Bundeswehr übernimmt ersten Teil Übungsstadt Schnöggersburg teilweise in Betrieb

Mitten in der Altmark können Soldaten bald Situationen durchspielen, die im
Auslandseinsatz auf sie zukommen können. Nach fünf Jahren Bauzeit hat die Bundeswehr am Donnerstag den ersten Teil ihres Übungsplatzes Schnöggersburg in der Colbitz-Letzlinger Heide übernommen. Dort sollen ab Dezember Soldaten aus Letzlingen üben. Im kommenden April ist eine Pilotübung mit anderen Einheiten geplant. Gegen das Projekt gibt es immer wieder Proteste.

Blick auf die Bundeswehr-Übungsstadt Schnöggersburg in der Altmark.
Die ersten Übungen auf dem Gelände sind 2018 geplant. Bildrechte: MDR/Michael Bachmann

Sie soll wie eine normale Stadt aussehen – die militärische Übungsstadt Schnöggersburg in der Altmark. Ein erster Teil ist am Donnerstag offiziell dem Heer übergeben worden. Der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium, Markus Grübel, sagte bei der Schlüsselübergabe: "Die Einsätze der Vergangenheit haben uns gelehrt, dass das Umfeld, in dem wir kämpfen müssen, nicht mehr die freie Fläche ist, sondern der urbane Raum."

Der Generalleutnant der Bundeswehr, Frank Leidenberger, sagte MDR SACHSEN-ANHALT, die erste Idee sei 2006 entstanden. Die Bundeswehr sei in Afghanistan und in Mali im Einsatz und brauche einen Ort, um ihre Soldaten gut ausbilden zu können.

Mehr als 200 Gebäude sind fertiggestellt

Bis März 2020 soll ganz Schnöggersburg mit mehr als 500 Gebäuden komplett sein. Bislang sind auf dem Truppenübungsplatz Altmark etwa 240 verschiedene Häuser fertiggestellt worden – von Gebäuden, die Wohnhäuser darstellen, über eine Schule, einen Sakralbau bis zu einem Regierungsgebäude.

Schnöggersburg
Die Übungsstadt hat Wohnhäuser, eine Schule, einen Sakralbau und ein Regierungsgebäude. Bildrechte: MDR/Andreas Müller

Sie bestehen nur aus der grauen Betonhülle, haben keine Fenster und sind auch nicht eingerichtet. Hier sollen Soldaten aus Deutschland, aber auch aus anderen Nationen den Häuserkampf üben. Es wird nicht scharf geschossen. Ein lasergestütztes System zeigt, ob ein Soldat getroffen wurde, dabei wird unterschieden, ob der Soldat verletzt oder tot wäre.

Die Kosten für den Truppenübungsplatz liegen bei 140 Millionen Euro und werden vom Bund getragen. Ursprünglich war die Bundeswehr von 118 Millionen Euro ausgegangen. Begründet wird der Anstieg unter anderem mit gestiegenen Materialkosten.

Wichtig für die Baubranche

Für Sachsen-Anhalt ist die Übungsstadt eines der größten Infrastrukturprojekte. Laut Finanzministerium wurden die Bauaufträge sehr kleinteilig vergeben. Das habe ermöglicht, dass regionale Firmen stark davon profitieren konnten. Sie hätten mehr als 70 Prozent der Bauarbeiten übernommen. Das bedeute ein Auftragsvolumen von 66 Millionen Euro und habe zur Belebung der Bauindustrie im Land beigetragen.

Klage und Mahnwachen gegen Schnöggersburg

Protest vor der Zufahrt zur Bundeswehr-Übungsstadt Schnöggersburg in der Altmark
Protest der Bürgerinitiative Offene Heide Bildrechte: MDR/Daniel Pokladek

Gegen die Übungsstadt hat es bereits mehrfach Proteste gegeben. Der Naturschutzbund NABU hatte 2013 Klage eingereicht, weil er aus Geheimhaltungsgründen nicht an der Planung beteiligt wurde. Nach Ansicht des Naturschutzbundes sollte außerdem mehr Rücksicht auf umweltrechtliche Aspekte genommen werden. Das Magdeburger Verwaltungsgericht wies die Klage zurück. Zur Begründung hieß es, der NABU habe seine Klage nicht fristgerecht eingereicht.

Kritik gegen den Truppenübungsplatz kommt zudem von der Bürgerinitiative "Offene Heide". Sie organisiert regelmäßig Mahnwachen und Aktionen für eine friedliche Nutzung der Colbitz-Letzlinger Heide.

Protest auch bei der Inbetriebnahme

Auch bei der Übergabe am Donnerstag haben die Mitglieder der Bürgerinitiative "Offene Heide" gegen die militärische Nutzung des Geländes demonstriert. Edgar Kürschner von der Bürgerinitiative sagte MDR SACHSEN-ANHALT: "Das war die größte nicht besiedelte Fläche in Mitteleuropa. Und dort eine Stadt hinzubauen, die nur dazu dient, Kriege zu üben, um Krieg in anderen Ländern zu führen, ist gegen jegliche Vernunft und gegen das gerichtet, was eigentlich die friedfertigen Menschen hier in der Region empfinden. Und dagegen wehren wird uns."

