Groß Garz Der Ort mit dem natürlichsten Nachthimmel

Wer nach Groß Garz fährt, der blickt der Ruhe sprichwörtlich direkt ins Auge. Hier, im Norden des Landkreises Stendal, dürfte der Biorhythmus von Menschen, Tieren und Insekten noch in Ordnung sein. Schließlich ist der Ort laut "Atlas der Lichtverschmutzung" der dunkelste in ganz Sachsen-Anhalt. Bedeutet: Es gibt wenig künstliche Lichtquellen, die in Städten dafür sorgen, dass es nachts ähnlich hell ist wie am Tag. Groß Garz ist also ein Positiv-Beispiel. Ein Besuch.

von Luca Deutschländer, MDR SACHSEN-ANHALT

Blick auf eine leere Straße in einem Dorf, am rechten Rand steht ein Verkehrsschild.
Am frühen Abend in Groß Garz: Außer Straßenlaternen und den vorbeifahrenden Pkw gibt es in dem Ort nahezu keine künstliche Lichtquelle – ein Segen, wenn es um Lichtverschmutzung geht. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Später Nachmittag in Groß Garz: In der Haverländer Straße riecht es nach frisch gemähtem Gras, auf der Wiese nebenan knistert ein Feuer. Einige Hundert Meter weiter blöken die Schafe – und kurz nach 17 Uhr werden die ersten Rollos heruntergelassen. Es ist ein herbstlicher Tag im November, und aus der leichten Abenddämmerung wird Dank der Winterzeit bald etwas, das auf den ersten Blick wie tiefste Nacht wirkt.

Hier in Groß Garz ist das wenig verwunderlich: Das Dorf ist schließlich der dunkelste Ort Sachsen-Anhalts. Was zunächst einmal ziemlich negativ klingen mag, ist in Wirklichkeit eine positive Feststellung – dann nämlich, wenn es um die Probleme mit der Lichtverschmutzung geht.

Was man unter Lichtverschmutzung versteht Unter Lichtverschmutzung versteht man die künstliche Aufhellung des Nachthimmels. Hauptursache dafür ist der nach oben abgestrahlte Anteil des Lichts, der von der Erdoberfläche in die Atmosphäre strahlt und dort wiederum reflektiert und weiter gestreut wird. Maßgeblich zur Lichtverschmutzung tragen vor allem Großstädte und industrielle Anlagen bei. In der Nacht sorgen Straßenbeleuchtung, beleuchtete Werbetafeln und Industriebeleuchtung für eine künstliche Erhellung des Nachthimmels. Experten zufolge beeinträchtigen künstliche Lichtquellen in der Nacht den Lebensrhythmus von Vögeln oder Insekten nachhaltig.

All das gibt es in Groß Garz kaum – womit das Dorf der dunkelste Ort Sachsen-Anhalts und damit das genaue Gegenteil von Halle ist. Wo in vielen Städten künstliche Lichtquellen sind, bestechen Orte wie Groß Garz mit ihrer Naturbelassenheit. Man könnte sich in anderen Dörfern zwischen Salzwedel, Stendal und dem brandenburgischen Wittenberge umsehen und käme wohl zu einem kaum anderen Ergebnis – kleine Orte mit wenig künstlichem Licht gibt es in einem ländlich geprägten Bundesland wie Sachsen-Anhalt schließlich zuhauf. Der "Atlas der Lichtverschmutzung" aber führt einen nach Groß Garz.

Eine Straßenlaterne leuchtet einen Baum an.
Lichtverschmutzung? In Groß Garz gebe es andere Sorgen, sagt Bürgermeister Uwe Seifert. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Einen Ort und gut sieben Kilometer weiter, im Gemeindehaus in Gollensdorf, sitzt Uwe Seifert. Er ist ehrenamtlicher Bürgermeister der Gemeinde Zehrental. Seit nun zehn Jahren, wie er sagt. Das Engagement liegt bei Seifert in der Familie. Schon sein Vater war Bürgermeister, damals noch von Gollensdorf. Als der Vater krank wurde und später verstarb, sprang Uwe Seifert ein. 2007 war das. Einige Zeit später wurde aus den bis dahin eigenständigen Gemeinden Gollensdorf und Groß Garz die Gemeinde Zehrental, deren Bürgermeister Seifert heute ist. Seifert ist ein Kind der Region. Er kennt die Menschen und ihre Sorgen. Er weiß, was sie stört.

