Junge Entscheidungsträger in der Politik Barnebeck bei Salzwedel: Das ist der vielleicht jüngste Ortschaftsrat in Sachsen-Anhalt

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

In Barnebeck im Altmarkkreis Salzwedel ist wohl einer der jüngsten Ortschaftsräte in Sachsen-Anhalt im Amt. Durchschnittsalter: 34,2. Ortsbürgermeister Toni Winkelmann und seine Mitstreiter haben das geschafft, wovon viele Parteien und Parlamente nur träumen: Sie haben junge Entscheidungsträger in den politischen Alltag integriert. Der letzte Teil des MDR SACHSEN-ANHALT-Schwerpunktes.

Blick auf ein Ortseingangsschild des Dorfes Barnebeck im Altmarkkreis Salzwedel
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

23:00 min

https://www.mdr.de/sachsen-anhalt/stendal/salzwedel/audio-1471032.html
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Blick auf ein Ortseingangsschild des Dorfes Barnebeck im Altmarkkreis Salzwedel
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Die Kastanie erhitzt die Gemüter. Das Murren im Dorfgemeinschaftshaus von Barnebeck wird lauter. "Wir haben immer weniger Bäume, in denen Vögel nisten können", sagt eine Anwohnerin. "Ich will das Laub nicht vor der Tür haben", entgegnet eine andere. Es gibt Redebedarf. Für das Altmarkdorf Barnebeck war die Kastanie lange Zeit so etwas wie ein Denkmal. Barnebeck und die Kastanie, das gehörte zusammen. 2018 wurde der Baum gefällt. Sturmschäden. "Ich dachte, ich sehe nicht richtig", erinnert sich eine Barnebeckerin. Jetzt soll eine neue Kastanie gepflanzt werden – findet jedenfalls die Anwohnerin, die sich um die Nistplätze der Vögel sorgt. Kein guter Vorschlag, sagen andere.

Szenen wie aus einem Lexikon für Politik

Toni Winkelmann hört sich all das geduldig an. Nach ein paar Minuten macht er einen Gegenvorschlag. "Warum schaffen wir keine neuen Impulse?", fragt Winkelmann. "Die Kastanie stand lange im Dorf. Was ist, wenn wir eine Art Allee auf Gemeindegrund pflanzen? An einer Stelle, wo keine Häuser angrenzen? Wir könnten Baumpatenschaften vergeben." Zufriedenes Nicken im Dorfgemeinschaftshaus. "Das ist eine schöne Idee", sagt auch die Anwohnerin, die die Diskussion erst ins Rollen gebracht hatte.

Eine Dorfkirche in der Abenddämmerung
Barnebeck liegt direkt am grünen Band. Entsprechend naturnah wirkt das Dorf auf Besucher. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Gäbe es ein Lexikon der Politik, diese Szene könnte als Beispiel dienen, Menschen unterschiedlicher Standpunkte zu vereinen. Toni Winkelmann ist Ortsbürgermeister von Barnebeck. 29 Jahre jung. Winkelmann ist Chef eines Ortschaftsrates, der womöglich einer der jüngsten in ganz Sachsen-Anhalt ist. Beweis gefällig?

Anja Senkbeil, Lehrerin. 31 Jahre.

Andreas Kraus, Bankkaufmann. 38 Jahre.

Daniel Schaefer, Ingenieur. 31 Jahre.

Steffen Albrecht, Metallbauer. 42 Jahre.

Vier junge Männer und eine junge Frau stehen vor einem Dorfgemeinschaftshaus.
Machen in Barnebeck Politik: Ortsbürgermeister Toni Winkelmann (von links), Andreas Kraus, Anja Senkbeil, Daniel Schaefer und Steffen Albrecht Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Und Toni Winkelmann, von Beruf Verwaltungsfachangestellter. 29 Jahre. Winkelmann, weißes Shirt, beige Jeans, freundliches Lächeln, sitzt am Montag im Dorfgemeinschaftshaus und macht das, was er seit gut einem Jahr macht. Er eröffnet die Sitzung des Ortschaftsrates. Es ist Punkt 19:30 Uhr. "Schönen guten Abend", sagt Winkelmann, in seiner linken Hand einen grünen Kugelschreiber. "Schön, dass ihr alle da seid. Das ist unsere zweite Sitzung nach Corona." Die Barnebecker – 13 sind gekommen – sitzen mit gebührendem Abstand in dem Saal verteilt. Die meisten von ihnen könnten Winkelmanns Eltern sein, manche auch seine Großeltern.

Die Dorfgemeinschaft, das große Pfund

Als Toni Winkelmann und seine Mitstreiter vor gut einem Jahr gewählt wurden, schrieb die Zeitung von den "neuen Machern in Barnebeck". Dass sich in einem 116-Einwohner-Dorf fünf junge Menschen zusammenschließen und Politik für zumeist ältere Menschen machen, ist gewiss keine Selbstverständlichkeit. Fühlt sich das nicht seltsam an? Als junger Mensch darüber abzustimmen, ob an der Trauerhalle endlich ein Handlauf angebracht wird? "Überhaupt nicht", sagt Toni Winkelmann. Das große Pfund des kleinen Ortes sei nun einmal die Dorfgemeinschaft. "Die Leute sprechen an, was sie stört." Er findet das gut. Sonst kann sich ja nichts ändern. "Man bekommt den Blick für etwas, das man selber gar nicht sieht."

