Renaturierung Die Havel: Von der Wasserstraße zum Naturparadies

Neun Jahre nach dem Beginn der Renaturierung der Unteren Havel wird der Fluss Schritt für Schritt von der Wasserstraße wieder zu einem natürlichen Gewässer. Schon jetzt profitieren davon Natur und Mensch im Elb-Havel-Winkel: Die Artenvielfalt nimmt zu und für die Menschen entstehen am Fluss neue Badestellen mit Sandstränden. MDR SACHSEN-ANHALT hat sich das Großprojekt angesehen und war auf der Havel unterwegs.

von Andreas Müller, MDR SACHSEN-ANHALT

Sandstrand am Ufer der Havel
Für das Renaturierungsprojekt werden 90 Kilometer Havellauf wieder in ein Naturparadies verwandelt. Bildrechte: Biosphärenreservat Mittelelbe/Philipp Ritzmann

Die größte Renaturierung eines Flusses in Mitteleuropa kommt voran. Im Norden Sachsen-Anhalts und im Havelland in Brandenburg werden 90 Kilometer Havellauf von einer eingezwängten Wasserstraße in ein üppiges Naturparadies zurückverwandelt. Seit zehn Jahren wird schon gebaut. Nun laden Natur-Sandstrände zum Baden ein.

Allein zwischen Strodehne in Brandenburg und Havelberg sind 15 Uferbereiche hergerichtet worden, an denen Sandbänke zwischen dem Schilfsaum das "wilde" Baden wieder erlauben. Tausende Tonnen einst abgekippten Gesteins wurden dafür weggebaggert. Im Straßenbau sind sie besser aufgehoben.

Neuer Lebensraum für Insekten und Vögel

Rocco Buchta vom NABU ein einem Boot auf der Havel
NABU-Projektleiter Buchta: Baden ist erlaubt. Bildrechte: MDR/Andreas Müller

Umgesetzt wird das Projekt zur Renaturierung der Unteren Havel zwischen Pritzerbe und Gnevsdorf vom Naturschutzbund Deutschland, NABU. Er haucht auch einst abgeschnürten Flussarmen neues Leben ein oder macht es möglich, dass sich Hochwasser schadlos wieder auf Wiesen ausbreiten kann. Selbst abgestorbene Bäume dürfen jetzt im Uferbereich liegenbleiben – ein neuer Lebensraum für Insekten und Vögel. Das große Ziel an der Havel könnte ein Landschaftsbild sein, wie es einst Theodor Fontane schätzte:

Die Havel ist ein aparter Fluss … das Blau ihres Wassers und ihre zahllosen Buchten … machen sie in ihrer Art zu einem Unikum.

Theodor Fontane

Badestellen für die Menschen am Fluss

Wie NABU-Bundesgeschäftsführer Leif Miller MDR SACHSEN-ANHALT sagte, nimmt der Fischreichtum in der Havel bereits deutlich zu; seltene Insekten und Vögel wie Kiebitze und Trauerseeschwalben kehren zurück. Der Artenreichtum profitiere, aber auch der Mensch am Fluss.

Zuerst haben wir uns mit den Gemeinden um die Badestellen gekümmert. Die Bevölkerung hat es gerne angenommen. Naturschutz funktioniert nur mit den Menschen.

Leif Miller, NABU-Bundesgeschäftsführer

Projektleiter Rocco Buchta betont, dass das Baden an den neuen Sandstränden erlaubt ist. "Ich habe das als Kind auch gemacht. Damit kam meine Liebe zum Fluss zustande. Wer den Fluss liebt, wird ihn auch schützen. Das Erleben gehört einfach dazu."

Baden entlang der Havel (Auswahl)

Gute Wasserqualität – Paradies für Freizeitkapitäne

Buchta beschreibt die Wasserqualität der Havel als sehr gut. Sie durchströme eine in Mitteleuropa herausragende und riesige Landschaft aus Flüssen und Seen. Selbst im Sommer seien eineinhalb Meter Sichttiefe möglich.

Geplant ist, am Fluss auf 30 Kilometern das steinerne Korsett wegzuräumen. Etwa die Hälfte davon ist geschafft. Als Wasserstraße für den Güterverkehr wird die Untere Havel laut Buchta nicht mehr benötigt. "Zuletzt waren es noch zehn bis 15 Frachtschiffe pro Jahr." Für Freizeitkapitäne und Ausflugsschiffe ist die Havel frei.

