Von Klein Chüden nach Diesdorf Nicht Abriss, sondern Umzug: Kirchenrettung in der Altmark

Knapp 30 Kilometer entfernt vom jetzigen Standort soll sie ein neues Leben bekommen, statt zu verfallen: Die Fachwerkkirche von Klein Chüden im Landkreis Salzwedel zieht in das Freilichtmuseum Diesdorf. Schon Anfang 2020 soll dort der Aufbau beginnen.

In Klein Chüden bei Salzwedel in der Altmark geht der Abbau der kleinen Fachwerkkirche zu Ende. 200 Jahre hatte sie ihren Platz in der Gemeinde – zuletzt wurde sie nicht mehr genutzt. Die Gemeinde war zu klein geworden. Das kleine Fachwerkgebäude war verwittert und drohte zu verfallen. Jetzt wird sie aufwendig saniert und knapp 30 Kilometer entfernt im Freilichtmuseum Diesdorf wieder aufgebaut.

Zimmermannsmeister Nils Gnoth, der die Holzbalken restauriert, erklärt das Vorgehen: "Das wird jetzt bei uns in der Firma eins zu eins auf dem Fußboden liegend wieder aufgebaut – mit allen Fehlstellen und mit allen kaputten Bauteilen." Nach und nach würden dann die beschädigten Stellen ausgebessert und neue Hölzer eingesetzt. Wichtig sei aber: "Möglichst viel original zu erhalten", so Gnoth.

Abschiedsgottesdienst im März 2019

Schon seit einiger Zeit finden keine Gottesdienste mehr in dem Ort statt. Im März 2019 wurde in der Kirche der Abschiedsgottesdienst, die sogenannte Endwidmung, gefeiert. Mit dem Abbau der Fachwerkkirche in Klein Chüden geht nun die mehr als 600-jährige Kirchengeschichte am Ort zu Ende.

Der Superintendent des evangelischen Kirchenkreises Salzwedel, Matthias Heinrich, sagte im März nach der Endwidmung MDR SACHSEN-ANHALT, es sei schmerzlich, eine Kirche aufgeben zu müssen. "Es hängt eine lange Tradition dran und wenn man später dran vorbeifährt und nur eine Tafel findet, wird man traurig sein", so Heinrich.

In Klein Chüden sei 1388 erstmals eine Fachwerkkapelle urkundlich erwähnt worden, zitiert die Volksstimme den Diesdorfer Museumsleiter Jochen Hofmann. Etwa 400 Jahre später, im Jahr 1793, konnte in dem Nachfolgebau die erste Taufe gefeiert werden. 1969 sei die Kirche schon als baufällig beschrieben worden und trotz einer Sanierung in den 1990er-Jahren, der Zustand auch zwanzig Jahre später wieder schlecht gewesen.

Das Museumsdorf Diesdorf

Das Museumsdorf Diesdorf ist eines der ältesten Freilichtmuseen Deutschlands. Es ist im Jahr 1911 entstanden und zeigt das Landleben früherer Generationen. Mit Bauernhäusern, Speicher Torhäusern, Schmiede, Bockwindmühle, Taubenturm, Backhaus und Dorfschule präsentiert es auf einer Fläche von sechs Hektar die Kultur und Lebensweise der Menschen in der Altmark zwischen dem 17. und 20. Jahrhundert.

In Diesdorf: Eine Kirche im Dorf

Der Baugrund für die Fachwerkkirche aus Klein Chüden wird im Freilichtmuseum Diesdorf vorbereitet.
Vorbereitung für den Wiederaufbau im Freilichtmuseum Diesdorf Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Im Freilichtmuseum Diesdorf wird nun die Kirche die altmärkischen Bauernhöfe und Gebäude ergänzen. Museumsdirektor Jochen Hofmann sagte MDR SACHSEN-ANHALT: "Wir dokumentieren und präsentieren hier das kirchliche, das religiöse Alltagsleben der Menschen in der Altmark. Und zum anderen können wir die Kirche auch in die Veranstaltungen einbinden, die wir hier haben."

Die Altmark habe mit seinen mehr als 500 Kirchen die größte Dichte an sakralen Bauten in Mitteleuropa. Schon jetzt gebe es Gottesdienste während der Museumssaison, sie könne für den Weihnachtsmarkt genutzt werden. "Und vielleicht ergibt sich auch die Möglichkeit, in Zukunft hier auch kirchlich im Freilichtmuseum heiraten zu können", erklärt Hofmann.

Die historische Glocke der Fachwerkkirche in Klein Chüden, ursprünglich aus der Kirche in Jahrsau, aus dem Jahr 1488.
Mehr als 500 Jahre alt: Die Kirchenglocke aus Jahrsau Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Aber nicht nur an die lange Geschichte soll die kleine Kirche in Diesdorf erinnern, sondern auch an die jüngere DDR-Vergangenheit. Denn die an dem Westgiebel der Kirche befestigte Kirchenglocke stammt aus dem Jahr 1488 und hing in der Kirche in Jahrsau – in der unmittelbaren Nähe der ehemaligen Grenze. Dieses Dorf wurde zu DDR-Zeiten von 1952 bis 1961 entsiedelt und 1970 vollständig abgerissen. Auch der Altar, das Kreuz und die Ehrentafeln werden in Diesdorf zu sehen sein.

Die Baukosten liegen insgesamt bei rund 298.000 Euro.

Quelle: MDR/mp

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 08. Dezember 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Dezember 2019, 11:03 Uhr

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