Behindertenpolitischer Stammtisch Stendal Ein Netzwerk für Menschen mit Behinderung

Ein junger Mann mit kurzem, dunkelblondem Haar steht lächelnd vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Ann-Sophie Henne

Regelmäßig treffen sich in Stendal Menschen mit und ohne Behinderung zum behindertenpolitischen Stammtisch. Für die Teilnehmer ist das mehr als ein Austausch von Informationen. Ein Besuch in der "Kleinen Markthalle" in Stendal.

Menschen bei einer Podiumsdiskussion
Der Stammtisch in Stendal: Referentin Annet Melzer, Organisator Carsten Rensinghoff, Marcus Graupner und Christian Walbrach, rechts daneben übersetzt eine Gebärdensprachdolmetscherin. Bildrechte: MDR/Jan-Malte Wagener

Gleich zu Beginn stellte Referentin Annett Melzer eins klar: "Wir Menschen mit Behinderung, wir Betroffenen, sind keine Menschen zweiter Klasse!" Melzer selbst leidet an einer seltenen Wirbelsäulenerkrankung, dem Klippel-Feil-Syndrom. Sie weiß deshalb, wie anstrengend und zermürbend das Leben mit Behinderung sein kann – vor allem im Umgang mit Behörden. "Wir haben die gleichen Rechte wie alle Menschen. Das steht unter anderem im Grundgesetz und in der UN-Behindertenrechtskonvention. Wir sind keine Bittsteller, die um eine Leistung betteln müssen", macht sie den rund 25 Gästen klar.

Dass die Realität mitunter anders aussieht, zeigen auch die vielen Fragen aus dem bunt gemischten Publikum. Immer wieder sprechen Betroffene über ihre Probleme bei Behördengängen, mangelnde Unterstützung und Hilflosigkeit. Hier in der "Kleinen Markthalle" finden sie regelmäßig nicht nur offene Ohren, sondern Menschen mit ähnlichen Problemen sowie Unterstützung.

Europawahl bringt Stein ins Rollen

Begonnen hatte alles vor den Europawahlen 2019. "Da war gerade das Gesetz verabschiedet worden, dass betreute Menschen auch wählen dürfen", erinnert sich Organisator Carsten Rensinghoff von den Maltesern. Doch viele dieser Menschen hatten sich vorher nicht groß für Politik interessiert. Rensinghoff sah Handlungsbedarf. "Dann habe ich die damaligen Europaabgeordneten Sachsen-Anhalts, Sven Schulze von der CDU und Arne Lietz von der SPD, eingeladen und ihnen gesagt‚ stellt doch mal vor, was ihr für Menschen mit Behinderung tut."

Der Zuspruch war groß. Die knapp 30 Gäste passten kaum in den kleinen Veranstaltungsraum. Deshalb bekam Rensinghoff einen wegweisenden Tipp: "Die beiden Abgeordneten sagten nach dem Treffen unisono: ‚Machen Sie das nicht nur im Wahlkampf‘." Gesagt, getan. Fünf Mal fanden sich insgesamt schon Menschen mit und ohne Behinderung zusammen, um mit Experten und Politikern über bestimmte Themen und Probleme zu sprechen.

Beim jüngsten Stammtisch ging es um Möglichkeiten für ein selbstbestimmtes Leben. Dass der Beauftragte der Landesregierung Sachsen-Anhalt für die Belange der Menschen mit Behinderung, Christian Walbrach, als Podiumsgast dabei war zeigt, dass die Stammtische auch über die Region hinaus Aufmerksamkeit finden.

Selbstbestimmt Leben im Jahr 2020

Auch Referentin Annett Melzer hat den Weg in die Altmark aus Halle angetreten. Ihr Schlüssel zum selbstbestimmten Leben: das persönliche Budget. "Das persönliche Budget ist eine super Möglichkeit für ein selbstbestimmtes und eigenständiges Leben für Menschen mit Behinderung", ist Melzer überzeugt.