Auf Tour entlang der Unteren Havel

Storch landet an Flussufer
Die Untere Havel gehört zum Biosphärenreservat Mittlere Elbe. Weite Teile stehen unter Naturschutz. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Storch landet an Flussufer
Die Untere Havel gehört zum Biosphärenreservat Mittlere Elbe. Weite Teile stehen unter Naturschutz. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Storch im Gras vor altem Boot und Haus
Die Gegend ist sehr dünn besiedelt. Auf dem Hof von Fischer Wolfgang Schröder in Strodehne ist der Storch völlig ungestört. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Badestelle an Ufer der Havel
An vielen Uferbereichen wurde das mehrschichtige Deckwerk entnommen, um die natürliche Dynamik der Havel zu fördern. Bildrechte: Biosphärenreservat Mittelelbe/Philipp Ritzmann
Sandstrand am Ufer der Havel
Diese Flächen bilden für zahlreiche Arten sowohl unter als auch über Wasser einen wertvollen Lebensraum. Nebeneffekt: Für den Menschen entstehen kleine einladende Badestrände. Bildrechte: Biosphärenreservat Mittelelbe/Philipp Ritzmann
Umweltministerin Claudia Dalbert und Rocco Buchta vom NABU ein einem Boot auf der Havel
Umweltministerin Claudia Dalbert lässt sich von Projektleiter Rocco Buchta das Vorhaben erläutern. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Vögel am Havelufer
Durch die Renaturierung entsteht neuer Lebensraum für Insekten und Vögel. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Reiher auf Baumstupf an Ufer der Havel
Neugierig bestaunt ein Reiher das Geschehen auf dem Fluss. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Menschen in zwei Paddelbooten auf der Havel
Freizeitkapitäne auf Tour bei Jederitz – ökologisch mit Rückenwind Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Mann steuert Boot, im Hintergrund ein Ausflugsschiff
Wolfgang Schröder auf dem Weg zu seinen Fischgründen. Ein Ausflugsdampfer bringt Touristen ins Naturparadies. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Enten an Havelufer, dahinter grasen Pferde, dahinter eine Ortschaft
Vielfalt am Fluss – für Mensch und Tier Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Blick von der Havel aus auf Havelberger Dom
Der mächtige Havelberger Dom thront über allem. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Baumstumpf, Schilf und Seerosen an Havelufer
Seerosen: Auf ihren Blättern brüten Trauerseeschwalben. Abgestorbene Bäume werden nicht weggeräumt. Sie bereichern die Natur.

Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 18. Juni 2019 | 17:30 Uhr

Quelle: MDR/agz
Bildrechte: MDR/Andreas Müller
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Mann steuert Boot, im Hintergrund ein Ausflugsschiff
Wolfgang Schröder auf dem Weg zu seinen Fischgründen. Ein Ausflugsdampfer bringt Touristen ins Naturparadies. Bildrechte: MDR/Andreas Müller

Bund ist mit im Boot und gibt Millionen

Der Bund, die Bundesländer Brandenburg und Sachsen-Anhalt sowie der NABU geben nach derzeitiger Übersicht 46 Millionen Euro für das gesamte Großprojekt zur Renaturierung des Flusses aus. In diesem Jahr sollen bei Havelberg mit dem Rückbau von Deichen beispielsweise 700 Hektar neue Überflutungsfläche geschaffen werden.

Sachsen-Anhalts Umweltministerin Claudia Dalbert (Grüne) hat das zurückgeholte Naturparadies Untere Havel zuletzt vom Fischerboot aus inspiziert.

Das ist eine wunderbare Fahrt durch ein traumhaftes Stückchen Natur. Hier kann man beobachten, wie der Mensch einen geschundenen Fluss wieder in eine naturnahe Landschaft zurückverwandelt. Wenn Natur etwas davon hat, dann haben auch wir Menschen etwas davon.

Claudia Dalbert, Umweltministerin Sachsen-Anhalt

Quelle: MDR/agz

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 18. Juni 2019 | 17:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Juni 2019, 17:55 Uhr

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2 Kommentare

19.06.2019 20:18 Altlehrer 2

Im beschriebenem Havelabschnitt gab es in den 60er und 70er Jahren über 40 Sand-Badestellen, und zwar zwischen den Buhnenköpfen. Aus biologischer und ökologischer Sicht mag die beschriebene Renaturierung ein Fortschritt sein. Mir fehlen aber gerade am linken Havelufer die früheren hohen und dichten Weidenbestände. Das Havelufer ist jetzt weitesgehend ohne Baumbewuchs und wird von Schilfgürten dominiert. Darunter leiden auch bestimmte Fischbestände. Mir fehlt meine "alte" Havel.

19.06.2019 11:45 Herbert 1

Hallo MDR Team, leider ist Ihnen ein Fehler unterlaufen, der Ort an der Havel heißt Strodehne.
VG

Anmerkung MDR SACHSEN-ANHALT: Danke für den Hinweis. Wir korrigieren das.

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