Erinnerung an Grete Minde Tangermünde
Diese Handfesseln stammen aus der Zeit Grete Mindes. Bildrechte: MDR/Andreas Müller

Tod auf dem Scheiterhaufen Erinnerung an Justizopfer Grete Minde

Am 22. März 1619 – Freitag vor 400 Jahren – wurde Grete Minde in Tangermünde hingerichtet. Unter Folter hatte sie zuvor gestanden, die Stadt angezündet zu haben. Daran jedoch gibt es bis heute Zweifel. Anlässlich ihres Todestages erinnert Tangermünde an das Justizopfer.

von Andreas Müller, MDR SACHSEN-ANHALT

Erinnerung an Grete Minde Tangermünde
Diese Handfesseln stammen aus der Zeit Grete Mindes. Bildrechte: MDR/Andreas Müller

Am historischen Rathaus der Elbestadt bleiben immer wieder Passanten stehen, um einer jungen Frau in die Augen zu schauen. Sie steht leicht gebeugt, ihre Hände und Füße sind in Eisen gefesselt. Fragend, aber selbstbewusst, blickt die Figur ihrem Gegenüber ins Gesicht. Es ist das Denkmal für Grete Minde – die berühmteste Tangermünderin.

Am Freitag entwickeln sich hier unter den Bürgern und Touristen immer wieder Gespräche über Schicksal, Justiz, Hexenverfolgung und sogar über Frauenrechte. Ein Unbekannter hat der Frauenfigur weiße Rosen in die Arme gelegt.

Als Brandstifterin angeklagt und gefoltert

In Tangermünde hatte ein katastrophales Feuer am 13. September 1617 fast fünfhundert Wohnhäuser und zweiundfünfzig Scheunen mit Getreide vernichtet.

Skulpptur zur Erinnerung an Grete Minde Tangermünde
Diese Skulptur erinnert an die junge Frau, die 1619 getötet wurde. Bildrechte: MDR/Andreas Müller

Grete Minde wurde als Brandstifterin angeklagt. Ihr eigener Mann Tönnies Meilahn hatte sie – unter Folter – beschuldigt, Feuer in der Stadt gelegt zu haben. Möglicherweise wollte Meilahn sich mit der Behauptung schützen, denn er war als Straßenräuber ertappt worden.

Grete leugnete die Brandstiftung zunächst, legte dann aber unter Folter ein Geständnis ab. Ein Motiv für ihre Tat hatte man rasch gefunden, denn sie führte damals einen Rechtsstreit mit einem Ratsherrn um ihr väterliches Erbe. Am 22. März 1619 wurde sie öffentlich mit glühenden Zangen gepeinigt und auf dem Scheiterhaufen hingerichtet.

Offene Fragen bleiben

"Ja, wir Tangermünder machen uns viel Gedanken über das Schicksal der Grete Minde", sagt Stadtarchivarin Siegrid Brückner MDR SACHSEN-ANHALT. "Es gibt viele offene Fragen um ihre Schuld – ob sie wirklich im Jahr 1617 als vermeintliches 'ruchloses Weib' die Stadt in Brand gesetzt hat. Ich glaube, die damaligen Verhältnisse waren schuld an ihrem Tod über glühenden Kohlen."

Galerie Auf den Spuren von Grete Minde

Die Tangermünderin Grete Minde wurde vor 400 Jahren als mutmaßliche Brandstifterin hingerichtet. Wie sich die Stadt heute an sie erinnert:

