Weltbekannter Wanderprediger Arendsee und das Erbe von Gustav Nagel

Vor genau 110 Jahren wurde Arendsees berühmtester Sohn, der Wanderprediger Gustav Nagel, am See-Ufer ansässig. Er kaufte dort ein Grundstück und bebaute es nach seiner Philosophie: mit Tempel, Harmonium-Häuschen, indischen Gottheits-Symbolen. Eine Weide, die Nagel pflanzte, ist noch heute erhalten. MDR SACHSEN-ANHALT traf eine Frau, die dieses Erbe pflegt, und Gustav Nagel noch persönlich kennenlernte. Ein Besuch.

Weide in Park mit alten Steinen
Die große Weide links pflanzte Gustav Nagel noch selbst. Bildrechte: MDR/Katharina Häckl

Der in Werben geborene Gustav Nagel war um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert so etwas wie ein Star. Zu Fuß pilgerte er durch ganz Deutschland und bis nach Jerusalem. Er predigte gesunde Ernährung und das Leben mit und in der Natur. Durch diese Pilgertouren wurde er weltbekannt. Sein Äußeres trug dazu bei: Im langen, meist weißen Gewand trat er auf, mit langem welligen Haar. Viele Menschen, die ihn erlebten, verglichen ihn mit Jesus Christus.

Ein Leben in tiefer Armut

Nach seinen Pilgerreisen ließ er sich 1910 in Arendsee auf dem am See-Ufer gekauften Areal nieder – samt zweiter Gattinnen und drei Kindern. Dort lebte die Familie nach Nagels Lebensauffassung teilweise in tiefer Armut. Sein Sohn Johannes berichtete später, es hätte Zeiten gegeben, in denen sich die Kinder vom Schilf des Arendsees ernährt hatten; die Familie lebte vegetarisch.

Zum Lebensunterhalt trugen vor allem die Besucher bei. Dass der berühmte Wanderprediger sich in Arendsee im heutigen Altmarkkreis Salzwedel niedergelassen hatte, machte schnell die Runde. Von seinen Gästen nahm Nagel Eintritt. Er zeigte ihnen sein Anwesen, betete mit ihnen, spielte ihnen auf dem Harmonium vor.

Freundlich und Respekt einflößend

Auch Christine Meyer, heute 80 Jahre alt, hat Gustav Nagel im Kindesalter noch kennengelernt. Sie erinnert sich an einen freundlichen, Respekt einflößenden Mann mit großer Ausstrahlung. Christine und ihre Freundin hingen an den Lippen des bekannten Predigers, der ihnen aber immer auch ein bisschen unheimlich war.

Ich meine, wir haben immer ein bisschen Respekt gehabt. Der hat mir mal einen Apfel geschenkt, den hab ich heimlich in die Toilette gesteckt, ins Plumpsklo. Das hab ich auch noch nie erzählt. Wir hatten ein bisschen Angst vor ihm.

Christine Meyer, Zeitzeugin

Das Gustav Nagel-Areal am Ufer des Arendsees

Frau steht vor Tafel mit Bildern in Park
Christine Meyer hat Gustav Nagel noch persönlich kennengelernt. Heute pflegt sie das Areal am Arendsee, forscht und führt Besucher herum. Bildrechte: MDR/Katharina Häckl
Frau steht vor Tafel mit Bildern in Park
Christine Meyer hat Gustav Nagel noch persönlich kennengelernt. Heute pflegt sie das Areal am Arendsee, forscht und führt Besucher herum. Bildrechte: MDR/Katharina Häckl
Weide in Park mit alten Steinen
Die Reste des Tempels. Den hatte Nagel selbst errichtet, um beten zu können, wann immer er wollte. Die große Weide links pflanzte der Wanderprediger selbst. Bildrechte: MDR/Katharina Häckl
Tafel mit Bildern und einer Bank in Park
Mehrere Schautafeln lassen das Leben Nagels und seiner Familie erahnen. Wobei: Oft herrschte Armut, gelächelt wurde dann nur fürs Foto. Bildrechte: MDR/Katharina Häckl
Bank neben alten Steinen in Park
Die letzten originalen Teile der Nagelschen Bauten. Alle von heute sind rekonstruiert. Bildrechte: MDR/Katharina Häckl
Ruine in Park
Den Tempel hat Nagel selbst gebaut. Er orientierte sich dabei an Jerusalem. Dorthin war er Jahre zuvor gepilgert und brachte – unter anderem – neue architektonische Grundsätze mit. Bildrechte: MDR/Katharina Häckl
Alte Säule mit kleinen Tafeln daran steht zwischen Weide und Treppe
Auch eine Säule wie diese brachte Nagel von seinen Reisen mit. Bildrechte: MDR/Katharina Häckl
Helles Kreuz vor vergittertem kleinen Häuschen in Park
Das Harmonium-Häuschen. Musik spielte eine sehr große Rolle im Leben Gustav Nagels und seiner Familie. Auch Besuchern spielte er oft vor. Davor ein Kreuz mit Inschrift in typischer Nagel-"ortografi". Bildrechte: MDR/Katharina Häckl
Umzäunter Park mit Bäumen und Pflanzen, in der Mitte steht ein Kreuz
Blick auf das Kassenhäuschen: Die Eintrittsgelder der Besucher waren unabdingbar für das Überleben der Familie Nagel. Bildrechte: MDR/Katharina Häckl
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Nagels Frau verbrachte nach einem Suizidversuch in Arendsee den Rest ihres Lebens in diversen Nervenheilanstalten, unter anderem in Jerichow und Uchtspringe. Nachfahren Gustav Nagels leben heute unter anderem im niedersächsischen Gartow, gar nicht weit von Arendsee entfernt.

Gustav Nagel allerdings erlitt ein schäbiges Schicksal. Als verwirrt und geisteskrank denunziert, führte man ihn 1950 direkt von seinem Areal aus ab und brachte ihn in die Nervenheilanstalt nach Uchtspringe. Dort starb Nagel zwei Jahre später. Er hatte zuvor etliche Gnaden- und Entlassungsgesuche gestellt.

Genie oder Spinner?

Wanderprediger Gustav Nagel
Gustav Nagel um 1935 Bildrechte: IMAGO

Noch heute ist sein Bild in der Öffentlichkeit ambivalent: Die einen sehen in ihm einen Denker, einen Propheten wegen seiner streng ökologischen Lebensweise, die anderen bezeichnen ihn noch heute als Spinner.

Christine Meyer pflegt Nagels Areal seit Jahrzehnten. Verbündete und Sympathisanten errichteten das Harmonium-Häuschen neu und restaurierten die Reste des Tempels. Einige originale Bauteile sind noch erhalten. Sie führt Besucher herum, erklärt aus Forscherperspektive und erzählt Anekdoten aus eigenem Erleben.

Ein bisschen traurig ist sie schon, dass zum 110-jährigen Bestehen des Gustav-Nagel-Areals nicht gefeiert wird. Das soll im August nachgeholt werden. Christine Meyer wünscht sich, dass Arendsee Gustav Nagels Areal noch mehr als Attraktion für Besucher begreift, noch mehr dafür wirbt. Einen Mann zwischen Genie und Wahnsinn – den können schließlich nicht viele vorweisen.

Quelle: MDR/agz

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 10. Juli 2020 | 17:30 Uhr

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