Adieu, Eigenständigkeit! Zehn Jahre eine Gemeinde mit Gardelegen – das Dorf Jävenitz zieht Bilanz

Vor zehn Jahren haben sich 18 Gemeinden um Gardelegen mit einem Volksbegehren gegen die Eingemeindung gewehrt. Zentrum des Widerstandes war das Dorf Jävenitz. Inzwischen ist die Hansestadt flächenmäßig die drittgrößte Stadt Deutschlands. Aber wie sieht heute das Verhältnis der Ortschaften zur Stadt Gardelegen aus?

Christian Glatz steht in Backstube
Für Bäckermeister Christian Glatz ist die Eingemeindung längst Geschichte. Bildrechte: Simon Köppl

Christian Glatz steht in seiner Backstube in Jävenitz. Er führt die Bäckerei in fünfter Generation. Das Dorf gehört zu den 30 Ortsteilen der Hansestadt Gardelegen. Das war nicht immer so. Bis 2010 war Jävenitz eine eigenständige Gemeinde und bekannt als der Ort, der den Widerstand gegen die Zwangseingemeindung organisiert.

"Wir waren der Meinung, dass es uns im Dorf gut geht und wir das absolut nicht wollen", erinnert sich Glatz. Der damalige Ortsbürgermeister Heinz Baldus sprach damals von Jävenitz als Bastion des Widerstands. Eine Anwohnerin erzählt 2010 im MDR-Fernsehen: "Wenn es nach mir ginge, dürfte die Gebietsreform nicht sein, es wird dadurch auch viel Gewachsenes zerstört."

"Es wird viel Gewachsenes zerstört"

Mit der Volksinitiative "Sachsen-Anhalt 2011" wollten die Jävenitzer mit anderen Gemeinden das Vorhaben auf Landesebene stoppen. Doch die mehr als 220.000 nötigen Stimmen für das Volksbegehren kommen nicht zusammen. Am 1. Januar 2011 wird Jävenitz zusammen mit 17 anderen Gemeinden Teil der Hansestadt Gardelegen. Damit wird die Stadt in der Altmark zur flächenmäßig größten Stadt in Sachsen-Anhalt und zur drittgrößten in Deutschland.

Mehrheit im Stadtrat aus den Dörfern

Doch die befürchtete Fremdbestimmung blieb aus. Ein Grund: Im Stadtrat saßen schon am Anfang acht Ortsbürgermeister und auch bei der nächsten Stadtratswahl war die Wahlbeteiligung in den neuen Ortsteilen hoch. Das heißt, die neuen Stadträte schauten genau, dass die Dörfer nicht zu kurz kommen.

Auch Bäckermeister Christian Glatz saß lange im Stadtrat und konnte so die Interessen seines Ortsteils direkt vertreten: "Die ersten Jahre mussten wir erstmal in den Ortsteilen was machen, wo vorher sehr wenig passiert ist. Da fühlten sich die Einwohner von Jävenitz natürlich ungerecht behandelt. Aber das gehört zu den Pflichtaufgaben einer Kommune, das haben wir dann auch gemacht."

Aus Protest hatte sich der Ortschaftsrat in Jävenitz nach der Eingemeindung aufgelöst, auch der Ortsbürgermeister war zurückgetreten. Nachteile hatte das aber keine. Die wichtigen Brauchtumsmittel, also Gelder für die Vereinsarbeit, die jährlich von der Stadt vergeben werden, verteilen die Vereine selbst. Und in einer Befragung im vergangenen Jahr entschieden sich die Jävenitzer dafür, dieses Modell ohne Ortsbeirat beizubehalten.

Bürgersprechstunden direkt in den Gemeinden

Mandy Zepig
Bürgermeisterin Mandy Schumacher: Die Dörfer sind nicht zu kurz gekommen. Bildrechte: SPD

Seit 2015 ist Mandy Schumacher (SPD) als Bürgermeisterin für Gardelegen verantwortlich. In den Ortschaften ohne Ortsbeirat kommt sie zweimal im Jahr vorbei, um sich in Bürgersprechstunden die konkreten Sorgen und Wünsche der Bewohnerinnen und Bewohner anzuhören.

