Protest, Zeitdruck, Betreiberfrage offen Das letzte Fünkchen Hoffnung für den Erhalt der Klinik in Havelberg

Ein Mann steht in einem Garten
Bildrechte: Bernd-Volker Brahms

Für die aktuellen Betreiber des Krankenhauses in Havelberg ist klar: Es soll geschlossen werden, ein Seniorenheim wird bereits eingerichtet. Doch parallel läuft noch immer die Arbeit an einer Alternative und die Suche nach einem anderen Betreiber. Zeitdruck erschwert die Arbeit der politisch Verantwortlichen. Die Mitarbeiter gehen weiter beharrlich auf die Straße – mit dem Ziel, die Krankenhausversorgung am Standort zu halten. Noch besteht die letzte Hoffnung, auch wenn sie schwindet.

Menschen stehen mit Protestschildern vor einem Klinikgebäude in Havelberg
Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

Der Havelberger Bürgermeister Bernd Poloski (parteilos) zeigt sich zunehmend verärgert. Immer wird er von neuen Entwicklungen um das Krankenhaus seiner Stadt überrumpelt. Oft erfährt er dies nur aus den Medien. Den verbliebenen Krankenhaus-Mitarbeitern geht es nicht anderes. "Es macht deutlich, wie hier der Umgang in den letzten Wochen war", sagt Poloski. Die Mitarbeiter drücken es weniger diplomatisch aus, sie fühlen sich von der Betreiber-Firma KMG Kliniken hintergangen. "Ganz viele sind in psychologischer Behandlung. Ein Dreivierteljahr werden die Leute hier hin und her geschubst", sagt Sandra Braun, die Vorsitzende des Betriebsrates. Viele würden einfach nur noch Zuhause sitzen – und heulen, sagt sie.

Im Januar kam die erste Hiobsbotschaft. Da hatten die Verantwortlichen der KMG Kliniken ohne Vorwarnung angekündigt, dass das Krankenhaus kurzfristig in ein Seniorenheim umgewandelt werden soll. Ursprünglich sollte damit schon im März begonnen werden. Es kamen erste Proteste. Fast 20 Jahre lang hatte das Unternehmen, das seinen Hauptsitz im brandenburgischen Bad Wilsnack hat, das Krankenhaus betrieben. 2002 war das Haus privatisiert worden. Der Landkreis Stendal hatte es für 750.000 Euro verkauft. Noch 2013 erhielten die KMG Kliniken fast sechs Millionen Euro Fördergeld vom Land für einen Anbau. Es sollte den Standort sichern.

Schon damals war von den Verantwortlichen von einer schwierigen wirtschaftlichen Ausgangslage für das Krankenhaus gesprochen worden.

Ein Klinikgebäude – es handelt sich um die Außenansicht des Krankenhauses in Havelberg
Das Krankenhaus in Havelberg bleibt in den Schlagzeilen. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

Man habe sich 2013 unter anderem vom Land die Zusicherung geben lassen, die Option zu einer Umwandlung in ein Seniorenheim zu haben, sagt der KMG-Sprecher Franz Christian Meier. Dem Landkreis sei lange bekannt, dass dies zum 1. Oktober erfolgen werde. Da die Mitarbeiter des Krankenhauses fast vollständig eine Beschäftigung im Seniorenheim ablehnen würde, habe man begonnen, die Stellen neu zu besetzen. Mit Stellenanzeigen war Personal gesucht worden. Die Betriebsratsvorsitzende Sandra Braun sagt, dass die KMG Kliniken zunächst keinen Sozialplan aufgestellt hätten. Dies erfolge erst im Mai. Daher hätten viele Mitarbeiter Klagen eingereicht. Das Vertrauen zum Unternehmen sei verloren gegangen.

Das endgültige Aus des Krankenhauses kündigen die Betreiber Ende August mit einer schlichten Presseerklärung mit – und das nach einer mehr als hundertjährigen Krankenhaus-Tradition am Ort.