Wo Krieg geübt wird, dorthin kommt er zurück.

Edgar Kürschner, Bürgerinitiative "Offene Heide"

Kürschner wertete die Übungsstadt als eine Provokation. Sie stelle eine Militarisierung der Gesellschaft dar. "Es werden dort Angriffskriege vorbereitet, das ist unsere Sicht". Wenn man sehe, dass umliegende Gemeinden ihr Schwimmbad nicht mehr erhalten könnten oder ihre Kindertagesstätte, schmerze es, wieviel Geld hier in eine militärische Übungsstadt investiert werde.

Siegfried-Bernd Kratz von der Bürgerinitiative sagte, es müsse Schluss sein mit der Kriegsrhetorik. Deutschland trage damit dazu bei, dass es auf der Welt Kriege gebe. Daran verdienten letztlich private Rüstungskonzerne, und das Geld komme aus Steuermitteln. Außerdem frage er sich, was hier geübt werde. "Diese Infrastruktur, Flusslauf, Hochhaus, Sakralbau, Einfamilienhäuser und U-Bahn, das gibt es nicht in Afghanistan, das gibt es nicht in Afrika. Es ist eine europäische Infrastruktur." Das belegt seiner Meinung nach die Tendenz, die Bundeswehr eines Tages im Inland einzusetzen.

Richtfest Bundeswehr-Übungsstadt Schnöggersburg

Bundeswehr-Übungsstadt Schnöggersburg in der Altmark
Die Bundeswehr-Übungsstadt hat sogar ein Ortseingangsschild... Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Bundeswehr-Übungsstadt Schnöggersburg in der Altmark
Die Bundeswehr-Übungsstadt hat sogar ein Ortseingangsschild... Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Bundeswehr-Übungsstadt Schnöggersburg in der Altmark
... und ein Elendsviertel. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Bundeswehr-Übungsstadt Schnöggersburg in der Altmark
Schnöggersburg hat zudem einen künstlichen Flusslauf mit fünf Brücken. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Bundeswehr-Übungsstadt Schnöggersburg in der Altmark
Selbst eine Autobahn wurde gebaut. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Bundeswehr-Übungsstadt Schnöggersburg in der Altmark
Einen Spielplatz gibt es in der Übungsstadt ebenso. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Bundeswehr-Übungsstadt Schnöggersburg in der Altmark
Eine Bushaltestelle an einer Schule. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Bundeswehr-Übungsstadt Schnöggersburg in der Altmark
In der Übungsstadt gibt es nicht nur Wohnhäuser und Schule, sondern auch einen Sakralbau und ein Regierungsgebäude. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Bundeswehr-Übungsstadt Schnöggersburg in der Altmark
Insgesamt sind auf dem Truppenübungsplatz Altmark bislang etwa 240 verschiedene Häuser fertiggestellt worden. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Bundeswehr-Übungsstadt Schnöggersburg in der Altmark
Sie bestehen aber nur aus der grauen Betonhülle... Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Bundeswehr-Übungsstadt Schnöggersburg in der Altmark
... und sind nicht eingerichtet. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Bundeswehr-Übungsstadt Schnöggersburg in der Altmark
Es gibt auch ein Hotel in Schnöggersburg. Bildrechte: MDR/Andreas Müller
Bundeswehr-Übungsstadt Schnöggersburg in der Altmark
Am 26. Oktober wurde auf einem sechsstöckigen Penthouse Richtfest gefeiert.

Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 26.10.2017 | 19:00 Uhr

Quelle: MDR/ jr
Bildrechte: MDR/Andreas Müller
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Bundeswehr-Übungsstadt Schnöggersburg in der Altmark
Am 26. Oktober wurde auf einem sechsstöckigen Penthouse Richtfest gefeiert.

Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 26.10.2017 | 19:00 Uhr

Quelle: MDR/ jr
Bildrechte: MDR/Andreas Müller

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Quelle: dpa,MDR/sp,jw,kb

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 26. Oktober 2017 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Oktober 2017, 15:15 Uhr

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27 Kommentare

28.10.2017 08:46 Kritiker 27

Es ist mehr als peinlich zu sehen, dass der alte DDR-Geist immer noch bei einigen roten Friedensbringern existiert. ich wünsche mir eine hochmoderne und schlagkräftige Bundeswehr, ohne Sparmaßnahmen und ähnlichem Unsinn wie er aktuell immer noch betrieben wird.

27.10.2017 22:02 klaus P 26

Wieso "Schnöggersburg" und nicht Stalingrad?

27.10.2017 21:36 pickering 25

@19
Gratulation zum Stuss der Woche!
Sie sollten bei einem großen deutschen Boulevard-Blatt anheuern.