Schumacher ist es wichtig, auch bei der früheren Kernstadt von einem gleichberechtigten Ortsteil unter vielen zu sprechen. Auch bei den Investitionen der letzten Jahre seien die Dörfer nicht zu kurz gekommen. "Man sieht, dass wir sehr viel in den Ortsteilen investieren, die nicht Gardelegen heißen. Also Kindergärten bauen oder umbauen, dazu kommen Investitionen in Straßen oder in Feuerwehrgerätehäuser. Damit haben wir Vertrauen geschaffen und das tut uns gut", so Schumacher.

Neue Schulden für Gardelegen

Konrad Fuchs sitzt auf Stuhl in Wohnzimmer
Der damalige Bürgermeister Konrad Fuchs: Die Bürger miteinzubeziehen, war richtig. Bildrechte: Simon Köppl

Konrad Fuchs musste als damaliger Bürgermeister die Eingemeindung verantworten. Auch er war zuerst nicht begeistert von der erzwungenen Erweiterung. Vor allem die Schulden, die die neuen Ortsteile mitbrachten, machten ihm zu schaffen. "Wir hatten unseren Haushalt konsolidiert und waren bei sechs Millionen Euro Schulden. Nach der Eingemeindung hatten wir auf einmal 15 Millionen Euro Schulden", so Fuchs. Er forderte damals Unterstützung vom Land bei der Entschuldung, aber die neue Kommune musste die Schulden ohne Hilfe abbauen.

Für Fuchs ist ein Erfolgsrezept nach der Eingemeindung, die Verantwortung der Bürger und Bürgerinnen vor Ort gewesen. So zum Beispiel bei der Feuerwehr: Hier konnten die Wehren selbstständig entscheiden, welche Fahrzeuge gekauft werden sollten oder wo Sanierungsbedarf besteht. Für ihn bietet die größere Fläche auch Vorteile. "Man kann ein größeres Gebilde viel vernünftiger beplanen, was Kindereinrichtungen oder Feuerwehren betrifft, als wenn jeder das was er hat, versucht zu halten", so Fuchs.

"Das entscheiden sowieso die in Gardelegen"

Allerdings sieht Bürgermeisterin Mandy Schumacher auch Gefahren für die Demokratie bei so einer großen Stadt. "Die Beteiligung sinkt, denn bei den Bürgern entsteht der Eindruck, das wird sowieso in Gardelegen entschieden", so Schumacher. Projekte mit den Ortschaftsräten sollen helfen, diese Beteiligung zu stärken.

Geklappt hat das schon bei einigen Projekten. So konnten zwei Freibäder erhalten werden, die wegen der Eingemeindung eigentlich auf der Kippe standen. Aber durch engagierte Bürgervereine in Zichtau und Potzehne gibt es nun immer noch insgesamt drei Freibäder für die Hansestadt.

Und auch dem Ortsteil Jävenitz geht es gut. Hier wurde im Mai eine neue Kita in Betrieb genommen, ein Neubau am Waldrand mit einer Investitionssumme von 3,1 Millionen Euro. Für Bäckermeister Christian Glatz ist die Eingemeindung inzwischen Geschichte: "Die Empörung ist gewichen und das Leben geht weiter. Und jetzt interessiert das auch keinen mehr so großartig. Wir haben uns damit abgefunden."                      

Ortseingang von Jävenitz
Der Gardelegener Ortsteil Jävenitz gehört zu den größten der Hansestadt. Dort leben rund 1.000 Einwohner. Bildrechte: Simon Köppl
Simon Köppl
Bildrechte: Katja Hermes

Über den Autor Simon Köppl stammt aus Sachsen, aber da ist es ja nach Sachsen-Anhalt nicht weit. Er hat Soziologie und Kommunikationswissenschaften in Dresden und Leipzig studiert. Nach seinem Studium hat er beim MDR in Leipzig ein Volontariat gemacht. Dabei hat er seinen Abschlussfilm über einen Grafikdesigner aus Dessau-Rosslau gedreht und ist dem Bundesland treu geblieben. Für MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet er regelmäßig als Fernsehreporter an Themen aus Politik, Kultur und Gesellschaft.

Als sächsisches Elbkind freut er sich, dass die Elbe auch durch Magdeburg fließt. Die hat er gut im Blick beim regelmäßigen Joggen durch den Stadtpark. Ansonsten mag er die Weite der Altmark und den Käsekuchen aus Quedlinburg.

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Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn
Straße in Gardelegen mit Blick zur Kirche
Bildrechte: MDR SPUTNIK/Laura Meyer

Quelle: MDR/agz

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 16. Juni 2020 | 19:00 Uhr

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