Zukunftsmodell Für bessere Versorgung im ländlichen Raum: Stendaler Kinderarzt geht neue Wege

Ein Mann steht in einem Garten
Bildrechte: MDR/Hannah Singer

Seit Jahren gibt es im Landkreis Stendal einen Engpass bei der Versorgung mit Kinderärzten. Kaum ein Mediziner möchte in die ländliche Region. In der Situation versucht der Chefarzt Stendaler Kinderklinik, Dr. Hans-Peter Sperling, einen Spagat hinzubekommen. Der Herzspezialist hat sich Anfang Oktober mit einer eigenen Praxis selbstständig gemacht. Er wird allerdings weiterhin zu einem Drittel seiner Arbeitszeit im Krankenhaus arbeiten – das Modell ist bisher ein Novum im Land.

Kinderarzt Hans Peter Sperling
Der Stendaler Arzt Dr. Hans-Peter Sperling ist Herzspezialist. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

Wer in die Praxis von Hans-Peter Sperling kommt, der wird erst einmal gebeten, die Schuhe im Wartezimmer auszuziehen. "Wir sind eine Barfußpraxis", sagt der Mediziner mit einem verschmitzten Lächeln. Damit es nicht zu kalt wird, gibt es eine Fußbodenheizung. Die Praxis in Stendal im Schadewachten befindet sich in einem alten Fachwerkhaus. "Das Haus stand ewig leer", sagt Sperling. Der Mediziner konnte die Räume ganz nach seinen Wünschen gestalten. Und es wird nicht nur im Haus noch ein wenig gewerkelt, auch vor der Haustür befindet sich eine Großbaustelle. Die Straße wird noch die kommenden anderthalb Jahre lang ausgebaut. "Die Patienten finden uns aber trotzdem", erklärt er.

Bereits in der ersten Woche konnte er sich über Zulauf nicht beklagen. Der Mediziner, der seit zwölf Jahren die Kinderklinik des Krankenhauses in Stendal als Chefarzt leitet, hat sich schon länger mit dem Gedanken getragen, eine eigene Praxis zu eröffnen. Zu schwierig ist die Situation in der Kinder- und Jugendmedizin im Landkreis Stendal. Lange Zeit gab es lediglich vier Praxen, wobei es zeitweise durch Krankheit und Urlaub von Ärzten zu großen Engpässen kam und Eltern kaum noch wussten, wo sie mit ihren Kindern zum Arzt gehen konnten.

Außenansicht Johanniter Krankenhaus Stendal.
Zwölf Jahre hat Dr. Sperling in diesem Krankenhaus als Chefarzt gearbeitet. Bildrechte: MDR/MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE

Es gebe einen zunehmenden Bedarf für eine ambulante Versorgung, erklärt der Mediziner. Das hänge auch damit zusammen, dass die Verweildauer im Krankenhaus immer kürzer geworden ist. Gleichzeitig bekamen die Arztpraxen immer mehr zu tun. "Als ich im Krankenhaus anfing, da lag die durchschnittliche Verweildauer noch bei sieben Tagen, nun bleiben die Patienten im Schnitt nur noch zweieinhalb Tage", sagt der 53-jährige Stendaler.

Neben der Praxistätigkeit arbeitet der Herzspezialist wöchentlich noch 13 Stunden weiter im Krankenhaus als Chefarzt. "Das geht, weil ich im Krankenhaus ein sehr gutes und eingespieltes Team an Oberärzten habe", sagt Sperling. Er gehe morgens für eine Stunde in die Klinik und verschaffe sich dort den Überblick über die Patienten. Auch an zwei weiteren Nachmittagen ist er dort. "Wenn es Probleme gibt, dann flitze ich natürlich rüber", sagt er. Insbesondere dann, wenn es um seine Disziplin als Herzspezialist geht. Bevor der Mediziner Chefarzt in Stendal wurde, hatte er acht Jahre lang in Berlin am Deutschen Herzzentrum gearbeitet.

