Portraitserie Christfried Lenz: Der Kampf um den "Silbersee" in Brüchau

Daniel Tautz vor einer grauen Wand
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Wer etwas verändern möchte, muss aktiv werden. Diesem Leitsatz folgen auch in Sachsen-Anhalt immer mehr Menschen. MDR SACHSEN-ANHALT stellt sie in einer Serie vor. Im dritten Teil geht es um Christfried Lenz, der dafür kämpft, dass der "Silbersee" in Brüchau endlich verschwindet.

Christfried Lenz ist politisch aktiv und lebt auf einem Hof in der Altmark.
Der 76-jährige Christfried Lenz kämpft gegen die Giftmülldeponie im Nachbarort – ein Vollzeitjob. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz

Christfried Lenz heizt ein. Auf seinen Kork-Sandalen schlurft er in die kleine Wohnstube, schiebt einen Holzscheit in die Kaminglut und setzt sich im Schneidersitz auf eine knöchelhohe Bank.

Der 76-Jährige nimmt die Dinge selbst in die Hand. In seinem verwilderten Garten im altmärkischen Rittleben baut er Kartoffeln, Bohnen und Radieschen an; sein Strom kommt aus einer Photovoltaikanlage auf dem Dach des alten Fachwerkhauses. Christfried Lenz ist Selbstversorger.

Es ist ein trüber Wintertag, kein Sonnenstrahl dringt durch die dichte Wolkendecke. An solchen Tagen müsse er abends auch mal mit der Stirnlampe im Haus unterwegs sein, sagt er. "Aber dadurch bin ich veranlasst, mich mit mir selber zu beschäftigen. Mich zu fragen, wer ich eigentlich bin."

Über Ozeanien in die Altmark

Für Fragen wie diese hat sich Christfried Lenz schon immer Zeit genommen. Politisiert durch die 68er-Bewegung wirkte er bei der Gründung des Kommunistischen Bundes Westdeutschland mit. Lenz lehrte an einer Universität in West-Samoa Musik und segelte zweieinhalb Jahre mit einem Katamaran übers Mittelmeer. Anfang der 2000er kam er dann in die Altmark und kaufte für 4.000 Euro den baufälligen Hof.

"Eigentlich hatte ich nicht vor, wieder politisch aktiv zu sein", sagt er und lacht kurz auf. Doch dann habe er sich mit der Giftmülldeponie im Nachbarort Brüchau beschäftigt. Auf dem Tisch vor ihm liegen Zeitungsartikel und Dokumente. In allen geht es um den sogenannten "Silbersee".

Im "Silbersee" lagern tausende Tonnen Gift

In dem zehn Meter tiefen Gewässer wurden schon zu DDR-Zeiten Chemikalien entsorgt. 2012 wurde die Grube zwar stillgelegt, aber der Inhalt ist noch da: fast 10.000 Tonnen Säure, Quecksilber und Arsen. Und Christfried Lenz kämpft seit Jahren gegen den "Silbersee" an. Mit seiner Bürgerinitiative informiert er die Anwohner, schreibt Artikel, plant Demonstrationen. Für den 76-Jährigen ein Vollzeitjob, sechs bis sieben Stunden täglich.

Neulich hat der Betreiber der Deponie einen Bericht veröffentlicht: Die Grube ist undicht, Spuren des Gifts wurden im Grundwasser nachgewiesen. Der traurige Befund – für die Bürgerinitiative ein kleiner Erfolg. Und den will Lenz mit seinen Mitstreitern am Silbersee auswerten.

Christfried Lenz schlüpft in seinen Wildleder-Parka und streicht sein graues Haar zur Seite. Zehn Minuten dauert die Fahrt über eine holprige Waldstraße, dann taucht der Silbersee in der Ferne auf. Finstere Wolken hängen über der Deponie, ein scharfer Wind pfeift über die umliegenden Felder.

Portraitserie Christfried Lenz: "Der See muss ausgebaggert werden"