Die Verantwortlichen der KMG scherten sich wenig darum, dass in der Landes- und Lokalpolitik zeitgleich weiter nach Lösungen für einen Erhalt des Krankenhauses gerungen wurde. Im Juli hatte der Kreistag noch den Landrat Patrick Puhlmann (SPD) beauftragt, mit potenziellen Betreibern Verhandlungen über einen Weiterbetrieb zu führen. Die Idee war es, dass der Landkreis das Haus zurückkauft und den Betrieb allerdings anderen überlässt. Noch bei der Kreistagssitzung hatten Vertreter der Johanniter GmbH, die in Stendal ein Krankenhaus betreiben, und auch Verantwortliche der landeseigenen Salus gGmbH Konzepte vorgestellt.

Der Landeskrankenhausplan und Havelberg

Im Krankenhausplan der Landesregierung vom Dezember 2019 sind landesweit 47 Krankenhäuser verzeichnet. Der Plan gehört zum Landeskrankenhausgesetz Sachsen-Anhalt.

Havelberg ist in diesem Plan mit 37 Betten gelistet.

2002 hatten die KMG Kliniken (Sitz: Bad Wilsnack, Brandenburg) das Krankenhaus in Havelberg vom Landkreis Stendal für 750.000 Euro gekauft. 

Der Landrat und Teile des Kreistages hatten im Vorfeld eine Übernahme durch die Salus favorisiert. Allerdings ist das Landesunternehmen mittlerweile aus den Verhandlungen ausgestiegen, wie Pressesprecherin Franka Petzke auf Nachfrage mitteilte. "Vom Landkreis wird eine Portalklinik favorisiert", sagt Petzke. Dieses Modell sei für die Salus nicht machbar, da eigene Kooperationskliniken viel zu weit weg sind. Die Salus hat in Gardelegen und Salzwedel die nächsten Krankenhäuser. "Wenn andere Modelle doch noch infrage kommen, dann können wir uns immer noch ein Engagement vorstellen", sagt Petzke.

Von den Johannitern war auf Anfrage keine Stellungnahme zur aktuellen Situation zu erhalten.

Nahtloser Weiterbetrieb zum 1. Oktober gilt als nicht realistisch

Mit den Johannitern und den Krankenkassen seien noch sehr viele Punkte zu klären, sagt Landrat Patrick Puhlmann. Eine seriöse Prognose, könne es derzeit nicht geben. Es sei auf jeden Fall klar, dass es keinen nahtlosen Weiterbetrieb ab 1. Oktober geben werde. Eine Hoffnung, die im Juli noch keimte. Allerdings hatte von vornherein lediglich mit der Salus eine Option auf einen kurzfristigen Weiterbetrieb bestanden. Die Johanniter kündigten im Fall des Falles eine längere Übergangsphase an.

Durch das Agieren der KMG-Kliniken mit der vorzeitigen Klinikschließung und dem Aufbau des Seniorenheims wird die Verhandlungsposition für den Landkreis nicht einfacher, das weiß auch Landrat Patrick Puhlmann. Denn der Hintergrund ist, wie KMG-Sprecher Franz Christian Meier sagt: "Ein Erwerb durch den Landkreis würde die Übernahme des Seniorenheims einschließen." Der Landkreis müsse die Mitarbeiter dann ebenfalls übernehmen. 

Der Plan der Kreispolitiker sah eigentlich vor, dass der Landrat am 24. September im Kreistag die Ergebnisse seiner Verhandlungen präsentiert und weitere Schritte überlegt werden. Nun ist die Lage komplizierter.

Der Havelberger Bürgermeister Bernd Poloski sitzt an seinem Schreibtisch im Rathaus.
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Wir haben es nicht geschafft, in einem Dreivierteljahr eine anständige Lösung zu finden.

Havelbergs Bürgermeister Bernd Poloski

Für Bürgermeister Bernd Poloski war das damalige Vorgehen schon viel zu langsam. Man habe viel zu viel Zeit verstreichen lassen, sagt er. "Es wurde die Chance verpasst, das bestehende technische und personelle Knowhow zu übernehmen", sagt Poloski. Er habe eine politische Ohnmacht verspürt. "Wir haben es nicht geschafft, in einem Dreivierteljahr eine anständige Lösung zu finden." Er werde nicht müde werden, den Landkreis und auch das Land daran zu erinnern, dass sie die Pflicht zu einer auskömmlichen medizinischen Versorgung haben, sagt der Bürgermeister. Die Notwendigkeit für eine stationäre Versorgung ergebe sich schon allein aufgrund der Entfernung. Von Havelberg sind es rund 55 Kilometer in die Kreisstadt Stendal. Für einige Orte wie Vehlgast und Nitzow seien es sogar 75 Kilometer.  