Erinnerung an Grete Minde Tangermünde
Der "Eulenturm" gehört zur Tangermünder Stadtmauer. Im Turm soll Grete vor ihrer Hinrichtung gefangen gewesen sein. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Erinnerung an Grete Minde Tangermünde
Der "Eulenturm" gehört zur Tangermünder Stadtmauer. Im Turm soll Grete vor ihrer Hinrichtung gefangen gewesen sein. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Erinnerung an Grete Minde Tangermünde
Die Handfesseln stammen aus dem Museumsbestand und aus der Zeit Gretes. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Erinnerung an Grete Minde Tangermünde
In diesem gusseisernen Kohlebecken wurden die Foltergeräte erhitzt, bis sie glühten. Grete wurden mit Zangen die Finger "abgezwackt", wie es im Urteil hieß sowie "mit glühenden Zangen in Brust und Arme gegriffen". Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Erinnerung an Grete Minde Tangermünde
Das Museum zeigt Kopien von Zeichnungen, die ein Mitgefangener von Grete Minde im Gefängnis angefertigt hatte. Merten Emmert wurde als Kumpane zusammen mit der mutmaßlichen Brandstifterin hingerichtet. Seine Skizzen zeigen Szenen aus dem frühneuzeitlichen Alltag, auch Spiele, Trinkgelage, ein Grundriss seiner Heimatstadt Burg. Außerdem hat er Gebete und Gedichte aufgeschrieben. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Erinnerung an Grete Minde Tangermünde
Am Tangermünder Rathaus erinnert seit 2009 eine Skulptur an die Hinrichtung der Grete Minde. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Skulptur von Grete Minde in Tangermünde
Grete Minde wurde, nachdem sie öffentlich verstümmelt worden war, auf einem Scheiterhaufen von Rauch und Qualm erstickt – "Schmochten" wurde diese Hinrichtungsmethode in der Frühen Neuzeit genannt. Gemeinsam mit Grete Minde starben ihr Mann Tönnies Meilahn und Merten Emmert. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Erinnerung an Grete Minde Tangermünde
Das Grete-Minde-Haus erinnert an die getötete Tangermünderin. Darin ist eine Sozialeinrichtung untergebracht. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Erinnerung an Grete Minde Tangermünde
Die Grete-Minde-Straße hat heute ein Zusatzschild bekommen, das erklärt, wer Grete Minde war. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
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Der Schriftsteller Theodor Fontane hat das Schicksal der Grete Minde in seiner gleichnamigen Novelle berühmt gemacht. Er ließ offen, ob sie wirklich schuldig war. 1883 beschäftigte sich der Historiker Ludolf Parisius nochmals mit dem Fall. Er wertete die bis heute erhalten Gerichtakten aus, fand viele Ungereimtheiten und kam zu dem Schluss, dass Minde Opfer eines "grausigen Justizmordes" wurde. Bis heute wird darüber diskutiert und geforscht. Im Stadtgeschichtlichen Museum sind Originalexponate aus dem 17. Jahrhundert erhalten – darunter Geräte aus der Tangermünder Folterwerkstatt.

Wie Tangermünde an Grete Minde erinnert

Als Grete Minde 1619 im Alter von etwa 26 Jahren hingerichtet wurde, wurde das von den Bürgern Tangermündes regelrecht gefeiert. Denn der Stadtbrand, für den Minde verantwortlich gemacht wurde, galt den Bewohner als göttliche Strafe. Endlich war die Schuldige gefunden.

Anlässlich des Todestages wird der jungen Frau und Mutter gedacht. In Tangermünde gibt es die Ausstellung im Stadtgeschichtlichen Museum, das Grete-Minde-Haus und eine Grete-Minde-Straße. Das Straßenschild hat einen Zusatz bekommen. Darauf ist zu lesen: "Grete Minde – Justizopfer im 17. Jahrhundert".

Quelle: MDR/rj

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | MDR SACHSEN-ANHALT | 22. März 2019 | 14:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. März 2019, 20:56 Uhr

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8 Kommentare

24.03.2019 10:42 Bingo 8

Dieser Frau kann man nach 400 Jahren, leider nicht mehr helfen...heutigen Justitzopfern schon, die Entschädigung von 25,-Euro pro Hafttag ist eine Verhöhnung der Justitzopfer und meiner Meinung eine Verletzung der Menschenwürde..

23.03.2019 20:52 M.M. 7

Wenn man Ralf Eschelbach Erfahrungen hört und dann die Geschehnisse um Grete Minde liest, ein Schelm, der dabei Parallelen sieht.

Es ist für jeden unschuldig Verurteilten schlimm (ob Gefängnis oder kleine Geldstrafe oder gar Todesstrafe anderorts), es bricht eine Welt zusammen, der Glaube an die Gerechtigkeit an sich und an die Wahrheitsfindung vor Gericht ist für alle Zeiten dahin.

23.03.2019 10:10 Sachse 6

Nachdem das Fehlurteil bewiesen ist sollte Grete entschädigt werden.

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