Medizinische Versorgung Kampf um den Erhalt der Kinderklinik Gardelegen

Ein Mann steht in einem Garten
Bildrechte: Bernd-Volker Brahms

Trotz einer Millionen-Investition durch das Land Sachsen-Anhalt steht die Kinderklinik in Gardelegen vor dem Aus. Stattdessen soll es womöglich nur eine ambulante Versorgung geben. Gardelegens Bürgermeisterin und einem Förderverein reicht das nicht.

Bauschild vor Krankenhaus
Ins Krankenhaus Gardelegen wird investiert – doch eine eigenständige Kinderklinik wird es wohl nicht geben. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

Es wird gebohrt und gehämmert am Krankenhaus in Gardelegen. Fast sieben Millionen Euro werden hier investiert. Eigentlich ist alles gut, könnte man denken. Aber es rumort in Gardelegen. Als vor zwei Jahren der Fördermittelbescheid überbracht wurde, war davon die Rede, dass ein modernes Mutter-Kind-Zentrum geschaffen werden soll.

Doch eine eigenständige Kinderklinik wird es wohl nicht mehr werden. Die Pläne für den Neubau seien 2016 noch auf Basis der damaligen Unternehmensstrategie getroffen worden, heißt es von der Betreibergesellschaft Salus. Danach hatte es eine Umstrukturierung und die Gründung der Salus Altmark Holding gegeben. Das Bauprojekt hat zwar noch den Namen Mutter-Kind-Zentrum, jedoch werden insbesondere die Innere Medizin, Chirurgie und Orthopädie ausgebaut. In Sachen Kinder- und Jugendmedizin wird nur noch von einer ambulanten Betreuung gesprochen.

Salus Altmark Holding

Die Salus Altmark Holding ist eine gemeinnützige Trägergesellschaft, die am 1. Januar 2018 an den Start gegangen ist. Unter ihrem Dach sind die Salus gGmbH und die Altmark-Klinikum gGmbH vereint. Es arbeiten für die Salus rund 3.360 Mitarbeiter an 14 Standorten – vor allem in der Altmark. Das Land Sachsen-Anhalt als Eigentümerin der Salus gGmbH hält 82 Prozent der Anteile an der Holding. Die übrigen 18 Prozent werden vom Altmarkkreis Salzwedel gehalten.

Verwirrung über Stellenausschreibung

"Ich bin schockiert", sagte Gardelegens Bürgermeisterin Mandy Schumacher (SPD). Das, was jetzt passiere, sei so nicht abgesprochen gewesen. Bis vor kurzem war von der landeseigenen Salus als Träger selbst noch ein Chefarzt für die Kinderklinik gesucht worden. Zwei Jahre sei dies allerdings vergeblich versucht worden, wie die Salus mitteilt.

Just in dem Augenblick, als auch der Förderverein der Kinderklink per Anzeige einen Mediziner suchte, veröffentlichte auch die Salus eine Anzeige und sorgte damit für erhebliche Irritationen. Denn in dieser Anzeige hieß es, dass für die beiden Standorte Salzwedel und Gardelegen ein gemeinsamer Chefarzt gesucht werde. Wobei in der Anzeige für Gardelegen von einem "Umstrukturierungsprozess zum ambulanten pädiativen Zentrum" gesprochen wurde.

Kurs-Änderung in der Ausschreibung

Baugerüst an Gebäude
Ursprünglich sollte in Gardelegen ein modernes Mutter-Kind-Zentrum entstehen. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

Bürgermeisterin Schumacher sagt zu diesem Vorgehen: "Vielleicht hatte man Angst, dass sich auf die Anzeige des Fördervereins doch jemand für Gardelegen meldet." Natürlich sei das Personal die Achillesferse. Wenn man keine Ärzte finde, nütze das beste Konzept nichts. Aber der Zeitpunkt der Salus-Stellenausschreibung mit der Kurs-Änderung verwundere sie schon. Der Inhalt entspreche nicht den bisherigen Absprachen.

Staatssekretärin Beate Bröker (SPD), die gleichzeitig Aufsichtsratsvorsitzende der Salus Altmark Holding ist, sagt dagegen: "Ziel ist es, und das ist auch die Absprache mit der Ministerin gewesen, eine stärkere ambulante Versorgung zu etablieren, aber auch eine stationäre – allerdings in einer interdisziplinären Station."

Ambulantes Zentrum ein mögliches Modell

Nach Angaben von Salus-Pressesprecherin Franke Petzke werden immer noch verschiedene Varianten diskutiert. Entschieden sei noch nichts. In der Tat sei aber ein mögliches Modell, dass in Gardelegen ein pädiatrisches Zentrum mit ambulantem Schwerpunkt eingerichtet wird und einige Betten vorgehalten werden. In Salzwedel wäre dann der stationäre Bereich konzentriert.

Als Grund für die Stärkung des ambulanten Bereichs nennt Franka Petzke eine veränderte Medizin und nicht auskömmliche Kostenpauschalen. Durch den medizinischen Fortschritt sei es immer häufiger möglich, dass Kinder in ihrem familiären Umfeld genesen können.

Rote Zahlen bei den Kliniken in der Altmark

Kran neben Krankenhaus
Etwa 800 Fälle behandelt die Kinderklinik in Gardelegen im Jahr. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

Allerdings deuten die Belegzahlen der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Gardelegen auf keine signifikanten Veränderungen hin. Seit Jahren liegt die Zahl der Behandlungsfälle bei rund 800. Allein die Schließung der Kinderklinik im benachbarten Haldensleben im Jahr 2015 dürfte die Belegzahlen stabilisiert haben. Die Salus weist darauf hin, dass die durchschnittliche Verweildauer stetig sinke und auch die Fallschwere abnehme, was sich negativ auf die Kostenerstattung auswirke.

