75 Jahre nach Kriegsende Zeitzeugin erinnert sich an Bombenangriff von Salzwedel

75 Jahre ist es jetzt her, dass der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Daran wird im Mai erinnert. Vorher jedoch denken die letzten Zeitzeugen mit Grauen an die vielen Bombenangriffe zurück, die die Alliierten in den Wochen vor Kriegsende auf deutsche Städte flogen. Und nicht nur auf große. In Salzwedel in der Altmark zum Beispiel starben am 22. Februar 1945 mehr als 300 Menschen bei einem Bombardement durch Amerikaner. MDR SACHSEN-ANHALT hat mit einer der letzten Zeitzeuginnen darüber gesprochen.

Irmgard Cotte
In diesen Tagen sind bei Irmgard Cotte die Erinnerungen an das Kriegsende besonders wach. Bildrechte: MDR/Matthias Bruck

Kalt, klar und sonnig war dieser 22. Februar 1945 in Salzwedel, erinnert sich Irmgard Cotte. Mit ihrer Freundin Marga war sie wie selbstverständlich zur Schule gegangen; eine Mathe-Arbeit sollte geschrieben werden. Da heulten die Sirenen.

Da haben wir gefragt, ob wir nicht nach Hause könnten, unsere Eltern machten sich so Sorgen. Das war erst ein Vor-Alarm. Und wir hatten Fräulein Mahn, die war so eine… wir sagten immer Muttchen Mahn dazu. Die sagte, ja, ihr seid ja gute Schülerinnen, ihr könnt gehen. Und dann sind wir abgezogen, haben uns gefreut. Und dann kam der Voll-Alarm.

Irmgard Cotte, Zeitzeugin

Marga rannte zum Bahnhof, wo sie wohnte, Irmchen nach Hause, weit hatte sie es nicht. Ihre Familie lebte in zweistöckigen Backsteinhäusern an der Hoyersburger Straße. Betriebswohnungen waren das für Mitarbeiter der Zuckerfabrik. Irmchens Vater hatte dort eine leitende Position. Zu Hause angekommen, schnappten sich Mutter und Tochter die ohnehin bereitstehenden Notfall-Taschen und rannten in den Tiefbunker auf dem Hof hinterm Haus. Irmgard Cotte erinnert sich an eine große runde Röhre, die auch von den vielen Nachbarn aufgesucht wurde.

Da keine frische Luft rein kam, mussten wir Luft pumpen. Das war so richtig eingebaut, da kam die Sauerstoffzufuhr in Gange. Das war ganz schön schwer.

"Zu hören war nichts"

Doch auch zu diesem Zeitpunkt, erinnert sich die heute 90-Jährige, rechnete niemand mit einem Angriff auf Salzwedel. Plötzlich aber bebte die Erde um sie herum wie noch nie zuvor. War etwas zu hören? Nein, lauscht Irmgard Cotte 75 Jahre später in sich hinein. Nein, zu hören war nichts; dafür sei der Bunker wohl zu dick gewesen.

Außer Atem kam der Luftschutzwart in den Bunker und berichtete verwirrt, der Salzwedeler Bahnhof sei bombardiert worden und stünde in Flammen. Von da an beherrschte Irmchen nur ein Gedanke: Hatte Marga, ihre Freundin, überlebt?

Da bin ich dann hingelaufen, alleine, und da lagen dann schon auf dem Bürgersteig Tote. Ich hatte vorher auch noch keinen Toten gesehen.

Menschen stehen vor zerstörten und qualmenden Häusern.
Ziel des Bombenangriffs in Salzwedel war der Bahnhof – Hunderte verloren ihr Leben. Bildrechte: Danneil-Museum Salzwedel

Je näher sie dem Bahnhof kam, desto grauenvoller wurden die Bilder. Den Bunker am Bahnhof hatte eine Sprengbombe genau getroffen. Die 15-Jährige sah zerrissene Leiber und ein unvorstellbares Durcheinander von Trümmern und Leichen. Das Grauen an diesem Ort nahm auch in den Monaten danach kein Ende: "Einmal bin ich da vorbeigegangen, es war schon Sommer und es war sehr warm, und da stand eine Schwester, die hatte Haare (in der Hand, Anm. d. Red.) und da hing noch Fleisch dran. Also, das werde ich nie vergessen".

Immerhin: Marga hatte überlebt. Die Wohnung ihrer Familie aber stand nicht mehr – die Cottes nahmen sie auf. In den Katakomben des Bahnhofs sahen die Mädchen noch mehr Leichen, auch in der Unterführung, in die sich vor allem viele Reisende geflüchtet hatten: Wasserrohre waren durch die Bomben geplatzt – die Menschen waren ertrunken.

300 Menschen sterben bei Luftangriff

Soldat steht vor zerstörter Hausruine.
Auch von diesem Haus in Bahnhofsnähe blieb nich mehr viel übrig. Bildrechte: Danneil-Museum Salzwedel

Insgesamt fanden mehr als 300 Menschen den Tod durch dieses Bombardement, das schwerste für Salzwedel während des Krieges. Die Amerikaner hatten den Angriff mit 59 Flugzeugen in zwei Wellen geflogen.

Man kann solche Eindrücke, sagt Irmgard Cotte heute mit 90 Jahren, nur eine Zeitlang verdrängen. Mit ihren Kindern haben sie und ihr Mann kaum über diese Erlebnisse gesprochen. Mit Marga allerdings, da war der 22. Februar 1945 immer wieder Thema – von der Freude, die Mathe-Arbeit nicht schreiben zu müssen, bis zu den vielen Toten.

Zwischendurch hatte Irmchen ihre Lebenserinnerungen aufgeschrieben. Auch das Salzwedeler Danneil-Museum hat ihre Aussagen archiviert, die Zeitung hat berichtet, und nun kam auch noch das Radio. Irmgard Cotte ist froh, dass die Erinnerung an das Elend des Krieges so schnell nicht verblassen wird.

Quelle: MDR/agz

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 22. Februar 2020 | 19:00 Uhr

0 Kommentare

Mehr aus Altmark und Elb-Havel-Winkel

Mehr aus Sachsen-Anhalt