Neue Erinnerungsstätte in Isenschnibbe eröffnet Neue Blickwinkel auf ein Kriegsverbrechen in der Altmark

Ein Mann steht in einem Garten
Bildrechte: MDR/Hannah Singer

Seit Jahrzehnten wird in Gardelegen an ein Massaker im April 1945 gedacht. Mehr als 1.000 KZ-Häftlinge, die auf Todesmärschen unterwegs waren, wurden in eine Feldscheune gepfercht und verbrannt. Eine neue Erinnerungsstätte will mit anderen Perspektiven auf das Verbrechen blicken. Das Dokumentationszentrum mit Ausstellung ist am Dienstag eröffnet worden.

Gebäude der neuen Gedenkstätte Isenschnibbe
Das Dokumentationszentrum in Isenschnibbe wird am Dienstag eröffnet. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

Es ist schwer zu ertragen. In einem Schwarz-Weiß-Film sind minutenlang verkohlte Leichen zu sehen. Die Bilder wackeln. Es laufen Menschen umher. Es werden Leichen abtransportiert. Es ist die Feldscheune Isenschnibbe zu sehen. Die Filmaufnahmen wurden am 15. April 1945, zwei Tage nach dem Massaker an mehr als 1.000 KZ-Häftlingen, von amerikanischen Soldaten gemacht. Der Film ist in der Dauerausstellung der Erinnerungsstätte in Isenschnibbe zu sehen. Der Vorführraum bildet das Herzstück der Ausstellung. Man kann den Raum durch einen schmalen Zugang betreten – muss es aber nicht. "Wir wollen hier niemanden überwältigen", sagt der Gedenkstättenleiter Andreas Froese. Wer die schrecklichen Aufnahmen nicht sehen möchte, geht einfach vorüber.

1036 Kreuze erinnern an die ermordeten KZ-Häftlinge
1.036 Kreuze erinnern an die ermordeten KZ-Häftlinge. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

Die Konzeption der Ausstellung setzt auf vielfältige Zugänge zu dem Verbrechen, das in den letzten Kriegstagen bei Gardelegen nicht nur von SS-Leuten, sondern auch von Zivilisten begangenen worden ist. "Es war uns wichtig, die verschiedenen Perspektiven auf das Verbrechen zu zeigen", sagt Froese. Dazu gehören die Täter, die Opfer, die Augenzeugen und auch die amerikanischen Soldaten, die den Tatort vorfanden und 1945 mit klaren Anweisungen dafür sorgten, dass die Gardelegener Bevölkerung sich dauerhaft um den Ehrenfriedhof zu kümmern haben.

Damit wurde eine erste Ebene der Erinnerungskultur geschaffen, die später zu DDR-Zeiten gebrochen und auch instrumentalisiert wurde. Bei den Opfern wurden die kommunistischen Kämpfer betont und die oft jüdische und slawische Herkunft verschwiegen.

"The Holocaust of Gardelegen"

Die 102. Infanteriedivision befreite am 14. April 1945 – einen Tag nach dem Massaker in der Feldscheune – die Stadt Gradelegen. Am 15. April wurden die amerikanischen Soldaten auf das Verbrechen an den KZ-Häftlingen aufmerksam. Rund 300 Gardelegener wurden von ihnen an den Ort geführt. Sie mussten die verkohlten Leichen beerdigen. Bereits in seiner Ausgabe vom 7. Mai 1945 berichtete das US-amerikanische Magazin "Life" über das Massaker und bezeichnete es als "The Holocaust of Gardelegen".

Kriegsverbrechen in der Altmark Neues Dokumentationszentrum in Isenschnibbe eröffnet

