Ehemalige Kaserne am Stadtrand Asylbewerberunterkunft in Stendal wird deutlich teurer

Ein Mann steht in einem Garten
Bildrechte: MDR/Hannah Singer

Ab Anfang 2023 sollen bis zu 1.000 Asylbewerber am Stadtrand von Stendal in einer neuen Landesaufnahmeeinrichtung untergebracht werden. Eine alte Kaserne der DDR-Grenztruppen wird dafür umgebaut. Bislang waren vom Land Sachsen-Anhalt rund 30 Millionen Euro für das Vorhaben veranschlagt worden. Nun werden es rund sechs Millionen Euro mehr werden, wie ein Sprecher des Finanzministeriums bestätigte.

Bauarbeiten an der künftigen Asylbewerberunterkunft in Stendal
Die ZASt in der alten Kaserne Stendal wird teurer als gedacht. Bildrechte: MDR/ Bernd-Volker Brahms

Lange standen die alten Kasernengebäude am Rande von Stendal leer. Versteckt durch Bäume. Mehrfach brannte es dort, Vandalen gaben Fenstern und Türen den Rest. Als 2015 viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen, da sollte auf dem rund 36 Hektar großen ehemaligen Grenztruppengelände eigentlich eine Photovoltaikanlage gebaut werden. Als erste Maßnahme wurde ein 1,3 Kilometer langer Zaun für 88.000 Euro um das Gelände gezogen.

Die Arbeiten dafür waren noch gar nicht abgeschlossen, da überraschte Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) mit der Ankündigung, dass er hier eine neue Landesaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber plane. Was für den Standort sprach, war die Tatsache, dass das Gelände eine Bundesimmobilie ist. Eine von wenigen im Land Sachsen-Anhalt, die brach lag. Der Bund konnte somit bei der Umsetzung und vor allem der Finanzierung des Vorhabens mit eingebunden werden.

Lange Verhandlungen lassen Kosten steigen

Letztlich verpflichtete sich der Bund nach sehr zähen Verhandlungen erst Ende 2018 zur Übernahme von rund zwei Dritteln der Kosten. Das Projekt war mit 30 Millionen Euro veranschlagt worden. Von Anfang an wurde es mit einer Kapazität von 1.000 Menschen geplant. Mittlerweile ist klar, dass mindestens sechs Millionen Euro zusätzlich aufzubringen sind, wie Pressesprecher Wolfgang Borchert vom Finanzministerium MDR SACHSEN-ANHALT bestätigte. Auch hier soll der Bund mit einspringen. "Die Verhandlungen laufen noch", so Borchert.

Kurioserweise hat gerade die lange Verhandlungszeit zur nun veröffentlichten Kostensteigerung beigetragen. Vor der endgültigen Geldzusage aus Berlin, waren bereits Entkernungsarbeiten an den Gebäuden ausgeführt worden. Da es dann aber zu einem Baustopp kam, bildete sich in vielen Räumen Schimmel, wie der Baugruppenleiter Sven Engel vom Bau- und Liegenschaftsmanagement des Landes erläutert. Die Beseitigung des Schimmels habe zu erheblichen Mehrkosten geführt.

Dazu seien allgemeine Preissteigerungen in der Baubranche gekommen. Eine weitere Kostensteigerung war laut Engel dadurch entstanden, dass weitere Sicherheitsaspekte zu berücksichtigen waren. "Diese resultierten aus Erfahrungen der ZASt in Halberstadt", so der Baugruppenleiter.

Bauarbeiten an der künftigen Asylbewerberunterkunft in Stendal
Wegen des langen Baustopps hatte sich in den Räumen Schimmel gebildet, der nun aufwendig entfernt werden muss. Bildrechte: MDR/ Bernd-Volker Brahms

Geschichte der Kaserne

Das Grenztruppenkommando Nord in Stendal wurde im Februar 1971 auf Befehl des Ministers für Nationale Verteidigung von Oktober 1970 aufgestellt. Das Kommando, das für die Sicherung der Grenze zur Bundesrepublik im nördlichen Bereich zuständig war, zog nach Fertigstellung der Kaserne 1975 in Stendal ein. Das 36 Hektar große Gelände beherbergt heute noch den Zoll und das Technische Hilfswerk (THW). Nach der Wende waren in den Kasernen für einige Zeit noch die Polizei (bis 2004), die Staatsanwaltschaft sowie das Kreiswehrersatzamt (bis 2010) untergebracht. Im Offiziers-Kasino wurde das Biber-Kino (1994-1997) eingerichtet.