Daten zur Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Gardelegen

Die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Altmark-Klinikum Gardelegen verfügt über 24 Betten. Es sind zwei Fachärzte, drei Ärzte, zwölf Krankenschwestern und eine Serviceassistentin dort für eine Rund-um-die Uhr-Betreuung zuständig.

Die häufigsten stationär behandelten Erkrankungen sind im Bereich der Verdauungsorgane (z.B. Magen-Darm-Infekte), der Atmungsorgane (z.B. Bronchitis, Keuchhusten) sowie Störungen des Ohrs, der Nase, des Mundes und des Halses. So war die Belegung:

  • 2017: 810 Behandlungsfälle
  • 2018: 806 Behandlungsfälle
  • 2019: 779 Behandlungsfälle
  • 2020 (1. Halbjahr): 297 Behandlungsfälle


Die Verweildauer der Patienten liegt laut Salus bei rund drei Tagen.

Die Salus verweist auf zunehmende Verluste bei der Altmark Kliniken GmbH. 2018 lag dieser bei rund 1,7 Millionen Euro. 2019 waren es sogar fast drei Millionen Euro. Welchen Anteil daran das Kinderklinikum in Gardelegen ausmacht, möchte die Salus nicht mitteilen. "Insgesamt ist das Ursachengefüge für die entstandenen Defizite viel zu komplex, als dass Einzeldarstellungen ohne Gesamtzusammenhang einen Aussagewert hätten", sagt Pressesprecherin Franka Petzke.

Allgemein könne aber gesagt werden, dass kostenintensive Besonderheiten der Pädiatrie durch das Fallpauschalensystem nicht adäquat ausgeglichen werden. So würden die Kosten für die Rund-um-die-Uhr-Betreuung – unabhängig von der saisonal sehr unterschiedlichen Belegung – stetig steigen.

Bürgermeisterin: Kosten sind nicht alles

Mandy Schumacher und auch die Vertreter des Fördervereins der Kinderklinik wollen trotzdem weiter für eine eigenständige Kinderstation kämpfen. "Für mich ist eine Kinderklinik oder eine Kinderstation nicht, wenn ein Kind auf der Chirurgie, eins auf der Inneren und ein anderes noch woanders liegt. Stattdessen müssen Kinder und Eltern auf einer Station sein", findet die Bürgermeisterin. "Eine medizinische Versorgung vor Ort muss gewährleistet sein, zumal im Bereich Kindermedizin", ergänzt sie. Wenn alles nur vom Blickwinkel der Kosten betrachtet würde, dann gebe es keine Bibliotheken, keine Schwimmbäder und auch manche Kita nicht mehr.

14.000 Unterschriften für Klinikerhalt gesammelt

Nach einem weiteren Gespräch im Sozialministerium am vergangenen Donnerstag haben sich die Beteiligten vorerst darauf verständigt, hinter verschlossenen Türen an einem Konzept zu arbeiten. "Wir sind da einbezogen", sagt Sandra Hietel vom Förderverein. "Es gibt positive Signale."

Der Verein hatte unlängst innerhalb von wenigen Tagen 14.000 Unterschriften gesammelt und sich so mit Nachdruck für den Erhalt der Kinderklinik eingesetzt. Eine richtungsweisende Entscheidung könnte nun der Aufsichtsrat treffen, der im September zur nächsten Sitzung zusammenkommt.

Ein Mann steht in einem Garten
Bildrechte: Bernd-Volker Brahms

Über den Autor Bernd-Volker Brahms wurde in Leer/Ostfriesland geboren und hat in Göttingen Deutsch und Geschichte studiert. Er hat 18 Jahre lang für verschiedene Zeitungen als Redakteur gearbeitet. Er ist politischer Reporter mit Leidenschaft. Brahms arbeitet im MDR-Regionalstudio Stendal.

Quelle: MDR/mh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 05. August 2020 | 19:00 Uhr

2 Kommentare

Ekkehard Kohfeld vor 7 Wochen

Ja überall das selbe Kliniken,Krankenhäuser oder sonstige soziale Einrichtungen sollen Gewinne machen.
Das ist aber nicht der Sinn sozialer Einrichtungen,dafür zahlen wir alle Steuern das hat unsere Politik völlig vergessen und tragen unser Steuern lieber auf die große Weltbühne um da zu protzen.😡😡😡

Rotti vor 7 Wochen

Ministerin Grimm Benne scheint, so wie ihre Vorgänger von der SPD auch, mit ihrem Amt überfordert zu sein.
Die Staatssekretärin an der Spitze des Aufsichtsrates ebenso.
Eine wirtschaftliche Führung der Kinderklinik ist durchaus möglich. Auch mit dem Tarifvertrag. Aber, wenn jetzt noch weiter die Einrichtung schlecht geschrieben wird (vom Ministerium), dann hauen die Fachleute dort in den Sack und verschwinden. Ist das etwa das Ziel im Sozialministerium? Um dann der Bevölkerung zu sagen, dass man ohne Fachkräfte schließen muss? Na, bald sind Landtagswahlen. Und da kann der Wähler dafür sorgen, dass Fachleute in Parlament und Regierung sitzen.

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