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau gedenken in Isenschnibbe.
Das neue Dokumentationszentrum der Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe ist am Dienstag feierlich eröffnet worden. Zur Gedenkfeier kamen unter anderem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (hier mit seiner Frau Elke Büdenbender) und Ministerpräsident Reiner Haseloff. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau gedenken in Isenschnibbe.
Das neue Dokumentationszentrum der Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe ist am Dienstag feierlich eröffnet worden. Zur Gedenkfeier kamen unter anderem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (hier mit seiner Frau Elke Büdenbender) und Ministerpräsident Reiner Haseloff. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gedenkt der ermordeten KZ-Häftlinge in Isenschnibbe.
Steinmeier und Haseloff betonten die Wichtigkeit von Gedenkstätten wie Isenschnibbe. Zudem sagte Steinmeier, dass es die Verantwortung der Deutschen sei, jede Form von Antisemitismus und Rassismus zu bekämpfen. Bildrechte: MDR/Stephan Schulz
Gebäude der neuen Gedenkstätte Isenschnibbe
Die Gedenkstätte in Isenschnibbe erinnert an ein Massaker im Jahr 1945. Mehr als 1.000 KZ-Häftlinge waren in einer Feldscheune verbrannt worden. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms
Gebäude der neuen Gedenkstätte Isenschnibbe
Ab dem 17. September ist das Dokumentationszentrum mit Daueraustellung für die Öffentlichkeit zugänglich. Der Bau des Gebäudes hatte zwei Jahre gedauert und rund 3,8 Millionen Euro gekostet. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms
Ausstellung in der neuen Gedenkstätte Isenschnibbe
Im Eingangsbereich des neuen Gedenkstättengebäudes befindet sich ein Bild, das Amerikaner kurz nach dem Massaker am Tatort aufgenommen haben. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms
Ausstellung in der neuen Erinnerungsstätte Isenschnibbe
An der schlichten Betonwand sind Zeitzeugen-Zitate zu lesen. Darunter sind passende Zeichnungen. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms
Ausstellung in der neuen Gedenkstätte Isenschnibbe
Die Darstellungsform wird Graphic Novel genannt. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms
Ausstellung in der neuen Gedenkstätte Isenschnibbe
Die Graphic Novel ist für Museen und Erinnerungsstätten noch eine sehr neue Herangehensweise, um sich historischen Ereignissen zu nähern. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms
Ausstellung in der neuen Gedenkstätte Isenschnibbe
Die gesamte Gestaltung der Erinnerungsstätte ist schlicht gehalten und fokussiert auf wenige Zeitzeugenzitate. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms
Ausstellung in der neuen Gedenkstätte Isenschnibbe
Die Perspektive der Täter wird über einige Dokumente dargestellt. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms
Ausstellung in der neuen Gedenkstätte Isenschnibbe
Am 15. April 1945 befreite die 102. Infanteriedivision der Amerikaner die Stadt Gardelegen. Das Armeeschiffchen ist eines von wenigen Exponaten im Museum. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms
1036 Kreuze erinnern an die ermordeten KZ-Häftlinge
Auf dem Außengelände erinnern 1.036 Kreuze an die Opfer des Massakers vom 13. April 1945. Nur ein Drittel der Opfer konnte identifiziert werden. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms
Außengelände der Gedenkstätte Isenschnibbe
Eine Wand der Feldscheune konnte erhalten bleiben. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms
Außengelände der Gedenkstätte Isenschnibbe
Die Figur vor der verbliebenen Wand der Feldscheune stellt einen befreiten Häftling dar. Sie gehörte zur heroisierenden Erinnerungskultur der DDR. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms
Auf dem Außengelände der Gedenkstättes stehen 1036 Kreuze.
Dies ist eine Nachbildung eines Schildes, das die Amerikaner 1945 anbringen ließen. Sie forderten die Gardeleger zur Pflege der Stätte auf. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms
Ein Mann reinigt eine Gedenktafel.
Um das 4,5 Hektar große Gelände kümmert sich Roland Schneidereit von der Stadt Gardelegen seit 28 Jahren. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms
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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 15. September 2020 | 19:10 Uhr

Ein neues Kapitel in der Erinnerungskultur

Gedenkstättenleiter Andreas Froese
Gedenkstättenleiter Andreas Froese Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

"Mit der neuen Erinnerungsstätte wird ein neues Kapitel der Erinnerungskultur aufgeschlagen", sagt der Gedenkstättenleiter. Bei der Konzeption sei Wert darauf gelegt worden, dass die Ereignisse nicht als eine zwangsläufige Aneinanderreihung von Abläufen dargestellt wird. "Es muss klar sein, dass es Handlungsspielräume für die Beteiligten gab", sagt Froese. Er nennt ein Beispiel: Wachleute konnten mit gezielten Schüssen Menschen töten, sie hätten aber auch danebenschießen können. Auch in dieser Hinsicht gehe es bewusst darum, die Besucher nicht mit konkreten Vorgaben zu überwältigen, sondern Denkprozesse anzuregen, sagt er.