Neuland auch für die Kassenärztliche Vereinigung

Mit seiner Praxisgründung betritt Hans-Peter Sperling Neuland – nicht nur für ihn persönlich. "Das ist eine Konstruktion, die wir so auch noch nicht hatten", sagt Dr. Jörg Böhme als regionaler Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV).

Das könnte durchaus ein Zukunftsmodell sein.

Dr. Jörg Böhme

Böhme ist Hausarzt in Stendal und wird zum Anfang des kommenden Jahres hauptamtlicher Vorstandvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung in Sachsen-Anhalt (KVSA). "Wir hatten es schon, dass niedergelassene Ärzte auch in Teilzeit im Krankenhaus arbeiten", sagt Böhme. Dass dies nun aber umgekehrt laufe, sei neu und sichere auch dem Krankenhaus eine Kontinuität. "Das könnte durchaus ein Zukunftsmodell sein." Insbesondere in ländlichen Regionen, in denen es immer schwerer werde, Ärzte zu gewinnen, müsse man innovativ werden.

Kinderarzt Hans Peter Sperling
Hans-Peter Sperling zeigt das Behandlungszimmer, in dem er Säuglinge und Kleinkinder vermessen und untersuchen kann. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

Das Dilemma in Stendal

Die KV-Geschäftsstelle hat einige Zahlen, die das Dilemma im Bereich Kinder- und Jugendmedizin verdeutlichen. Im Landkreis Stendal versorgt jeder Kinderarzt statistisch gesehen 3.312 Minderjährige, der landesweite Schnitt liegt bei 2.070. Mit der neuen Praxis von Hans-Peter Sperling gibt es nunmehr fünf Kinderarztpraxen im Landkreis. Für zwei weitere Praxen gibt es eine Zulassungsmöglichkeit, wie KV-Pressesprecher Bernd Franke auf Nachfrage von MDR SACHSEN-ANHALT mitteilt. Bei den oben genannten Zahlen müsse man berücksichtigen, so Franke, dass in ländlichen Regionen viele Hausärzte auch junge Patienten behandeln.

Dr. Sperling hat in seiner Stendaler Praxis Unterstützung durch eine junge Ärztin, die sich noch in der Ausbildung befindet und zuvor auch an der Kinderklinik arbeitete. Asma Mohamad stammt aus Libyen und befindet sich im fünften Ausbildungsjahr. "Viele arabische Familien kommen zu mir", sagt sie. Da sie ein Stipendium ihres Landes habe, werde sie jedoch in absehbarer Zeit wieder zurückgehen.

Seit diesem Jahr besteht die Möglichkeit, dass ein Kinderkardiologe mit einer Zusatzausbildung auch Erwachsene mit einem angeborenen Herzfehler behandeln kann.

Dr. Hans-Peter Sperling

Chefarzt, Kardiologe, Kinderarzt

Neben der Tatsache, dass ein Chefarzt sich selbstständig macht, kann Kinderarzt Dr. Sperling mit noch einer weiteren Besonderheit aufwarten. Er kann unter bestimmten Bedingungen auch Erwachse behandeln. "Seit diesem Jahr besteht die Möglichkeit, dass ein Kinderkardiologe mit einer Zusatzausbildung auch Erwachsene mit einem angeborenen Herzfehler behandeln kann", sagt Sperling. Er habe dies gemacht und habe von der KV auch eine Zulassung für die Spezialdisziplin bekommen. Für ihn sei dies wichtig, da er damit insbesondere auch Erwachsene weiterbehandeln könne, die vorher als Kinder oder Jugendliche bei ihm in Behandlung gewesen seien.

Ein Mann steht in einem Garten
Bildrechte: MDR/Hannah Singer

Über den Autor Bernd-Volker Brahms wurde in Leer/Ostfriesland geboren und hat in Göttingen Deutsch und Geschichte studiert. Er hat 18 Jahre lang für verschiedene Zeitungen als Redakteur gearbeitet. Er ist politischer Reporter mit Leidenschaft. Er berichtete bereits sechs Mal über Badminton von Olympischen Spielen. Brahms arbeitet im MDR-Regionalstudio Stendal.

Quelle: MDR/vö/agz

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 07. Oktober 2020 | 17:30 Uhr

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