Initiative "Land schafft Verbindung" Mit dem Traktor nach Magdeburg – ein Bauer macht mobil

Christian Schmidt ist einer der Bauern, die sich am Freitag mit einer Demo gegen die aktuelle Agrarpolitik wehren. Der Landwirt aus dem Altmarkkreis Salzwedel gehört zur Initiative "Land schafft Verbindung". Der Milchviehhalter erklärt, was hinter den Forderungen der Bauern steckt.

Mann telefoniert und streichelt mit anderer Hand ein Kälbchen in einem Stall.
Milchviehhalter Christian Schmidt hatte im Vorfeld der Bauernproteste viel zu organisieren. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Ein Karton voller Flyer, ein Stapel Warnwesten, Aufkleber fürs Auto. Am Donnerstagvormittag hat Landwirt Christian Schmidt die letzten Utensilien für die Bauern-Demo am Freitag geholt. Der Traktor wartet frisch poliert unterm Schleppdach. Damit wird einer seiner Kollegen aus der Agrargesellschaft Siedenlangenbeck den Weg nach Magdeburg antreten. Am Freitag ganz früh geht es los: "Wir haben bei den vorangegangenen Aktionen sehr viel Solidarität von der Bevölkerung erfahren", berichtet Schmidt. "Darauf hoffen wir auch diesmal."

Protest online organisiert

Christian Schmidt ist einer der Akteure hinter dem Zusammenschluss "Land schafft Verbindung". Es waren vor allem jüngere Landwirte, die über einen Messengerdienst ihre Proteste organisiert haben.

Irgendwann war der Punkt gekommen, wo sich so viel Frust angesammelt hatte, dass sie den artikulieren wollten. Forderungen nach mehr Tierwohl, nach Artenschutz und höheren Umweltstandards wurden erhoben und teilweise politisch beschlossen. Ohne die Betroffenen, die Landwirte, einzubeziehen.

Bauern wollen mitreden

Genau das aber fordern die Bauern. Sie wollen mitreden bei Entscheidungen, die sie betreffen. Sie fühlen sich nicht verstanden und auch zu Unrecht verunglimpft. "Nehmen wir die Düngeverordnung", beschreibt Christian Schmidt, zu dessen Betrieb neben 700 Milchkühen nebst Färsenaufzucht auch Pflanzenproduktion und Biogasanlage gehören. "Wir müssen jetzt statt der ursprünglich sechs Monate neun Monate darauf verzichten, die Gärreste aus der Biogasanlage auszubringen. Also müssen wir sie lagern. Das erfordert hohe Investitionen."

Kälbchen im Stroh
Die Kälberpreise sind im Keller – mancherorts kostet ein Kalb weniger als ein Hamster. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Mit hohen Investitionen tut sich das Gros der Landwirte schwer. Zwei Trockensommer bescherten hohe Ernteausfälle. Die Preise für pflanzliche Erzeugnisse sind genauso im Keller wie für Fleisch, Milch oder Wolle. Davon ausgenommen sind derzeit nur die Schweinepreise, die nach jahrelanger Talfahrt durch hohen Bedarf in China gestiegen sind. In manchen Regionen bekommen die Bauern für ein Kalb nicht einmal zehn Euro – es kostet weniger als ein Hamster oder eine Ratte in der Zoohandlung.

Kritik: höhere Standards kosten

So schlimm ist es in dem altmärkischen Betrieb zwar nicht. Doch auch mit 80 bis 95 Euro sind die Kosten für ein Kalb kaum gedeckt. Unter solchen Bedingungen sind die Banken sehr zurückhaltend mit der Vergabe von Krediten. "Wir wollen uns für Artenschutz engagieren. Wir können das", versichert Christian Schmidt. "Wir haben ein Projekt zum Schutz der Kreuzkröte und der Wiesenweihe. Wir würden sehr gern viel mehr tun, auch fürs Tierwohl. Wir haben viele Ideen, aber ohne Geld ist das nicht möglich", sagt er.

Menschen in einem Stall vor Melkkarussell, in dem Kühe stehen.
Betrieb im Melkkarussell – die Bauern beklagen immer mehr Kosten, während die Einnahmen kaum steigen. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

So wie den Altmärkern geht es den meisten Betrieben. Viele Veränderungen stehen an: bei der Kastration von Ferkeln, bei Kastenständen – sie alle müssen bezahlt werden. Die Preise aber bewegen sich seit 30 Jahren kaum.