Das Projekt im Überblick

Das Areal am Rande von Stendal ist eine Bundesliegenschaft. Der Bund erklärte sich 2018 bereit, 21,13 Millionen Euro für den Bau zu bezahlen. Das Land beteiligt sich mit 8,62 Millionen Euro. Mittlerweile kommen sechs Millionen Euro Mehrkosten hinzu, die aufgeteilt werden müssen. Seit September 2015 laufen die Planungen für das Projekt. Richtig begonnen, haben die Arbeiten erst Mitte 2019. Es soll eine Einrichtung für bis zu 1.000 Asylbewerber entstehen. Sechs Gebäude werden umgebaut.

Asylsuchende in Sachsen-Anhalt

Vom 1.Januar 2020 bis einschließlich 21. Juli 2020 sind insgesamt 836 Asylerstantragstellende in Sachsen-Anhalt registriert worden. Auf Grundlage der Erhebung des Landesverwaltungsamtes befinden sich zum Stand 30. Juni 2020 3.055 Asylsuchende und Asylbewerber und Asylbewerberinnen in Sachsen-Anhalt.

Keine Neubauten

Projektleiterin Heike Barby bestätigt, dass die Arbeiten mittlerweile nach Plan verlaufen. Corona habe keine Verzögerungen verursacht. Ende 2022 sollen die Arbeiten abgeschlossen werden. Ein Wachgebäude sowie ein Heizhaus sollen bereits Ende dieses Jahres fertig sein. Nachdem die Arbeiten an den beiden großen Unterkunftsblöcken auf vollen Touren laufen, soll demnächst auch ein Küchentrakt sowie Mehrzweckgebäude hergerichtet werden. Es gibt keine Neubauten. Es werden jeweils ehemalige Kasernenteile umgebaut.

Bauarbeiten an der künftigen Asylbewerberunterkunft in Stendal
Mittlerweile verlaufen die Arbeiten nach Plan, sagt Projektleiterin Heike Barby (links). Bildrechte: MDR/ Bernd-Volker Brahms

Stahlknecht gibt zwei Versprechen

Warum das Land trotz sinkender Asylbewerberzahlen an der Aufnahmeeinrichtung festhalte, hatte Innenminister Holger Stahlknecht bereits im März 2018 bei einer großen Podiumsveranstaltung in Stendal erklärt. Das Land habe für sogenannte vulnerable Personen keine adäquate Unterbringungsmöglichkeit. Traumatisierte Frauen und Kinder müssten entsprechend untergebracht und versorgt werden. Dies soll in Stendal möglich sein.

Das Land möchte sich auf die beiden Standorte Halberstadt und Stendal konzentrieren, die dann zusammen 1.974 Plätze bieten. Andere noch existierende Standorte in Magdeburg und Bernburg (zusammen 500 Plätze) sollen geschlossen werden. Der vorrübergehende Standort in Klietz (Landkreis Stendal) in einer Bundeswehrkaserne war bereits im Mai 2018 geschlossen worden. Zeitweise waren dort bis zu 700 Menschen untergebracht. Ende 2016 lag die Kapazität an neun Standorten bei 4.050.

Innenminister Stahlknecht hatte im übrigen zwei Versprechen im Gepäck, als er 2018 vor 250 Zuhörern in Stendal die Pläne ausführlich darlegte. Zukünftig soll es für den Landkreis Stendal keine Zuweisungen an Asylbewerbern mehr geben. Diese werden ansonsten über Quoten auf die Landkreise verteilt. Außerdem hatte Stahlknecht zugesagt, dass Stendal auch künftig sicher bleiben werde. Allein durch die Polizeistrukturreform sei mehr Personal für die Region vorgesehen.

Ein Mann steht in einem Garten
Bildrechte: MDR/Hannah Singer

Über den Autor Bernd-Volker Brahms wurde in Leer/Ostfriesland geboren und hat in Göttingen Deutsch und Geschichte studiert. Er hat 18 Jahre lang für verschiedene Zeitungen als Redakteur gearbeitet. Er ist politischer Reporter mit Leidenschaft. Brahms arbeitet im MDR-Regionalstudio Stendal.

Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 22. Juli 2020 | 09:30 Uhr

6 Kommentare

jochen1 vor 13 Wochen

Eine Meinung - Es ist immer wieder beeindruckend, wie die deutschen Politik Vertreter die Welt retten wollen. Mit dem Einsatz von deutschem Geld ohne Rücksicht auf Verluste.
Der bekannte Spruch trifft voll zu - Am deutschen Wesen soll die Welt genesen.
Das sind unsere heutigen Volksvertreter.

Guter Schwabe vor 13 Wochen

Gibt`s auch einen Plan B für die Nutzung, wenn keiner mehr kommt oder darf?

Ekkehard Kohfeld vor 13 Wochen

Und nicht nur dafür nicht und alle auf zu zählen wo für es nicht reicht würde das Forum sprengen.😡😡😡

Mehr aus Altmark und Elb-Havel-Winkel

Mehr aus Sachsen-Anhalt