Eine verbliebene Mauer der Feldscheune und ein Friedhof mit 1.016 weißen Kreuzen bildete bisher das Zentrum des Gedenkortes, der 4,2 Hektar groß ist. Einige Erklärtafeln ordnen dem Besucher das Verbrechen ein. Nunmehr wird die neu gebaute Erinnerungsstätte der zentrale Anlaufpunkt werden. Rund 3,8 Millionen Euro hat das Land für das Gebäude aufgebracht, dazu kommen rund 500.000 Euro für die Erarbeitung der Dauerausstellung.

Ein Fremdkörper in der Landschaft          

Gebäude der neuen Gedenkstätte Isenschnibbe
Das neue Gebäude soll wie ein Fremdkörper wirken. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

Der lang gezogene Betonklotz wirkt wie ein Fremdkörper in der Landschaft. Das neue Ausstellungsgebäude in Isenschnibbe fügt sich nicht recht in das grüne Umfeld. "Es sollte erkennbar sein, dass das Gebäude etwas Hinzugefügtes ist", sagt Kai Langer, der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt. Das Gebäude soll sich dem Gelände unterordnen. Die Aufmerksamkeit solle weniger der Architektur als der Ausstellung gelten. Trotzdem nehme der Betonbau einige historische Begebenheiten auf. So verlaufe die Längsseite entlang der Strecke, die die KZ-Häftlinge auf ihrem Todesmarsch zurücklegen mussten. Außerdem gebe das einzige Fenster der Vorderfront einen Blick auf ein Feld frei, das zum Zeitpunkt des Verbrechens ein Flugplatz war. In der Ausstellung wird dies aufgegriffen.

Zeichnungen zur Illustration der Geschehnisse

Es gibt nicht viele Exponate in der Ausstellung, die meisten betreffen die Zeit nach der Tat. Unter anderem wird eine Kopie des Holzschildes gezeigt, auf dem die Amerikaner die Anweisung zum Erhalt des Geländes festgeschrieben hatten. Das Original wurde verbaut. "Wir hatten natürlich das historisch bedingte Problem, dass über die Todesmärsche wenige Quellen existieren. Es gibt kaum Fotos", sagt Gedenkstättenleiter Froese.

Ausstellung in der neuen Gedenkstätte Isenschnibbe
Die Berichte der Zeitzeugen werden mit Zeichnungen dargestellt. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

Es gebe im Wesentlichen Erinnerungsberichte von Häftlingen, die auf die Todesmärsche getrieben wurden. Außerdem gibt es Zeitzeugenberichte von Anwohnern, die die abgemargerten Menschen hatten vorbeiziehen sehen. Für die Ausstellungskonzeption habe sich die Frage gestellt, wie die Schriftquellen in eine Ausstellung integriert werden könnten. Man sei dann auf die Form der Graphic Novel gekommen. Dabei werden mit Hilfe der Schilderungen der Zeitzeugen Zeichnungen angefertigt. "Wir haben diese Dinge, die konkret vorlagen als Quelle, gezeichnet", sagt Alexander Fleischmann von der Agentur Kocmoc aus Leipzig, die die Ausstellungskonzeption erarbeitete.

Aus seiner Sicht könne man trefflich darüber streiten, ob ein solches Mittel zulässig sei, so Fleischmann. Schließlich seien Zeichnungen immer auch eine subjektive Interpretation. Aus seiner Sicht spreche es aber die Besucher emotional an und helfe, die Ereignisse zu begreifen. Einzelne Exponate mit Erklärtafeln könnten diesen Transfer oft nicht leisten.