Mit Demo auf Probleme aufmerksam machen

Mit ihrem Protestzug nach Magdeburg und Berlin wollen die Bauern auf ihre Nöte aufmerksam machen. Rückendeckung erhalten sie vom Bauernverband. Sachsen-Anhalts Präsident Olaf Feuerborn versichert, man unterstütze die Proteste.

Es ist gut, dass die jungen Leute das auf die Beine gestellt haben, was uns als Verband über die Jahre nicht gelungen ist.

Olaf Feuerborn, Präsident Landesbauernverband Sachsen-Anhalt

Ganz jung ist Christian Schmidt nicht mehr, aber irgendwie rutschte er in die Rolle eines Admins in der Messenger-Gruppe. Inzwischen umfasst allein die im nördlichen Sachsen-Anhalt weit über 200 Kontakte.

Zwei Männer in Arbeitskleidung stehen in einem Stall.
Florian Mellotat (l.) unterstützt Schmidt und war bei der Traktoren-Blockade in Magdeburg dabei. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Beim Protestzug nach Magdeburg weiß er zwei seiner Mitarbeiter an seiner Seite. Tino Müller und Florian Mellotat werden zwei Traktoren steuern. Im eigenen Interesse. "Landwirt ist mein Traumberuf", beteuert Florian Mellotat. "Aber so, wie sich die Dinge entwickeln, habe ich Angst um die Zukunft." Sein Kollege Tino Müller pflichtet ihm bei. "Wir arbeiten hart, und wir arbeiten auch an Sonn- und Feiertagen. Weihnachten, Neujahr, immer. Dafür möchten wir auch entsprechend bezahlt werden. Aber wenn die Preise so im Keller sind, kann unser Chef uns auch nicht gut bezahlen."

Der Bauer als Ansprechpartner für den Verbraucher

Von den Löhnen der Agrargesellschaft Siedenlangenbeck leben 29 Familien. Sie alle wünschen sich, dass ihre Arbeit besser gewürdigt und auch bezahlt wird. Dabei machten die Bauern in vielen Gesprächen die Erfahrung, dass Verbraucher dazu durchaus bereit sind.

In Magdeburg wollten sie am Freitag auch wieder mit der Bevölkerung sprechen. Und Fragen beantworten. "Das ist in den letzten Jahren viel zu kurz gekommen", weiß Christian Schmidt. "Es wird höchste Zeit, das wieder zu tun."

Stall mit Kühen
Die Milchpreise bewegen sich seit 30 Jahren kaum. Viele Betriebe haben schon aufgegeben. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Über die Autorin Annette Schneider-Solis arbeitet seit Mai 1994 für den MDR. Sie ist vor allem als Reporterin für Fernsehen, Hörfunk und Online im Land unterwegs. Ihre Themenpalette ist breit. Annette Schneider-Solis ist in Magdeburg geboren, hat in der Nähe von Stendal Zootechnikerin gelernt, das Abi an der Abendschule gemacht und in Leipzig Journalistik studiert. Seit 1985 arbeitet sie als Journalistin, seit 1994 als Freie, vor allem für den MDR, aber auch für die dpa und ab und zu für verschiedene Zeitungen. Lieblingsorte in Magdeburg hat sie viele - dazu gehören der Stadtpark und der Möllenvogteigarten in Magdeburg und die ländlichen Regionen. Vor allem das weite Grünland in der Altmark und die Felder in der Börde.

Quelle: MDR/agz

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 17. Januar 2020 | 19:00 Uhr

9 Kommentare

Rotti vor 28 Wochen

Die Politik hat den Großteil der Landwirte mit ihren Subventionen in eine große Abhängigkeit gebracht. Also ruhig gestellt. Jetzt wird das Niveau gesenkt, Dürrehilfen beispielsweise nicht ausbezahlt. Und nun geht es den Bauern um ihre nackte Existenz.

Rotti vor 28 Wochen

Es protestieren die Landwirte, nicht die Argrarindustriellen. Das kann nicht die Zukunft Deutschlands sein, von hier aus die ganze Welt ernähren zu wollen.

Rotti vor 28 Wochen

Die regionale Landwirtschaft ist für Sachsen - Anhalt eminent wichtig. Die Landwirte sichern unsere Versorgung mit Lebensmitteln und den Erhalt unserer Kulturlandschaft. Natura 2000 und die teilweise nicht ausbezahlten Dürrehilfen sind für mich Beleg dafür, dass die Umweltministerin eine Fehlbestzung ist.
Ihr Vorgänger hatte den fachlichen Verstand für die Landwirtschaft.
Die Demos finde ich richtig. Die Franzosen machen es vor, wie es geht.

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