und Klaus-Dieter Ruhnke. Vater und Sohn stehen mittlerweile an der Spargelsortiermaschine, der zweite Sohn ist noch immer auf dem Traktor unterwegs. Und dann wird deutlich, dass die Unterschiede zwischen Stadt und Land gerade eher kleiner werden. Auch, wenn es auf dem Dorf immer etwas ruhiger, immer etwas anders ist, so haben dieser Tage doch alle ein Problem: Corona. Auch Sorgen vereinen. "Wie schlimm ist es bei euch?", wird der Städter auf dem Dorf gefragt.

"Wir reden jetzt über die Landwirtschaft, aber es geht ganz viele Branchen an den Kragen, egal wo", sagt Jens Ruhnke. "Die Schausteller hier im Ort sind arbeitslos, die Gastronomen haben überall Probleme. Oder auch die Geschäfte, die in den großen Einkaufszentren in Magdeburg hohe Mieten zahlen müssen. Wir alle müssen sehen, dass wir irgendwie über die Runden kommen."

Immerhin: Am Tag nach dem Besuch in Cobbel versteckt sich die Sonne hinter den Wolken. Es ist kühl. Ein bisschen Hoffnung für die Spargelbauern auf dem Dorf.

Grafik: Der Corona-Daten-Update Newsletter
Bildrechte: MDR | Grafik Florian Leue/Martin Paul
Daniel George
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren, seine Familie stammt jedoch aus einem Dorf im Jerichower Land. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung.

Vom Internet und den neuen Möglichkeiten darin ist er fasziniert. Deshalb zog es ihn im April 2017 zurück in seine Heimatstadt, in der er seitdem in der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet – als Sport-, Social-Media- und Politik-Redakteur, immer auf der Suche nach guten Geschichten, immer im Austausch mit unseren Nutzern.

Quelle: MDR/dg

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 29. März 2020 | 19:00 Uhr

2 Kommentare

jb63 vor 35 Wochen

Wenn es in Deutschland keinen Bürger gibt der Spargel stechen kann(wegen der hohen Belastung), dann sollten Deutsche auch keinen Spargel essen!

jackblack vor 35 Wochen

Die Wirtschaft und das öffentliche Leben ist im freien Fall.

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