Mut zu neuen Darstellungsformen

Mit der Graphic Novel könnten Abläufe dargestellt werden, sagt Gedenkstättenleiter Froese. Diese Form gebe es schon seit den 1980er-Jahren, sie sei in Museen und Erinnerungsstätten allerdings noch nicht sehr verbreitet. Er wisse, dass in Isenschnibbe damit Neuland betreten werde und dies auch einigen Mut erfordert habe. Es habe aber in den Begleitgremien jede Unterstützung für das Vorhaben gegeben, sagt er. "Ich bin sehr neugierig, wie die Besucherinnen und Besucher die Graphic Novel und auch die Ausstellung aufnehmen werden", sagt Froese.

Für Gardelegens Bürgermeisterin Mandy Schumacher (SPD) ist die Erinnerungsstätte "ein Meilenstein". Sie verweist darauf, dass seit Jahrzehnten an dem Ort der Opfer gedacht und die Anlage in Ordnung gehalten wird. "Nun bekommt aber die pädagogische Arbeit eine ganz neue Dimension", sagt sie.

Ab 17. September für alle geöffnet

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gedenkt der ermordeten KZ-Häftlinge in Isenschnibbe.
Bundespräsident Steinmeier bei der Eröffnung Bildrechte: MDR/Stephan Schulz

Am Dienstag (15. September) wurde die Erinnerungsstätte im Beisein des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier und rund 60 geladenen Gästen offiziell eröffnet. Am 17. September wir das Haus mit der Dauerausstellung erstmals für die Öffentlichkeit zugänglich sein. An dem Tag hat sich auch schon eine Gruppe zu einer Führung angemeldet – Soldaten des benachbarten Gefechtsübungszentrums (GÜZ) der Bundeswehr.

Steinmeier und Haseloff betonen Wichtigkeit der Gedenkstätte Bei der Eröffnungsfeier sagte Bundespräsident Steinmeier, dass es die Verantwortung der Deutschen sei, jede Form von Antisemitismus und Rassismus zu bekämpfen. Jeder müsse für die Demokratie und die Würde des Einzelnen eintreten. Es sei wichtig, "Orte wie diesen zu haben, Orte des Erinnerns", so Steinmeier.

Auch Ministerpräsident Haseloff betonte die Wichtigkeit der Gedenkstätte in Isenschnibbe. "Wir brauchen authentische Orte der Erinnerung und des Gedenkens", sagte Haseloff. Auf dem Gelände der Gedenkstätte werde der Besucher ganz unmittelbar mit der Geschichte konfrontiert.

Ein Mann steht in einem Garten
Bildrechte: MDR/Hannah Singer

Über den Autor Bernd-Volker Brahms wurde in Leer/Ostfriesland geboren und hat in Göttingen Deutsch und Geschichte studiert. Er hat 18 Jahre lang für verschiedene Zeitungen als Redakteur gearbeitet. Er ist politischer Reporter mit Leidenschaft. Brahms arbeitet im MDR-Regionalstudio Stendal.

Quelle: MDR/sp

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 15. September 2020 | 19:10 Uhr

2 Kommentare

Mediator vor 5 Wochen

Schön, dass man diesen Opfern der nazionalsozialistischen Terrorherrschaft nun auch baulich in angemessener Weise mit einer Gedenkstätte gedenken kann. Die Verbrechen der Nazis fanden eben nicht in fernen Ländern, sondern eben auch genau vor der eigenen Haustür statt.

Insbesondere heute und in den neuen Bundesländern scheinen manche Menschen vergessen zu haben, was die NS Herrschaft für Unglück über unser Land gebracht hat und welche Verbrechen im Namen des deutschen Volkes durch die Deutschen begangen wurden. Manchen hier im Forum muss man ja inzwischen tatsächlich erklären, dass Rechtsextremisten keine netten Menschen sind, die Deutschland ganz furchtbar lieb haben, sondern dass diese die Würde und das Leben ihrer Mitmenschen nur dann achten, wenn es ihnen in ihre Ideologie passt. Das hatten wir schon mal in Deutschland und am Ende starben auch hunderttausende derjenigen die immer brav Sieg Heil geschrien und nie den Mund aufgemacht hatten durch die Nazis.

Eulenspiegel vor 5 Wochen

Also ich denke gerade in der heutiger Zeit ist genau diese Erinnerungskultur an die Gräueltaten der Nazis wichtiger denn je.

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