Wir haben hier andere Sorgen.

Uwe Seifert, Bürgermeister der Gemeinde Zehrental

Wenn man Uwe Seifert auf die Sache mit der Lichtverschmutzung anspricht, winkt er ab. Darüber reden will er nicht. "Wir haben hier andere Sorgen", sagt er und nippt am frisch gebrühten Filterkaffee. Der Eichenprozessionsspinner mache riesige Probleme. Vergangene Woche erst hat Seifert deshalb eine Fachtagung zum Eichenprozessionsspinner besucht. Eindeutiger Tenor am Ende: Die Ministerien des Landes mögen doch bitte mehr zusammenarbeiten und so versuchen, zu einer Lösung zu kommen. Das funktioniere in anderen Bundesländern bereits deutlich besser, sagt Seifert. „Es braucht eine flächendeckende Bekämpfung. Ein Flickenteppich bringt bei der Bekämpfung keinen Erfolg.“

Auch auf schnelles Internet warte man in der Region noch immer vergeblich, so der Bürgermeister. Und: Viele Straßen seien in marodem Zustand, darunter die Landesstraße 1. "Seit der Wende", sagt Uwe Seifert, "hat sich hier nicht viel getan". Fragt man ihn, ob die Menschen in der Gegend sich vom Land alleingelassen fühlen, hört man: "Ja, das kann man schon so sagen."

Und dann ist da noch die Sache mit der Einwohnerzahl: Die, die es zur Lehre oder zum Studium aus der Gemeinde wegzieht, die kommen in der Regel nicht wieder.

Das ist Groß Garz Groß Garz ist Ortsteil der Gemeinde Zehrental , die etwas weniger als 900 Einwohner hat. Sie liegt im Norden des Landkreises Stendal. Bis zum Dezember 2009 war Groß Garz eine selbstständige Gemeinde. Zum Januar 2010 schließlich trat ein Gebietsänderungsvertrag in Kraft – und die Gemeinden Gollensdorf und Groß Garz wurden zur Gemeinde Zehrental. Ehrenamtlicher Bürgermeister von Zehrental ist Uwe Seifert. Im Hauptberuf arbeitet der 1954 geborene Gollensdorfer im Außendienst eines Unternehmens, das Werkzeug unter anderem für den Straßenbau liefert.

Ein "wirklich schöner" Weihnachtsmarkt

Und doch, denkt jedenfalls der Besucher, gibt es in Groß Garz und der Gemeinde Zehrental bei allen strukturellen Problemen durchaus gute Errungenschaften. Der Weihnachtsmarkt ist eine von ihnen. Zum 20. Mal wird der Markt in diesem Jahr ausgerichtet, sagt der Bürgermeister. "Der Markt ist wirklich schön, die Ausrichter sind mit Leib und Seele dabei", erklärt Seifert. Wenn am 2. Dezember hinter dem Gemeindehaus auf Weihnachten eingestimmt werden soll, werden erneut Besucher aus umliegenden Orten erwartet.

Blick auf eine Straße in einem Dorf, im Hintergrund bremst ein Auto.
Später Nachmittag in Groß Garz: die Schafe blöken, ein paar Hundert Meter weiter knistert ein Feuer. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

In Groß Garz gibt es Grundschule und Kinderkrippe, einen Konsum für den Einkauf, Gaststätte, mehrere Handwerksbetriebe, Landwirtschaft, eine freiwillige Feuerwehr und natürlich ein reges Vereinsleben. Seifert zählt auf, wie sich in der Gemeinde Zehrental engagiert wird – angefangen von den Landfrauen, über die Sportvereine, den Förderverein der Kita bis hin zum Kirchspiel.