Christfried Lenz ist politisch aktiv und lebt auf einem Hof in der Altmark.
Christfried Lenz ist seit Anfang der 2000er in der Altmark. Sein Leben lang war er politisch aktiv, in Rittleben wollte er sich eigentlich zur Ruhe setzen. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz
Christfried Lenz ist politisch aktiv und lebt auf einem Hof in der Altmark.
Christfried Lenz ist seit Anfang der 2000er in der Altmark. Sein Leben lang war er politisch aktiv, in Rittleben wollte er sich eigentlich zur Ruhe setzen. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz
Christfried Lenz ist politisch aktiv und lebt auf einem Hof in der Altmark.
Für rund 4.000 Euro kaufte er den baufälligen Hof und richtete ihn komplett her. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz
Christfried Lenz ist politisch aktiv und lebt auf einem Hof in der Altmark.
Christfried Lenz ist Selbstversorger: baut Gemüse im Garten an, heizt mit Holz und ist nicht an das Stromnetz angeschlossen. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz
Christfried Lenz ist politisch aktiv und lebt auf einem Hof in der Altmark.
Der "Silbersee" in Brüchau: Hier wurden schon zu DDR-Zeiten tonnenweise Säuren, Quecksilber und Arsen entsorgt. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz
Christfried Lenz ist politisch aktiv und lebt auf einem Hof in der Altmark.
Christfried Lenz ist der Sprecher der Bürgerinitiative, gemeinsam mit seinen Mitstreitern fordert er die Beseitigung der Deponie. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz
Christfried Lenz ist politisch aktiv und lebt auf einem Hof in der Altmark.
Für die Bürgerinitiative hat er eine zentrale Rolle: Er treibt die Anwohner der umliegenden Dörfer immer wieder an, sich zu wehren. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz
Christfried Lenz ist politisch aktiv und lebt auf einem Hof in der Altmark.
Doch der Kampf gegen die Deponie ist nur eines seiner Projekte. Er will den Ausbau der Erneuerbaren Energien voranbringen, fährt selbst ein altes Elektroauto. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz
Alle (7) Bilder anzeigen

Christfried Lenz kämpft nicht allein

Vor dem mit Stacheldraht gesicherten Eingangstor trifft Lenz fünf seiner Mitstreiter. Der 76-Jährige spricht mit ruhiger Stimme, wenn er über die neuen Erkenntnisse spricht. Anwohner Wolfgang Gehring geht es anders. "Man kann gar nicht so viel hochwürgen, wie man erbrechen möchte", brüllt er mit fester Stimme gegen den Wind. "Und ich bewundere Herrn Lenz, dass er immer sachlich und dermaßen gut argumentiert. Ich hätte gern bei verschiedenen Veranstaltungen was gesagt, aber ich hätte sofort losgeschrien."

Die Bürgerinitiative zählt mittlerweile viele Mitglieder aus den umliegenden Dörfern. Dass sie sich zusammengeschlossen haben, ist dem Engagement von Christfried Lenz zu verdanken. "Er hat uns immer wieder angesprochen und wachgerüttelt", sagt Steffen Lötge aus dem Nachbarort. "Sonst wäre hier schon im wahrsten Sinne des Wortes Gras drüber gewachsen."

Erneuerbare Altmark

Mit seiner Bürgerinitiative fordert Christfried Lenz nun, dass der See so schnell wie möglich ausgebaggert wird. Und einen Plan für danach hat der 76-Jährige auch schon: "Dann gibt's ein großes Volksfest. Und die Bevölkerung wird das Gelände wieder in ihren eigenen Besitz nehmen, wo es nämlich eigentlich hingehört."

Die aktuelle Entwicklung

Laut neuestem Gutachten gibt es drei Varianten für die Schließung der Deponie in Brüchau. Das teilte Stefan Brieske mit. Er ist Sprecher von Neptun Energy. Dabei sollte besonders beachtet werden, dass es undichte Stellen gibt.

  • Empfohlen wird bei Variante eins, die Fehlstellen im Sediment aus Sand und Stein mittels Wabenverfahren abzudichten. Danach soll die Oberfläche verschlossen werden.
  • Variante zwei sieht vor, eine neue Lagermöglichkeit auf dem bestehenden Gelände nach aktuellem Stand der Technik zu finden.
  • Bei der dritten Möglichkeit geht es um die Auskofferung der Anlage. Die Stoffe müssen danach an andere, zugelassene Deponien gebracht werden.


Laut Unternehmenssprecher Brieske muss nun eine Machbarkeitsstudie klären, welche Variante umgesetzt werden kann. Anwohner befürchten, dass sich eine Lösung noch weitere Jahre hinziehen wird.

Doch dies wäre nur ein Etappensieg für den engagierten Rentner. Sein langfristiges Ziel: Die Natur schützen und endlich mit den erneuerbaren Energien vorankommen. In der Scheune seines Hofs parkt ein kleines Elektroauto, der Strom dafür kommt über die Photovoltaikanlage. Und der Mast für sein eigenes, kleines Windrad, steht schon in seinem Garten.

Daniel Tautz vor einer grauen Wand
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Daniel Tautz volontiert an der electronic media school in Potsdam. Für seine Hörfunk-Station ist der gebürtige Hallenser aber zu MDR Sachsen-Anhalt gekommen. Bevor er das Radio für sich entdeckte, war er vor allem online unterwegs: Bei Zeit Online kümmerte er sich um die Nachrichten, bei der dpa um Geschichten aus Berlin und Brandenburg. Seine Kernthemen: Medienjournalismus und der Osten Deutschlands.

Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 18. März 2020 | 14:40 Uhr

0 Kommentare

Mehr aus Altmark und Elb-Havel-Winkel

Mehr aus Sachsen-Anhalt