Frau im Rollstuhl auf einem Podium
Annett Melzer referierte über ein selbstbestimmtes Leben. Bildrechte: MDR/Jan-Malte Wagener

Sie selbst berät über den KLIFS e.V. andere Menschen mit Behinderung. Das Konzept des persönlichen Budgets sei in der Theorie denkbar einfach. Unterstützung, die man wegen seiner Behinderung bisher als Sachleistung bekommen hat, kann man sich auszahlen lassen. "So kann man die Unterstützung wirklich individuell für sich anpassen, so wie man sie benötigt. Man hat so viel mehr Wunsch- und Wahlrecht", schwärmt Melzer. Beispielsweise bei Hörgeräten, Rollstühlen oder besonderen Pflegeprodukten aus dem Sanitätshaus bringe das persönliche Budget mehr Wahlmöglichkeiten und damit mehr Selbstbestimmung.

Melzer selbst könne sich durch das Budget eine persönliche Assistenz organisieren. Diese stehe ihr 24 Stunden am Tag zur Seite, denn allein kann Melzer wegen ihrer Behinderung den Alltag nicht meistern. "Ohne die persönliche Assistenz könnte ich nicht selbstbestimmt in meiner Wohnung leben." Die Alternative wäre das betreute Wohnen, doch dadurch verliere man an Lebensqualität.

Niemand ist allein mit Problemen

Einige der Gäste beim behindertenpolitischen Stammtisch hören zum ersten Mal vom persönlichen Budget und haben Detailfragen, die ihre Behinderung betreffen. Andere haben das Budget längst beantragt, werden jedoch mitunter von Behörden vertröstet. Für alle Gäste gibt es eine Antwort und im Anschluss an den Stammtisch das Angebot eines persönlichen Gesprächs. Genau darin liegt laut Organisator Rensinghoff die Stärke der Veranstaltung.

Der behindertenpolitische Stammtisch dient der Vernetzung. Außerdem werden hier Themen angesprochen, die in der breiten Öffentlichkeit vielleicht gar nicht angesprochen werden würden.

Organisator Carsten Rensinghoff
Zwei Männer bei Diskussionsrunde
Christian Walbrach (re.) musste einige Fragen beantworten. Auch Marcus Graubner (Behindertenbeirat Kreis Stendal, links) brachte sich immer wieder ein. Bildrechte: MDR/Jan-Malte Wagener

Auch Landesbehindertenbeauftragter Walbrach schwärmt von behindertenpolitischen Stammtischen: "Ein behindertenpolitischer Stammtisch kann für die Region unheimlich viel bewirken. Die Menschen kommen zusammen, bringen ihre Probleme mit, tauschen Ansichten und Lösungsansätze aus. Außerdem sind Betroffene nicht mehr allein mit ihren Problemen, das gibt ihnen Kraft."

Zudem könnten ihm solche Veranstaltungen auch in seiner Tätigkeit fürs Land helfen. "Für meine Arbeit sind solche Treffen wirklich Gold wert. Ich bin selber Lernender in solchen Prozessen, nehme immer etwas mit und vor allem schärft das auch mein Problembewusstsein. Ich habe die Möglichkeit mich auch in anderen Gremien zu äußern. Da bin ich immer sehr froh und dankbar, wenn ich auf Erfahrungen von behindertenpolitischen Stammtischen zurückgreifen kann."

Der nächste Stammtisch wird in Stendal am 4. Mai stattfinden. Dann soll es im Schwerpunkt um das Thema Inklusion gehen.

Diskussionsrunde mit Publikum
25 Gäste waren am Montag in der "Kleinen Markthalle" dabei. Bildrechte: MDR/Jan-Malte Wagener
Ein junger Mann mit kurzem, dunkelblondem Haar steht lächelnd vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Ann-Sophie Henne

Über den Autor Jan-Malte Wagener ist seit Juni 2018 für MDR SACHSEN-ANHALT unterwegs. Seine Schwerpunkte sind Themen im Sport und im Bereich Stendal. Bevor er zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, studierte der gebürtige Prignitzer Journalismus an der Hochschule in Magdeburg. Während des Studiums absolvierte er Praktika beim NDR, bei der Fachzeitschrift "Leichtathletik" und bei der Tageszeitung "The Argus" in Brighton/England. Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind der Wissenschaftshafen in Magdeburg und der Bürgerpark in Stendal. In seiner Freizeit guckt er gern jegliche Arten von Sport - egal ob live oder im Fernsehen. Selbst ist er viel mit dem Rad oder laufend im Park unterwegs.

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Quelle: MDR/agz

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 03. März 2020 | 09:30 Uhr

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