Der Bürgermeister lädt jede Woche zur Einwohnersprechstunde ein: dienstags in Groß Garz, mittwochs in Gollensdorf. Viele Leute kommen nicht vorbei – vielleicht auch deshalb, weil Uwe Seifert telefonisch immer erreichbar ist, wie er sagt. Und ab und an, da breche er sonntags zu einer Tour durch die Orte auf. Kommt ins Gespräch. Fragt, wo der Schuh drückt. Denkt nach, wie Probleme gelöst werden können.

Wenn Seifert an die Vergangenheit im heutigen Zehrental zurückdenkt, kommt er gewiss auch auf den Mauerfall 1989 zu sprechen. Lange Staus in Richtung Westen hätten sich damals gebildet, sonnabends seien die Schulklassen leer gewesen. Ihn selbst habe es erst drei Wochen später in die frühere Bundesrepublik gezogen.

Wenn in Groß Garz der Abend anbricht

Blick auf eine Straße in einem Dorf, am rechten Rand steht ein Warnschild.
Später Nachmittag in Groß Garz: Bevor es dunkel wird, können die Einwohner noch ihre letzten Erledigungen im Konsum (hinten links im Bild) machen. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Blick auf eine Straße in einem Dorf, am rechten Rand steht ein Warnschild.
Später Nachmittag in Groß Garz: Bevor es dunkel wird, können die Einwohner noch ihre letzten Erledigungen im Konsum (hinten links im Bild) machen. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Blick auf einen Sportplatz in einem Dorf, am linken Bildrand sitzt eine Katze.
Auf dem Sportgelände ist um diese Jahreszeit naturgemäß wenig los. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Ein Sportlerheim in Groß Garz
Das Sportlerheim des SV Groß Garz. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Blick auf ein Feuerwehrhaus im Ort Groß Garz
Für alle Fälle: In der Gemeinde Zehrental gibt es mehrere freiwillige Feuerwehren, auch in Groß Garz. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Ein schmuckes Fachwerkhaus wird von einer Laterne angestrahlt.
Einige Stunden später: Im Ort ist nun der Abend angebrochen. Künstliches Licht gibt es einzig von der Straßenbeleuchtung und den Autos, die durch Groß Garz fahren. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Eine Straßenlaterne leuchtet im Dunkeln.
Ansonsten: Stille. Angenehme Stille.

Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | Studio Stendal | 15.11.2017 | 6:30 Uhr

Quelle: MDR/ld
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
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Es ist nun Abend geworden in Groß Garz. Die Straßenlaternen im Ort beleuchten das Kopfsteinpflaster der Hauptstraße. Ab und an fährt ein Auto durch den Ort. Ansonsten: Stille. Angenehme Stille. Man nimmt auf der Bank in der Ortsmitte Platz, lauscht dem energischen Bellen des Hundes ein paar Hundert Meter entfernt. Hört, wie die Rinder blöken. Und nimmt schließlich wieder das prägnante Geräusch des Pkw wahr, der über das Kopfsteinpflaster donnert.

Es kehrt dann wieder einige Minuten Ruhe ein, ehe sich die Szenen wiederholen. Schließlich ein Blick zum Himmel. Sterne gibt es an diesem Abend im Herbst nicht zu sehen – zu bewölkt war es schon den ganzen Tag über. Man genießt also die Ruhe, läuft durch ein an diesem Abend menschenleeres Dorf, setzt sich irgendwann wieder ins Auto – und fährt der Stadt entgegen, in der einem die künstlichen Lichter alle paar Meter grell ins Gesicht scheinen.

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | Studio Stendal | 15.11.2017 | 06:30 Uhr

Quelle: MDR/ld

Zuletzt aktualisiert: 12. Februar 2019, 19:45 Uhr

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