Landrat: Arbeiten weiter an ortsnaher Stationärversorgung

"Rein rechtlich gilt die Krankenhausversorgung des Elb-Havel-Winkels durch andere Krankenhäuser der Region trotz erheblicher Wegstrecken als sichergestellt", sagt Landrat Patrick Puhlmann.

Dies entspreche allerdings nicht seinem Anspruch, entsprechend werde weiter an einer ortsnahen Möglichkeit zur stationären Patientenbetreuung gearbeitet.

Mitarbeiter protestieren beharrlich und sammeln Unterschriften

Dass überhaupt so lange für den Erhalt des Krankenhauses gekämpft wird, halten sich die Mitarbeiterinnen um die Betriebsratsvorsitzende Sandra Braun zugute. Sie glaubt: "Den Verantwortlichen wäre es recht gewesen, wenn wir uns ruhig verhalten hätten." Den Gefallen hätten sie ihnen aber nicht tun wollen, sagt sie. Annähernd 30 Mal haben sich die Beschäftigten bereits zur wöchentlichen "Aktiven Mittagspause" getroffen und sind durch die Stadt gezogen. Sie haben auch 13.000 Unterschriften gesammelt und zwei Großdemonstrationen auf die Beine gestellt. Beim nächsten Kreistag wollen sie mit zwei Bussen anrücken.

Es ist ein Desaster, was hier passiert

Holger Schulz, Vorsitzender vom Verein "Pro Krankenhaus Havelberg"

"Wir kämpfen nicht mehr um unseren Arbeitsplatz", sagt Sandra Braun. Sie hätten allesamt keine größeren Ängste, etwas Neues zu finden. Vielmehr gehe es ihnen um den Erhalt der Gesundheitsversorgung.

Zwei Frauen halten ein Protestschild, auf dem steht: 'Wir lassen uns nicht kaputt-Spahn'. Als Anspielung auf Bundesgesundheitsminister Spahn so geschrieben wie sein Name.
Zwei Mitarbeiter mit einem Protestschild vor dem Krankenhaus in Havelberg. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

Vor kurzem hat sich auch ein Verein namens "Pro Krankenhaus Havelberg" gegründet. "Es ist ein Desaster, was hier passiert", sagt Holger Schulz, der zum Vorsitzenden gewählt worden ist. Man habe sich mittlerweile Rat geholt und prüfe rechtliche Schritte, sagt er. Es sei viel zu viel Zeit vergangen. Die Politik habe versagt. Der Kreis hätte längst der KMG das Gebäude abkaufen müssen. "Den Betreiber hätten sie dann später festlegen können", sagt Schulz. Nun würden die KMG Kliniken "am längeren Hebel" sitzen.

Völlig unglaubwürdig haben sich die KMG Kliniken darüber hinaus bei vielen Havelbergern gemacht, als sie Anfang September – einen Tag nach dem offiziellen Aus des Havelberger Krankenhauses –  verkündeten, dass das Unternehmen sechs seiner zehn stationären Pflegeeinrichtungen und einen ambulanten Pflegedienst verkaufen werden. KMG gehe den Schritt, um sich "zukünftig noch stärker auf den Akutkrankenhaussektor zu konzentrieren", teilte das Unternehmen mit. Holger Schulz jedenfalls kann dazu nur sagen: "Das ist doch der reine Hohn."  

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Quelle: MDR/mg

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2 Kommentare

Rotti vor 2 Wochen

Was macht der Landrat? Der spielt lieber Kreis - Bademeister und kümmert sich um Dinge, die ihn gar nichts angehen.
Aber Elektroautos will er kaufen und Fördermittel für die Digitalisierung der Kreisverwaltung.
Für solche Spielereien soll Geld da sein? Für das Krankenhaus in Havelberg nicht?
Kann man so einem Landrat überhaupt über den Weg trauen? Wer hat den denn überhaupt gewählt?

pit vor 2 Wochen

Sozialministerium hat versagt !!
Es gibt vom Bund viel Geld zu Erhaltung der Krankenhäuser,so das MdB Herr Sorge in der heutigen Volksstimme.
Im

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