Seit 2019 wieder mit eigenem Ortschaftsrat

Zur Hansestadt Salzwedel gehören seit der Kreisgebietsreform 2010 insgesamt 48 Ortsteile, darunter 17 Ortschaften wie Barnebeck. Das Dorf selbst war nach der Kreisgebietsreform Teil einer Ortschaftsstruktur mit dem Nachbardorf Henningen. Nachdem dort die Ortsbürgermeisterin Christel Schneppel nach 37 Jahren ihr Amt niedergelegt hatte, beschloss Barnebeck zur Kommunalwahl 2019, einen eigenen Ortschaftsrat zu wählen.

Wenn Toni Winkelmann in den vergangenen zwölf Monaten als Ortsbürgermeister eines gelernt hat, ist es, Dinge nicht persönlich zu nehmen. Dass manche Diskussion auch mal hitziger ausfällt – geschenkt. Am Ende geht es um das Dorf. Winkelmann streicht mit dem Finger über das Tablet, das vor ihm auf dem Tisch steht. Nächster Punkt auf der Tagesordnung: der Haushalt für die kommenden Jahre. Eingebracht werden sollen neue Bänke für das Dorf, der Handlauf an der Trauerhalle – und vielleicht, wo das Thema schon einmal auf der Tagesordnung ist, auch am Dorfgemeinschaftshaus. "Sonst komme ich hier bald nicht mehr rein", sagt eine Anwohnerin scherzhaft.

Blick auf eine Dorfstraße in der Abenddämmerung.
Idylle pur in Barnebeck Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Wer nach Barnebeck fährt und die Gegend an der Küste mag, kommt in dem 116-Einwohner-Dorf ein bisschen in Urlaubsstimmung. Die Häuser im Dorfkern? Gebaut aus rotem Backstein. Die Luft? Erfrischend. Kopfsteinpflaster und Vogelgezwitscher tun ihr Übriges. Toni Winkelmann mag dieses Dorf. Er ist hier aufgewachsen. Früher, als Kind, fuhr er mit seinen Kumpels Fahrradrennen. Bis zur Kreuzung am Dorfgemeinschaftshaus. Vor einiger Zeit ist er wieder in sein Elternhaus gezogen, hat sich eine Etage renoviert. Er liebt die Natur hier, kennt die Menschen – die Menschen kennen ihn. "Ich war hier schon immer der Toni", sagt er und lacht.

Förderprogramme, Gesetze, Protokolle

Doch Menschen zu kennen ist das eine – Politik für sie zu machen, ist doch noch mal etwas anderes. "Als wir vor einem Jahr angefangen haben, hatten wir fast niemanden, der sich mit Kommunalpolitik auskannte. Wir mussten uns das erarbeiten." Kommunalpolitik bedeutet auch, das Kommunalverfassungsgesetz zu kennen – und viel zu lesen. Verordnungen. Förderprogramme. Protokolle. Nicht zu vergessen: Experimentierfreude. Das Geld ist sowieso überall knapp, in Salzwedel besonders. Vier weitere Jahre sind Toni Winkelmann und der Ortschaftsrat noch im Amt.

Ein junger Mann sitzt in einem Dorfgemeinschaftshaus auf einem Tisch.
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Wir wollen neue Projekte und neue Bezugspunkte schaffen. Wenn andere es können, dann können wir es doch auch machen. Ich bin froh, dass so viele Anwohner mitziehen.

Toni Winkelmann Ortsbürgermeister von Barnebeck

Und es gibt immer zu tun – besonders, seit die Landesregierung mit der Kreisgebietsreform 2010 viele Dörfer auch rund um Salzwedel in den "Dornröschenschlaf" geschickt hatte. "Da ist viel Identität weggefallen", sagt Toni Winkelmann. In Barnebeck wollen sie die zurückbringen, Schritt für Schritt. Demnächst soll es eine Zukunftswerkstatt geben. Toni Winkelmann will dann, dass die Anwohnerinnen und Anwohner gemeinsam drei Fragen beantworten: Wo waren wir? Wo sind wir? Wohin wollen wir?

Vorher aber will der Ortschaftsrat die Barnebecker noch einmal zusammentrommeln. Auf dem Friedhof soll ein neuer Stein gesetzt werden. Ein guter Anlass, um über die neue Allee oben am Dorfrand zu sprechen. Toni Winkelmann und seine Kollegen wollen die Idee dann allen Menschen im Dorf vorstellen. Junge Entscheidungsträger in politischer Verantwortung – in Barnebeck haben sie das geschafft.

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Luca Deutschländer arbeitet seit Januar 2016 bei MDR SACHSEN-ANHALT – in der Online-Redaktion und im Hörfunk. Seine Schwerpunkte sind Themen aus Politik und Gesellschaft. Bevor er zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, hat der gebürtige Hesse bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeine in Kassel gearbeitet. Während des Journalistik-Studiums in Magdeburg Praktika bei dpa, Hessischem Rundfunk, Süddeutsche.de und dem Kindermagazin "Dein Spiegel". Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind das Schleinufer in Magdeburg und der Saaleradweg – besonders rund um Naumburg. In seiner Freizeit steht er mit Leidenschaft auf der Theaterbühne.

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 27. Juli 2020 | 09:30 Uhr

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